10. Juli 2007 von Klartext

Nasse Hände

Wenn “Blick” über den Besuch eines US-Generals in der Schweiz berichtet, kommt es so heraus:

“Ich war Geisel von Saddam Hussein in Kuwait-City – er war der Held des Krieges gegen die irakische Armee. Gestern trafen wir uns: Ich, die 45jährige Schweizerin und heutige ,Blick’-Fotografin Katja Snozzi, und er, US-General Norman Schwarzkopf. Eine aussergewöhnliche, bewegende Begegnung für mich im Kunstmuseum ,Am Römerholz’ in Winterthur.
Ich habe den Golfkriegshelden im Visier, fotografiere, wie er sich ins Gästebuch des Museums einschreibt. Jemand sagt zu Schwarzkopf: ,Diese Frau war eine Geisel in Kuwait-City.’
Wir gehen spontan aufeinander zu. Schwarzkopf ist ein Hüne. Der General, der mit seiner Flugwaffe und seinen Panzern Saddam Hussein besiegte, hat ein freundliches Gesicht, eine faszinierende, warme Ausstrahlung.
,Um Himmels willen, Sie waren in Kuwait?’ fragt er. In mir kommen Erinnerungen an die Ängste in der Schweizer Botschaft in Kuwait-City hoch. Ich habe nasse Hände und Herzklopfen. Schwarzkopf will Einzelheiten über meine Zeit als Geisel wissen. Ich schildere ihm meinen Weg in die Freiheit: Mit dem Autokonvoi von Kuwait-City nach Bagdad, die Reise über die Nordgrenze Iraks in die Türkei, den Flug nach Zürich.
Schwarzkopf zeigt Anteilnahme: ,Einen Monat waren Sie in Kuwait. Das ist eine sehr lange Zeit. Und als Geisel haben Sie viel durchgemacht, dessen waren wir uns im Generalstab immer bewusst.’
,Haben Sie wirklich an die Einzelschicksale, an die Ängste der Geiseln gedacht?’ frage ich. ,Selbstverständlich, jede Geiselfreilassung war für mich ein grosses Glücksgefühl.’
Ich habe ihn ungläubig gefragt – aber dieser Mann hat eine ungewöhnliche charismatische Ausstrahlung. Ich weiss nicht warum – aber ich glaube ihm jedes Wort. ,Er ist eine Vaterfigur’, schiesst es mir durch den Kopf, während er auf mich einredet. Wenn ich gewusst hätte, dass ein Mann dieses Formats die Fäden im Krieg gegen den Irak in der Hand hält – vielleicht wäre ich dann als Geisel optimistischer gewesen. Ein absurder Gedanke – heute, eineinhalb Jahre nach der Befreiung.
(…)
Schwarzkopf fragt mich: ,Wie geht es Ihnen jetzt, eineinhalb Jahre danach?’ Ich sage ganz selbstverständlich: ,Gut, sehr gut.’ Obwohl es mir jetzt, da die Erinnerung an diese schrecklichen, angsterfüllten Tage hochkommt, nicht mehr gut geht. Szenen werden wach – zum Beispiel, wie ich darum gebetet habe, dass nicht plötzlich amerikanische Flugzeuge am Himmel auftauchen und Bomben über Kuwait-City abwerfen.
Schwarzkopf drückt mir die Hand und sagt: ,Wenn Sie je wieder in eine schwierige Lebenslage kommen, dürfen Sie nie den Glauben verlieren. Den Glauben an Gerechtigkeit.’
Wir verabschieden uns. Er geht weg. Ich bleibe zurück. Die Anspannung fällt von mir ab. Ich weine.”
Katja Snozzi im “Blick” vom 23. März 1992

10. Juli 2007 von Klartext

Totschweigen oder blossstellen?

