17. März 2010 von Christian Müller

Die Zehn Gebote des modernen Journalismus

  1. Beginne deine berufliche Laufbahn möglichst früh, bevor du dich durch eine Fachausbildung thematisch einengst. Schreibend zu lernen, was du verstehen solltest, macht eh mehr Spass, als die zeitaufwendige Aneignung von Wissen im voraus.
  2. Vergiss die Rechtschreibung und konzentriere dich darauf, das zu schreiben, was dein Chef von dir erwartet. Orthographische Kenntnisse sind reiner Ballast; der Computer korrigiert deinen Text automatisch.
  3. Formuliere frei. Grammatik war einmal. Was die Journalisten nicht wagten, haben die Werber erfolgreich vorgemacht. Lerne von ihrer aussagekräftigen, prägnanten Schreibe. Zum Beispiel so: Antworten? Nein. Keine. Noch keine. Noch keine? Noch keine! Eben.
  4. Verwende bewusst zeitgeistige Wörter wie “geil” oder “cool” oder “mega”. Dadurch schaffst du dir das Image eines jungen, lesernahen Reporters. Nichts schadet deinem Image mehr als die Duden-konforme Sprache eines Schullehrers. Du bist ja nicht von gestern.
  5. Schreibe bildhaft. “Die zartbesaitete Frau musste den mühsamen Gang durch die Instanzen antreten, um auch diese Schlacht im Galopp gewinnen zu können.” So wird ein Text anschaulicher, dramatischer – und erst noch verständlicher.
  6. Biete Neues. Die heutigen Leser sind neugierig: gierig auf Neues. Das Neue hat deshalb absoluten Vorrang. Aufwendige Abklärungen führen zu Bestätigungen, nicht zu Neuem. Lieber ein neues Gerücht als eine alte Wahrheit.
  7. Bleibe exakt. An Medienkonferenzen werden Unterlagen abgegeben. Diese stammen, anders als früher, jetzt von professionellen Informationsbeauftragten. Am wenigsten Fehler machst du, wenn du sie wortgetreu wiedergibst.
  8. Lass dich zu möglichst vielen unterschiedlichen Themen verlauten, damit du von möglichst vielen unterschiedlichen Lesern gelesen wirst. Je öfter dein Name aufscheint, desto glaubwürdiger ist er. Mit dem Namen schafft man sich einen Namen.
  9. Versuche möglichst schnell, Kommentare und/oder Kolumnen zu schreiben. Da fällt die mühsame Fakten-Beschaffung weg. Du kannst dich ganz auf deine Ansichten konzentrieren. Das erhöht deine berufliche Effizienz.
  10. Vergiss – last but not least – eines nie: Schreiben ist der schönste Beruf. In keinem anderen Beruf hast du die Chance, so schnell mit dir selber zufrieden zu sein, wie im Beruf des Journalisten. Da du dein Werk nach Drucklegung (oder elektronischem Versand) selber wiederlesen und beurteilen kannst, brauchen dich externe Kritiken nicht zu beunruhigen.

Der Autor war bis 2009 Unternehmensleiter der Vogt-Schild Medien Gruppe in Solothurn, zuvor u.a. Chefredaktor der Luzerner Neusten Nachrichten. Heute ist Christian Müller Geschäftsführer und Eigentümer der commwork AG.

18. Februar 2010 von Helen Brügger

Mit dem Lächeln einer Sphinx

Bild: Marc Amiguet

Myret Zaki (37) schrieb das «wohl bestinformierte Buch über den UBS-Skandal». Wie sie im Bankenmilieu recherchierte, erzählt die stellvertretende Chefredaktorin von «Bilan» im Porträt.

