11. Juli 2007 von Klartext

Kollege Spitzel

Anfang April wurden in Kuba in einem summarischen Verfahren 75 Oppositionelle zu Haftstrafen zwischen 8 und 28 Jahren verurteilt. Unter den Verurteilten befinden sich mehrere Dutzend unabhängige JournalistInnen: Sie wurden von Spitzeln in ihren eigenen Reihen ans Messer geliefert.

KT./ Sie wohnten nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, in der Gegend hinter dem Shopping-Center Carlos II am Rande von Centro Habana in Kubas Zweimillionenmetropole Havanna. Der eine heisst Raúl Rivero, Jahrgang 1945, Poet, Schriftsteller, Journalist und seit 1995 Leiter der – illegalen – unabhängigen Presseagentur Cubapress, der andere Manuel David Orrio, Jahrgang 1965, Journalist, seit 1997 Präsident der – ebenfalls illegalen – Föderation kubanischer Journalisten und wichtigster Repräsentant der in Miami ansässigen Presseagentur Cubanet.
Seit April leben die beiden nun 420 Kilometer voneinander entfernt. Während Orrio weiter in seiner Wohnung an der calle Marquez González auf seinem Pentium-Notebook – einem Geschenk von Freunden in den USA – das in Kuba seltene Privileg des Surfens im Internet geniesst, ist Raúl Rivero zusammen mit drei Drogendelinquenten in einer Zelle im Gefängnis von Canaleta, in der zentralkubanischen Provinz Ciego de Avila, eingesperrt. Und wenn es nach dem Willen der kubanischen Justiz geht, soll das für die nächsten zwanzig Jahre auch so bleiben.

