11. Juli 2007 von Gerhard Lob

Diener neuer Herren

Das Ende von Zensur, endlich Presse- und Meinungsfreiheit: Der Enthusiasmus nach dem Zerfall der Sowjetunion war gross. Doch gut 10 Jahre danach zieht der Direktor des Kaukasus-Medieninstituts in Eriwan, Vicken Cheterian, eine ernüchternde Bilanz.

“Hier weiss man gar nicht, was unabhängiger Journalismus ist.” Diesen Satz wiederholt Vicken Cheterian mehrmals während des Gesprächs. Er bezieht sich dabei nicht nur auf die ehemalige Sowjetrepublik Armenien, in der Cheterian als Direktor des Caucasus Media Institute (CMI) tätig ist, sondern auch auf die kaukasischen Nachbarstaaten Georgien und Aserbeidschan. Im Prinzip gilt die Aussage gar generell für die meisten Medienschaffenden in den ehemaligen Sowjetrepubliken. “Journalismus, PR, Werbung, es gibt keinen grossen Unterschied”, ist Cheterians Fazit.
Die Euphorie der Umbruchjahre ist verpufft. Politische Zeitungen sind nicht in der Lage, Öffentlichkeit, geschweige denn Gegenöffentlichkeit herzustellen. TV-Stationen befinden sich in der Hand politischer Machtgruppen, die diese einzig für ihre eigenen Interessen einsetzen. Medienorgane gleichen politischen Parteien. Es gibt regierungskritische Sender – wie Rustawi 2 in Georgien –, doch diese verherrlichen umgekehrt die Opposition. In Armenien zögerte Präsident Robert Kotscharjan daher nicht, vor den Wahlen in diesem Frühjahr zwei der Opposition nahe stehende TV-Sender zu schliessen. Zu Protesten von Medienschaffenden kam es nicht. In Aserbeidschan wurden Dutzende von JournalistInnen nach den turbulent verlaufenen Wahlen vom November verhaftet. Auch in Russland sei der Druck auf die Medienschaffenden in der politischen Presse gross, meint Alexander Iskandarian, Leiter der CMI-Rechercheabteilung. Andererseits blühe in Russland wenigstens der Markt in der nichtpolitischen Presse – bei Frauen- und Sexmagazinen.

Zeitungen haben geringe Auflagen
In der Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer entstand bis anhin kein eigenständiger Medienmarkt, der sich über Werbung und andere Einnahmen finanziert. Auch gibt es in den ehemaligen Sowjetrepubliken keine westeuropäischen Investoren aus der Branche, die sich wie der Schweizerische Ringier-Verlag oder die deutsche WAZ-Mediengruppe in Tschechien, Polen oder Ungarn engagieren. Die Einkünfte aus dem Zeitungsverkauf sind gering. Die auflagenstärksten Zeitungen in den Kaukasusrepubliken wie “Resonanzi” (Georgien) oder “Aravot” (Armenien) drucken gerade mal zwischen 5000 und 10’000 Exemplare täglich. Die Mehrheit der Bevölkerung kann sich schlicht keine Tageszeitung leisten. Sie kostet in Armenien zwar umgerechnet nur 15 Cent, doch dies ist schon zu viel in einem Land, in dem das Gros der EinwohnerInnen mit weniger als einem Dollar pro Tag leben muss. Dazu kommt, wie Cheterian sagt, dass die Zeitungen “stinklangweilig” sind und keine leserrelevanten Themen aufarbeiten. Sie dienen vorab den Eliten für den jeweiligen Positionsbezug. Warum sollte man sie also kaufen?
Dass der kritische Zustand der Medien nicht das Problem eines einzelnen Landes ist, haben Fachleute Ende September bei der CMI-Tagung “Transformation der Massenmedien unter postsowjetischen Bedingungen” in Eriwan festgestellt. Zirka 20 KonferenzteilnehmerInnen aus den GUS-Staaten, dem Iran, Ost- und Westeuropa sowie den USA waren anwesend. “Ich habe erstmals so etwas wie Selbstkritik feststellen können”, lobt Cheterian das Gesprächsklima. Als extremstes Beispiel erwies sich die führende Tageszeitung Turkmenistans: Die Auswertung einer Ausgabe ergab, dass auf den ersten vier Seiten insgesamt zehn Fotos des Präsidenten eingefügt waren.
Fest steht: Das alte sowjetische System mit der tonangebenden kommunistischen Partei existiert nicht mehr, aber einige Strukturen, Mechanismen und Instinkte aus früheren Zeiten haben überlebt. Statt der kommunistischen Partei gibt es heute Machtgruppen wie Präsidenten, Regierungs- und Oppositionsparteien sowie Oligarchen und Wirtschaftsbosse. Eine Trennung von Wirtschaft und Politik existiert nicht. Die meisten JournalistInnen finden es in Ordnung, dass sie von dieser Elite bezahlt werden und verhalten sich ihr gegenüber loyal.

