10. Juli 2007 von Klartext

Andere Qualität

Die Herausgeber eines Fotobuchs über Aids-Kranke mussten erfahren, wie schludrig Presseleute mit andern Medien umgehen.

Der Zürcher Fotograf Koni Nordmann machte es anders als üblich. Ohne Auftrag und ohne zu wissen, was daraus werden sollte, nahm er sich vor, Aids-Kranke kennenzulernen, mit ihnen über längere Zeit ins Gespräch zu kommen und sie – wenn sie denn einverstanden wären – zu fotografieren.
Bei den Vorarbeiten traf er den Aids-Pfarrer Heiko Sobel, der sich schliesslich von Nordmanns Projekt überzeugen liess und seine Zusammenarbeit offerierte. Zahlreiche Kontakte zu Patienten und Patientinnen kamen zustande, und nach zweieinhalb Jahren beschlossen die Betroffenen gemeinsam mit Fotograf und Pfarrer, dass das mittlerweile entstandene Material zu einem Buch verarbeitet werden sollte – mit Nordmanns Bildern sowie mit Texten der Journalistinnen Barbara Lukesch, Catherine Duttweiler und Gaby Weiss.
Inzwischen ist der sorgfältig edierte Band im Handel*. Voraussetzung dafür waren allerdings diverse Bedingungen, welche die porträtierten Frauen und Männer für den Umgang mit den von ihnen aufgenommenen Fotos stellten. Wichtigster Punkt: Gewisse Bilder durften zwar im Buch und in einer Fotoausstellung, keinesfalls aber in den Massenmedien Zeitung, Zeitschrift und Fernsehen erscheinen. Für interessierte Medienleute stellte deshalb Nordmann eigens eine autorisierte Auswahl von sieben Sujets zusammen – wie während der jahrelangen Arbeit an dem diffizilen Projekt sollten Wünsche und Persönlichkeitsrechte der Kranken auch nach Vorliegen des fertigen Produkts respektiert und geschützt werden.
Doch weder Sobel noch Nordmann hatten mit dem real existierenden Journalismus in der Schweiz gerechnet. Dass der “Tages-Anzeiger” Koni Nordmann – ausser in einer Bildunterschrift – konstant als “Dani” Nordmann bezeichnete, nahmen die Herausgeber noch halbwegs belustigt zur Kenntnis. Dass aber verschiedene Zeitungen und Zeitschriften bei der Bildauswahl die Anliegen der Porträtierten schlicht ignorierten und gedankenlos beliebige Fotos aus dem Buch abdruckten, ärgert Nordmann: “Die Leute auf den Redaktionen können sich offenbar nicht vorstellen, dass für die Betroffenen eine Abbildung in einem Buch eine andere Qualität hat als eine Abbildung in einer Zeitung – weil sie auch nicht zu begreifen scheinen, dass die Öffentlichkeit, die durch ein Buch oder durch eine Ausstellung entsteht, eine andere Qualität hat als die Öffentlichkeit, die ein Massenmedium erzeugt.”
Nicht begriffen haben dies der Reihe nach so unterschiedliche Publikationen wie der Winterthurer “Landbote” und der Gratisanzeiger “Tagblatt der Stadt Zürich”, die Renommierzeitung “Weltwoche” und – besonders pikant – die “Schweizerische Ärzte-Zeitung”, die sechs Bilder ins Blatt rückte, fünf davon gegen den Willen der Kranken.
Die “verständlichen Konditionen” (Nordmann) der abgebildeten Patientinnen und Patienten vermochte der Fotograf eigentlich nur dann erfolgreich durchzusetzen, wenn er mit den interessierten Printmedien-Verlagen rigide Verträge über Art, Umfang und Aufmachung der Veröffentlichung abschloss.
So erschienen korrekt illustrierte Berichte nicht nur in den einheimischen Zeitschriften “Schweizer Familie” und “L’Illustré”, sondern auch in der Hamburger Ilustrierten “Stern”. Wo die Auswahl den Redaktionen überlassen blieb, gab’s fast zwangsläufig peinliche Pannen.
Koni Nordmann, obschon selber erfahrener Pressefotograf und mit den Usanzen der Branche durchaus vertraut, ist erstaunt und enttäuscht darüber, “wie wenig Sensibilität bei den Zeitungen und Zeitschriften ausgerechnet für ein derart heikles Thema vorhanden ist – und wie wenig Respekt gegenüber Menschen aufgebracht wird, von denen man zum vornherein annimmt, dass sie sich ohnehin nicht werden wehren können”.
Den Höhepunkt an journalistischer Ignoranz durften die genervten Herausgeber und Text-Autorinnen schliesslich in der Romandie erleben – nachdem das “Musée de l’Elysée” in Lausanne aus einem Teil der im Bildband publizierten Fotografien eine Ausstellung zusammengestellt hatte.
Das auf seine Seriosität so stolze “Ringier”-Magazin “L’Hebdo” schaffte es, in seinem Bericht über die Lausanner Bilderschau ein Foto aus dem Nordmann/Sobel-Buch zu veröffentlichen, das in Lausanne nicht nur nicht ausgestellt, sondern auch nicht zur Publikation freigegeben war. Ausserdem: In der “L’Hebdo”-Bildunterschrift wird die konterfeite Frau als “die HIV-positive Gaby Weiss mit ihrer Tochter” vorgestellt. Alles falsch: Die Frau heisst, wie im Buch nachzulesen, Silvia – Gaby Weiss ist nicht HIV-positiv, hat keine Tochter und ist eine der Autorinnen der Buchtexte.