In weit entfernte Gefängnisse verlegt
Als besondere Schikane für die Familienangehörigen der Inhaftierten haben die kubanischen Behörden kurz nach den Verurteilungen damit begonnen, die Gefangenen auf Haftanstalten zu verteilen, die möglichst weit von deren Wohnorten entfernt sind. Die Haftbedingungen Riveros und der anderen Insassen in Canaleta beschrieb der in Mexiko lebende kubanische Schriftsteller Eliseo Alberto Ende Mai – anhand der Aussagen von Riveros Ehefrau Blanca Reyes nach einem Besuch – in einer Reportage: “Raúl hat in den knapp sechzig Knasttagen rund zwanzig Kilo abgenommen, und was er nicht mehr braucht, ist ein Kamm. Wie alle andern wurde er nämlich kahl geschoren, und das hat nicht nur disziplinarische, sondern auch verständliche hygienische Gründe. Denn in einem Knast, wo die Ratten entweder in den Kloaken verdursten oder vor Hitze verrückt werden, verwandeln sich diese Viecher in Piranhas und fressen sich gegenseitig auf.”
Zwischen dem 18. und dem 21. März hatte die kubanische Polizei – im Schatten des beginnenden Irak-Krieges – in einer landesweiten Operation 79 Oppositionelle verhaftet, von denen vier kurze Zeit später wieder freigelassen wurden. Unter den Verhafteten befanden sich AktivistInnen von Menschenrechtsgruppen und Dissidentenorganisationen sowie unabhängige JournalistInnen. Angeklagt wurden sie wegen Delikten wie “Subversion”, “Aufruhr” oder “Anschlag auf die nationale Souveränität”. Offiziellerseits wurden die Gefangenen fortan nur noch als “Söldner im Dienste des Imperiums” bezeichnet. In Schnellverfahren wurden zwischen dem 3. und dem 7. April die 75 Angeklagten zu Haftstrafen zwischen 8 und 28 Jahren verurteilt; die meisten erhielten 15 oder 20 Jahre, die Gesamtsumme der Haftstrafen beträgt 1454 Jahre. Die Staatsanwaltschaft hatte für einige Angeklagte lebenslänglich gefordert, in einem Fall sogar die Todesstrafe. Die Tatsache, dass die Gerichte diesen Begehren nicht nachgaben, veranlasste die kubanische Parteizeitung “Granma” zur Feststellung, dies beweise einmal mehr die Unabhängigkeit der Justiz im Rechtsstaat Kuba.
Am 25. März schrieb Manuel David Orrio für die Agentur Cubanet in einem Artikel über die Verhaftungswelle: “Wenn die Angst die Seele verschlingt, kann man den Verstand verlieren. Wenn sich die Seele aber über die Angst erhebt, kann eine soziale Situation eintreten, die Martin Luther King einst so charakterisierte: ‚Wenn in einem Volk fünf Prozent der Leute bereit sind, für eine gerechte Sache freiwillig ins Gefängnis zu gehen, dann gibt es für dieses Volk kein Hindernis mehr.‘” Betitelt war der Artikel mit “Angst essen Seele auf”. Orrio wurde nicht verhaftet, aber es war sein letzter Text bei Cubanet. Am Tag zuvor hatte er noch zusammen mit 27 weiteren BerufskollegInnen ein “Communiqué unabhängiger kubanischer Journalisten” mitunterzeichnet, in dem es unter anderem hiess, man werde sich trotz Repression das Recht des Informierens und Informiert-Seins nicht nehmen lassen. Von da an hörte man nichts mehr von Orrio und da auch sein Telefon stumm blieb, begannen sich einige KollegInnen Sorgen um ihn zu machen.
“Am 2. April ging jemand von uns dann bei ihm zu Hause vorbei. Erst nach langem Klingeln öffnete Orrio, er war kreidebleich, zitterte am ganzen Leib und sagte, er sei krank”, erzählt die unabhängige Journalistin Tania Quintero am Telefon gegenüber KLARTEXT. Quintero, ehemalige Journalistin beim kubanischen Fernsehen und bei der traditionsreichen Familienillustrierten “Bohemia”, hatte1991 ihre Arbeit verloren und arbeitet seit 1996 für Raúl Riveros Agentur Cubapress. Sie gehört zu denjenigen unabhängigen JournalistInnen in Kuba, die den Satz vom Informiert-Sein und Informieren ernst nimmt, sie hat in den vergangenen Wochen regelmässig Artikel publiziert, sowohl bei Cubapress wie auch bei der im Dezember 2000 von dem – mittlerweile verstorbenen – Exilschriftsteller Jesús Díaz gegründeten Internet-Tageszeitung “Cubaencuentro”.

