10. Juli 2007 von GastautorIn

Alles Lifestyle oder was?

Vom schrittweisen Verschwinden der Gesellschaft aus den Medien. Von Charlotte Spindler

Von Sektenopfern und Müttern lesbischer Töchter, von Jugendsuizid und ausgestiegenen Priestern, von schlafraubendem Piepen im Ohr und plötzlicher Kahlheit des Schädels, von Menschen, denen das Dach über dem Kopf abbrennt und von solchen, die mit einem schwerbehinderten Partner leben, von Inzest-Betroffenen, Schleudertraumatisierten und Wechseljahrbefallenen lesen wir in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen – private Geschichten zum Staunen über Lebensmut und Schicksalsschläge. Oft ist es die Seite “Gesellschaft”, die Platz hat für das, was uns – abgehoben von der Allmacht der Ökonomie und dem politischen Alltag – auch noch widerfahren kann.
Die Non-Profit-Organisationen haben ihre Lektion in Öffentlichkeitsarbeit gelernt; sie profilieren sich gekonnt als Lieferantinnen für “Gesellschaftsthemen”: Sie organisieren Mediengespräche, rufen zum “Tag des Weissen Stocks” oder zu einer Brustkrebs-Aktionswoche auf, und sie zählen darauf, dass diese Anlässe in Fernsehen, Radio und Print aufgenommen werden. Dieser Agenda-Journalismus funktioniert: So entstehen die nach einem stets ähnlichen Muster gestrickten Berichte, die gerne etwas persönlich anfangen: “Als Melanie P. eines Morgens erwachte …” Es sind Einzelschicksale, die je privat erlitten und privat abgefedert werden: Gesprächs- und Selbsthilfegruppen, ein Behindertenwerk oder eine spezialisierte Beratungsstelle werden zum Schluss in einem Kästchen angegeben, mit Adressen, Telefonnummern, Öffnungszeiten. Der alte “Beobachter”-Stil lässt grüssen.
Inwieweit aber bilden die von einer rätselhaften Krankheit Betroffenen, die Essbrechsüchtigen, die hochbegabten, aber unterforderten Schulkinder, die im allzuspäten Alter Väter Gewordenen und – ja, und auch die unstet lebenden und zwischen den Kontinenten pendelnden Manager aber “Gesellschaft” ab? Reduziert sich die Gesellschaft nur noch auf eine Ansammlung individueller Lebensgeschichten?
Gerade heute, wo wir mit Unbehagen das Auseinanderdriften des sozialen Gefüges konstatieren und feststellen, wie sich der Staat aus immer mehr Aufgaben im Sozialbereich abmeldet, sind die ausführlichen Berichte über Einzelschicksale durchaus folgerichtig. Für einen grossen Teil des Mittelstandes, durch mannigfache Verluste (Familie, Arbeit, Gesundheit) vom Absturz bedroht, wird das persönliche Schicksal tatsächlich zu einem wesentlichen Element des Lebensverlaufs. Das Schicksal entscheidet, ob wir uns auf der Gewinner- oder Verliererseite befinden – vorsozialstaatliche Dimensionen tun sich auf. Eine plötzlich auftretende Krankheit kann entscheiden, ob ein Arbeitsplatz noch zu haben ist oder nicht. Wir können uns eine familiäre Belastung schon fast nicht mehr leisten, ein momentaner Ausfall, wenn’s der Tochter oder der Ehefrau nicht gut geht, wirkt sich fatal aus. “Survival of the fittest”. Der Strohhalm, an dem sich die schicksalsgeprüften Individuen halten, ist am Schluss die Beratungsstelle oder Selbsthilfeorganisation. (Dass diese wieder-um von viel freiwillig geleisteter und unentgeltlicher Arbeit getragen sind und oft von Frauen gegründet wurden, sei nur nebenbei bemerkt.)