Myret Zaki spricht langsam, mit dunkler Stimme. Eine «schöne Orientalin», die sich «für die Unterwäsche der UBS» interessiert: So stellte sie die Zeitung «24 Heures» mit einem Dreh in den Boulevard vor, als Zaki ihr Buch über das UBS-Debakel vorlegte. Die schlüpfrige Anspielung missfällt ihr nicht: «Ich entspreche vielleicht wirklich nicht den Vorstellungen, die man sich von einer Wirtschaftsjournalistin macht», lächelt sie. Der typische Wirtschaftsjournalist sei männlich, langweilig, grau gekleidet und passe auf, «nicht aus dem Rahmen zu fallen». Myret Zaki fällt es schwer, nicht aus dem Rahmen zu fallen.
Geboren ist sie 1973 in Kairo. Der Vater ist seit fünfzig Jahren Journalist, Chefredaktor einer linken Tageszeitung, die Mutter Übersetzerin. Myret ist noch ein kleines Kind, als die Eltern sich scheiden lassen. Die Mutter findet eine Stelle bei der UNO in Genf, nimmt ihre beiden Mädchen mit in die Schweiz. Der Umzug ist ein immenser Kulturschock für die achtjährige Myret. Sie kompensiert mit Bestnoten in der Schule. Geht nach der Matura nach Kairo zurück, studiert Politologie und verlobt sich mit einem jungen Ägypter. Doch die Rückkehr zu den Wurzeln misslingt. Ihr Verlobter möchte, dass sie den Schleier trägt. Sie bricht mit ihm, kommt zurück nach Genf, arbeitet in einer Privatbank, bildet sich zur Finanzanalystin aus und schafft schliesslich 2001 den Sprung in den Journalismus, von dem sie schon lange träumt. Sie wird Stagiaire in der Wirtschaftsredaktion von «Le Temps», dann Wirtschaftsredaktorin.
Im Sommer 2008 nimmt sie einen dreimonatigen Urlaub für ein grosses Projekt: Sie schreibt das Buch «UBS – Les dessous d’un scandale» (deutsch: «UBS am Rande des Abgrunds»). Es erscheint vor dem Beinahe-Crash der Grossbank, trotzdem bewertet es «Das Magazin» als «wohl bestinformiertes Buch über den UBS-Skandal». Es verhilft ihr zu ihrem heutigen, brandneuen Job als stellvertretende Chefredaktorin des Wirtschaftsmagazins «Bilan». Unser Gespräch findet in der «Bilan»-Redaktion statt, die gerade von Lausanne nach Genf umgezogen ist. Noch liegen überall Kisten herum, doch Zaki freut sich auf ihre neue Aufgabe: «‹Bilan› muss näher bei den wirtschaftlichen und finanziellen Eliten positioniert werden.» Das Magazin solle zum Ort werden, wo Debatten geführt und Leute zusammengebracht würden: «Ideen und Informationen müssen frei zirkulieren. Das ist gerade für die Wirtschaft von kapitaler Bedeutung.»

Recherche im verbarrikadierten Milieu
Für die Bankenwelt ist das nicht selbstverständlich. Da ist alles geheim und abgeschirmt. «Es ist extrem schwierig, im Bankenmilieu zu recherchieren. Alle Menschen in der Umgebung einer Bank haben Inte­ressenbindungen mit ihr, als Institutionen oder Kunden geschäftlicher oder dann familiärer Natur.» Das schwierigste Gespräch, das sie je geführt hat? «Mit den UBS-Grössen vor dem Crash – da herrschte der totale Blackout.» Und das beste? «Mit einem Ehemaligen der UBS in den USA.» In einem so verbarrikadierten Milieu zu recherchieren, gehe nur mithilfe von Leuten, die ein Interesse daran hätten zu reden. «Es sind oft Ehemalige, die der Ansicht sind, ihr Arbeitgeber habe sich nicht loyal verhalten.» Solche Quellen zu finden, sei selten, denn «die Banken passen auf, dass ihre Leute gut bezahlt und im Fall eines Abgangs gut entschädigt werden».
Die geheimen «Informationstresore» der Banken werden auch von WirtschaftsjournalistInnen nur selten geknackt. Denn es ist nicht ungefährlich, die geballte Macht der Finanzwelt anzugreifen. Die Gnomen an der Zürcher Bahnhofstrasse lieben es gar nicht, wenn man ihnen, wie es Zaki tut, ein «gigantisches, fehlgeschlagenes Pokerspiel» vorwirft und zum Fazit kommt: «The game is over.» Zaki erhielt nach der Publikation des Buches einen telefonischen Drohanruf. Andere haben sie öffentlich angegriffen, als Nestbeschmutzerin beschuldigt. Man habe ihr zu verstehen gegeben, dass man nicht so über eine Institution wie die UBS schreibe. Nicht als Frau. Und vielleicht noch weniger als Orientalin.
Myret Zaki hat ihr Buch als Freelancerin geschrieben, ohne Unterstützung der Zeitung «Le Temps». Die vollständige Unabhängigkeit habe sich als Vorteil erwiesen. Denn die erste Frage, mit der man in den einschlägigen Kreisen konfrontiert werde, laute: «In wessen Interesse sind Sie unterwegs, Madame?» Ausserdem müsse man, um auch nur einen Zipfel des Schleiers zu lüften, vollständig besessen sein, «sich absolut manisch nur noch mit dem einen Thema befassen». Was gehört weiter zu den unverzichtbaren Eigenschaften einer Recherchierjournalistin? «Man muss schweigen können wie ein Grab, wenn man nicht will, dass die Quellen austrocknen.»
Die NZZ ging mit Zakis Buch hart ins Gericht. So verlockend die These von der aggressiven Investmentbank der UBS auch sei, die Autorin könne sie nicht untermauern, schrieb die Zeitung im Februar vor einem Jahr – heute ist diese These Allgemeingut geworden. «Ich muss die Kritik der NZZ entgegennehmen», sagt Zaki. «Aber ich musste meine Quellen schützen.» Sie habe direkte Aussagen von Verantwortlichen zitiert, aber anonym. «Es war mir lieber, den Eindruck zu erwecken, es handle sich um Gerüchte, als eine Quelle zu gefährden.» Das sei der Preis, den man bezahlen müsse, wenn man seine Nase in so sensible Dinge stecke. Sie habe im übrigen keine Dementis erhalten und die Aussagen ihrer Quellen seien nie infrage gestellt worden.