Der neue Verlautbarungsjournalismus
Für Cheterian liegt dieser Haltung ein grundlegender Wertewandel nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Einführung des Turbo-Kapitalismus zugrunde. “Geld hatte in der Sowjetunion keine oder fast keine Bedeutung in der Gesellschaft,” analysiert der CMI-Direktor, “heute hingegen ist Geld der dominierende Faktor der Gesellschaft geworden.” Der extreme Privatisierungsprozess habe nicht nur Ölfelder und Nickelminen erreicht, sondern auch Dienstleistungen. Alle würden ihre Arbeit privatisieren, so auch die JournalistInnen. Mit der Konsequenz, dass sie Informationen weitergäben, selbst wenn sie offensichtlich falsch seien. Gemäss dem Motto: Wenn ich für etwas bezahlt werde, ist es schon in Ordnung. Das Resultat sei jedoch eine schwere Vertrauenskrise der Medien und ein vollkommen unprofessionelles Arbeiten der Medienschaffenden. Oder anders ausgedrückt: Die alte sowjetische Art eines Verlautbarungsjournalismus ist unter neuen Vorzeichen und unter neuen Herrschern wieder dominierend. Cheterians Fazit: “Wir haben eine Scheinfreiheit in der Presse, weil wir mit dieser Freiheit nicht umgehen können.”
Der Direktor des Medieninstituts ist überzeugt, dass im Westen die Auswirkungen des Zusammenbruchs der Sowjetunion unterschätzt werden. Denn nach dem ökonomischen Kollaps gebe es in den GUS-Staaten jetzt eine tiefe Wertekrise: Nicht nur die sowjetischen Ideale seien kollabiert, sondern inzwischen auch die postsowjetischen, die auf dem Nationalismus fussten. “Wir haben weder einen Wertekonsens, noch funktionierende staatliche Strukturen.” Um eine soziale Kohäsion zu schaffen, brauche es eine gemeinsame Wertebasis. Deshalb müsse man kleine Inseln funktionierender Strukturen schaffen.
Eine solche Insel stellt für JournalistInnen das Caucasus Media Institute dar. Cheterian will am Institut Medienschaffende zur Reflexion über ihren Beruf anregen und ihnen professionelle Arbeitstechniken beibringen (siehe Kasten). Er will nicht pfannenfertige westliche Modelle vorsetzen. Und auch die westlichen Diskussionen über die richtige Art von Journalismus oder der dortigen Verquickung von Politik und Medien (Beispiel Italien) sind im Moment nicht angesagt. Cheterian: “Es macht gegenwärtig keinen Sinn, auf die Probleme der westlichen Medien, des westlichen Journalismus hinzuweisen. Wir haben genug eigene Probleme.”
Aber macht es überhaupt Sinn, JournalistInnen für eine möglichst unabhängige Berichterstattung auszubilden, wenn sie in einem korrupten Machtsystem gar nicht gefragt sind? Cheterian sieht in dieser Hinsicht nicht schwarz. Ein guter Journalist könne einen Job in Moskau oder Prag finden: “Wir sind heute beweglicher, das hat sich gegenüber der Sowjetunion wirklich verändert.”

