10. Juli 2007 von Helen Brügger

Dank Lohnverzicht zur Mitsprache?

Bei “Le Temps” verzichten die Angestellten auf einen Lohnanteil, um Arbeitsplätze zu retten. Dafür möchten sie mehr Mitsprache.

In gut drei Monaten wird “Le Temps” fünf Jahre alt und noch immer schreibt die überregionale Qualitätszeitung der Romandie keine schwarzen Zahlen. Im November 2001 wurden 16 Leute entlassen, drei weitere mussten Stellenkürzungen akzeptieren. Damals erklärte man den MitarbeiterInnen, ein einmaliger drastischer Sparplan sei besser als mehrmalige ungenügende Massnahmen. Nun folgt der zweite Sparplan, der neben dem Wechsel zu einer günstigeren Druckerei und weiteren Massnahmen auch Entlassungen vorsieht. Wie Ende November bekannt wurde, waren rund acht Stellen bedroht. Dank den Verhandlungen mit dem Personal konnten Entlassungen vermieden werden. Hingegen werden zwei Stagiaires am Ende ihres Stage nicht angestellt.
“Das Budget 2002 war hart”, erklärt Chefredaktor Jean-Jacques Roth. “Le Temps” habe ein ausgeglichenes Budget angestrebt, doch das Ziel sei wegen dem Einbruch der Inserateeinnahmen nicht erreicht worden. “Ohne die Werbeflaute wären rote Zahlen zu vermeiden gewesen”, unterstreicht Roth. “Die Zeitung steht auf einer gesunden Basis und auf der Leserseite gibt es keine Krise.” “Le Temps” beschäftigt 169 Personen (148,4 Stellen), davon 104 (93,5 Stellen) in der Redaktion, die Auflage beträgt 53’500 Exemplare.

Getrübte Stimmung
Die Stimmung ist düster. “Es herrscht ein Klima der Unsicherheit”, berichtet Olivier Perrin, Sprecher der Redaktion. Die kollektive Dynamik, die das Projekt ausgezeichnet habe, sei verloren gegangen, auch wenn sich das Personal noch immer mit der Zeitung identifiziere. Kritik wird laut: Die Direktion habe überreagiert, als mit der Ringier-Sonntagszeitung “Dimanche.ch” eine Konkurrenz auf dem Markt aufzutauchen schien. Damals waren mehrere Beilagen lanciert worden, einige mussten seither wieder eingestellt werden. “‚Dimanche.ch‘ wurde nicht zu einer ernsthaften Konkurrenz, doch die vergangenen Entscheide belasten uns noch heute”, sagt Perrin.
Trotz Kritik bemühten sich die Angestellten, die Zahl der Entlassungen mit eigenen Sparvorschlägen möglichst tief zu halten. So wurden etwa freiwillige Arbeitszeitreduktionen und die Nichtbesetzung von frei werdenden Stellen diskutiert. Auf Vorschlag des Personals zeigte sich eine Mehrheit gar bereit, auf einen Teil des 13. Monatslohns zu verzichten, falls damit Arbeitsplätze gerettet werden könnten. Die Direktion, so kann man vernehmen, habe sich bereit erklärt, die “aussergewöhnliche Geste” zu belohnen und “die Schuld abzutragen”, die sie gegenüber den Angestellten nun habe. Wie Olivier Perrin erklärt, verlangen die Angestellten nun vermehrt Einblick in die Bücher. Wie eine Mitsprache allenfalls aussehen soll, muss noch ausgehandelt werden. Weil die RedaktorInnen es verpasst haben, klare Abmachungen über eine solche Mitsprache zu treffen, sind sie nun vom guten Willen der Direktion abhängig.