Drohungen durch Staatssicherheit
Tania Quintero sieht sich im Gespräch weder als Heldin noch als Märtyrerin, sondern eher als etwas Ähnliches wie eine Kriegsberichterstatterin. “Als solche müsste ich ebenfalls unter bisweilen extrem erschwerten Bedingungen weiterarbeiten. Und wenn ich an meine Freunde im Gefängnis denke, dann ist für mich ohnehin klar: Ich höre nicht auf.” Doch eine derartige Haltung ist im heutigen Kuba gefährlich. Iván García, Quinteros erwachsener Sohn, ebenfalls unabhängiger Journalist, erhielt vor kurzem Besuch von zwei Offizieren der Staatssicherheit. Man eröffnete ihm, dass er zwei Möglichkeiten habe, wenn er verhindern wolle, das gleiche Schicksal wie Raúl Rivero zu erleiden: aufhören mit dem Journalismus oder Kuba verlassen. “Ich entgegnete ihnen, meine Arbeit sei die einzige Freiheit, die ich in diesem Land hätte und die liesse ich mir nicht nehmen”, erzählt García, der sich in den letzten Jahren vor allem als Verfasser von Sport- und Sozialreportagen einen Namen unter Kubas unabhängigen JournalistInnen gemacht hat.
Doch zurück zu Manuel David Orrio. Am 5. April erschien vor dem Sondergericht für Delikte gegen die Staatssicherheit im Stadtbezirk Centro Habana im Verfahren gegen die Angeklagten Ricardo González Alfonso und Raúl Rivero als Belastungszeuge ein “Agente Miguel”. “Agente Miguel” war niemand anderer als Manuel David Orrio. Unter anderem sagte Orrio dort: “Ich bin Militär aus Ehre und Überzeugung, ich führe Befehle aus und ich arbeite seit 1992 für die Staatssicherheit. Es stimmt mich traurig, dass mich meine Vorgesetzten hierher beordert haben, denn so bin ich gezwungen, meine wahre Identität zu enthüllen.”
Tania Quintero war über Orrios Auftritt nicht erstaunt, denn ihr war der stets überlegen lächelnde Mann mit dem Krückstock – er leidet wegen einer überstandenen Kinderlähmung an einer Gehbehinderung – schon immer suspekt gewesen. Dennoch ging Quintero nie so weit wie Raúl Rivero, der seit 2001 davon überzeugt war, dass Orrio nicht Journalist, sondern Geheimpolizist sei. Und Quintero erzählt auch die Anekdote von Riveros Ehefrau Blanca Reyes, die ihren Mann, der von der persönlichen Teilnahme an seinem Prozess ausgeschlossen war, am Tag nach der Urteilsverkündung im Untersuchungsgefängnis in Havanna besuchen konnte und die ihm natürlich von Orrios Show berichtete. Rivero habe sie daraufhin nur gefragt, welche Farben denn Orrios Kleider gehabt hätten. “Blau die Jeans und orange das Hemd”, habe sie geantwortet und sich gewundert, wieso ihn das interessiere. Rivero maliziös: “Weil ich dachte, er würde in Olivgrün auftauchen” – der Farbe der kubanischen Militäruniformen.
Die Warnungen Riveros hatten viele nicht allzu ernst genommen, man tat es als kleinliche Streitereien und Eifersüchteleien unter zwei Führungsfiguren des unabhängigen Journalismus in Kuba ab. Suspekt war beispielsweise die Tatsache, dass über Jahre hinweg die meisten ausländischen JournalistInnen, die Orrio interviewten, bei ihrer Ausreise aus Kuba Beschlagnahmungen ihres Materials, stundenlange Befragungen und andere Schikanen über sich ergehen lassen mussten. Manche glaubten aber auch, Riveros damalige Überzeugung sei einfach eine Retourkutsche dafür, dass Orrio seit seinem Einstieg in den unabhängigen Journalismus im Jahre 1996 viel Zeit und Energie darauf verwendet hatte, gegen Rivero zu intrigieren und ihn, wo er konnte, schlecht zu machen. So sprach er von Rivero stets als dem “Periodista (Journalist) en Jefe”, eine Anspielung auf Fidel Castros offiziellen Titel “Comandante en Jefe”.

