10. Juli 2007 von Klartext

“Sie sind einfach weg”

Bereits sind in der Schweiz fünf Prozent der Journalisten und Journalistinnen arbeitslos. Besonders hart trifft die Branchenkrise Frauen und Freiberufliche. Doch Solidarität spüren die Betroffenen kaum.

Arbeitslosigkeit – das Thema ist in aller Munde. Presse, Funk und Fernsehen berichten laufend darüber. Bloss: Wenn’s um die Bedrohung ihrer eigenen Arbeitsplätze geht, haben die Medienschaffenden Scheuklappen vor den Augen und verdrängen das Problem sowohl aus ihrem Bewusstsein als auch aus Zeitungsspalten, Radio- und TV-Programmen.
Dabei ist die Situation der Journalistinnen und Journalisten auf dem Arbeitsmarkt kein bisschen besser als in andern Branchen. Waren im Dezember 1990 beim “Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit” (“Biga”) offiziell noch 75 Medienleute als vollzeitlich arbeitslos registriert, lag die Zahl ein Jahr später bereits bei 142 – im Dezember 1992 waren es schliesslich 241, Tendenz steigend. Die Frauenquote blieb konstant bei etwa 40 Prozent – also überproportional zur Arbeitsverteilung auf dem Markt.
Das Stellenangebot bei den Arbeitsämtern ist verschwindend klein. 1990 waren beim “Biga” fünf, 1991 acht Redaktionsstellen gemeldet – for men only. Ende 1992 schrumpfte das Angebot auf drei freie Arbeitsplätze, diesmal für zwei Männer und eine Frau. Freilich, so bemerkt eine “Biga”-Beamtin, gehören Arbeitsämter “nicht zu den primären Rekrutierungsgebieten der Redaktionen”. Dennoch: Einschliesslich Fotografen, Fotografinnen und Kameraleute waren Ende 1992 insgesamt 426 Medienschaffende arbeitslos – bei einem Bestand von rund 9000 Mitgliedern in den Berufsverbänden entspricht das einer Arbeitslosenquote von rund fünf Prozent.
Soweit die Spitze des Eisbergs. Nicht mitgezählt sind da alle teilzeitlich arbeitslosen Medienleute. Oder jene, die infolge Stellenmangels in andere Branchen gewechselt haben. Oder alle Freiberuflichen, die nur noch vom Finger in den Mund leben, weil die Aufträge massiv zurückgegangen sind.
Dazu kommen die rezessionsüblichen Phänomene: Die Festangestellten kleben auf ihren Sesseln und arbeiten noch mehr als gewohnt. Den Freien sollen die bereits auf Almosen-Niveau gesunkenen Honorare weiter gekürzt werden. Und die technische Modernisierung auf den Redaktionen zieht zusätzlichen Stellenabbau in andern Abteilungen nach sich – etwa in der Setzerei oder im Korrektorat.
Bei den Verlegern ist nach dem massiven Inserateeinbruch die Sparwut ausgebrochen: Neue Stellen werden kaum geschaffen, frei gewordene nicht wieder besetzt. Da der Arbeitsanfall nicht abnimnmt, wird er auf die Verbliebenen verteilt. Redaktoren und Redaktorinnen leisten Überstunden – unbezahlt, versteht sich -, oder sie werden gezwungen, allfällige Teilzeitstellen zu 100-Prozent-Pensen auszubauen. Neben den geregelten Arbeitszeiten und dem Teuerungsausgleich ist auch die gute Stimmung auf manchen Redaktionen verschwunden. “Wir schuften bis zur bitteren Neige”, meint eine Journalistin. Und “wenn jemand vor Überarbeitung krank wird, springen eben die Kollegen ein”.
Ein Jahr ohne Job wird immer realistischer. Am Stichtag 31. Dezember 1992 stempelten von den insgesamt 426 als arbeitslos gemeldeten Medienschaffenden bereits 35 Prozent seit sechs bis zwölf Monaten, weitere zwölf Prozent seit mehr als einem Jahr. 28 Prozent waren seit weniger als drei Monaten arbeitslos, 25 Prozent seit drei bis sechs Monaten. Was denn die entlassenen Kolleginnen und Kollegen so tun, ist auf den Redaktionen so gut wie unbekannt. Eine Genfer Journalistin lakonisch: “Sie sind einfach weg.”