“Bauarbeiter würden es nicht tun”
Das Vorgehen beim Lohnverzicht stiess nicht auf einhellige Begeisterung der Lohnabhängigen, die mit sechs Prozent am Aktienkapital der Zeitung beteiligt sind. Redaktorin Joëlle Kuntz beispielsweise ist skeptisch: “Aus gewerkschaftlicher Sicht finde ich es problematisch, legitimerweise die Anpassung der Löhne an die Teuerung zu verlangen und im gleichen Atemzug auf unsere Ansprüche zu verzichten, um Arbeitsplätze zu retten. Die Bauarbeiter würden sich nicht in eine solch widersprüchliche Lage versetzen! Weshalb tun wir es?” Es sei problematisch, die Dinge zu vermischen: “Entweder wir verhalten uns als Angestellte und wehren uns kollektiv gegen einen Abbauplan, oder wir verhalten uns als Mitbesitzer und erklären uns bereit, aus unserem Lohn eine zusätzliche Investition zu finanzieren.” Sie sei aus Prinzip gegen Lohnverzicht im Namen einer Solidarität, die nicht politisch investiert werde. Vorstellbar ist beispielsweise, dass der Lohnverzicht sich in einem grösseren Aktienanteil niederschlägt.
Zwar sind die Angestellten zurzeit nicht in der Lage, im Gegenzug zu weniger Lohn mehr Macht zu verlangen. “Die aktuellen Besitzverhältnisse sind von den Umständen geprägt, unter denen die Zeitung entstanden ist”, meint Joëlle Kuntz. “Ich denke nicht, dass die Besitzverhältnisse noch jahrelang so bleiben werden.” Die Wettbewerbskommission hatte die Fusion von zwei Zeitungen nur unter der Bedingung erlaubt, dass der marktbeherrschende Verlag Edipresse nicht Mehrheitsaktionär werde. Heute gehört die Zeitung zu 47 Prozent Edipresse, zu 20 Prozent “Le Monde”, zu 27 Prozent den Genfer Privatbanken und zu sechs Prozent den MitarbeiterInnen. Kuntz meint deshalb: “Als MitbesitzerInnen eines wenn auch minimalen Kapitalanteils sollten wir uns als gut informierte und solide Gesprächspartner Respekt verschaffen. Vor allem, wenn wesentliche Veränderungen eintreten sollten, wie sie bei der heutigen Unsicherheit in der Presselandschaft nicht ausgeschlossen sind.”
Tatsächlich könnte der eine oder andere Besitzer früher oder später den Rückzug erwägen. Doch Jean-Jacques Roth versichert, die Beziehungen zu Edipresse und zu “Le Monde” seien solide, und auch die Spannungen mit den Genfer Privatbanken gehörten der Vergangenheit an. Auf das Modell “Le Monde” – das heisst, eine wesentliche Kapitalbeteiligung der MitarbeiterInnen und LeserInnen – wolle man sich nicht einlassen: “Wir brauchen ein starkes und zusammengeschweisstes Aktionariat”, meint Roth. Hingegen sei man “völlig offen” dafür, dass sich die Angestellten vermehrt in den Geschäftsgang einmischen wollten.

10. Juli 2007 von Bettina Büsser

“Das Haus hat eine feudale Struktur”

Die NZZ-Gruppe ist nicht wie alle anderen Verlage. Zwar muss sie wie diese sparen – und tut dies radikal – doch die Information darüber läuft anders. Oder gar nicht.

