11. Juli 2007 von Gerti Schön

Nationalistisches Grundrauschen

In den Vereinigten Staaten stimmen Medien die Bevölkerung seit Wochen auf einen Angriffskrieg ein. Doch auch die Führungselite ist in der Frage der Kriegsnotwendigkeit gespalten.

Zuerst hört man ein Dringlichkeit anmahnendes “Wusssch” und auf dem Bildschirm erscheint die Schlagzeile “Showdown in Irak”. Der Moderator klingt ebenso dringlich und erzählt von einer erneuten Mahnung aus dem Weissen Haus an Saddam Hussein. Im unteren Winkel des Fernsehers erscheint eine “Countdown”-Uhr. Bis zum 27. Januar zählte sie die Stunden, hin zu dem Tag, an dem die UN-Inspektoren ihren Abschlussbericht lieferten.
Ob CNN, ob Fox oder MSNBC – die amerikanischen Nachrichten-Medien bereiten sich auf einen neuen Krieg vor. Um bei den ZuschauerInnen Spannung aufzubauen, greifen sie dabei zu so kuriosen Mitteln wie der Uhr oder auch einem kleinen Quiz zwischendurch, in dem etwa gefragt wird, wann Saddam in der Vergangenheit schon einmal chemische oder biologische Waffen eingesetzt habe. Unterschiede gibt es dabei kaum noch zwischen den einzelnen TV-News-Sendern, ausser dass Fox News, das zu Rupert Murdochs Medienimperium gehört, im Ton konservativer ist als CNN und MSNBC. Die Unterschiede sind allerdings gering: Bei Fox wird aus den US-Truppen regelmässig “unsere Jungs”, während CNN es eher bei “die Jungs” belässt.

TV-News-Sender stellen Millionen bereit
Die Vorbereitungen beschränken sich nicht nur auf die aktuelle Berichterstattung. CNN hat 36 Millionen Dollar zurückgelegt, um zusätzliche Kosten abzufangen, die im Nahen Osten aller Wahrscheinlichkeit nach entstehen werden. Ob Saddam Husseins Medien-Kontrolleure die amerikanischen ReporterInnen gewähren lassen, ist freilich unklar. CNN-Stars wie Christiane Amanpour und Wolf Blitzer beispielsweise wurde im Oktober 2002 die Einreise verweigert. Auch die Bitte, dass ausländische ReporterInnen nicht wie bisher im Gebäude des irakischen Informationsministeriums arbeiten müssen, wurde abschlägig beschieden. Selbst den Gebrauch des heute unabkömmlichen mobilen Satellitentelefons hat das Propaganda-Ministerium infrage gestellt, weil damit militärische Daten per Satellit an die US-Armee weitergegeben werden könnten.
Die grossen amerikanischen Fernseh-Networks bereiten sich akribisch auf den wahrscheinlichen US-Kriegsfeldzug vor. CBS und NBC wollen rund hundert Leute in die Krisenregion in die Gegend von Bagdad schicken, ebenso in die anliegenden Länder Katar, Iran und die Türkei. Dies, um auf den Fall vorbereitet zu sein, dass ihre Crews aus dem Irak ausgewiesen werden. Sie rechnen ausserdem mit Giftgasangriffen und rüsten ihre JournalistInnen nicht mehr nur mit Helmen und Sicherheitswesten aus, sondern sogar mit bakterienresistenten Schutzanzügen. An Abenteuerwilligen fehlt es ihnen jedenfalls nicht. “Mehr junge Reporter, als ich jemals erwartet hätte, wollen in den Irak”, sagte CBS-Nachrichtenchefin Marcy McGinnis in der “New York Times”. “Es ist fast wie ein Männlichkeitsritual.”
CNN sorgt sich vor allem um die Sicherheit seiner KorrespondentInnen. Chris Cramer, Präsident von CNN International, drängt vor allem seit dem Mord an “Wall Street Journal”-Reporter Daniel Pearl und den Anschlägen auf Journalisten in Afghanistan darauf, dass die CNN-Teams möglichst gut vorbereitet werden. Die ReporterInnen werden in speziellen Seminaren in Erster Hilfe ausgebildet und darin trainiert, wie man sich in einer Kriegszone am besten verhält oder welche Risiken man eingehen sollte und welche nicht. “Wir zwingen unsere Leute nicht, in Regionen zu gehen, wo es gefährlich ist”, sagt Cramer.
Cramer wurde vor 22 Jahren als BBC-Journalist bei der Besetzung der englischen Botschaft im Iran selbst als Geisel genommen. Und seitdem sind die Risiken grösser geworden. “Ob wir es nun gern sehen oder nicht, Journalisten werden heutzutage als Zielobjekt gesehen”, meint er. Daher habe CNN entschieden, seine Beschäftigten immer über die Geschichte zu stellen. “Keine Story ist ein Leben wert”, stellt Cramer fest. “Manchmal muss man sogar den journalistischen Instinkt hintanstellen, auch wenn die Konkurrenz dann vielleicht besser dasteht.”
Die US-Regierung tut seit einigen Wochen alles, was in ihrer Macht steht, um die Medien – und die Bevölkerung – mit ihrer Rhetorik von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen. Weil die Administration sich über den zunehmenden Anti-Amerikanismus in der ganzen Welt Sorgen macht, sollen jetzt Profi-PR-Leute und BusinesspartnerInnen aus der Werbebranche das Image der Supermacht aufpolieren.
Im Januar gab George Bush dem vor einigen Monaten geschaffenen Office of Global Communications erweiterte Vollmachten und Mittel für den internationalen Propaganda-Krieg. “Wir haben gesehen, dass wir einer ganzen Menge Lügen ausgesetzt sind, von allen Seiten, ob das früher die Taliban waren oder jetzt das Hussein-Regime”, sagte der Direktor der Behörde, Tucker Eskew, vor der ausländischen Presse. “Wir schauen uns jeden Tag die Berichterstattung der globalen Medien an. Wir wollen hören, was andere Stimmen zu sagen haben.”

