10. Juli 2007 von Klartext

Wo blieben die Zusammenhänge?

Cristina Karrer* zur Berichterstattung über die kurdischen Flüchtlinge

Im Lager Isikveren, an der türkisch-irakischen Grenze. Zeitpunkt: Mitte April. Am Lagereingang scheint man die Lage im Griff zu haben. Ein Spitalzelt, eine Telefonkabine und weiter oben das türkische Militär, das sich gerade im Exerzieren übt. Mein Begleiter, ein welscher Journalist, strebt weiter. Er ist im Stress. Schliesslich will er die wenige Zeit, die ihm zur Verfügung steht, so gut wie möglich nutzen. Ein Feature schwebt ihm vor, die Leidensgeschichte einer irakischen Familie.
Das Leiden, das Elend und die Verzweiflung kamen in den letzten Wochen nicht zu kurz. Die Medien waren voll davon. Jeder Tag brachte neue Bilder und noch schlimmere Nachrichten. Es galt, gegen die Trägheit der Welt zu kämpfen. Schreckliches sind wir uns leider gewohnt. Zumindest medial, auf vermittelter Ebene. Und so mussten die Bilder alles Bisherige schlagen und direkt das Herz angreifen. Sie hatten derart zu treffen, dass es sich ein amerikanischer Präsident nicht mehr leisten konnte, abseits zu stehen und Golf zu spielen, und die breiten Massen die “Tagesschau” nicht mehr telquel verdauten, sondern sich moralisch verpflichtet fühlten, wenigstens etwas für die armen Kurdinnen und Kurden zu spenden.

Ich gehe mit dem welschen Journalisten um die nächste Wegkehre. Er drückt sich am Traktor vorbei, der den Weg versperrt. Ich kann nicht weiter, denn was ich sehe, lähmt. Im Profil der grossen Traktorreifen kleben Teigwaren. Hörnli, ausgeschüttetes Mehl und Kleider verbinden sich zu einem matschigen Teppich, der die Alpwiesen grossflächig bedeckt.
Die Vielfalt der Geschehnisse zersprengt mir beinah’ den Kopf. Auf dem Hügel vor mir nehme ich die Flüchtlinge nur als rennende Masse wahr. Alle schreien, die Flüchtlinge, das türkische Militär. Zehn Meter daneben hat ein Fernsehteam seine Kamera aufgestellt. Ein Peschmerga** wird fernsehgerecht drapiert. Ein Junge reitet auf einem Esel über die Kleider. Hubschrauber kreisen. Es tönt wie auf einer Baustelle.
Da blickt mir ein alter Mann geradewegs in die Augen. Während wir die Grussformel austauschen, treten drei junge Männer hinzu. Wir radebrechen auf englisch, und, so absurd es tönt, wir sprechen nicht nur über Saddam, über das fehlende Wasser, die Gemeinheit der Amerikaner und des türkischen Militärs, das ihnen die Uhren abgenommen hat – nein, wir reden auch über Fussball. Wir lachen zusammen, während vor unseren Augen ein Lastwagen mit Brotlaiben gestürmt wird. Weder der alte Mann noch die jungen Typen aus Zacho wirken gebrochen. Im Gegenteil. Aus ihrer Haltung, ihren Gesichtern sprechen Stolz und Würde.