Der Brief kam Mitte Oktober, an die jeweilige Privatadresse – und er brachte heiss Ersehntes: Information. Die Geschäftsleitung der “AG für die Neue Zürcher Zeitung” teilte den rund 660 Angestellten ihrer Tochter “Neue Zürcher Zeitung AG” mit, was punkto Sparen, Entlassungen, Frühpensionierungen nun definitiv auf sie zukommt. Auf derartige Informationen hatten sie fast vier Monate gewartet, verunsichert und gestresst durch allerlei Gerüchte.
Die Neuigkeiten, so ist von BriefempfängerInnen zu vernehmen, sind alles andere als erfreulich: Die “Neue Zürcher Zeitung AG” will 21,2 Millionen Franken einsparen und baut 80 Stellen ab, 27 davon durch – bereits ausgesprochene – Entlassungen, die übrigen durch Frühpensionierungen und Kürzung von Arbeitspensen. Zwar werden alle Produkte weitergeführt, auch der NZZ-Buchverlag, doch angesichts der “unsicheren” Wirtschaftsentwicklung werden zusätzliche Massnahmen zu einem späteren Zeitpunkt nicht ausgeschlossen. Offiziell wurden diese Zahlen nicht bestätigt; das dafür zuständige NZZ-Geschäftsleitungsmitglied, Hugo Bütler, war vor KLARTEXT-Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Erste Ankündigung aus heiterem Himmel
Immerhin wissen nun wenigstens die NZZ-MitarbeiterInnen, woran sie sind. Gegen Ende Juni erfuhren sie – wie aus heiterem Himmel –, die “Neue Zürcher Zeitung AG” müsse in einem Ausmass sparen, dass es zu Entlassungen kommen werde. Zwar war bereits das Jahresergebnis 2001 der NZZ-Gruppe sehr mager ausgefallen; statt einem Gewinn von 50,28 Millionen Franken wie im Vorjahr gab es eine “schwarze Null”. Dies einerseits, weil die Kapitalanlagen der NZZ-Gruppe, häufig spöttisch als “NZZ-Bank” bezeichnet, 2001 keinen Gewinn brachten – 2000 hatten sie noch 17 Millionen Franken beigetragen. Vor allem aber war der gesamte Anzeigenverkauf um über zehn Prozent zurückgegangen; bei der NZZ lag der Rückgang gar bei über 12 Prozent. Dennoch schien es keinen Grund zur Panik zu geben, schliesslich kommentierte die NZZ noch im April 2002 die Zahlen des Mutterhauses mit: “Trotz dieser eher unbefriedigenden Perspektive bei der Erfolgsrechnung halten sich die Zukunftssorgen auf der Chefetage in der NZZ-Gruppe in Grenzen.” Entsprechend gross war die Überraschung im Juni.
Auch JournalistInnen, die nichts mit der NZZ zu tun haben, waren geschockt: Wenn sogar die NZZ so massiv spart, sind die Zeiten ganz schlimm. Hatte die NZZ-Gruppe nicht erst die “NZZ am Sonntag” lanciert, als ob sie sich eine Neulancierung – in einem schon mit zwei Konkurrenten besetzten Markt – sehr gut leisten könnte? War sie nicht erst im April 2001 anstelle von Ringier in die LZ Medien Holding AG eingestiegen? Hatte sie sich nicht schon seit Jahren dieses und jenes geleistet, was andere Verlagshäuser schnell wieder eingestellt oder verkauft hätten – den nach wie vor defizitären “Bund” etwa, die nach wie vor defizitäre NZZ-Beilage “Ticket”, das nach wie vor defizitäre “TeleOstschweiz”? Gab es nicht elegante, aber kaum rentable Projekte wie “mission impossible” (die NZZ wird via Kabel, Parabolantenne und Satellit nicht nur an die Druckstandorte im Ausland, sondern auch in Einzelexemplaren an auserwählte Kunden, etwa Hotels, geschickt)? War nicht im Mai 2001, als die meisten Verlage ihre Online-Auftritte bereits als unrentabel zurückfuhren, die NZZ neu mit einer zehnköpfigen Online-Redaktion angetreten?

Geschäftsleitung verhängt Infosperre
Gerne hätte KLARTEXT all diese Fragen mit der Geschäftsleitung der NZZ diskutiert. Doch Marco de Stoppani, in der Geschäftsleitung für Verlag und Druck zuständig, sagte ein für Ende September zugesagtes Interview ab. Begründung: Verschiedene JournalistInnen hätten versucht, bei NZZ-MitarbeiterInnen Informationen über “die von uns angekündigten Sparanstrengungen” zu erhalten. Die Geschäftsleitung habe deshalb ihre Informationspolitik überprüft und beschlossen, der Öffentlichkeit “im jetzigen Zeitpunkt keine Angaben über unsere Absichten in diesem Zusammenhang zu geben”.
Doch nicht nur die Öffentlichkeit wartete auf Information. Als Comedia und der Schweizer Verband der JournalistInnen Ende Juni mit NZZ-Geschäftsleitungs-Mitglied Jean-Philippe Rickenbach über einen Sozialplan zu verhandeln begannen, wussten sie nicht, um wie viele Stellen und Entlassungen es gehen würde. “Der nun abgeschlossene Sozialplan”, so Tina Hofmann, Comedia-Regionalsekretärin Zürich/Ostschweiz, “ist mittelmässig. Für ein Haus wie die NZZ ist er nicht grosszügig, beinhaltet aber alle wesentlichen Themen. Schwierig ist das Thema Information: Natürlich ist die Situation auch für die Geschäftsleitung schwierig, aber sie hätte früher mit den Leute sprechen und vertrauensbildende Massnahmen treffen sollen.”
Aus der NZZ ist aber auch zu hören, dass erst, als die ersten NZZ-MitarbeiterInnen entlassen wurden, die RedaktorInnen wirklich daran geglaubt hätten, dass es ernst gilt: “Entlassungen passen nicht zur Kultur des Hauses.” Zwar gab und gibt es Verständnis dafür, dass die “wirklich sehr gut dotierte” NZZ-Redaktion in Krisenzeiten nicht ungeschoren davonkommt, wie etwa: “Wenn man die eigene Zeitung nicht mehr aus den Inseraten finanzieren kann, muss man etwas unternehmen.” Doch angesichts der Reserven des Hauses und, vor allem, angesichts des andauernden Schweigens über den Sparprozess, wuchsen vor allem die Verunsicherung – und eine gewisse Wut. Nach und nach wurde bekannt, dass etwa im Online-Bereich und im Lokalressort je zwei Leute entlassen wurden, je eine Entlassung gab es im Wirtschaftsressort, auf der Bildredaktion und im Verkauf. Das Auslandressort verkleinerte Korrespondentenpensen, überall wurden die Budgets der Freien gestrichen.