Jürg Frischknecht über den Umgang der Medien mit Rechtsradikalen*

Im Sommer 1989 wurden die neuen Fröntler zum Medienthema. “Die braune Front – Schweizer Neonazis machen mobil”, titelte die “Schweizer Illustrierte” im Juni 1989 über eine siebenseitige Reportage. Das Aufmacherfoto zeigte Marcel Strebel mit zwei Mitstreitern in heldenhafter Pose vor dem Morgarten-Denkmal. Fortan war Strebel eine öffentliche Figur. Anfangs August folgte “Die Weltwoche” mit einem ganzseitigen Porträt über den “Mann, der die Schweiz säubern will”. Vollends in die Schlagzeilen brachte Strebel sein Auftritt im “Zischtigsclub” des Schweizer Fernsehens vom 22. August; Titel: “Fremdenhasser machen mobil.” Im Fernsehen folgte im September der “Rundschau”-Beitrag “Die neuen Rechtsradikalen” und im Oktober die grossflächige “Limit”-Sendung “Bei uns nicht! – Rechtsradikalismus und Rassismus in der Schweiz”. Der “Blick” schwamm mit zahlreichen Titelgeschichten und Aushang-Plakaten auf der Medienwelle mit. In jenen Monaten wurde in der Öffentlichkeit immer wieder die Frage aufgeworfen, ob die neuen Fröntler nicht bloss ein künstliches Medienprodukt seien.
Je weiter rechts ein Kommentator steht, desto eher neigt er dazu, den Medien vorzuwerfen, die neonazistische Gefahr aufzubauschen, wenn nicht gar zu erfinden. Radio und Fernsehen DRS würden “praktisch jeder Recherche Frischknechts eine Sendung folgen lassen und nach dem edlen Motto ,Wehret den Anfängen’ eine auf unser Land zurollende Welle des Rechtsradikalismus monieren”, mäkelte im April jene NZZ, die es ein halbes Jahr später wohl als einzige Tageszeitung fertigbrachte, den aufsehenerregenden Überfall der Strebel-Bande auf die Asylunterkunft in Steinhausen vorerst mit keinem Wort zu vermelden. “Wird dem Problem des Rechtsradikalismus in der Schweiz nicht ein zu grosser Stellenwert beigemessen?” fragte im September die “Wirtschaftsförderung” rhetorisch. “Jetzt wird auch in den Schweizer Medien eine ,Gefahr von rechts’ herbeigeredet und -geflimmert”, ärgerte sich kurz darauf in einer “Bund”-Kolumne Markus Herzig, passionierter Medien- und Kirchenwächter.
Dass die Redaktionen im Sommer und Herbst 1989 diesem Phänomen vermehrt Aufmerksamkeit schenkten, war keine Machenschaft subversiver Medienschaffender, sondern die Reaktion auf wachsende Aktivitäten: zum ersten Mal seit Jahrzehnten öffentliche Kundgebungen und Versammlungen, Gewalttätigkeiten gegen Asylunterkünfte und Asylsuchende bis hin zum Totschlag. Die Kritik von rechtsaussen hat ein doppeltes Motiv: Zum einen spielt das alte Muster, für Meldungen, die einem nicht passen, den Meldeläufer verantwortlich zu machen. Zum andern befürchten diese Kreise nicht ganz zu unrecht, dass dieses Thema möglicherweise die Frage nach ihrem eigenen politischen Verhalten provozieren könnte.

Die offene Forderung oder auch bloss stille Erwartung an die Medien, weniger bis gar nicht über rechtsradikale Vorfälle und Tendenzen zu berichten, formulieren indessen nicht nur “unheimliche Patrioten”. Auch Kreise, die sich über die zunehmende rassistische Gewalt Sorgen machen, vertreten mitunter die Position, am besten schweige man über entsprechende Vorfälle. Eine Berichterstattung sei für die Täter ein unnötiges Erfolgserlebnis und könne zudem andere Personen zu Nachahmungstaten animieren. Diese Haltung ist insbesondere in jüdischen Kreisen anzutreffen. Aber auch christliche oder linke Engagierte der Asylbewegung reagieren, wenn gegen “ihre” Asylunterkunft ein Anschlag verübt wird, oft so: Nur kein Aufhebens veranstalten. Auch hier wird auf die Hoffnung gebaut, den Spuk durch Totschweigen überstehen zu können.