Grosses Werbebudget für “entfremdete Populationen”
Besonders schwer muss es die Kommunikations-StrategInnen des Präsidenten treffen, dass – wie vor kurzem in der “New York Times” zu lesen stand – viele EuropäerInnen den Präsidenten für einen Cowboy halten, der Konflikte gern mit dem Revolver löst. Um derartige “Fehlanschauungen” zu glätten, wurde vor einigen Monaten die frühere Werbemanagerin Charlotte Beers angeheuert, die vor Jahren die Kampagne von Uncle Ben’s Reis erfunden hat und nun das Image der USA aufpolieren soll.
520 Millionen Dollar hat der US-Kongress bewilligt, um “entfremdete Populationen” – darunter vor allem arabische Länder – für sich zu gewinnen. Für diese umfangreichste Kampagne, die eine US-Regierung im Ausland jemals lanciert hat, hat die Werbeagentur J. Walter Thompson eine Reihe von Fernsehspots kreiert. Die Kurzfilme zeigen amerikanische Muslims, die in ihrem Alltagsleben in den USA von anderen AmerikanerInnen freundlich aufgenommen und in ihre Gemeinschaft integriert werden. Allerdings reagierten die angesprochenen Nationen bisher nicht allzu freundlich auf die Indoktrinationsbemühungen: Ägypten lehnte dankend ab, lediglich Indonesien hat die Spots auch ausgestrahlt. Die meisten anderen sind noch unentschlossen.
Dass nun Werbeprofis zu einem Bestandteil von Bushs Propaganda-Maschinerie geworden sind, wurde von der US-Presse mit Ironie und Schmährufen kommentiert. Weniger kritisch wird jedoch die schwarzweiss malende Rhetorik gesehen, die immer wieder in den Reden des Präsidenten vorkommt. Neben der berühmten “Achse des Bösen” fallen regelmässig Begriffe wie der “Lügenapparat” von Saddam oder, beschönigend, die “lebenswichtigen Interessen” der USA.