Die Flüchtlinge als Menschen, als Denkende und Agierende, als Eigenwillige und Visionäre – davon habe ich in der Zeitung sehr selten gelesen. Gerade einmal hiess es in einem Titel über iranische Lager: “Noch haben die Flüchtlinge ihre Würde nicht verloren.” Doch was meinen sie denn, die Flüchtlinge, grundsätzlich zu ihrer Lage? Was halten sie von den Amerikanern, die ihnen zuerst die Unterstützung verweigerten und dann plötzlich als Rettungsengel vom Himmel fielen? Stimmt es, dass ihr Unmut über ihre Anführer mehr ist als ein momentaner, aus der Situation heraus begründeter? Was haben die kurdischen Flüchtlinge unter den Kurdinnen und Kurden in der Türkei und im Iran ausgelöst? Wo war etwas zu lesen über die alte Kurdin im türkischen Städtchen Cizre, die mit Plastikschuhen ins Lager Isikveren marschierte, dort ihre Verwandten unter Hunderttausenden aufspürte und die, nach ihrer Rückkehr auf den Bus nach Diyarbakir wartend, unter den kurdischen Mitreisenden eine wutentbrannte Diskussion über die türkische Regierung und das türkische Militär auslöste?
Natürlich, es gab auch Hintergrundberichte. Da wurde das kurdische Volk seziert, die Sprache war einen Abschnitt wert und die kurdische Frau. Historisch mehr oder weniger einwandfrei, versuchten die Verfasserinnen und Verfasser, dem Schicksal dieses Volkes gerecht zu werden, indem sie sich auf den tragischen Aspekt beschränkten. Von “ewigen Verlierern” war die Rede, vom “unterdrückten” oder “vergessenen Volk” und immer wieder von “niedergeschlagenen Revolten”.
Über die Gründe, die zu diesem Schicksal führten, hat man weniger Worte verloren. Fast immer – grosse Ausnahme: das Korrespondenten-Paar van Gent) – wurden die Kurdinnen und Kurden als Opfer festgenagelt. Und ihre sogenannte Tragik siedelte man an auf einer unerreichbaren, abgehobenen, schicksalsgegebenen Ebene.

Heute, mehr als einen Monat später, ist das Lager Isikveren zum grossen Teil verlassen. Eine verwüstete Landschaft, stummer Zeuge der Geschehnisse. Die letzten Familien brechen auf zum zweistündigen Marsch nach Zacho, von wo sie mit Lastwagen in die Schutzzonen gebracht werden. Der Tross der Journalistinnen und Journalisten hat sich endgültig in Cizre niedergelassen. Um die an der Strasse zwischen Cizre und Ulledere Campierenden – vertriebene, kurdische Familien aus umliegenden, zerstörten Dörfern – kümmert sich, abgesehen von gut Dokumentierten, niemand. Auch sie sind keine journalistische Frage wert, kein Fragezeichen.

Wo also blieben die politischen Zusammenhänge? Die geostrategischen, weltmächtigen, jene, in denen die Kurdinnen und Kurden eine aktive Rolle spielen, eine ihnen angebrachte?
Die Hilfslawine, ja, die wurde ausgelöst, und überall in der Schweiz ist Kurdistan ein Thema, ein kulturelles, kulinarisches, ein leicht verdaubares.
Der grosse Rest, um den es eigentlich ginge, blieb hingegen auf der Strecke.

* Cristina Karrer, 30, freie Journalistin in Zürich.
** Peschmerga: Widerstandskämpfer.

23. August 2004 von Bettina Büsser

Zahlensalat, essigsauer

Medienzahlen, ob richtig oder manipuliert, beeinflussen Entscheide von Medienhäusern. JournalistInnen müssen deshalb ein Interesse an genauen Erhebungen haben.

März 2004: Die Tessiner Satirezeitschrift “Il Diavolo” deckt auf, dass es Anfang der 1990er Jahre Unregelmässigkeiten bei den Auflagezahlen des “Giornale del Popolo” gab. Filippo Lombardi, “Giornale”-Chefredaktor von 1992 bis 1996, weist die Vorwürfe zurück. Wenig später gesteht er “Korrekturen” der Auflage ein. Die Tessiner Staatsanwaltschaft kommt zum Schluss: Zwischen 1994 und 2000 hat das “Giornale del Popolo” (Auflage: rund 25’000 bis 27’000 Exemplare) gegenüber der Wemf die Auflage jeweils wahrscheinlich um “mehrere tausend Exemplare” erhöht.
März 2004: Die Radiocontrol-Zahlen erscheinen mit Verspätung. Grund: Nach einer Erhöhung der Stichproben (d.h. Zahl der Radiohör-Messuhren) wurde falsch hochgerechnet. Die Publikation wird vorerst gestoppt. Im Mai werden dann Radiocontrol-Zahlen publiziert – doch es fehlen die Zahlen von Radio Grischa und Radio Fréquence Jura. Sie erreichten nämlich aufgrund der erweiterten Erhebung weit tiefere Zahlen als früher. Grischa-Besitzer Hanspeter Lebrument erwägt eine Schadenersatzklage gegen den SRG-Forschungsdienst, da dieser womöglich während 14 Jahren zu hohe Reichweiten für sein Radio angegeben habe und seine Werbekunden aufgrund dieser Zahlen zu viel bezahlt hätten. Auch bei den im Juli bekannt gegebenen Halbjahreszahlen für 2004 ist Radio Grischa nicht dabei.
Juli 2004: Es wird öffentlich, dass die Wemf-Auflagezahlen für den Winterthurer “Landboten” nicht stimmen. Zumindest für die aktuell ausgewiesene Auflage (rund 48’000 Exemplare), eventuell auch schon für frühere Jahre, habe der bis vor kurzem zuständige Verlagsleiter die Auflage nach oben “korrigiert”, lässt der Verlag verlauten und reicht Strafanzeige ein. Gerüchteweise herumgeboten wird eine Zahl von 10’000 Exemplaren, die zu viel ausgewiesen worden seien.