Exakt das gegenteilige Rezept wurde im berühmt gewordenen “Zischtigsclub” des Schweizer Fernsehens vom 22. August 1989 mit dem Auftritt des Innerschweizer Fröntlers Marcel Strebel praktiziert: zur Schau stellen und damit blossstellen. “Strebel war so wahnsinnig aggressiv, dass er sich damit selbst demaskiert hat”, behauptete Chefredaktor Erich Gysling nach der umstrittenen Sendung, in der Strebel seinen Fremdenhass ungezügelt unters Fernsehpublikum bringen konnte. Und gleich auch praktisch vordemonstrierte, indem er sich weigerte, mit dem schwarzen Publizisten Matthias O. Ezioba, der erst im Verlauf der Sendung zur Studiorunde zugelassen wurde, überhaupt zu sprechen.
Ich halte von beiden Positionen, vom Totschweigen wie vom Blossstellen, wenig. Zwar mag in Ausnahmefällen ein Schweigen gerechtfertigt sein, doch als Regel taugt diese Haltung nicht. Zudem kann ein Schweigen schnell als stille Komplizenschaft missverstanden werden – nicht zuletzt, weil diese Haltung jener zu nahe ist, die das Phänomen am liebsten verdrängen würde.
Umgekehrt ist die Spekulation auf eine Selbstentblössung der Rassisten ein grosser Irrtum. Nur die ohnehin Rassismusresistenten fanden den Strebel-Auftritt unerträglich. Rassismusanfällige hingegen identifizierten sich mit den menschenverachtenden Parolen. Ein Zürcher Millionär war von Strebels TV-Auftritt derart angetan, dass er ihm am folgenden Tag einen Scheck über 10’000 Franken schickte.
Ich unterstelle meinen Kollegen und Kolleginnen, dass nicht allein das beanspruchte Motiv der Selbstentblössung zu Einladungen wie jener von Strebel in den “Zischtigsclub” führt, sondern die Spekulation auf eine bessere Einschaltquote. Rassisten verkaufen sich gut, weil offene und latente rassistische Tendenzen verbreitet sind. Das weiss jede Boulevardredaktion, und das gilt auch für das Boulevardmedium Fernsehen. Eine noch höhere Einschaltquote als bei der Sendung mit Strebel erzielte der “Zischtigsclub” 1989 nur noch mit dem Thema “Drogenhölle Platzspitz”. Im “Blick” liefen die Strebel-Schlagzeilen so gut, dass sie über mehrere Tage durchgezogen wurden: Thema Fernsehen plus Thema Fremdenhass – eine Traumkombination.
Die journalistische Methode der Selbstdarstellung zwecks Blossstellung ist auch von “seriösen” Redaktionen praktiziert worden, etwa vom “Magazin” des “Tages-Anzeigers” und der “Berner Zeitung”, wo im Dezember 1989 “Ein Tag im Leben von Eric Weber” zu lesen war. Unkommentiert und unwidersprochen konnte der rechtsextreme Basler Politiker seine fremdenfeindliche Haltung kundtun. Die Publikumsreaktion war derart vehement und eindeutig, dass sich der Chefredaktor hinterher rechtfertigen und entschuldigen musste.