Caucasus Media Institute:JournalistInnen professionell ausbilden

gl./ Das Caucasus Media Institute (CMI) in der armenischen Hauptstadt Eriwan nahm am 1. Januar 2002 seine Arbeit auf. Es will einen Beitrag zur Entwicklung der Massenmedien in den postsowjetischen Republiken, vor allem in der Region Südkaukasus (Georgien, Armenien, Aserbeidschan), leisten. Die Kurse und Seminare sollen JournalistInnen zu informierten, kritischen, kreativen, professionell arbeitenden Medienschaffenden mit einem ethischen Verantwortungsgefühl ausbilden. Hauptstandbein ist der berufsbegleitende Grundkurs. Er richtet sich an VolontärInnen aus dem Printmedienbereich. Anfang Oktober hat eine Klasse von 22 JournalistInnen (17 Frauen, 5 Männer) begonnen. Die Teilnehmenden kommen aus Armenien, Berg-Karabach, Abchasien, Georgien, Moldawien, Südossetien, Nordossetien, Kirgistan und Russland. Da es kaum Stipendien gibt, müssen sich die nicht-armenischen Studierenden als KorrespondentInnen oder Freelance-JournalistInnen über Wasser halten.
Die Struktur des Medieninstituts ist von der in Genf tätigen NGO “Cimera” aufgebaut worden. Seine Existenz verdankt das Institut der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), die einen Rahmenkredit von 1,9 Millionen Franken für den Zeitraum 2002 – 04 bereitgestellt hat. Die laufenden jährlichen Kosten betragen 250’000 US-Dollar; 90 Prozent dieser Kosten trägt die Deza. 12 Vollzeit- und 3 Teilzeitmitarbeitende sowie diverse ExpertInnen stehen auf der Lohnliste. Für einzelne Projekte kommen Zuschüsse aus anderen Quellen wie dem deutschen Aussenministerium oder der Eurasia-Foundation.
Zu den Aufgaben des Instituts gehören auch Forschungsarbeiten und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Viel beachtet wurden die zu Beginn dieses Jahres publizierten “Führer zu den Parlamentswahlen in Armenien” und “Führer zu den Präsidentschaftswahlen”, die auf Armenisch, Russisch und Englisch erschienen. Es handelte sich um die einzigen Publikationen, in denen Wahlsystem, Parteien und Programme in einer journalistisch unabhängigen Art und Weise dargestellt wurden.

Internet: www.caucasusmedia.org

11. Juli 2007 von Gerti Schön

Wachstumsbranche

In den USA erhalten christliche Medien grossen Zulauf. Sie sind Teil einer fundamentalistischen Gegenkultur, die auch gegen den säkularen Staat kämpft.

Ob Kino, Fernsehen oder Print: Die christliche Religion taucht in den amerikanischen Mainstream-Medien derzeit immer öfter auf. Jüngstes Beispiel: das Neue Testament in Magazinform. Thomas Nelson, ein Verlag in Nashville, Tennessee, der hauptsächlich Bibeln vertreibt, hat in diesem Sommer “Revolve” herausgebracht: ein einmalig erscheinendes Magazin für junge Frauen, mit strahlenden Mädchengesichtern auf dem Cover und praktischen Tipps innen drin.
Die Art der Tipps ist jedoch neu. Beim Stichwort Hautpflege heisst es beispielsweise: “Wenn du Sonnencreme aufträgst, nutz die Zeit, um mit Gott zu sprechen. Teil ihm mit, wie dankbar du dafür bist, wie er dich gemacht hat. Schon bald wird es dir zur Gewohnheit werden, zu ihm zu sprechen – so vertraut wie du damit bist, deine Poren zu reinigen.” Selbstredend gelten auch bei der Partnersuche gewisse Regeln. Ist ein Mädchen hinter einem Jungen her, von dem sie denkt, dass er für ihre steigende Beliebtheit sorgen könnte, ist sie bereits auf dem Holzweg. “Überprüf deine Prioritäten, Schwester, du liegst völlig daneben”, rät “Revolve” freundschaftlich. Liebe habe nichts mit Egoismus zu tun, und genau das sei hier der Fall.
Denn so ähnlich stehe es ja auch in der Bibel, sagt Laurie Whaley, die bei dem Projekt als leitende Redaktorin tätig ist. Nur dass “Revolve” viel moderner ist. Das Magazin habe einen “neuen Dreh, der 180 Grad zu dem steht, wie sich die traditionelle Bibel präsentiert”. Nachdem Thomas Nelson Marktforschung für das Magazin betrieben hatte, kam als erstaunlichstes Ergebnis heraus, dass viele Jugendliche die Bibel für “zu einschüchternd und abschreckend” hielten, sagt Whaley. Das an die Neuzeit angepasste Rezept hat Erfolg: Schon 40’000 Exemplare von “Revolve” wurden in den ersten Monaten verkauft, eine Neuauflage von 120’000 ist unterwegs. Aus Ländern wie Kanada, England und Deutschland kamen nach Angaben der Redaktorin zahlreiche Bestellungen.
“Revolve” ist nicht allein mit seinen Bemühungen, für die christliche Botschaft ein jugendliches Publikum zu finden. Auch in den Unterhaltungssektor hat es der liebe Gott in diesem Jahr geschafft, und zwar am unverhülltesten in das Massenmedium Network-TV: Der landesweit ausgestrahlte Fernsehsender CBS zeigt ab diesem Herbst eine neue Serie mit dem Titel “Joan of Arcadia”. Darin geht es um eine Jugendliche, die mit Gott spricht, der ihr in Gestalt verschiedener Personen begegnet.
Dass es spirituelle Charaktere ins Fernsehen geschafft haben, ist nach Ansicht von Frederick Clarkson, Autor des investigativen Buches “Ewige Feindschaft: Der Kampf zwischen Theokratie und Demokratie”, nichts Neues. Religiös gefärbte Unterhaltung habe es schon in den sechziger Jahren mit der Sitcom “The Flying Nun” gegeben. Neu sei der zunehmende Einfluss der christlich-fundamentalistischen Gruppen in den USA auf die Mainstream-Medien. “Revolve” sei lediglich einer von vielen Bausteinen “im Aufbau einer Gegenkultur” – einer christlich-fundamentalistischen Gegenkultur.

