11. Juli 2007 von Helen Brügger

„Bras de fer“

Bei einer Kraftprobe zwischen Direktion und Personal haben die Edipresse-JournalistInnen die erste Runde gewonnen.

Eigentlich hatte sich Edipresse-Chef Tibère Adler bei der Lausanner Zeitung „24 heures“ zu einer Aussprache eingeladen. Doch erstaunt fand er sich am 1. Dezember vor rund 150 Angestellten aus sämtlichen Titeln – Delegationen aus allen Redaktionen waren erschienen, um Adler mitzuteilen, dass sie demnächst streiken würden, falls die Direktion nicht einlenke. Und Adler gab nach. Ab Januar werden die Sozialpartner wieder über einen Firmen-Arbeitsvertrag verhandeln.
Ende November war die Stimmung bei Edipresse auf dem Tiefpunkt. Bei „24 heures“ zirkulieren Gerüchte über 20 bis 40 bevorstehende Entlassungen, und auch bei der „Tribune de Genève“ fürchtet man Stellenstreichungen und Seitenkürzungen. „Bei den beiden Zeitungen arbeiten insgesamt 270 Journalisten und Journalistinnen, die nicht wissen, was das nächste Jahr für sie bereit hält“, sagt ein Redaktor bitter. Die Ankündigung einer Westschweizer Ausgabe von „20 minutes“ im kommenden Frühling lastet wie ein Bleigewicht auf der Stimmung der Redaktionen. Seit September ist das neue Direktionsmitglied Eric Hoesli für die Regionalzeitungen zuständig, er bereitet unter dem Motto „mehr mit weniger“ Sparpläne vor. Auf Fragen zu Inhalt und Auswirkungen dieser Reorganisation antwortet er kurz angebunden mit „viel zu früh für eine Auskunft, rufen Sie im Januar wieder an“.

Verlag verweigert Transparenz
Dazu kam das Scheitern der Verhandlungen über einen neuen internen Arbeitsvertrag. Die Direktion wollte mit Verweis auf die schwierige wirtschaftliche Lage Lohnmechanismen antasten. Die Redaktionen waren zu einem Krisenabkommen bereit, forderten aber einen Nachweis für die behauptete schwierige Lage und einen Verzicht auf wirtschaftlich begründete Entlassungen während zwei Jahren. Darauf brach Edipresse die Verhandlungen ab – und liess gleich auch noch durchblicken, dass der Verlag, das Schwergewicht im Verlegerverband Presse Romande, nun nicht mehr viel Interesse daran habe, den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Branche zu retten. Bei Presse Romande wird nämlich derzeit über die Kündigung des GAV auf Ende Jahr diskutiert. Wie zuvor in der deutschen Schweiz sind einige kleinere Westschweizer Verleger an einem vertragslosen Zustand interessiert – am 20. Dezember trifft sich der Verband mit dem Vertragspartner Impressum. Laut Verbandssekretär Alfred Haas müssten die Produktionskosten in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage und der baldigen Präsenz von zwei Gratiszeitungen angepasst werden. „Wir sind an einem GAV interessiert, aber wir müssen mit dem Sozialpartner über gewisse Probleme wie etwa den automatischen Teuerungsausgleich diskutieren.“

Verhandlungen nach Streikandrohung
Doch zurück zum Edipresse-Firmenabkommen: Als Antwort auf die abgebrochenen Verhandlungen luden die in der „Koordination“ organisierten RedaktionsvertreterInnen die Direktion zu einer Aussprache ein. Die freundliche Geste blieb ohne Antwort, dafür stellte Adler einen Besuch bei den verschiedenen Redaktionen in Aussicht; im Klartext: die „Koordination“ sollte beiseite geschoben werden. Diese Missachtung der Redaktionsvertretung heizte die Stimmung noch mehr an, und sie erhielt das Mandat, falls nötig ohne weitere Konsultationen eine Arbeitsniederlegung zu beschliessen. Dem kam Tibère Adler zuvor: Die Direktion sei bereit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, kündigte er dem versammelten Personal an.
Ende gut, alles gut? Wohl kaum. Denn bereits verhandeln Edipresse und vier – von der Direktion ausgewählte – Personalvertreter der Regionalzeitungen „24 heures“ und „Tribune de Genève“ über einen Sozialplan, für den Fall, dass es zu Entlassungen kommen sollte. Die Besonderheit dieses Sozialplans: Bisher gibt es weder einen Restrukturierungsplan, noch sind Zahlen bekannt oder Kündigungen ausgesprochen. Es handelt sich somit um den ersten „präventiven“ Sozialplan in der Geschichte der Sozialpartnerschaft. Hut ab vor dem ehemaligen Journalisten Eric Hoesli: Er ist auch als Mitglied der Konzernleitung innovativ. ?

11. Juli 2007 von Klartext

Weshalb ich aus den Printmedien ausgestiegen bin

Zwei Jahre ist es schon her. Ich hatte eine exklusive Reportage anzubieten, die mir früher aus der Hand gerissen worden wäre: der weltweit grösste Kulturraub von prähistorischen Kulturgütern.
In einem arabischen Land. Europäische Touristen fahren regelmässig per Landrover dorthin. Und graben heimlich und illegal in den Weiten der Wüste nach antiken Statuetten, Tonscherben, versteinerten Knochen. Die Kulturdiebe kehren zurück, den doppelten Landrover-Boden gefüllt mit Hunderten von Kilos prähistorischer Objekte. Zu Hause verkaufen sie die Waren über Internet.
Ich bot die Reportage dem „Magazin“-Chefredaktor der „Qualitätszeitung“ „Tages-Anzeiger“ (Eigenwerbung) exklusiv an. Schliesslich hatte mir Res Strehle mal gesagt, dass er meinen Stil schätze. Doch nicht er, sondern der junge Redaktor Rico C. meldete sich am Telefon. Es folgte die übliche Frage („Haben Sie auch schon mal eine Reportage geschrieben?“) und die übliche Antwort („selbstverständlich“). Ja, lieber Rico C., in über 20 Jahren journalistischer Tätigkeit waren es Hunderte von Reportagen, die ich für fast alle deutschsprachigen Medien geschrieben habe. Der Jungredaktor meinte: Das Thema sei nur dann interessant, falls ich selber durch die Wüste fahren würde: um dabei Kulturgüter auszubuddeln und in die Schweiz zu schmuggeln („Heute sind nur selbst erlebte Reportagen etwas wert!“). Das Qualitätsblatt forderte mich also zum Kulturdiebstahl auf. Zaghaft fragte ich: „Und wie, wenn ich dabei verhaftet werde? Die Gefängnisse in diesem Land sind nicht gerade komfortabel …“ Naja, das sei halt mein Risiko, antwortete Rico C. Dann stellte ich noch die Frage nach dem Honorar. „3000 Franken, Spesen inbegriffen natürlich!“, erwiderte er. Als ich dann in den Telefonhörer schrie: „Jetzt reichts mir!“, hörte ich den Jungredaktor nur noch stammeln: „Was haben Sie denn?“
Ich hängte auf. Und beschloss, aus den Printmedien auszusteigen. Ich wechselte – als Freelancerin – zu öffentlich-rechtlichen Radios. Öffentlich-rechtliche RadiomacherInnen fühlen sich nicht bemüssigt, der Werbung zuliebe den doppelten Salto rückwärts vorzudemonstrieren – den die privaten Medien noch so gerne den freien (Zirkus-)MitarbeiterInnen „ohne Netz“ überlassen. Lisa Hörler

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