Akademische Kritik an US-Propaganda
Die Analyse der verbalen Propaganda blieb bisher weitgehend einer Hand voll AkademikerInnen überlassen, die ihre Gedanken in einem Buch namens “Collateral Language” zusammengefasst haben. “Die Rhetorik von George Bushs Reden und Pressekonferenzen zeigt, wie eine Ideologie konstruiert wird, in der Gut und Böse einander gegenübergestellt werden, und die dazu gemacht wurde, um gewalttätige militärische Aktionen zu rechtfertigen”, heisst es darin in Rahmen eines Essays über den Begriff des “Bösen”. “Er benutzt clevere rhetorische Strategien, die sowohl mit unserem Wunschdenken wie auch unseren Ängsten spielen, um Gefühle anzusprechen statt logisches Denken.”
Die Medien, allen voran die Fernsehsender, haben dabei oft eine unrühmliche, weil unkritische Rolle gespielt. Bushs Propaganda-Strategien werden selten als solche diskutiert. Vielmehr wird schlichtweg nur verlautbart, was aus dem Weissen Haus an sie weitergegeben wird, meint der Politikwissenschaftler Stanley Feldman von der Universität Stoney Brook. Er glaubt, dass die Medien, genauso wie die Mehrheit der AmerikanerInnen selbst, befürchten, “dass es ihnen als unpatriotisch ausgelegt werden könnte, wenn sie allzu kritisch sind”. Daher werde sehr viel mehr über die Position der Administration berichtet als zum Beispiel über die Friedensbewegung. “Ausserdem sind die Medien in der Vergangenheit oft beschuldigt worden, dass sie mehr nach links neigen, und das wollen sie nicht mehr.”
Inhaltlich ist von der Fernsehberichterstattung über einen kommenden Krieg nicht viel mehr zu erwarten als in den vergangenen Auseinandersetzungen in Nahost. Die ZuschauerInnen werden den gewohnten Mix aus Militärbildern und den immer gleichen, vagen Spezialisten-Spekulationen vorgesetzt bekommen. “Die Abendnachrichten werden zu einem Wettbewerb im Kampfspucken reduziert”, polemisiert der New Yorker Medienkritiker Todd Gitlin. “Im Fernsehen dreht sich alles nur um Konventionalität.”
Daran wird auch die vom Pentagon gross angekündigte Lockerung der Pressepolitik nichts ändern, nach der ReporterInnen in einem künftigen Irak-Krieg in die Truppen “eingebettet” werden sollen. “Es ist ein hervorragender PR-Trick”, kommentiert der Medienkritiker John MacArthur, der das Buch “Die Schlacht der Lügen” über die Zensur im Golfkrieg herausgegeben hat. “Auf diese Weise wurden jede Menge positiver Stories über das Pentagon geschrieben, und die Journalisten können sagen: ‚Hey, wir durften Soldat spielen‘.” Unabhängige Berichterstattung werde es auch diesmal nicht geben, prophezeit er.
Weil Auslandsberichterstattung nicht gerade zu den Stärken der US-Fernsehsender gehört, wird sich auch beim nächsten Krieg nicht viel an der holzschnittartigen Schwarzweiss-Darstellung ändern, fürchtet auch Jim Naureaks von der medienkritischen Organisation FAIR. Notorisches Beispiel für diese Simplifizierung ist der Fernsehmoderator Bill O’Reilly von Fox News, der seine tägliche, konservativ ausgerichtete Talkshow auch gern zu Propaganda-Zwecken nutzt. Für ihn, so liess er zum Beispiel verlauten, gäbe es noch mehr Hässliches im Irak als nur Saddam Hussein. Auch die muslimischen Frauen seien seiner Ansicht nach die unattraktivsten der Welt.