Kampagne gegen liberale Richter
Zentrales Sprachrohr dieser Gegenkultur ist nach Clarksons Meinung das Christian Broadcasting Network (CBN) des Fernsehpredigers und früheren Präsidentschaftskandidaten Pat Robertson. Er machte vor kurzem Schlagzeilen mit der Aufforderung an seine weltweite christliche Gemeinde, für die baldige Pensionierung derjenigen US-Richter des Obersten Gerichtshofes zu beten, die in einem diesjährigen Gerichtsurteil für die Legalisierung von Homosexualität in Texas gestimmt hatten. Robertsons Satellitensender CBN, auf dem rund um die Uhr gesungen und gebetet wird, erreicht täglich Millionen von ZuschauerInnen und kann international in 180 Ländern empfangen werden. Ziel der Mission ist es laut der Webseite des Senders, 500 Millionen Menschen weltweit zum Christentum zu konvertieren. Und Pat Robertsons Begriff der Christenheit ist nicht von liberalen Prinzipien geprägt.
Robertson hat über die Jahrzehnte eine beispiellose Medienkarriere aufgebaut. Sein erklärtes Ziel ist es, “die Christen zu mobilisieren, bis wir wieder an der Spitze unseres politischen Systems angekommen sind”. In Foren wie seiner täglichen CBN-Talkshow “The 700 Club” bezeichnet er säkulare Führungspersonen als “Termiten”, die am Fundament des Staates nagen.
Dass christlich-fundamentalistische Gruppen Einfluss auf die US-Medien nehmen, ist an sich nicht neu. Doch die gesellschaftliche Toleranz dafür ist derzeit weitaus grösser als noch in den boomenden neunziger Jahren. Einer der Gründe dafür ist, dass es mit der konservativen Administration von George Bush eine Reihe christlicher Fundamentalisten wie etwa Justizminister John Ashcroft bis in die mächtigsten Zirkel geschafft haben. Drei der neun Richter des Obersten Gerichtshofes – Antonin Scalia, Clarence Thomas und William Rehnquist – unterstützen Ziele der religiösen Rechten. “Mit diesen Leuten in Schlüsselpositionen ist die Bewegung so mächtig wie nie zuvor”, urteilt Clarkson.

Stars bekennen
Im Gefolge bekennender Regierungsvertreter äussern sich auch Schauspieler wie Cuba Gooding Jr. und Superstar-Sängerin Beyonce, die gemeinsam in dem neuen Film “The Fighting Temptations” spielen, positiv über ihre Spiritualität. Schauspieler und Produzent Mel Gibson, der im nächsten Jahr seine viel diskutierte Filmversion der Passion Christi herausbringen wird, bekennt im jüngsten “New Yorker”-Magazin seine Zugehörigkeit zu den traditionellen Katholiken, die andere christliche Glaubensgruppen ausser der eigenen nicht anerkennen.
Mit der steigenden Bedeutung religiöser Themen in der Gesellschaft dringt die christliche Botschaft immer weiter in den Mainstream ein. Das Publikum dafür ist da: Laut einer Gallup-Umfrage geben 46 Prozent aller AmerikanerInnen an, sich in gewisser Weise mit den “Born Again Christians” zu identifizieren. Dies sind ChristInnen, die ein wie auch immer geartetes religiöses Erlebnis hatten und in den Kreis der Gläubigen zurückgekehrt sind. Zu ihnen gehören zum Beispiel Präsident George Bush oder der in den USA lebende deutsche Profi-Golfer Bernhard Langer.
Diese Bevölkerungsschicht bildet eine neue, lukrative Zielgruppe für Medienunternehmen aller Art. “Das sind nicht nur wiedergeborene Christen, sondern auch Leute, die das Gefühl haben, wir leben in einer Zeit, in der die Werte verfallen”, sagt der New Yorker Rechtsprofessor Michael Flynn. “Sie sind für alle möglichen Konspirationstheorien anfällig, die in der US-Kultur des 20. Jahrhunderts entstanden sind und für die viele von uns kein Verständnis haben.”