«Wirtschaftsjournalismus hat versagt»
Keine einzige Wirtschaftszeitung habe vor dem weltweiten Zusammenbruch der Finanzwirtschaft gewarnt, stellt Zaki im Rückblick fest. Hat der Wirtschaftsjournalismus versagt? «In gewissem Sinne ja.» Doch was sie ihren KollegInnen vorwirft, ist vor allem, dass sie nach dem Ausbruch der Krise nicht mehr über die Ursachen recherchiert hätten. Da­ran sei die zu grosse Nähe zwischen den Wirtschaftsredaktionen und den Banken schuld. Aber auch der Zeitdruck in den Redaktionen: «In jeder Redaktion müssten permanent ein paar Leute von der Tagesproduktion freigestellt sein, um wirklich recherchieren zu können.» Das brauche Zeit und Geld, brauche die Anwesenheit vor Ort, Kontakte und Reisen – «ohne geht es nicht.» Wenn es nach Zaki ginge, würde sie in allen ehrgeizigen Redaktionen der Welt Recherchierjournalismus fördern. Und wo immer möglich eigenständige Meinungen publizieren, die sich ausserhalb der gängigen Erklärungsmuster bewegen. «Journalistischer Ehrgeiz ist nichts Elitäres, kein Spezialgebiet, sondern eine Geisteshaltung.»
Erlaubt der mehrfacher Wechsel zwischen den Kulturen Myret Zaki eine spezifische Annäherung an den Journalismus? Sie habe möglicherweise mehr Abstand, sagt sie nach einigem Nachdenken: «Vielleicht auch mehr Freiheit.» Sie sei nicht den gleichen Zwängen unterworfen wie JournalistInnen, die hier aufgewachsen und ausgebildet worden seien. «Ich kann mehr Risiken eingehen, weil ich keine Interessenbindungen habe, weil ich weniger Angst davor haben muss, ein Familienmitglied oder einen Bekannten zu verärgern.» Was ihr im Journalismus am meisten Mühe mache, seien Verbürgerlichung und Funktionärsmentalität. Und dann ist sie von KollegInnen genervt, die sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens in einer Bank sehnen: «Viele Wirtschaftsjournalisten warten nur darauf, als Analysten oder PR-Berater in eine Bank zu wechseln.» Sie sei froh, das als junge Frau hinter sich gebracht zu haben. «Das bringt mich nicht mehr zum Träumen.»
Sie wolle die Welt nicht verbessern, sagt Zaki. An der Vorstellung störe sie das Predigerhafte, das Idealistische. «Als Wirtschaftsjournalistin kann ich nur dafür sorgen, dass die Probleme offengelegt und die Geheimnisse gelüftet werden.» Mehr Ethik? «Ja, aber die liegt selbst in der journalistischen Suche nach der Wahrheit, selbst in der Aufgabe, den Menschen die Augen zu öffnen.»
Vor einer Woche, am 10. Februar, legte Myret Zaki ein zweites Buch vor: Es gehe um ein Eintauchen in die Welt der Trusts, verrät sie. Und lächelt ihr Lächeln einer Sphinx.

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Ausgabe: 5 | 2018

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