Spitzel organisiert “Ethikseminar”
Was Orrios Intrigiererei in den Kreisen der kubanischen Opposition anbelangte, so war er in der Tat sehr erfolgreich gewesen. Das zeigte sich nicht erst bei seinem letzten grossen Coup, dem von ihm initiierten “Ethikseminar für JournalistInnen”, das er am 14. März in der Residenz des US-Geschäftsträgers in Havanna organisierte und das dann dem Regime als wichtiger “Beweis” für die “Söldnertätigkeit” der dort versammelten JournalistInnen diente. (Sowohl Rivero wie auch Quintero blieben dieser Veranstaltung übrigens fern).
Bereits 1992, zu einer Zeit, als es in Kuba noch keine unabhängigen JournalistInnen gab, schaffte Orrio es als Gründungsmitglied der – bis heute bestehenden – sozialdemokratisch orientierten Oppositionsgruppierung “Corriente Socialista Democratica Cubana”, dass sich die Organisation wenige Monate darauf ein erstes Mal spaltete. Ein Mitstreiter des “Corriente Socialista” aus jener Zeit hegt indes dennoch seine Zweifel an der offiziell verbreiteten Version, Orrio sei von Anfang an Offizier der Staatssicherheit gewesen und habe über all die Jahre hinweg kontinuierlich in deren Auftrag gearbeitet. “In einem System wie dem kubanischen ist alles denkbar, ich halte es genauso gut für möglich, dass Orrio – für mich schon immer ein Mann mit schweren Charakterdefekten – eines Tages erpresst wurde; denn das, was er als Journalist machte, das zeugte für mich eindeutig von Talent und Überzeugung. Es kann durchaus sein, dass er letztendlich einfach aus abgrundtiefem Neid auf den erfolgreicheren Raúl Rivero diesen ans Messer lieferte.” Die wahren Hintergründe wird man indes erst erfahren, wenn auch in Kuba dereinst die Staatssicherheits-Archive geöffnet werden können.
Orrio war nicht der einzige Spitzel in den Reihen der Oppositionellen. Stolz enthüllte die kubanische Parteizeitung “Granma” am 11. April in einem Dossier mit dem Titel “Die wahren Gesichter des Vaterlandes” Identität und Legenden von zehn weiteren AgentInnen der kubanischen Staatssicherheit, die sich in den Prozessen gegen die 75 “Söldner” verdient gemacht und treu ihre Aufgabe für Vaterland, Sozialismus und Revolution erfüllt hätten.
Im Gedicht “Hausdurchsuchungsbefehl”, im vergangenen Jahr in einer Anthologie von der Universität im mexikanischen Puebla publiziert, formulierte Raúl Rivero seine Vorahnungen:

Was suchen in meiner Wohnung
diese Herren ?

Was macht dieser Offizier,
der ein Blatt Papier liest,
auf das ich die Worte notierte:
“Ehrgeiz”, “leichtsinnig”, “zerbrechlich”

11. Juli 2007 von Rudolf Balmer

Eine politische Abrechnung

Wie der Mond habe die französische Tageszeitung “Le Monde” eine weitgehend unbekannte Kehrseite, behaupten Pierre Péan und Philippe Cohen in ihrem Buch “La face cachée du Monde”. Allerdings können die Autoren viele Vorwürfe nur ungenügend belegen.

Ein Vorabdruck im französischen Magazin “L’Express” heizte die Erwartungen an und in ersten Reaktionen schwang Schadenfreude und Häme mit, im Stil: “Geschieht ihnen Recht!” oder “Das haben sie wirklich verdient” und “Wer auf die anderen schiesst, muss sich nicht wundern, selber ins Kreuzfeuer zu geraten”. Das 613 Seiten dicke Buch “La face cachée du Monde”* rüttelt an einer Institution, denn für seine LeserInnen – und auch für die ausländischen Medien – ist “Le Monde” das Sprachrohr der öffentlichen Meinung. “Le Monde” habe der Versuchung von Arroganz und doppelter Moral nicht widerstehen können, behaupten nun die beiden Autoren, Pierre Péan und Philippe Cohen.