Die Konzentration auf individuelle Schicksale und ihre Bewältigung, so furchtbar schweizerisch obendrein, entspricht dem weithin zu beobachtenden Rückzug aufs Private. Damit wird jede politische Dimension ausgeklammert und die Diskussion von Veränderungsmöglichkeiten ausgeschlossen. “There is no such thing as society”, sagte Margaret Thatcher, es gibt gar keine Gesellschaft. Und deshalb gibt es auch keine Gesellschaftskritik. Unsere Medien – von SF DRS bis “Magazin”, von Schweizer Radio DRS bis “Schweizer Familie” – haben seit einiger Zeit eine geradezu panische Angst vor der Sozialreportage, die – so der “Tages-Anzeiger”-Jargon – als unzeitgemäss abqualifiziert wird. Dabei war das noch bis vor ein paar Jahren eine journalistische Sparte, der sich auch Literaturschaffende zuwandten und der besonderes Augenmerk galt. Und so fehlt je länger je mehr der kritische Blick auf soziale Veränderungen, auf die dauerhafte Ausgrenzung eines grossen Teils der Bevölkerung, auf die augenfällige Verelendung vieler Menschen. Auf der Strecke bleibt der dringend notwendige Diskurs um die Verteilung von Armut und Reichtum, von Arbeit und Lebenschancen. Aber ob das noch “weiche” Themen sind?
Jugend, Alter, Krankheit, konfliktträchtige Lebensabschnitte, Institutionen wie Heime, Schulen, Spitäler oder Kirchen sind in den Medien heute Themen, die nur dann Gewicht haben, wenn schleichendes Malaise sich in spektakulären Aktionen äussert. Sonst gehören sie nicht auf die aktuellen Seiten, sondern werden in spezielle “Gefässe” abgefüllt. Es sind sogenannt “weiche” Themen, und zählt man die abgebildeten Personen, so tauchen hier unweigerlich überproportional viele Frauen auf, als Betroffene, als Erzählende, als solche, die den privaten Alltag gestalten. Und als ob sich in den letzten fünfzig Jahren nichts geändert hätte, betreuen meist Frauen Ressorts wie “Gesellschaft” oder “Leben heute”, die im Vergleich zu den aufgeregten News-Ressorts wenig Prestige haben und somit rasch auch Manövriermasse für Umstrukturierungen sind.
Die Remaskulinisierung der Medienwelt kommt zügig voran, mit dem Effekt, dass “Frauen”-Themen so rar werden wie die zeichnenden Redaktorinnen im Impressum. Für die nachrichtenmagazingewohnte Info-Elite konstruiert eine neue Generation von Zeitungsmachern ein verändertes Leseverhalten und definiert im Zeichen des Marktes, was harte News und weiche Themen sind. Müssig, über Machtverteilung zu diskutieren, sie spiegelt sich in den Fotos von Kolumnisten und Chefredaktoren, die, die Hände im Hosensack, auf den Seiten der neuen Magazine posieren und weltmännisch lächeln.
Wer so weltmännisch lächelt, der mag keine “weichen” Themen, keine Kranken, keine unfreiwillig aus dem Arbeitsprozess Geschiedenen und sonstwie Geschädigten. Denn, nicht wahr, am Ende kosten die ja doch nur. Arbeitsausfall, langwierige Behandlungen, Umschulungskurse, IV, das kann sich der Staat doch gar nicht mehr leisten.
Am besten, man streicht das alles ersatzlos – ab Neujahr gibt es im fünften Bund des “Tages-Anzeigers” zum Beispiel keine Gesellschaftsseite mehr – und garniert das gestraffte Medienprodukt in seinen hintern Regionen mit ein paar lockeren Rubriken. In den Rubriken “Events”, “Trend” oder “Lifestyle” wird es künftig um schicke Kleider, Wellness, Design, Reisen, teure Liebhabereien wie Zigarren, Weine und Rassehunde gehen. Das schafft ein günstiges Umfeld für die Inserate, und im Nebeneffekt kriegt man gleich die dringend nötige Umschichtung des Redaktionsstaffs unter einen Hut.
Und so kommt das eine zum andern und zum Schluss das Ganze auf den Müll. Erst bleibt der “Gesellschaft” die Kritik weg, dann werden die Individuen auf ihr Schicksal reduziert. Sind dann nur noch die Mühseligen und Beladenen übrig, steht ihrer Entsorgung durch die forschen Blattmacher nichts mehr im Wege. Selber schuld.