So einleuchtend einerseits die Überlegung ist, für die Meinungsbildung und die Auseinandersetzung mit Rassisten müssten deren Ansichten im Originalton zur Kenntnis genommen werden können, so problematisch ist es andererseits, einer menschenverachtenden Ideologie eine Plattform zur Verfügung zu stellen. Meine Erfahrung und Beobachtung ist, ich wiederhole sie bewusst, dass Rassismusresistente entsetzt und angewidert reagieren, Rassismusanfällige jedoch ein willkommenes Identifikationsangebot wahrnehmen.
Ich plädiere dafür, das Thema wenn immer möglich in der klassisch journalistischen Form anzugehen: die verfügbaren Informationen kritisch aufarbeiten und differenziert-distanziert darstellen. Das heisst beispielsweise, beschwichtigende Äusserungen von Neonazigruppen (etwa “Wir lehnen Gewalt ab”) nicht unüberprüft weiterzuverbreiten, sondern wenn nötig zu widerlegen. Ich weiss, dass selbst ein solches Vorgehen nicht gefeit ist vor unerwünschten Effekten. Vom “Rundschau”-Beitrag, den Reto Padrutt und ich im August 1989 mit diesem Anspruch fürs Schweizer Fernsehen realisiert haben, fühlte sich der Zürcher Norbert Wild so angesprochen, dass er mit der porträtierten Schaffhauser Jungnazi-Gruppe NPS Kontakt aufnahm und rasch in deren Führungsgruppe aufstieg. Eine ähnliche Erfahrung machte einen Monat später die TV-Sendung “Limit”.
Als Vorlage für eine grosse Studio-Diskussion mit einem strikt nach dem Kriterium der Ausgewogenheit ausgewählten Publikum wurde der österreichische Spielfilm “Die Erben” ausgestrahlt – ein Streifen über die Innenwelt und die Hintermänner einer Neonazigruppe.
Das Konstanzer Neonaziblatt “Der badische Landbote” bot darauf eine Videokassette mit Film samt Diskussion für 20 Mark feil (übrigens, ohne dass das Fernsehen eingeschritten wäre). Gleichzeitig bejubelte das Blatt die gewaltige Medienpräsenz von Strebel: “Die Schweizer Bildzeitung ,Blick’ widmete ihm allein im vergangenen Monat elf Titelseiten. Das Fernsehen setzte drei Sondersendungen an, eine davon mit einer Spielzeit von über drei Stunden. In kurzer Zeit hat Marcel Strebel eine neue Organisation, die ,Patriotische Front’, aufgebaut und dieser mit ständigen unglaublich öffentlichkeitswirksamen Aktionen in der ganzen Schweiz Publizität verschafft.”

Was der Sendung “Limit” unfreiwillig widerfuhr, dass sie nämlich trotz klarer didaktischer Absicht auch gegenteilig verstanden und eingesetzt wurde, kann auch als redaktionelle Politik bewusst gepflegt werden: eine ambivalente Aufmachung, die sowohl Rassismusresistente wie Rassismusanfällige anspricht. Vom Marketing-Standpunkt her ist es eine reife Leistung, wenn ein stark polarisierendes Thema in einem einzigen Beitrag so aufgemacht wird, dass sich beide Seiten emotional stark angesprochen fühlen. Dieses Kunststück führte in den letzten Jahren wiederholt die “Schweizer Illustrierte” vor (nicht nur beim Thema Rechtsradikalismus). Ein Beispiel ist die erwähnte Reportage “Die braune Front”, mit der sie die Strebel-Truppe landesweit bekannt machte. Die doppelseitigen Aufmacherfotos waren auch geeignet, Rechtsradikale anzumachen; die Aufnahmen hätten gut in ihre Buden gepasst. Ich halte jedes Kokettieren mit der Ambivalenz beim Thema Rassismus für unverantwortlich.
Die gekonnteste Vermarktung von Strebel praktizierte (und praktiziert) zweifellos der “Blick”. Seine Geschichten funktionieren in der Regel nach der Masche “So schlimm ist dieser Fremdenhasser” – ein Auswahlangebot zur Empörung wie zur Identifizierung. Der “Blick” weiss aus einer langen Tradition, dass sich das Thema Fremdenhass gut verkauft. Ob die Geschichte im Einzelfall das Vorzeichen Plus oder das Vorzeichen Minus trägt, ist weniger entscheidend als die Grösse der Aufmachung.
Der “Blick” lebt wie alle Boulevardmedien von der Ausbeutung von Ängsten und Vorurteilen. Dass er solche Ängste und Vorurteile mit jeder neuen Schlagzeile verstärkt, verbessert die Chance der nächsten Schlagzeile. Oder umgekehrt formuliert: In einer Gesellschaft ohne Ängste, ohne Triebunterdrückung und ohne angestaute Aggressionen hätte ein “Blick” keine Chance.

