10. Juli 2007 von GastautorIn

Zwielichtige Rolle

Berichterstatter werfen der radikal-nationalistischen baskischen Zeitschrift “Ardi Beltza” (“Schwarzes Schaf”) vor, eine Kampagne der bewaffneten Separatistenorganisation ETA gegen JournalistInnen zu koordinieren. Ende März wurde deren Chefredaktor wegen Mitgliedschaft in der ETA angeklagt. Von Hans-Günter Kellner*.

JournalistInnen sind seit einem Jahr Ziele der ETA und damit stark gefährdet. Zeitungsredaktionen gleichen in ganz Spanien schon lange eher Hochsicherheitstrakten als Verlagsgebäuden. BesucherInnen werden streng kontrolliert. Scanner durchleuchten jedes Gepäckstück ebenso wie die morgendliche Post. Schon mehrmals wurden Bomben gefunden. Dennoch: Am 7. Mai letzten Jahres bezahlte José Luis López de Lacalle – der schon von Francos Regime inhaftiert und gefoltert wurde – seine kritischen Kolumnen über den baskischen Nationalismus in der Tageszeitung “El Mundo” mit seinem Leben. Ein ETA-Kommando erschoss ihn vor seiner Wohnung.
Heute werden rund 100 JournalistInnen von der Polizei beschützt. Zahlreiche KollegInnen sind aus dem Baskenland geflohen. So hat sich der ehemalige Baskenland-Korrespondent der staatlichen Televisión Española (TVE) nach Südamerika versetzen lassen, nachdem er ETA-Drohbriefe erhalten hatte.
Vor den zum 13. Mai 2001 angesetzten Regionalwahlen im Baskenland verstärken sich die Attacken gegen JournalistInnen weiter. Ein Übertragungswagen des Radiosenders Ser wurde von jugendlichen ETA-Anhängern angegriffen und in Brand gesteckt. Jugendliche ETA-Sympathisanten attackierten das Redaktionsgebäude der Zeitung von “El Correo” mit Molotowcocktails. Schon kurz davor hatten Mitglieder eines festgenommenen ETA-Kommandos Pläne zur Sprengung des Gebäudes von “El Diario Vasco” zugegeben.

Anklage gegen Chefredaktor Rei
Gleich zwei Ermittler des spanischen Nationalen Gerichtshofs, Juan del Olmo und Baltasar Garzón, halten den spanischen Journalisten Pepe Rei für diese Kampagnen für mitverantwortlich und setzten ihn in U-Haft. Sie warfen dem Chefredaktor von “Ardi Beltza” vor, mit seiner Publikation potenzielle Opfer der Terroristen auszudeuten.
Das Blatt hatte als Beilage ein Video in Umlauf gebracht, in dem von einer angeblichen Kampagne spanischer JournalistInnen gegen das baskische Volk berichtet wird. Das Video “Journalisten, das Geschäft des Lügens” rechtfertigt die Gewalt gegen KollegInnen mit dem Vorwurf, dass die Opfer mit dem Innenministerium zusammenarbeiten würden. Als Hinweis dafür werden jedoch lediglich Hintergrundgespräche des ehemaligen Innenministers Jaime Mayor Oreja mit JournalistInnen genannt. Einige der in dem Video erwähnten JournalistInnen haben Anzeige erstattet.
Die Polizei fand später bei festgenommenen ETA-Kommandos neben Plänen für Attentate auf JournalistInnen auch die Zeitschrift und das Video. Die Todesliste enthielt die Namen jener JournalistInnen, die im Video vorkommen. Die Beamten entdeckten bei der Durchsuchung einer konspirativen Wohnung in Barcelona auch detaillierte Pläne für ein Attentat gegen den beliebten Radiomoderator Luis del Olmo. “ETA schafft ihre eigenen Medien, die ihr zur internen Kommunikation dienen”, schlussfolgerte Untersuchungsrichter Juan del Olmo, der mit dem Rundfunkjournalisten nicht verwandt ist. Er warf “Ardi Beltza”-Chef Pepe Rei vor, “bewusst und beharrlich an den Zielen der ETA mitzuarbeiten”. Inzwischen erhob ein Untersuchungsrichter Anklage gegen Pepe Rei wegen Mitgliedschaft bei der ETA. Auch habe er in seiner Zeitschrift detaillierte Informationen über die Gewohnheiten von über 400 Menschen veröffentlicht. Der Untersuchungsrichter hat darum die Schliessung der Publikation angekündigt.