Wemf-Zahlen galten einst als zuverlässig
Wemf-Zahlen (Auflage und Reichweite der Zeitungen) wie auch Telecontrol- und Radiocontrol-Zahlen (Reichweitezahlen für Radio und Fernsehen, erhoben von SRG-Töchtern) waren jahrelang feste Werte. Wer daran zweifelte, zweifelte aus Konkurrenzneid. Wer beispielsweise den Wemf-ausgewiesenen Zuwachs der “Weltwoche” unter Roger Köppel infrage stellte (Sind vielleicht auch viele Gratis- und Probeabos dabei?), handelte sich den Vorwurf ein, aus ideologischen Gründen zu zweifeln. Und jetzt scheint plötzlich einiges denkbarer als auch schon. Oder zumindest hinterfragbar.
Manipulierte oder fehlerhafte Zahlen können viel auslösen. Die “steigende” Auflage des “Landboten” hat möglicherweise dazu beigetragen, dass der “Tages-Anzeiger” seine Seite “Winterthur” aufgegeben hat und nun die Artikel über Winterthur im Regionalteil verteilt. Denn der “Tages-Anzeiger” wollte mit der Winterthur-Seite natürlich den “Landbote”-Markt angreifen. Die (falschen) Wemf-Zahlen “bewiesen” aber, dass der Angriff zwecklos war – dem “Landboten” schien es besser zu gehen denn je.
Doch nicht nur die jetzt bekannt gewordenen Fehler und Fälschungen lassen Zweifel an den Medienzahlen aufkommen. Die Presse-Reichweitezahlen beruhen auf Befragungen (à la: Was haben Sie in der letzten Zeit gelesen?); die Wemf-Auflagezahlen berechnen sich aufgrund der Eigendeklaration der Verlage. Da ist viel Spielraum. Die Tamedia beispielsweise hat bereits auf 2003 eine neue Beglaubigungsstrategie eingeführt. Sie lässt für alle ihre Produkte bei der Wemf nur noch “nachhaltige Auflagenzahlen” aufschreiben. “Das bedeutet: Die konstanten Grössen, also die Zahlen, die unsere Produkte bei den festen Abonnementen und am Kiosk erzielen, werden beglaubigt. Promo-Aktionen, Lesezirkel und die Exemplare, die in den Airlines aufliegen, werden nicht mehr dazugezählt”, erklärt Franziska Hügli, Leiterin Unternehmenskommunikation Tamedia, auf Anfrage. Für “Facts” und “Annabelle” führte diese neue Deklarationsstrategie 2003 zu einem massiven Auflagerückgang von über 22 beziehungsweise über 26 Prozent!

Börsenkotierung verlangt Transparenz
Als börsenkotierte Firma muss die Tamedia offener kommunizieren als andere Unternehmen. Sie hat die neue Beglaubigungsstrategie und ihre Folgen offen gelegt. Wie aber Medienhäuser, die unter geringerem Kommunikationsdruck stehen, ihre “Beglaubigungspolitik” gestalten, wird nicht bekannt. Aufstocken mit Hilfe von Probeabos? Oder gar in schlechten Zeiten “zurückfahren” auf “harte” Werte?
Zahlen und Zahlensalat betreffen aber auch RedaktorInnen und JournalistInnen, ob nun frei oder fest angestellt: Sinkende Auflagezahlen und sinkende Reichweiten dienen als Argumente bei Sparmassnahmen. Grund genug also, sich für Zahlen, ihre Hintergründe und ihr Zustandekommen zu interessieren.

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