Misstrauen gegen “NZZ am Sonntag”
Auch die NZZ-Wochenend-Beilage wird massiv gekürzt, die beiden wöchentlich erscheinenden Beilage-Bereiche “Zeitbilder” und “Zeitfragen” sollen künftig abwechslungsweise alle zwei Wochen erscheinen, die Seite “Spielraum” wird ersatzlos gestrichen. Dieser Entscheid hat einen besonders heiklen Punkt getroffen: “Bei der Lancierung der ‚NZZ am Sonntag‘ hat die Geschäftsleitung versichert, es gebe keine Verschiebung vom NZZ-Wochenende zur ‚NZZ am Sonntag‘. Jetzt spart man dennoch am Wochenende”, klagen NZZ-MitarbeiterInnen. Überhaupt ist eine gewisse Missstimmung gegenüber der – von den Sparmassnahmen ausgenommenen – “NZZ am Sonntag” spürbar. Zwar werden dort zwei frei gewordene Stellen nicht neu besetzt, überdies, so sagen “NZZ am Sonntag”-MitarbeiterInnen, “sind wir bereits von Beginn weg mit einem Sparprogramm gestartet”. Doch gleichzeitig wird der ab 15. Dezember neu erscheinende “Lifestyle”-Bund wohl nicht ganz “kostenneutral” lanciert werden können. Dabei koste die “NZZ am Sonntag” sowieso “schon viel” und auch der “Bund”, so ist in Gesprächen zu hören, habe doch “schon sehr viel Geld verschlungen”. Und dass ausgerechnet zum Zeitpunkt, in dem Kündigungen ausgesprochen werden, im Druckzentrum Schlieren der Start zur Ersetzung der Rotationsdruckmaschinen läuft – nachdem man sich eine Verschiebung dieser Investition überlegt hat –, wird zumindest als “unglücklich” empfunden.
Mit einer klareren Information von Beginn an wären einige dieser unschönen Gefühle wahrscheinlich vermeidbar gewesen, ebenso die grosse Verunsicherung der MitarbeiterInnen. Doch NZZ-Struktur und -Tradition verhindern geradezu eine klare Information. So wurden beispielsweise, wie es sich für die NZZ gehört, die Sparmassnahmen an die Ressort- und BereichsleiterInnen delegiert: JedeR erhielt eine Vorlage und konnte entscheiden, wie gespart wird. In manchen Ressorts konnten mit Hilfe von Pensenkürzungen und Frühpensionierungen Entlassungen vermieden werden, in anderen hingegen entschied sich der Ressortchef für Entlassungen. Übersicht gab es keine. “Die Ressorts sind kleine Königreiche”, fasst eine NZZ-Mitarbeiterin zusammen: “Das Haus hat eine feudale Struktur und besteht aus lauter Einzelkämpfern.” Das Haus NZZ sei eben “anders” als die übrigen Verlage, merkt ein anderer an: “Man hat eine grosse Autonomie, die Leute machen etwas, und vielleicht kommt etwas Gutes heraus. Es gibt keine straffe Organisation. Das wirkt sich nun in dieser Krisensituation negativ aus. Jetzt zeigt sich: Kommunikation ist nicht die Kernkompetenz dieses Hauses.”

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