“New York Times”: Sprachrohr für
einflussreiche Mahner
Differenzierter geht es allerdings bei den Elite-Zeitungen und den politischen Magazinen zu. Vor allem die “New York Times” und die “Washington Post” schreiben seit Monaten gegen einen Krieg gegen Irak ohne die Zustimmung der UN an und selbst die Berichte über die – anfänglich beinahe ignorierte – Friedensbewegung häufen sich. Bei der “Times” stellen nicht nur die externen Meinungsbeiträge, sondern auch die Kommentare der “Times”-RedaktorInnen selbst die Aktion infrage.
Das hat nach Ansicht des Anti-Kriegs-Aktivisten David McReynolds von der Anti-War-League in New York vor allem damit zu tun, dass auch in der US-Führungsspitze die Meinung über das Vorgehen gegen Irak gespalten ist. “Die ‚Times‘ reflektiert hier eine tiefe Unzufriedenheit einflussreicher Leute, die nicht glücklich sind über Bushs Politik”, sagt er und nennt als Beispiel verschiedene Mahner innerhalb der republikanischen Partei und des CIA. Sein Fazit:”Wir haben heute mehr Kriegsgegner in der Führungselite als während des Krieges in Vietnam.”

10. Juli 2007 von Delf Bucher

Studierende machen Radio oft mit Hintergedanken

An immer mehr deutschen Hochschulen geht der Campusfunk auf Sendung. Der Programm-Mix 2002: Statt den Aufstand gegen das Establishment gibts Berichterstattung mit Uni-Bezug. Viele der Radiopioniere bereiten zielgerichtet ihre zukünftige Medienkarriere vor.

“Endlich einmal etwas Praxisbezogenes und Kreatives im Uni-Angebot”, sagt die Philologin Susanne Gatermann. Zwei Kurse hat sie beim Uniradio Freiburg (Breisgau) belegt, hantiert schon geübt am digitalen Schnittpult, kennt die Regeln, um einen Bericht mit O-Ton zu gestalten. Das neu erworbene Stück Medienerfahrung ist für sie am Ende des Studiums ein Rettungsanker: “Ich habe bemerkt, dass ich nicht als Romanistin arbeiten will.” Stattdessen sucht sie eine Stelle als Pressesprecherin.
Für den Historiker Jochen Kern ist dies schon zur beruflichen Wirklichkeit geworden. Statt “333 bei Isos Keilerei” in SchülerInnenhirne einzupauken, sitzt er nun in der Öffentlichkeitsabteilung eines Babynahrungsherstellers. Der Radioredaktion ist er auch nach dem Ende des Studiums treu geblieben. “Das schafft Abwechslung zum Berufsalltag.” Vielleicht öffnet sich einmal die Türe in eine der Radiostationen. Immerhin schon zwei Dutzend der Freiburger Uniradio-Macherinnen und -Aktivisten haben den Sprung in die Radiostationen vollzogen. “Aber momentan sieht es da ganz schlecht aus”, erklärt Jochen Kern. Im Zeichen des schwachen Werbemarktes entlassen deutsche Privatsender Redaktorinnen und Journalisten massenhaft. Sparkurs ist angesagt.
Vielleicht finden deshalb auch die Gratisangebote der Freiburger Jung-RadiomacherInnen besonders guten Absatz. Denn einmal in der Woche gilt es ernst. Ein Zweiminuten-Beitrag wird 168 privaten Radiostationen in allen Winkeln der deutschen Republik als Hörkonserve angeboten. Neun CDs wurden beim letzten Beitrag angefordert und zehn Downloads im Internet registriert. “Mit dem Thema Rente waren wir ganz nahe dran an der deutschen Befindlichkeit”, sagt Wolfgang Krause, Redaktor des Radio Regenbogen und als Medienpädagoge für die Ausbildung der akademischen Radio-NovizInnen zuständig.