Charlotte Spindler, 51, hat in Zürich Sozialwissenschaften studiert und zum Thema Personalzeitungen eine Dissertation verfasst. Sieben Jahre Lokalredaktion beim “Tages-Anzeiger”, sieben Jahre beim “züri-tip”, freie Mitarbeit für verschiedene Zeitungen; Herausgabe eines Stadtführers und weitere Buchprojekte.

10. Juli 2007 von Klaus Bonanomi

Ein Bankier hat Gut reden

Klartext-Mitarbeiter Klaus Bonanomi über die neue bürgerliche Geschichtsschreibung der NZZ.

Die nüchterne NZZ geriet ins Schwärmen: “Die Rede von Credit-Suisse-Chef Rainer E. Gut vor dem renommierten National Press Club war mit Abstand der beste Auftritt eines Schweizer Vertreters in Washington seit Beginn der Affäre um Nazigold und nachrichtenlose Konten”, diktierte der sichtlich beeindruckte Washington-Korrespondent Ulrich Schmid am 26. Juni seiner Redaktion an der Zürcher Falkenstrasse. Zur Feier des Tages liess das Blatt gleich – exklusiv – die vollständige Gut-Rede auf einer ganzen Zeitungsseite im Wortlaut abdrucken. Ein schöner Text, gewiss; bei einigen Passagen hätte es manchem gestandenen Widerstandskämpfer warm ums Herz werden können. Hätte doch bereits damals, vor über fünfzig Jahren, ein führender Bankier oder ein Bundesrat so gesprochen: “… sind wir den zahlreichen Frauen und Männern dankbar, die auf eigene Verantwortung Flüchtlinge gerettet, die ausserordentliche Hilfe geleistet oder die hartnäckig – auch geistigen – Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben.”
Ob Rainer Gut damit etwa die Schaffhauser Arbeiter-Familie Hamburger gemeint hat? Marie und Leopold Hamburger hatten zusammen mit ihrer Tochter Marie im Rahmen der “Roten Hilfe” ihr Leben riskiert, um deutsche Antifaschisten vor dem Zugriff durch die Gestapo zu schützen: Mit Hilfe ihrer “Legitimations-Karten” ermöglichten sie mehreren Verfolgten die Einreise über die Grenze, gewährten ihnen Gastrecht und organisierten geheime Treffen zwischen den deutschen und schweizerischen Antifaschisten. Marie Furrer geb. Hamburger verlor wegen ih-res antifaschistischen Engagements die Stelle und musste sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen; der Verhaftung durch die Nazi-Schergen entging sie nur durch Zufall. Dank und Anerkennung von offizieller Seite haben diese Leute nie erfahren …
Späten Stolz empfindet Rainer Gut auch beim Gedenken an den Schweizer Konsul Carl Lutz, der seinen Posten aufgeben musste, weil er sich dafür eingesetzt hatte, dass viele osteuropäische Juden in die Schweiz einreisen konnten. “Meinem Landsmann (!) Lutz ist heute in Budapest ein Denkmal gewidmet”, so Gut; in der Schweiz freilich steht kein Lutz-Denkmal, einen Lutz-Platz sucht man vergeblich, und der Konsul selber erlebte seine späte Rehabilitierung nicht mehr.