Zurück zum konkreten Thema. Das Doppelspiel des “Blick”, Emotionen zu schüren und gelegentlich einen distanzierenden Vorzeige-Kommentar ins Blatt zu rücken, hat nicht nur Methode, sondern auch Geschichte. Als der vier Jahre junge “Blick” im September 1963 von den Geburtswehen der NA Wind bekam, war sich die Redaktion an diesem Nachmittag uneinig über die Stossrichtung, wie Arthur (Turi) Honegger in seinem Roman “Alpträume” berichtet. “Wenn wir diese ,Nationale Aktion’ gleich in den Boden stampfen, dann sind die ,Blick’-Leser vielleicht sauer auf uns”, befürchtete der Chefredaktor, worauf der Produzent einwarf: “Da gehört aber ein scharfer Kommentar dazu. Wir müssen uns absichern. Sonst wirft man uns vor, wir hätten für diese Leute Propaganda gemacht oder wir seien der gleichen Meinung.” An dieses Rezept hat sich der “Blick” nunmehr bald drei Jahrzehnte gehalten.
Kein anderes Massenmedium führt so oft und so intensiv wie der “Blick” den Mist, auf dem die Politik einer NA (und inzwischen auch der Zürcher SVP und der “Autopartei”/AP) gedeiht. Immer wieder hat die NA in ihrem Organ “Volk + Heimat” und in Flugblättern “Blick”-Geschichten aufgegriffen. Am 12. September 1984 brachte der “Blick” eine später als komplette Falschmeldung entlarvte Geschichte; Titel: “Kranke Frau die ganze Nacht von sechs Männern vergewaltigt”, Einstieg: “Die Patientin einer Psychiatrischen Klinik wurde von sechs Tamilen die ganze Nacht sexuell missbraucht.” Prompt doppelte die Zürcher NA in einem Inserat im “Tagblatt der Stadt Zürich” nach: “In keinem Land der Erde können Tamilen gleich rudelweise ein wehrloses Schweizer Mädchen vergewaltigen und anschliessend völlig unbehelligt weiterhin in den Strassen Berns unseren Mädchen nachstellen.” Rudelweise – der Begriff stammt aus der Tierwelt, der die NA die Tamilen offenbar zurechnet. Ein gutes Jahr später meldete der “Blick” verschämt ganz unten in einer Seitenecke, dass das Verfahren gegen die Tamilen eingestellt worden sei, da dieses Liebesabenteuer eindeutig keine Vergewaltigung gewesen sei. Das Gericht sprach den Tamilen eine Entschädigung zu. Dazu hat die NA kein Inserat mehr aufgegeben.
Als die Berner NA im Oktober 1985 neue Mitglieder mit einem Flugblatt warb, das zwei “Blick”-Geschichten in Faksimile wiedergab, wurde es dem “Blick”-Verleger Ringier für einmal zu peinlich: Er versuchte, die Verbreitung des Flugblattes gerichtlich zu verbieten, unterlag jedoch. “Die NA betreibt ihre Agitation in einer Art, die nur den Fremdenhass schürt; davon distanzierte und distanziert sich ,Blick’ scharf”, begründete das Blatt die Klage. Leider drückte sich der Kommentar um die Frage, weshalb denn die NA mit der Wiedergabe von “Blick”-Artikeln den Fremdenhass schüren kann. Der “Blick” sät und sät, aber er will mit der Ernte nichts zu tun haben.
Er wolle das “Asylantenproblem” wie eine Zitrone bis zum letzten Tropfen auspressen, bekannte NA-Scharfmacher Markus Ruf einmal parteiintern. Der “Blick” ist zurückhaltender; er presst nur bis zum vorletzten Tropfen. Dass der “Blick” so funktioniert, hat vergleichsweise wenig mit dem gerade amtierenden Chefredaktor und viel mit den Marktmechanismen zu tun, welche die Boulevardpresse bestimmen.