Zu Entlassungen ist es in den letzten zwei Jahren besonders in den Regionen Basel, Innerschweiz und Genf gekommen – Folge von Zusammenschlüssen regionaler Blätter.
Jeder dritte arbeitslose Journalist sitzt in der Romandie. 1992 sprach allein “La Suisse” 15 Entlassungen aus. Nach dem Kauf der “Tribune de Genève” entliess “Edipresse” letzten Sommer 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – einige wurden vorzeitig pensioniert, andere erhielten Abfindungen in Höhe mehrerer Monatsgehälter ausbezahlt. Doch auch Abfindungen reichen kaum, um ein Jahr ohne Stelle oder Stempelgeld zu überdauern.
Das Arbeitslosenheer in der Westschweiz erhält wohl noch in diesem Jahr Verstärkung. Denn die Fusion der jurassischen Zeitungen “Le Démocrate” und “Le Pays” ist beschlossene Sache. Und eine enge Zusammenarbeit zwischen drei Neuenburger Blättern rückt ebenfalls näher.
In der Innerschweiz hat der grosse Abbau ebenfalls in den letzten zwei Jahren stattgefunden. “Unbequeme Kolleginnen und Kollegen sind nicht mehr so gefragt”, meint ein Kenner der Szene. Auch hier der gleiche Befund auf den weniger gewordenen Zeitungsredaktionen: Eigenleistungen fehlen, die Hektik nimmt zu, gegen zunehmende Überzeit wird nichts unternommen – weder von den Angestellten noch von den Gewerkschaften.
Im Raum Basel schliesslich ist der Markt ausserordentlich eng geworden. Für Medienprofis gelten gerade noch die “Basler Zeitung” und das “Regionaljournal” von “Schweizer Radio DRS” als attraktiv. “Der Rest ist zweite und dritte Klasse”, meint ein arbeitsloser Journalist. Und der Hoffnungsstern am Basler Horizont, die “Neue Zeitung”, ist seit Mitte März definitiv verglüht.
Doppelt gelackmeiert fühlen sich die freiberuflichen Journalisten und Journalistinnen. Gesamthaft sind die Aufträge um 25 bis 50 Prozent zurückgegangen. Wer sich aber als teilweise arbeitslos melden will, erhält nur Stempelgelder, wenn die Auftraggeber die Beiträge für AHV und Arbeitslosenversicherung tatsächlich einbezahlt haben. Die Bemessung der Taggeld-Ansätze kann ausserordentlich kompliziert werden. Keine Einbussen verzeichnet momentan ein Journalist mit teilzeitlichen Vaterpflichten: “Für zwei, drei Tage in der Woche habe ich alleweil genügend Aufträge.”
Auch wenn zahlreiche Medienschaffende stempeln gehen, suchen sie nicht unbedingt Hilfe bei den Berufsverbänden. Aus dem “Schweizer Verband der Journalistinnen und Journalisten” (SVJ) und der “Schweizerischen Journalitinnen- und Journalisten-Union” (SJU) sind in letzter Zeit etwa 300 Mitglieder ausgetreten. SVJ-Zentralsekretär Ludwig Schmid vermutet eine starke Abwanderung in andere Branchen. Gleichzeitig stellt SJU-Präsident Bernd Dieter Niebuhr fest, dass Leute ohne Eintrag im Berufsregister (BR) bereits jetzt zu neuen – niedrigeren – Tarifen angestellt werden.
Wer von Arbeitslosigkeit spricht, dem fällt rasch das Thema Weiterbildung ein. Denn Weiterbildung gilt als Massnahme Nummer eins bei der Krisenbekämpfung. Erstens sind Arbeitslose, die Kurse besuchen, beschäftigt. Und zweitens sollen ihre Chancen für die Wiedereingliederung im Arbeitsmarkt erhöht werden. Stempelnde Medienleute können beispielsweise einen Kurs am Luzerner “Medienausbildungszentrum” (MAZ) belegen und die Rechnung ans Arbeitsamt schicken.
Weiterbildung ist aber auch bei den Verlegern die Nummer eins: wenn’s ums Sparen geht – trotz gegenteiliger Beteuerungen. “Die Weiterbildung wird wieder vernachlässigt”, weiss Ludwig Schmid vom SVJ. Obschon die Verleger ständig von “mehr Qualität” reden, sind ausser bei “Tages-Anzeiger”, “Ringier” und SRG wenig bis keine Weiterbildungs-Anstrengungen zu sichten. Im Gegenteil. Mittlere und kleine Betriebe sparen in erster Linie bei Aus- und Weiterbildung. “Weiterbildung”, so SJU-Niebuhr, “findet vorwiegend in der Freizeit statt.”