Durchlauferhitzer für Medienkarrieren
Im Gegensatz zu vielen KollegInnen in der BRD haben die Freiburger Uniradio-Leute keine Antenne auf dem Dach. Statt mit UKW-Frequenz ihr Publikum zu erreichen, sind sie auf die Ausstrahlung ihrer Beiträge bei den verschiedenen Privatradios angewiesen. “Professionalität ist unumgängliche Vorgabe, und auch der journalistisch richtige Riecher”, wie Wolfgang Krause das Prinzip der akademischen Audio-Agentur erklärt. Der Radiomann hat sich vor zehn Jahren unmittelbar im Anschluss an sein Pädagogikstudium dem Radiojournalismus zugewandt. Ein Privatradiomacher, der den KollegInnen von den öffentlich-rechtlichen Anstalten gerne einen Hang zu bürokratischer Betulichkeit vorwirft. Die pragmatische Einstellung der Studierenden-Generation von heute gefällt ihm. Nichts erinnert mehr an die klandestinen Zeiten, als Studierenden zusammen mit Anti-AKW-AktivistInnen beim Kampf gegen das AKW Wyhl das Radio Dreieckland (heute lizenziertes Alternativradio) betrieben. Das Uniradio ist nicht Verstärker einer Bewegung, sondern ein Durchlauferhitzer für Medienkarrieren, finanziert von der Universität Freiburg oder genauer gesagt: von der Pressestelle der Universität. “Inhaltlich gibt es für uns nur eine Vorgabe: ein Bezug zur Uni muss in jedem Beitrag hergestellt werde”, sagt Krause. Das fällt nicht schwer. Denn die Themen sind nach einem ähnlichen Muster gestrickt: Aufgreifen eines aktuellen Themas, zu dem sich wiederum akademische SpezialistInnen an der Uni Freiburg äussern.

Türöffner für Wissenschaftssendungen
Lob für die Freiburger FunkerInnen gibt es von der Landesanstalt für Kommunikation (LfK) aus Stuttgart. “Wissenschaftsberichterstattung fristete bis anhin bei den privaten Radios ein Mauerblümchen-Dasein. Mit den weit gestreuten Beiträgen von Uniradio Freiburg haben wir hier einen Türöffner gefunden”, sagt Albrecht Kutteroff, LfK-Verantwortlicher für die Bürger- und Hochschulradios. Im neuen Entwurf des baden-württembergischen Mediengesetzes wird das Land explizit zur Förderung der Hochschul-Lernradios verpflichtet und ihnen ein erleichterter Zugang zu Frequenzen zugesprochen. Die Gema-Gebühren, vergleichbar mit der urheberrechtlichen Abgeltung der Suisa, werden bereits heute von der LfK übernommen und damit Kongresse sowie Workshops für die universitären Nonprofit-Sender organisiert. Auch hat die LfK eine gemeinsame Internet-Plattform (IHR-Radio) angeregt, in der die neun Campusradios von Baden-Württemberg ihre Radiobeiträge on demand ins Netz stellen können. In der Schweiz stehen beim Bundesamt für Kommunikation solche Aufgaben nicht im Pflichtenheft. Warum nicht? “Bei uns fallen Hochschulen und damit auch deren Radios unter die kantonale Hoheit”, rechtfertigt Marcel Regnotto, Bakom-Verantwortlicher für regionale Radio- und Fernseh-Konzessionäre, die helvetische Passivität.