Grosse Umsätze der Christus-Industrie
Die christliche Popkultur hat es in den Mainstream geschafft. Rund drei Milliarden Dollar setzt die Christus-Industrie in Form von Büchern, Filmen und Musik in den USA jährlich um. Zahlreiche Radio- und Fernsehsender, wie etwa die kalifornische Salem Communications Corporations oder Pax TV, bedienen mit familienfreundlichen Serien und religiösen Inhalten ein wachsendes Publikum.
Religiöse Medienunternehmen scheuen sich nicht, die Bibel zur Grundlage ihres Geschäftes zu machen. “Es ist unsere Mission, Produkte herzustellen und zu vertreiben, die Gott ehren, den Menschen dienen und den Shareholder Value vergrössern”, lautet das Mission Statement des Bibelverlages Thomas Nelson. Doch wie rechtskonservativ die christlichen KonsumentInnen tatsächlich sind, lässt sich schwer festlegen. “Ich bin gegen konservative politische Strategien, die die Vielfalt an Angeboten in den Medien verringern”, sagt Heather Hendershot, Kommunikationsprofessorin am New Yorker Queens College. “Aber nicht hinter allem, was christlich ist, stehen fundamentalistische Gruppen.”
Vorbei sind die Zeiten, in denen nur ein wenig gebildetes, rechtskonservatives Publikum christliche Bücher und TV-Sender nutzte. “Viele Christen identifizieren sich nicht mehr mit den altmodischen, auf die Bibel pochenden Fernsehpredigern, die vor laufender Kamera heulen und die Fäuste schütteln”, meint Hendershot, die gerade an einem Buch über die christlichen Medien in den Vereinigten Staaten schreibt. Die gläubigen KonsumentInnen von heute sind vielmehr gut gebildete, weisse Mittelschichtsangehörige, die mit den radikalen Jesus-Predigern der achtziger Jahre nichts zu tun haben wollen.
Vor allem auf dem Buchmarkt ist der Bedarf nach christlicher Literatur explosionsartig in die Höhe geschossen. Christliche AutorInnen sind inzwischen sogar im säkularen New York angekommen, wo die mächtigen Verlagshäuser zu Hause sind. Verlage wie Random House oder Doubleday, die beide zu Bertelsmann gehören, haben in ihrem Sortiment inzwischen regelmässig christliche Literatur.
Der Hauptgrund dafür ist das Geschäft. “Der Markt dafür ist da, und die Verlage merken, dass die Leute diese Bücher kaufen wollen”, sagt Andrea Doering, die bei dem Buchclub Crossings – der ebenfalls zum Teil Bertelsmann gehört – als Redaktorin arbeitet. Sie weist darauf hin, dass in den vierziger und fünfziger Jahren viele Mainstream-Verlage christliche Bücher anboten. Sie wurden mit der linksliberalen Bürgerrechts-Bewegung in den sechziger Jahren an den Rand gedrängt und es entstanden die christlichen Verlagsketten. Doch seit einigen Jahren kehren grosse Häuser wie Bertelsmann, Viking und Putnam wieder auf diesen Markt zurück.

Auch renommierte Verlage steigen ein
Random House hat sogar den ultrakonservativen Prediger und Buchautoren Tim La Haye für eine neue, bibelfeste Abenteuerserie verpflichtet. La Haye erreicht mit seiner mehrteiligen Weltuntergangsvision namens “Finale” weltweit ein Millionenpublikum und hat es sogar auf die “New York Times”-Bestsellerliste geschafft. Die apokalyptischen Visionen in diesen Büchern, die sich auf die Offenbarung des Johannes stützen, fallen vor allem seit dem 11. September 2001 auf fruchtbaren Boden. Wurden von den ersten acht Bänden der “Finale”-Reihe insgesamt 30 Millionen verkauft, erzielte das neunte Buch, das unmittelbar nach dem 11. September erschien, sofort eine Auflage von 20 Millionen. La Haye selbst begrüsst die neue christliche Medienrevolution:. “Andernfalls würden ja die Säkularen, die unsere Werte nicht teilen, ausschliesslich bestimmen können, welche Musik wir hören und welche Radiosender wir einschalten”, sagt er. “Und es stinkt ihnen, dass wir immer mehr Zulauf bekommen.”

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