Das MAZ meldet einen massiven Rückgang an Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowohl im Grundkurs wie in den Ergänzungsangeboten. Begannen 1991 noch etwa 40 Männer und Frauen den neunten Grundkurs, waren es 1992 noch 32. In diesen Tagen beginnt der elfte Grundkurs mit lediglich 22 Auszubildenden. Im Fortbildungsbereich fallen etliche Kurse aus – wegen fehlender Anmeldungen. Laut MAZ-Direktor Peter Schulz sparen sich viele Verlage die Kursgelder und setzen selbst Berufsanfänger lieber voll ein. Inzwischen öffnet die MAZ-Villa “Krämerstein” ihre Tore auch für Lehrer und andere Interessierte, die einmal Medienluft schnuppern wollen. Überspitzt gesagt, müsste ein Journalist oder eine Journalistin erst arbeitslos werden, um in den Genuss von Weiterbildung zu kommen – allerdings nicht auf Kosten des Arbeitgebers, sondern zulasten der öffentlichen Hand.
So wursteln denn alle weiter. Das Lohn-Dumping treibt erste Blüten, und die Verleger liegen damit durchaus im Trend. Die Medienschaffenden arbeiten am Rand des Nervenzusammenbruchs und merken vor lauter Überlastung nicht mehr, dass die Pressefreiheit wieder zur Pressfreiheit, mithin zur Verlegerfreiheit verkommt. Die Scheuklappen zeugen von einer Angst der Journalisten und Journalistinnen, die bei den derzeit harzig laufenden Verhandlungen um einen neuen Gesamtarbeitsvertrag fatale Auswirkungen haben könnte.

10. Juli 2007 von Klartext

Umbruch im Umbruch

Immer mehr Arbeit wird von der technischen Produktion in die Redaktion umgelagert: Desktop Publishing verändert auf dem Vormarsch durch die Printmedien-Landschaft das journalistische Berufsbild radikal. Die Gewerkschaften sind ratlos oder in der Defensive.

Im besten Fall ein mildes Lächeln erntete hierzulande noch vor wenigen Jahren, wer von “Desktop Publishing” (DTP) sprach. “Typisch amerikanisch” sei die Idee, die Errungenschaften und Kenntnisse der traditionellen Typografie, Grafik und Lithografie per Computer für Laien und Laiinnen verfügbar zu machen, lautete der mitgelieferte Kommentar. Höchtens für Geschäftsdrucksachen und Vereinsblätter konnten sich die phantasielosen Skeptiker und Skeptikerinnen den Einsatz von DTP vorstellen – der Ganzseitenumbruch am Bildschirm bei professionell gemachten Zeitungen und Zeitschriften sei und bleibe Utopie.
Mittlerweile hat sich die Utopie der Realität bemächtigt. Mehr noch: Sie verändert diese. In einer stillen Revolution mutierten der Redaktor, die Redaktorin zu hybriden Wesen, denen neben dem Schreiben von Artikeln auch das Manipulieren der Maus obliegt. Seit vor etwa einem Jahr DTP-Software und -Hardware auf den Markt kommen, welche den Anforderungen des professionellen Zeitungssatzes genügen, sind in ihrem Pflichtenheft ganz neue Aufgaben verzeichnet: Texte erfassen und korrigieren, Bilder verarbeiten, Grafiken erstellen, layouten und umbrechen. Denn mit DTP lässt sich eine moderne Zeitung rationell auf dem Personalcomputer produzieren. Zusammenpacken können die Leute von der “Technik”, ihre Dienste werden immer weniger gebraucht.
Bereits über zwanzig kleine und mittlere Tageszeitungen der deutschsprachigen Schweiz haben in den letzten zwei Jahren ihre Produktion auf DTP umgestellt, so zum Beispiel die “Glarner Nachrichten”, die “Zuger Nachrichten”, die “Appenzeller Zeitung”, das “Thuner Tagblatt” oder die “Berner Tagwacht”. Unzählige Zeitschriften und Wochenzeitungen haben es ihnen gleichgetan: “Weltwoche”, “Cash”, “Schweizer Illustrierte”, “Politik und Wirtschaft”, “Der Beobachter”, “Die Glückspost” und viele andere. Noch dieses Jahr werden auch die “Neue Zürcher Zeitung” (NZZ) , der “Blick”, der “SonntagsBlick” und der “Sport” folgen.