* Koni Nordmann, Heiko Sobel (Hrsg.): “Ich kann nicht mehr leben wie Ihr Negativen”, Verlag Der Alltag, Zürich 1991, 208 Seiten, Fr. 38.-.

10. Juli 2007 von Klartext

Böse Buben

Seit der Aktien-Deal der Chefs von “Bilanz” und “Finanz und Wirtschaft” ruchbar wurde, ergeht sich die übrige Journaille in schamloser Selbstgerechtigkeit.

Die “SonntagsZeitung” brillierte mit einer brisanten Enthüllung: Andreas Z’Graggen, Herausgeber des Wirtschaftsmagazins “Bilanz”, und Peter Bohnenblust, Chefredaktor der Zeitung “Finanz und Wirtschaft”, war da am 23. Februar zu lesen, hätten sich vom Immobilienhändler Hans P. Huber Aktienpakete schenken oder zumindest zu einem Vorzugspreis verkaufen lassen – der mittlerweile konkursite Geschäftsmann habe mit derlei Grosszügigkeit dafür sorgen wollen, dass bei den beiden Journalisten die Sympathiekurve für ihn ansteige.
Bereits zwei Tage nach der Publikation, für die sich “SonntagsZeitung”-Redaktor Hanspeter Bürgin auf unzweifelhafte Belege gestützt hatte, zog Z’Graggen (“Ich habe eine Dummheit begangen”) die Konsequenzen und trat “mit sofortiger Wirkung” als “Bilanz”-Chef zurück. Der Chefredaktor von “Finanz und Wirtschaft” dagegen suchte sein Fehlverhalten mit verquerer Begründung zu rechtfertigen. “Nur wer am eigenen Leib erfährt, was Baisse und Hausse bedeuten”, so der Originalton Bohnenblust, “kann darüber kompetent schreiben.”
Die Veröffentlichung der Skandal-Story hat zwei unbestreitbare Vorteile von allerdings höchst unterschiedlicher Güte. Zum einen wurde erstmals an zwei Exempeln hieb- und stichfest nachgewiesen, was mangels Beweisen bislang nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt und dennoch für wahr und selbstverständlich gehalten wurde: dass auch hierzulande Medienschaffende Geschenke und Zuwendungen von beträchtlichem materiellem Wert annehmen und sich so korrumpieren (lateinisch: “verderben”, “vernichten”) lassen. Zum andern aber gab die ruchbar gewordene Affäre dem grossen Rest der Branche die willkommene Gelegenheit, den aktenkundigen Sündenfall in einen Freispruch in eigener Sache umzudeuten.
Sofort beeilte sich etwa die feine “Neue Zürcher Zeitung” zu betonen, dass Fehltritte à la “Bilanz” und “Finanz und Wirtschaft” im eigenen Hause zum vornherein ausgeschlossen seien, und NZZ-Wirtschaftschef Willy Zeller philosophierte über drei Spalten hinweg über “die Redlichkeit im Medienfach” – Z’Graggen und Bohnenblust gerieten ihm zu “Mahnmalen wirtschaftsjournalistischen Fehlverhaltens”. In ähnlichem Stil lamentierten Leitartikler landauf, landab über die blossgestellten bösen Buben – meist mit dem unübersehbaren Hinweis auf die eigene Lauterkeit.
Dabei gehört die Lust medienbewusster Wirtschaftsgrössen, sich im im nachhinein oder gar schon im voraus für eine “gute Presse” erkenntlich zu zeigen, genauso zum Branchenalltag wie die Bereitschaft von Journalisten und Journalistinnen, solche Präsente dankbar anzunehmen – auch bei Blättern, denen Bestechung angeblich ein Greuel ist.