Besonders penetrant betrieb der “Blick” das auflagestimulierende Ausbeuten des Asylthemas in der Ära von Chefredaktor Peter Uebersax, also von 1980 bis 1986. “Wir hätten die Tamilen morgen schon ausgeschafft, wenn wir das wollten”, hat Uebersax, der sich mitunter als achter Bundesrat verstand, einmal bekannt. “Zeitungen können nur wenige Meinungen ändern. Aber sie können bereits dumpf vorhandene Meinungen artikulieren oder verhärten, Trends verstärken – und sie können Emotionen auslösen. Im letzten Punkt lauern unbestreitbare Gefahren.” Mit andern Worten: Uebersax wusste, auf welchem Klavier er spielte. Er hat diese dumpfen Emotionen bewusst ausgebeutet – der alles dominierenden Auflagesteigerung zuliebe. Dabei hat er wiederholt auch Falschmeldungen in Kauf genommen. Von allen bisherigen “Blick”-Chefredaktoren war Uebersax der Auflagevampir mit dem sichersten Instinkt.

Zeitungen können dumpf vorhandene Emotionen auslösen – die Feststellung trifft nicht nur für das Boulevardmedium “Blick” zu. Dass sich auch Lokalblätter – wenn auch weniger systematisch – auf dieses Geschäft verstehen, sei am Beispiel des “Thurgauer Tagblatts” illustriert. In der Sommerflaute 1990 besuchte die Redaktion des Blattes zwei Flüchtlingsheime in Weinfelden und gab brühwarm die verletzenden Vorurteile eines genervten Betreuers wieder. “Nun Schluss mit Steuergeldern”, titelte das Blatt und rechnete vor, wieviele wertvolle Steuerfranken schon ausgegeben wurden – und das in einer Ge-meinde, die bis jetzt “keinen echten Flücht-ling gehabt” habe. In der Mentalität eines Hausmeisters, dem die Hausordnung ans Herz gewachsen ist, warf die Zeitung den Asylsuchenden auf der Frontseite eine “unvorstellbare Schweinerei” sowie Sachbeschädigungen und nicht weiter belegte Diebstähle vor. Die bei einer unangemeldeten Inspektion gesammelten lächerlichen Negativpunkte – eine abgefallene Küchenkastentür, stundenlanges Brennenlassen von Licht, hochgeschossener Salat im Garten, mangelnde Benützung des Spielplatzes – wurden über vier Spalten haarspalterisch-kleinlich ausgebreitet. “Möglicherweise ist das ja in seinem (des Tamilen) Heimatland gang und gäbe”, vorurteilte die Redaktorin in ihrem Kommentar, den sie in entwaffnender Offenheit “Gegen die Wand” überschrieb.
Der Hetzartikel löste eine Welle von Zuschriften aus, empörte wie zustimmende. Auf der “Leserseite” durfte der Präsident der “Nationalrepublikanischen Aktion”, wie die Thurgauer NA heisst, gegen die “falsche und himmelschreiende ,Menschlichkeit'” in der offiziellen Asylpolitik wettern und fragen: “Wann wird endlich die Rechnung gemacht mit solchen Asylschleichern?” Besorgt stellte eine andere Zuschrift die Frage: “Soll es denn auch in Weinfelden zu Anschlägen auf Asylantenhäuser wie in der Innerschweiz oder in Graubünden kommen?” Es kam dazu, exakt ein Vierteljahr nach dieser Stimmungsmache.

Aber im Volk ist ein breiter Unmut vorhanden, wir können das nicht totschweigen”, werden einzelne Kollegen und Kolleginnen einwerfen. Dem halte ich entgegen: Es gibt noch viele potentiell vorhandene Meinungen und Stimmungen, die man rauskitzeln könnte. Jeden Tag schreit irgendwo an einem Stammtisch eine Lokalgrösse nach der “Todesstrafe für Heroin-Dealer und Asylantenschlepper”. Es wäre ein leichtes, mit Schlagzeilen zum Thema Todesstrafe bereits vorhandene Meinungen zu verstärken – bis hin zu einer möglichen Mehrheit. Ob eine Redaktion dies tut oder nicht, ist einzig ihr Entscheid. Beim Thema Todesstrafe siegt die Verantwortung, beim Thema Rassismus die Aussicht aufs Geschäft.

* Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung des Kapitels “Ein Fressen für die Medien” aus Jürg Frischknechts eben erschienenem Buch “,Schweiz wir kommen’. Die neuen Fröntler und Rassisten” (Limmat Verlag, Zürich 1991, 340 Seiten, Fr. 34.-).

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