Hauptvorwurf:Kampagnenjournalismus
Die beiden Buchautoren versuchen zu belegen, dass “Le Monde” seine LeserInnen und damit die öffentliche Meinung manipuliert und regelrechte Kampagnen gegen und für bestimmte Politiker und Ideen geführt habe. Und dies, seit das Blatt 1994 die heutige Führung erhalten habe. Péan und Cohen behaupten unter anderem, “Le Monde” habe 1995 die Präsidentschaftskandidatur von Edouard Balladur gefördert, auch begünstige es die Forderungen der korsischen Separatisten. Mit seiner verfrühten Publikation von Anschuldigungen habe das Weltblatt Leute wie den ehemaligen Aussenminister Roland Dumas oder Ex-Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn politisch liquidiert, auch wenn die beiden Politiker am Ende von der Justiz freigesprochen worden seien. Der Untertitel des Buchs lautet denn auch folgerichtig: “Von der Gegenmacht zum Machtmissbrauch”.
Die “Le Monde”-Redaktionsleitung soll ihren Einfluss benutzt haben, um durch Manipulation, Einschüchterung und Drohung eigene Ziele und Interessen zu verfolgen. Dies ist wohl der schwerste Vorwurf, ausser jenem der Rassenhetze und der Propaganda, der einer Zeitung gemacht werden kann. Der Recherchenjournalismus werde, so die beiden Autoren, bei “Le Monde” in den Dienst der Manipulation gestellt: “Die Direktion von ‚Le Monde‘ hält unentwegt an ihrem strategischen Ziel fest: durch Einschüchterung, Allianz oder Unterordnung alle Kontrollinstanzen der Gesellschaft zu kontrollieren. Alle, die Richter, die Polizisten und die Herrscher der Medien, müssen in das Spinnennetz von ‚Le Monde‘.”
Als Beweise liefern Péan und Cohen eine Vielzahl von Fakten und Anekdoten. Ausführlich werden beispielsweise die engen Kontakte des ehemaligen Trotzkisten und heutigen “Le Monde”-Chefredaktors Edwy Plenel mit dem Führer der linken Polizeigewerkschaft Fasp geschildert. Kein Ruhmesblatt scheinen auch die Geheimverhandlungen mit der Pariser Vertriebsgesellschaft NMPP – hinter dem Rücken und auf Kosten der übrigen Tageszeitungen – gewesen zu sein. Ziemlich heuchlerisch mutet die Beziehung zu den Gratiszeitungen an: “Le Monde” verurteilte offiziell und lautstark diese unlautere Konkurrenz, lässt aber “20 minutes” in der eigenen Druckerei produzieren. Péan und Cohen behaupten auch, dass die Geschäftspolitik und die Buchhaltung undurchsichtig seien, auch die Auflagezahlen und die Jahresrechnung seien frisiert. Und sie scheuen nicht davor zurück, einen Vergleich mit dem Enron-Finanzskandal zu ziehen. Dieser Vorwurf wurde inzwischen glaubhaft widerlegt, wie einige weitere Unterstellungen auch.
Natürlich ist “Le Monde” nicht über alle Zweifel erhaben. Hinter den Kulissen gibt es Intrigen und Machtkämpfe. Und eine oft autoritär auftretende Leitung, eine Troika, bestehend aus Chefredaktor Edwy Plenel, Aufsichtsratspräsident Alain Minc und Direktor Jean-Marie Colombani, hat die seriöse Renommierzeitung auf einen neuen Kurs gebracht, in dem die Schlagzeilen gelegentlich gedruckt sind, bevor die Fakten überprüft wurden.
Dennoch hält das kontrastreiche Schwarzweissbild, das Péan und Cohen zeichnen, einer nüchternen Betrachtung oft nicht stand. Zu sehr ist ihr Erkenntnisinteresse von starken Ressentiments geprägt. Zu offensichtlich vermischen sie in der Folge Wahres, Glaubhaftes, Plausibles mit Unwahrscheinlichem und Falschem. Zwar haben die beiden “Le Monde”-Kritiker zwei Jahr lang recherchiert. Das hat aber offensichtlich nicht genügt. Denn sie stützen sich zu sehr auf Gerüchte und Gerede sowie auf Aussagen Dritter, die zum Teil anonym bleiben.