Dabei ist klar: Die seit Jahrzehnten dominierende konservative CDU-Regierung in Baden-Württemberg beabsichtigt keineswegs, aufmüpfige, emanzipatorische Störsender zu etablieren, die die Hochschulpolitik im “Ländle” kritisch begleiten. Hingegen hat man im Stuttgarter Wissenschaftsministerium die Radiostationen als wichtiges Scharnier für die Verbindung von Theorie und Praxis erkannt.
Besonders ein Projekt brilliert im Äther der CampusfunkerInnen: das Hochschulradio Stuttgart. Als die beiden Hochschulen Druck und Medientechnik sowie Bibliotheks- und Informationswesen vor zwei Jahren zur Hochschule der Medien (HdM) verschmolzen wurden, entstand der HdM-Sender. Spezialität der HdM-FunkerInnen: Hier wird nicht nur Radio gemacht, sondern von vornherein der multimediale Mix der Zukunft eingeübt. “Als der Hype im Internet seinen Höhepunkt erreichte, da streamten alle Radiostationen ins Netz. Wir wussten sofort: Das ist es nicht”, sagt HdM-Professor Wolfgang von Keitz.
Nun experimentieren die Studierenden an neuen Formen im professionellen Umfeld des Hochschulstudios. Statt wie das klassische Radio-Medium nur auf den Ton zu setzen, sollen nun beim Internetradio Text, Bild und Ton zusammengebracht werden. Obwohl das Internetfieber längst abgekühlt ist, kommen die HdM-Absolventinnen und -Abgänger auf dem Arbeitsmarkt gut unter. “Für uns ist dies ein Beweis, dass wir uns im richtigen Segment positioniert haben”, berichtet Wolfgang von Keitz. Die ambitionierten Internetradio-MacherInnen können auf einen besonderen eindrücklichen Erfolg hinweisen: Auf der akademischen Spielwiese ist das Jazzradio entstanden, das sich mittlerweile verselbständigt hat und als Special-Interest-Sender mit täglich 30’000 Zugriffen international beachtet wird.
Zwei Multimedia-Stationen stehen auch beim Lernradio der Musikhochschule Karlsruhe für die Produktion trimedialer Magazine bereit. Was die angehenden Radiojournalistinnen und -Moderatoren von den Stuttgarter Studierenden unterscheidet: Wie die Campussender in Nordrhein-Westfalen, der Hochburg der deutschen Uniradios, verfügen sie über eine eigene Frequenz. Auch ihr Schwerpunkt ist einzigartig: Musikjournalismus. Werden aber die MusikjournalistInnen nicht durch computergestützte Programmierung der immer mehr formatierten Sender überflüssig? Jürgen Christ, Leiter des Karlsruher Lernradios, der selbst als Pionier für Klassikradios die Computer gefüttert hat, sieht dies weniger skeptisch: “Die Maschinen müssen von Fachleuten programmiert werden.” Überhaupt sieht er für die Radiolandschaft der Zukunft eine Trendwende: “Die Spasskultur hat ihren Zenith überschritten. Die Hörerinnen und Hörer wollen wieder mehr Substanz.”

