18. Februar 2010 von Nick Lüthi

Kollektiv investigativ

Die Deutschschweiz sei Brachland für investigativen Journalismus, finden Dominique Strebel («Beobachter»), Martin Stoll («SonntagsZeitung») und Monica Fahmy («Blick»). Sie wollen bessere Bedingungen für tiefschürfende Recherchen schaffen.

Erst dank kollektiver Anstrengung liess sich die Geschichte fertig erzählen: Jahrelang hatten JournalistInnen auf Granit gebissen, bis sich eines Tages Redaktoren von «Wochenzeitung» und mehreren Tageszeitungen nach einer Versammlung der JournalistInnengewerkschaft SJU an einen Tisch setzten und gemeinsam einen Plan ausheckten, ja ein regelrechtes Drehbuch für die Recherche schrieben: Wer fragt wann wen? Wie lässt sich verhindern, dass sich X mit Y abspricht? Wann konfrontieren wir die Hauptakteure mit den Ergebnissen? Die WOZ gab den Startschuss, die anderen Zeitungen zogen nach. Die generalstabsmässig geplante und auch so durchgeführte Operation führte zum Ziel, der Parteispendenskandal des Kantons Bern kam ans Licht, die Justiz übernahm und verurteilte einen involvierten Regierungsrat zu einer bedingten Gefängnisstrafe. Das war 1986.
Solche Glanzleistungen kollektiver Recherchearbeit über Redaktionsgrenzen hinweg gab es seither nur noch selten, erst recht nicht zu Themen von internationalem Interesse. «Mir fehlen die richtig grossen Scoops», meint Dominique Strebel. Was hierzulande nach Enthüllung aussehe, sei meistens eine «gesteckte Geschichte». «Beobachter»-Redaktor Strebel ist überzeugt, dass es in der Schweiz noch einige dunkle Winkel auszuleuchten gäbe: «Die Gleichung ‹kleines Land – kleine Skandale› geht nur bedingt auf.» Gerade der Banken- und Finanzplatz sowie internationale Organisationen und Sportverbände böten reichlich Potenzial für Enthüllungen.
Die Einschätzung teilt er mit Kollege Martin Stoll von der «SonntagsZeitung». Doch die beiden gefallen sich nicht im üblichen Lamento, im Stil von: Früher war alles besser und der Beruf geht sowieso vor die Hunde. Die beiden Journalisten schlagen vor, das vorhandene Recherche-Know-how in der Deutschschweiz zu bündeln und zielgerichteter einzusetzen. Vorbilder gibt es einige. Die Mutter aller Standesorganisationen von Hardcore-RechercheurInnen ist die im Nachgang zu den Watergate-Enthüllungen von Woodward und Bernstein gegründete IRE (Investigative Reporters and Editors) in den USA. Auch das Netzwerk Recherche in Deutschland entwickelte sich seit seiner Gründung vor neun Jahren zur ersten Anlaufstelle für die Hartnäckigsten der Branche. Ganz so hoch zielen Stoll und Strebel nicht. «Wir stehen ganz am Anfang», ist den beiden bewusst. Doch bei Null beginnen müssen sie trotzdem nicht.

«Kein Idealistenklub»

Mit Swissinvestigation.net gibt es in der Westschweiz bereits eine Plattform für investigativ arbeitende JournalistInnen. Heute haben sich dort schon mehr als fünfzig Berufsleute in das öffentliche Verzeichnis eingetragen und so einen ersten Schritt zur Vernetzung getan. Im Rahmen der Global Investigative Journalism Conference von Ende April in Genf planen Strebel und Stoll zusammen mit der «Blick»-Journalistin Monica Fahmy nun, eine Deutschschweizer Sektion von Swissinvestigation.net zu gründen. «Es wird sicher kein Idealistenklub werden», gibt sich Dominique Strebel pragmatisch. «Wer bei uns mitmacht, erwartet einen konkreten Nutzen.» Zum Beispiel in Form von bereitgestellten Standardformularen und Musterbriefen, etwa für die Einsicht in amtliche Dokumente gemäss Öffentlichkeitsgesetz. Im Zentrum steht aber eine Vernetzung, die über die informellen Kontakte hinausgeht, wie sie JournalistInnen seit je untereinander pflegen, und die hilft, einander in heiklen und aufwendigen Recherchesituationen den Rücken zu stärken. Schliesslich soll es künftig wieder vermehrt möglich sein, redaktionsübergreifend dickere Bretter zu bohren, als dies die Arbeitsbedingungen im real existierende Journalismus normalerweise zulassen.
Dass die drei ReporterInnen ausgerechnet im Rahmen des Genfer Branchentreffens den Organisationsversuch anpacken, dafür gibt es gute Gründe. Vom Besuch früherer Konferenzen weiss Martin Stoll, wie beflügelnd ein solches Zusammentreffen mit Gleichgesinnten wirken kann: «Du kommst da raus mit Elan und weisst, weshalb du Journalist bist, wenn du siehst, dass andere gleich ticken.»

15. Februar 2010 von Nick Lüthi

Was wir heute lesen

Wozu noch Journalismus? | Stefan Niggemeier
Eigentlich müssten La-Ola-Wellen von Journalisten durch das Land schwappen, vor lauter Begeisterung darüber, wie das Internet ihre Arbeit erleichtert und verbessert und ihre Möglichkeiten  potenziert hat. Das Gegenteil ist der Fall. Die Online-Welten werden abgetan und belächelt, als Heimat für Betrüger und Perverse denunziert (..).

“Medien verbreiten oft nur Propaganda” | Medien Monitor
Jedes Jahr veröffentlicht das Project Censored 25 brisante, aber in den US-Medien nicht veröffentlichte Geschichten. Professor Peter Phillips leitete das Projekt an der kalifornischen Sonoma State University von 1996 bis vor wenigen Wochen. Weltweit, sagt Phillips, sei die Wahrheit zunehmend in Gefahr. Journalisten und ihre Geschichten würden immer häufiger beeinflusst.

Ringier sattelt auf Google Apps um | Blog Handelsblatt
Der Schweizer Verlag Ringier führt im gesamten Konzern Google Apps in der kostenpflichtigen Unternehmensversion ein und ersetzt damit seine Microsoft-Architektur. Neben einer deutlichen  Produktivitätssteigerung erhofft sich Ringier eine Kostenersparnis von rund einer Million Schweizer Franken pro Jahr.

Journalismus im Hause Ringier (4) | Ronnie Grob
Frank A. Meyer lobt die Berichterstattung der deutschen Medien zur Steuersünder-CD, “Das ist ein Klassenunterschied zu den meisten Schweizer Printmedien.” Welche Schweizer Printmedien er da wohl meint? Vielleicht das Medium aus dem Ringier-Verlag namens “Blick”, das ihm die Plattform bietet zu seinen Aussagen?

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  • Regionaler Online-Journalismus
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