“Die von den Nazis verfolgte Kultur fand dank zahlreichen emigrierten Künstlern, welche die Schweiz aufgenommen hatte, bei uns eine Heimstätte”, lobt Gut in seiner Rede weiter. “Das einzige freie Theater befand sich in der Schweiz. 1941 und 1943 hat Bertolt Brecht in Zürich zwei seiner grössten Werke, ,Mutter Courage und ihre Kinder’ und ,Der gute Mensch von Sezuan’, uraufgeführt.” Wohl wahr – auf dieses Kapitel seiner Geschichte darf das Haus am Pfauen stolz sein; mehr jedenfalls als auf seinen nachmaligen Direktor, den Anpasser und Profiteur Harry Buckwitz, der zu dieser Zeit im polnischen Lodz ein enteignetes, vormals jüdisches Luxus-Hotel besass, in welchem die Nazi-Kader auf dem Weg an die Ostfront oder zu den Konzentrationslagern abzusteigen pflegten. Wahr auch: Autoren wie Thomas Mann oder Robert Musil genossen Gastrecht in der Schweiz; andere aber, die weniger bekannt oder aber linker Gesinnung verdächtigt waren, wurden abgewiesen.* Nicht der Aufnahme wert wurden unter anderen Alfred Polgar, Lisa Tetzner und Golo Mann befunden … und für diese setzte sich damals auch kein führender Bankier ein.
Zu guter Letzt muss sich auch noch die Aktivdienst-Generation vereinnahmen lassen. Gut zitiert einen heute achtzigjährigen Schweizer, der fünf Jahre lang als Soldat an der Grenze gestanden hatte, mit den Worten: “Nach all den Jahren, die ich von der besten Zeit meines Lebens geopfert habe, habe ich es nun nicht nötig, mir heute aus Amerika den Vorwurf anhören zu müssen, wir Schweizer seien damals Helfer und Komplizen der Nazis gewesen.” Aus der (berechtigten) Kritik am Verhalten der Banken macht Gut flugs eine (ungerechtfertigte) Kritik an “uns Schweizern” und versucht so die Aktivdienst-Generation vor seinen Karren zu spannen. “Wir Schweizer”, egal ob Ruderer oder Kapitän, sitzen alle im selben Boot; es ist das Rezept, das auch bei Christoph Blocher funktioniert …
So weit, so Gut. Klar: Der Bankier spricht “pro domo”; das ist sein gutes Recht. “Das Gefühl, von einem Freund ungerecht behandelt zu werden” (so der NZZ-Titel zu der Gut-Rede), dieses Gefühl ist ihm persönlich nicht zu verwehren. Unhaltbar ist aber, dass die NZZ den Bankier zum quasi-offiziellen “Schweizer Vertreter” in Washington macht. Klar ist auch: Die Angriffe aus dem Ausland – beispielsweise der BBC-Film “Nazigold und Judengeld” – sind oftmals zu pauschal und von unhaltbaren Vereinfachungen geprägt. “Die Wahrheit ist komplex – und die BBC-Reportage zeigt nur das Negative. Damit wird man in die andere Ecke getrieben und fängt fast noch an, mit den Banken Mitleid zu bekommen”, sagte Dokumentarfilmer Richard Dindo in der “WochenZeitung” am 11. Juli. Und weiter: “Normalerweise machen die bürgerlichen Geschichtsschreiber das Volk zur Fussnote. Niklaus Meienberg hat einmal gesagt, wir sollten die Fussnote in den Haupttext nehmen. Wir müssen eine eigene Position erarbeiten, die eine klare Selbstkritik beinhaltet, aber nicht nur das Negative, sondern auch das Positive sieht.” Eine Aufgabe, die die Schweizer Medien nicht nur der NZZ und einem Spitzenbankier überlassen dürften.

* Tatkräftig untersützt wurden die Behörden dabei vom Schweizerischen Schriftstellerverband SSV, wie der “Bund”-Journalist Charles Linsmayer in einem ausführlichen Artikel am 5. Juli aufzeigte. Der SSV hatte die Einreise- und Aufenthaltsgesuche von deutschen Schriftstellern zu begutachten und richtete sich dabei nur zu oft gegen die unerwünschten deutschen Konkurrenten.

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