Die zwei NZZ-Redaktoren, denen kürzlich ein aufmerksamer Public-Relations-Mann aus reinem Goodwill je ein kostspieliges “Habimat”-Luxustelefon frei Haus lieferte, haben das Geschenk jedenfalls weder dankend abgelehnt noch zurückgegeben. Von der “SonntagsZeitung”, die so tapfer den Z’Graggen/Bohnenblust-Filz aufdeckte, ist nicht bekannt, dass sie deswegen zu dem von einem Reiseveranstalter unlängst spendierten Fernost-Gratis-Trip nein gesagt hätte. Und über die überaus fleissige und freundliche Berichterstattung der Wirtschaftszeitung “Cash” über “Swatch”-Boss Nicolas Hayek wundert sich nur, wer nicht weiss, dass Chefredaktor Markus Gisler stolzer Besitzer des kostbaren “Swatch”-Kultmodells “Desert Puff” ist, das weltweit in einer Auflage von bloss 250 Stück gefertigt und an besonders liebgewordene Medienleute verschenkt wurde.
Aber auch die elektronischen Medien erliegen den Versuchungen, die offiziell so gern geächtet werden. Aufgrund eines “brieflichen Abkommens” kassierte zum Beispiel das “Schweizer Fernsehen DRS” mindestens ein Jahrzehnt lang von der “Swissair” alljährlich einen Betrag von rund 80’000 Franken – angeblich, ohne der Fluggesellschaft dafür eine konkrete Gegenleistung bieten zu müssen. Ein DRS-Kadermitglied allerdings schrieb in einem internen Papier frank und frei, das Fernsehen sei “verpflichtet, die ,Swissair’ ab und zu in Sendungen aufscheinen zu lassen”. Das unter Verschluss gehaltene “Abkommen” wurde für 1992 nicht mehr erneuert, weil die Airline einen Sparbefehl ausgegeben hatte – und weil neuerdings TV-Sponsoring gesetzlich erlaubt ist.
Verglichen mit all diesen vielfältigen Spielarten geheimgehaltener Deals – vom kleinen Gefälligkeitsgeschenk bis hin zu den verschobenen Aktienpaketen zugunsten der Herren Z’Graggen und Bohnenblust -, erscheint der Filz des Radiomannes Richard Schwertfeger geradezu transparent. Der DRS-Wirtschaftsjournalist mit dem unverwechselbar biederen Timbre in der Stimme verdingte sich für einen TV-Werbespot und eine Zeitungsanzeige der “Schweizerischen Bankiervereinigung”, worin er “Bankgesellschaft”-Boss Robert Studer in einem kindlich formulierten “Interview” die Stichworte lieferte, um dem Schweizervolk kundzutun, welch “strengen gesetzlichen Vorschriften” die helvetischen Geldinstitute unterliegen.
Kommentar des Journalisten, der am DRS-Radio regelmässig Bank-Themen behandelt: Ja, er sehe durch die Werbe-Darbietung “durchaus berufsethische Fragen tangiert”. Chefredaktor Marco Färber hat Schwertfeger “sämtliche Mikrophon-Auftritte … untersagt”, bis ein intern anberaumtes Verfahren abgeschlossen ist – wohl deshalb, weil die Korruption gewissermassen vor allen Leuten vorgeführt wurde.
Doch auch Sozialdemokrat Schwertfeger hat sein Geheimnis: Im Auftrag von Sozialdemokrat Otto Stich verfasste er das “Abstimmungsbüchlein” zum Urnengang über den Beitritt der Schweiz zum “Internationalen Währungsfonds”.

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