KLARTEXT hat drei Redaktionen besucht, die mit DTP arbeiten. Auffällig: Je grösser der Betrieb ist, desto eher hat sich eine Arbeitsteilung zwischen Journalistinnen und Journalisten im traditionellen Sinn einerseits, DTP-Produzentinnen und -Produzenten andererseits durchgesetzt.
● “Berner Tagwacht” (Auflage: 8000, kleine links-grüne Stadtzeitung). Sie verfügt über keine eigene Druckerei. Satz, Layout und Druck wurden bis Januar dieses Jahres vom Basler Gewerkschaftsbetrieb “Volksdruckerei” ausgeführt. Die grosse Distanz, über die Manuskripte, Layoutskizzen und Fotos übermittelt werden mussten, die fehlenden Endkontrollen und geringe Korrekturmöglichkeiten waren unbefriedigend und zeitraubend. Der Ganzseitenumbruch samt Bildintegration hat diese Probleme – bisher allerdings nur bedingt – behoben und der Redaktion mehr Autonomie in der Gestaltung gebracht. Der Redaktionsschluss als wichtiger Konkurrenzfaktor ist fast vier Stunden später angesetzt. Die fertigen Seiten werden samt Bildern per “Swissnet” der PTT (KLARTEXT 3/1991) an die Druckerei des “Thuner Tagblatts” übermittelt, wo sie belichtet und gedruckt werden. Von einer Arbeitsteilung zwischen Journalismus und Technik will man bei der “Tagwacht” – deren Aktienmehrheit in den Händen der Redaktion ist – nichts wissen: In konsequenter Rotation beteiligen sich alle Redaktionsmitglieder am Umbruch, möglichst zu gleichen Teilen, damit “keine versteckten Hierarchien” entstehen. Zur Bewältigung der Mehrarbeit wurden zwei neue Stellen geschaffen.
● “Thuner Tagblatt” (Auflage 18’000, Lokalzeitung mit leichtem Boulevard-Einschlag). Nachdem sich die Redaktion vehement dagegen gewehrt hatte, der in einen Vorort Thuns zügelnden Druckerei und “Technik” zu folgen, entschied man sich für eine DTP-Lösung. Die Übermittlung zwischen Redaktion und Druckerei erfolgt per Glasfaserkabel. Das Layout besorgen im Turnus fünf “Produzenten” und “Produzentinnen” – Mitglieder der 17köpfigen Redaktion. Im Gefolge der Umstellung wollte der Verlag “Schaer AG” sechs Leute aus der Korrektur und Mettage entlassen. Deren persönlicher Widerstand und die Intervention der “Gewerkschaft Druck und Papier” (GDP) erzwangen stattdessen eine Verhandlungslösung. Ein positives Fazit zieht inzwischen der stellvertretende Chefredaktor und Produktionschef des “Tagblatts”, Daniel Laroche: Das neue System biete den Journalistinnen und Journalisten mehr Nähe zum Produkt und eine “reizvolle Erweiterung” ihres Tätigkeitsbereiches. “Die meisten Berufe haben sich durch die Einführung der EDV geändert”, findet er. “Warum soll das nicht auch für den Journalismus gelten?”
● “Cash” (Auflage 46’000, wöchentlich erscheinende Wirtschaftszeitung): Beim Schweizer DTP-Pionier (Ganzseitenumbruch seit der ersten Nummer 1989) herrscht eine konventionelle Arbeitsteilung: Zwölf Redaktionsmitglieder kümmern sich um den Zeitungsinhalt, drei Personen um die Produktion und vier um Grafik und Umbruch. “Bei der heutigen Konkurrenz auf dem Medienmarkt muss das Produkt möglichst attraktiv sein. Journalisten könnten das nicht professionell alleine machen”, erklärt Produktionsleiter Heini Lüthy. Allerdings hätten alle in der Redaktion “prinzipiell” die Möglichkeit, von ihren Arbeitsplätzen aus einzugreifen.