Uniradios in der Schweiz: St. Gallen und Lausanne mit Vollprogrammen

db./ In Helvetiens Äther hat das Campusradio nicht viel zu melden. Dank alternativer Radiostrukturen finden immerhin Unimix in Fribourg, Unibox in Bern oder Sirup der Universität Zürich monatlich oder wöchentlich eine Nische. Mit Vollprogramm ist neben dem Lausanner Campuspionier Fréquence Banane nur Toxic.fm in St. Gallen auf Sendung. Der Sender hat sich vom HSG-Radio zum “alternativen Mainstream-Radio” für Junge zwischen 15 und 29 Jahren entwickelt.
“Bei unserem Versuch, ein Uniradio aufzubauen, sind wir erst gegen Wände gelaufen”, erinnert sich Michael Rohmeder. Der heute 22-Jährige ist vor drei Jahren eigentlich zum Studieren an die HSG gelangt. Er hat sich sofort unheilbar vom Radiovirus anstecken lassen mit der Folge: Vorlesungen stehen nur noch selten auf dem Stundenplan. Seine Zeit widmet er hauptsächlich der Realisierung des Campusradios, was eben heisst: bürokratische, finanzielle oder technische Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Mittlerweile ist er Geschäftsführer von Radio Toxic.fm, das auf Welle 107.1 täglich mehr als 28’000 HörerInnen in der städtischen Agglo St. Gallen mit einem Musikteppich eindeckt, den die Macher als “anspruchsvollen Mainstream mit progressivem Einschlag” charakterisieren. Dazwischen gibts Info-Beiträge und Interviews zum regionalen und globalen Geschehen und es kann auch einmal experimentelles Radio sein: wenn zwei Stunden lang Peter Handkes “Publikumsbeschimpfung” auf die HörerInnenschaft niederprasselt.
Am Anfang war die fixe Idee: Uniradio machen wie in den USA. Die sonst für US-Campus-Modelle offene HSG wollte davon nichts wissen. Aber die Radiopioniere liessen sich nicht entmutigen und meldeten für das Radio HerzSchlaG beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom) für Mai 2000 eine Kurz-Konzession für vier Wochen an. Schnell wurde eine Antenne abenteuerlich zwischen Giebel und Balkon montiert und 17 Stunden täglich gesendet. Der Erfolg spornte zum Weitermachen an. Das Bakom indes sendete auf das Konzessionsgesuch hin negative Signale aus. Keine Frequenzen für die Radionovizen bis zum Jahr 2005, lautete der Bescheid aus Biel. Hartnäckig wollten die HSG-Funkaktivisten den HerzSchlaG weiter pulsieren lassen und machten eine Entdeckung: In der Ostschweizer Sendenetzplanung des Bakom war in den 90er Jahren eine Alternativfrequenz beantragt und genehmigt, aber nicht genutzt worden. Das Bakom wollte von der Rochade des nichtkommerziellen Alternativfunks zum Akademikerradio nichts wissen. Die Campusfunker beantragten deshalb fürs erste eine weitere Kurz-Konzession und im Mai 2001 war HerzSchlaG wieder für St. Gallens Teens und Twens zu empfangen. Schliesslich kam im Spätsommer 2001 der Bakom-Brief mit der Konzession und am 3. Dezember ging der Sender unter dem wohlklingenden Namen Toxic.fm an den Start.
Mittlerweile hatte sich auch die HSG mit anderen Beteiligten in der Stiftung Herzschlag zusammengefunden. Immerhin hat die Fondation zur Förderung des studentischen Schaffens 290’000 Franken Stiftungskapital zusammengebracht. Im Oktober aber schrillten die Alarmglocken. Die Giftmischer aus dem Toxic.fm-Studio hätten beinahe die gallenbittere Nachricht von der Pleite des Senders an ihre HörerInnen verkünden müssen. Denn die HSG, die noch im Februar mit dem Abkauf von Technik über 140’000 Franken eingesprungen war, wollte aufgrund angespannter Haushaltslage nicht noch einmal finanziell aushelfen. Denn für die HSG-Leitung war von vornherein klar: Das Prinzip “Learning by doing” sollte sich nicht nur auf Mikrofone und Schnittpulte beziehen, sondern auch auf die betriebswirtschaftliche Rentabilität. Sprich: Der Sender sollte sich mit Werbung finanzieren. Natürlich will Geschäftsführer Michael Rohmeder nicht den Geldgeber HSG vergrätzen und formuliert deshalb: “Es ist ganz spannend, dass wir keine pädagogische Alibi-Übung sind, sondern uns über Werbung finanzieren müssen.” Aber zwischen den Zeilen ist kaum zu überhören: Rohmeder und die Toxic.fm-Leute könnten sich eine engere finanzielle Einbettung in die Unistrukturen vorstellen. Schliesslich gibt es auf St. Gallens Rosenberg-Hügel auch das Institut für Medienwirtschaft.
Als Retter in der Not sprang das “St. Galler Tagblatt” mit 150’000 Franken ein. “Die Beweggründe für die Unterstützung sind rein karitativ”, sagt Hans Peter Klauser, Geschäftsleiter der St. Galler Tagblatt AG, im eigenen Blatt. Ganz interesselos ist die Zollikofer-Gruppe nicht. Schliesslich war Toxic.fm ursprünglich die Konkurrenz zu Radio aktuell, mehrheitlich im Besitz der Zollikofer-Gruppe. Nun soll auch bei der Werbeakquisition die Zusammenarbeit gestärkt werden.
Die Gehälter der fünf Festangestellten von Toxic.fm haben kaum die Löcher in die Kassen gerissen. Denn waren im Businessplan ursprünglich 6000 Franken monatlich für den Geschäftsführer vorgesehen, muss sich Michael Rohmeder mit 3000 Franken begnügen. Die freien MitarbeiterInnen hingegen arbeiten gratis. Trotzdem erfordert das Vollprogramm von den fest verplanten MitarbeiterInnen je 12 Stunden wöchentlich Einsatz. Statt Bezahlung gibts “Medienkompetenz ohne Lehrbücher”. Stimmtraining, Moderation, Radiofeatures und vieles mehr steht 16 Mal jährlich auf dem Kursprogramm. Dozenten sind Medienprofis wie Hansjörg Enz, Felix Mätzler oder Iso Rechsteiner.

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