Autoren betreiben Sippenhaft
Hinweise auf die Motive für diese Abrechnung finden sich in einem Kapitel, in dem die beiden “Le Monde”-Inquisitoren einen eigentlichen Gesinnungsprozess führen, in dem posthum auch noch gegen die Vorfahren von Colombani und Plenel ermittelt wird. Der Vater des aus Korsika stammenden Direktionspräsidenten Colombani habe nämlich als Student (!) auf einen Anschluss der französischen Mittelmeerinsel an das faschistische Italien hingearbeitet. Péan und Cohen stützen sich dabei auf Protokolle von Polizeispitzeln der 30er und 40er Jahre. In Colombanis Herkunft sehen Péan und Cohen auch die tiefere Ursache dafür, dass “Le Monde” den Forderungen und Aktionen der korsischen Untergrundbewegungen viel zu viel Platz einräume und die Regierung zu Konzessionen zwingen wolle: “Es geht nicht darum, ‚Le Monde‘ wegen dieser oder jener Stellungnahme zu kritisieren, sondern darum zu zeigen, wie Jean-Marie Colombani die Regierung instrumentalisiert hat, um in der Korsika-Politik Zugeständnisse an die Nationalistenbewegungen zu erreichen.” Nur auf Druck von Colombani habe Premierminister Lionel Jospin ab 1999 Verhandlungen (den so genannten “Matignon-Prozess”) eingeleitet, die Korsika eine Teilautonomie gewähren sollte. Was den beiden Anhängern des Pariser Zentralismus schon fast wie Landesverrat vorkommt: “Die korsische Leidenschaft des ‚Le Monde‘-Direktors ist so gross, dass alles dem ‚Frieden‘ zuliebe geopfert werden muss: Die Prinzipien der unteilbaren französischen Republik, die er [Colombani] freilich nie befürwortet hat, aber auch die Berufsethik und Wahrheitstreue.” Wegen seiner Korsika-Politik habe “Le Monde” auch massgeblich zum Bruch zwischen dem sozialistischen Premier Jospin und seinem Innenminister, dem Linksnationalisten Jean-Pierre Chevènement, beigetragen.

Autoren kritisieren Geschichtsbild
Und Korsika sei kein Einzelfall, so Péan und Cohen weiter. Generell gebe “Le Monde” den negativen Seiten in der französischen Vergangenheit zu viel Gewicht. Dazu zählen sie das Vichy-Regime, den Kolonialismus, den Algerienkrieg und die Folter, den Rassismus und Antisemitismus. Ein Ärgernis ist für die beiden Autoren auch, dass “Le Monde” bei der kürzlichen Überführung von Alexandre Dumas’ sterblichen Überresten ins Panthéon in einem Titel hervorstrich, der grosse Romancier sei der erste Mischling (métis), dem ein Platz in dieser Ruhmeshalle eingeräumt werde. Die Darstellung dieser Ehrung als Wiedergutmachung einer bisherigen rassistischen Diskriminierung in “Le Monde” soll ebenfalls das Resultat der Herkunft Plenels sein: Sein Vater war ein notorischer Antikolonialist und Anhänger der Unabhängigkeit der französischen Antillen. Sowohl Colombani wie Plenel hätten also persönliche Rechnungen mit der französischen Geschichte zu begleichen und missbrauchten ihre Zeitung dazu, meinen Péan und Cohen.
Überhaupt finden Péan und Cohen, dass “Le Monde” Frankreich ständig herabmache, wie zum Beispiel in einer kritischen Bilanz vor den Präsidentschaftswahlen 2002. Dort kommt das Blatt zum Schluss, dass Frankreich vielleicht nicht so einzigartig und exemplarisch ist, wie dies die FranzösInnen gerne meinen. Auch sprach “Le Monde” von der Diskrepanz zwischen den Grossmachtambitionen und der eher “mittelmässigen” Realität sowie auch von “Frankreichs Manie, den anderen Lektionen in Sachen Menschenrechte und Moral zu erteilen, die in den USA und den angelsächsischen Ländern als arrogant und eher heuchlerisch empfunden wird”. Für Péan und Cohen haben sich die Zeitungsmacher als Nestbeschmutzer der Grande Nation entlarvt. Sie leiten daraus ihre Hauptanklage gegen “Le Monde” ab: “Sie lieben Frankreich nicht.” Soll der Leser ihres Buches daraus schliessen, dass eine französische Zeitung die Meinung manipuliert, wenn sie nicht in einen beschönigenden Hurrapatriotismus einstimmt?
Die Auseinandersetzung um “Le Monde” stellt aber berechtigterweise die Art und Weise des vermehrt betriebenen Enthüllungsjournalismus zur Diskussion. Nicht nur “Le Monde”, sondern auch “Le Parisien” und “Libération” haben sich in den letzten Jahren auf die Publikation von kompromittierenden Informationen spezialisiert, eine Domäne, die lange eine Exklusivität der Wochenzeitung “Le Canard Enchaîné” war. In den Redaktionen heisst es dazu zynisch: “Les affaires sont les affaires.” Übersetzen lässt sich dies mit “Geschäft ist Geschäft”, aber auch im Sinne, dass sich mit den Affären der Verkauf steigern lässt. Bei diesen “Affären” handelt es sich zumeist um die Verwicklung von Politikern oder Wirtschaftsbossen in Finanz- und Bestechungsskandale. Sex dagegen ist weiterhin als Teil der Privatsphäre tabu.
Fast immer sind es Anwälte oder auch Untersuchungsrichter und andere Justizbeamte, die den Medien gezielt belastendes Material und Vernehmungsprotokolle zuspielen. Über das Amtsgeheimnis und die Unschuldsvermutung setzen sich die französischen Medien immer skrupelloser hinweg. “Le Monde” ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Und da passiert es eben, dass gewisse Persönlichkeiten mit Mutmassungen öffentlich vorverurteilt werden. Umgekehrt wären gewisse politisch brisante Affären wohl nie publik geworden, wenn sich die Untersuchungsrichter nicht auf die sensationsgierige Unterstützung der Presse abstützen könnten.