Mit der Einführung von DTP bei den Schweizer Printmedien haben bei vielen Betrieben die Computer-Haussysteme ausgedient. Nur gerade die NZZ schwört auf ihr System “NZZ 2000”. Ansonsten wurden in den letzten zwei Jahren, wenn es um Ganzseitenumbruch ging, fast ausschliesslich “Macintosh?-Computer des amerikanischen Herstellers “Apple” montiert und darauf die Umbruch-Programme “Quark XPress” und “PageMaker” gestartet. Gleichzeitig etablierten sich Firmen, die als Externe bei Krisen und Problemen Hand bieten und Starthilfe leisten. Führend in der Deutschschweiz ist die “A&F Computer-Systeme” in Sursee, die bisher 14 Zeitungen – unter ihnen auch “Cash” und die “Berner Tagwacht” – und zahlreiche Zeitschriften “umgestellt” hat. “A&F”-Besitzer Urs Felber rechnet für eine solche Umstellung mit etwa drei Monaten Übergangszeit und Kosten zwischen einer Viertel- und einer Dreiviertelmillion Franken, je nach Grösse und Ansprüchen der Zeitung. Verglichen mit den Kosten für ein konventionelles Zeitungssatzsystem, ist das ein Pappenstiel. Seit kurzer Zeit ist zudem das System “P.Ink Press” der Hamburger Firma “P.Ink” auf dem Markt, welches auch den Anforderungen grösserer Zeitungen mit mehr als 25 Redaktionsplätzen genügt. In Deutschland läuft es bereits bei der “Leipziger Volkszeitung” und beim Berliner “Burda”-Blatt “Super!”. In der Schweiz fährt “Die Weltwoche” damit, die “Bilanz” soll folgen. “Ringiers” “Blick” will noch dieses Jahr umsteigen.
Mit Staunen über die Schnelligkeit des Umbruchs, mit Skepsis und mit Sorge verfolgen Berufsverbände und Gewerkschaften all dies. “Der Umlagerungs-Tendenz von Korrektorat, Texterfassung und Umbruch in journalistische Arbeitsbereiche muss entgegengewirkt werden”, meint etwas hilflos Ludwig Schmid, Zentralsekretär des “Verbands der Schweizer Journalisten” (VSJ) – ein Rezept, wie dies geschehen soll, hat er nicht. Selbstkritik übt Bernd Niebuhr, Co-Präsident der “Schweizerischen Journalistinnen- und Journalisten-Union” (SJU): “Wir sind da wahnsinnig spät dran, haben das schlichtweg unterschätzt”, meint er mit Blick auf die Arbeit einer vor einem halben Jahr gegründeten Koordinationsgruppe der journalistischen und der technisch-grafischen Gewerkschaften.
Im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der GDP, der 1994 ausläuft, ist die Einführung neuer Satztechniken und Redaktionssysteme klar geregelt: “Arbeiten, welche bis zu diesem Zeitpunkt durch gelernte Arbeiter der grafischen Branche ausgeführt wurden …, dürfen dann nicht durch die Redaktion hergestellt werden, wenn dies die Kündigung eines dem GAV unterstellten Arbeitnehmers zur Folge hätte”, heisst es dort. Im Kollektivvertrag (KV) der Journalistenverbände VSJ und SJU mit dem Schweizerischen Zeitungsverlegerverband (SZV) fehlt eine entsprechende Abmachung. Vorprogrammiert scheint damit, dass Verlage die Interessen des technischen Personals gegen die der Redaktion ausspielen. Praktikable Lösung wäre ein Rahmenarbeitsvertrag für die ganze Medienbranche, der genau diese Spaltung überwinden und Leute aus Technik und Redaktion vereinen würde. Bestrebungen dazu sind allerdings erst einmal gescheitert, aus gewerkschaftlicher Sicht, “weil ,Ringier’, ,Curti-Medien’ und ,Tages-Anzeiger’ abgeblockt haben”.
Die SJU hat bereits 1990 eine “Mustervereinbarung Neue Technologien” ausgearbeitet. Grundidee: Paritätisch zusammengesetzte Betriebsgruppen sollen die Einführung und Umsetzung Neuer Technologie begleiten und überwachen. Bis heute hat aber die SJU das Papier noch nicht mit dem SZV diskutiert. Der seinerseits hat das Thema erfolgreich aus allen Verhandlungen und neustens wieder aus der anstehenden KV-Revision ausgeklammert. “Eben daher ist das einer unserer dringendsten Punkte”, betont Niebuhr, “aber die Zeit arbeitet für den SZV, und das weiss er”.

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