Umstrittene Nähe der JournalistInnen zur Politik
Wo hört die Informationsfreiheit auf, wo fängt die Manipulation an? Péan und Cohen liefern aus der jüngeren Geschichte von “Le Monde” einiges Studienmaterial für diese alte Frage der beruflichen Ethik. Wie die politischen Journalisten, die in Frankreich immer noch als die “crème de la crème” der Medienzunft gelten, durch die Politiker manipuliert werden, beschreibt Daniel Carton in einem Buch mit dem Titel “Bien entendu, c’est off … Ce que les journalistes politiques ne disent jamais”*, das ebenfalls einigen Staub aufgewirbelt hat. Carton kritisiert die allzu grosse und kompromittierende Nähe zwischen den Journalisten und den Politikern. Diese erwarten als Gegenleistung für gelegentliche Vertraulichkeiten und Primeurs, dass sich die Presseleute an ein ungeschriebenes Gesetz des Schweigens halten, wenn die Indiskretion mit dem Siegel “off the record” zum Geheimnis erklärt wird. Ein klassisches Beispiel dafür war die Existenz der unehelichen Tochter Mazarine des früheren Präsidenten François Mitterrand. Fast alle (französischen) Journalisten wussten davon, aber niemand brachte es an die Öffentlichkeit. Was man in diesem Fall als Respektierung des Privatlebens rechtfertigen kann, ist im Bereich politischer Intrigen hinter den Kulissen schon fragwürdiger. Und vor allem fehlt bei dieser Kumpanei die kritische Distanz, so dass Reportagen über einen Staatsbesuch an der Seite des Präsidenten oder Premierministers häufig wie Hofberichterstattung klingen.
Niemand hatte bisher der “vierten Gewalt” in Frankreich wirklich so unverblümt ins Gewissen geredet wie diese drei Autoren. Auch die zum Teil selbstgerechten Proteste, welche die beiden medienkritischen Attacken auslösten, beweisen nur, dass sie einige empfindliche Stellen getroffen haben.

* Daniel Carton: “Bien entendu, c’est off …”. Albin Michel, Paris 2003.

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