Kritik von “Reporter ohne Grenzen”
Eine schwerwiegende Massnahme, findet die linke Vereinigung “Richter für Demokratie”. Nach spanischem Strafgesetz sei dies aber möglich, erläutert deren Sprecherin Montserrat Comas, “wenn damit die fortgesetzte Ausübung von schweren Straftaten verhindert wird”. Die Organisation “Reporter ohne Grenzen” kritisiert eine Schliessung als “schweren Eingriff in die Pressefreiheit”. Unabhängig vom Strafverfahren gegen Rei müsse die Zeitschrift erscheinen dürfen; Straftaten könnten nur von Personen verübt werden, nicht von Medien.
Der Vorwurf an Pepe Rei, mit der ETA zusammenzuarbeiten, ist nicht neu. 1997 wurde Rei freigesprochen, der Terrororganisation Dokumentationen über mögliche Ziele zugeliefert zu haben. Rei war damals Chef der Recherche-Abteilung der Zeitung “Egin”, die vorübergehend eingestellt wurde, jetzt aber wieder unter dem Titel “Gara” erscheint. Rei erstellte während seiner Arbeit Dossiers über baskische Unternehmer. Kopien davon wurden später bei der ETA gefunden, die sich durch von Unternehmern erpresste Schutzgelder finanziert. Das Gericht hielt es zwar für erwiesen, dass die ETA Reis Rechercheergebnisse benutzte, aber nicht, dass sie diese Papiere tatsächlich von ihm habe.

Unklare Rolle eines deutschen Journalisten
Die Vorwürfe gegen Rei wiegen schwer, gestützt auf die öffentlich bekannten Beweise ist der Ausgang des Verfahrens jedoch offen. Sollte die spanische Justiz zum Schluss kommen, das Video von Rei sei eine Art Mordauftrag für ETA-Kommandos, würde auch einem deutschen Journalisten ein Verfahren wegen Mitarbeit mit der ETA drohen. Ralf Streck, in San Sebastián wohnender Spanien-Korrespondent der bundesdeutschen “Jungen Welt” und des “Neuen Deutschland” und zugleich Mitarbeiter von “Ardi Beltza”, führte die Interviews mit den im Video vorkommenden spanischen JournalistInnen. Streck habe sich als Mitarbeiter einer deutschen Produktionsfirma ausgegeben, sagt die unter ständigem Polizeischutz lebende Carmen Gurruchaga von der Tageszeitung “El Mundo”. Niemals hätte sie einem Interview zugestimmt, wenn sich Streck als Mitarbeiter von “Ardi Beltza” zu erkennen gegeben hätte, empört sie sich. Mehrere der interviewten Kollegen haben inzwischen gegen Streck Anzeige erstattet.
Gegenüber dem deutschen Mediendienst des “Evangelischen Pressedienstes” sagte Streck, er sei freier Journalist und habe im Auftrag einer deutschen Produktionsfirma gearbeitet. Er könne als Freelance gegenüber GesprächspartnerInnen unmöglich stets alle seine Abnehmer aufzählen. Die Interviewten hätten sich besser erkundigen müssen und “ihre Sorgfaltspflicht verletzt”. Es erscheint zweifelhaft, dass ihm wirklich nicht bekannt war, dass das von ihm geführte Interview in Wahrheit für die baskische Zeitschrift, für die er selbst arbeitet, bestimmt war.
Die spanische Justiz konzentriert ihre Ermittlungen bisher auf Pepe Rei. Ganz unabhängig davon, ob es auch zu einem Verfahren gegen Streck kommt, hat dessen Verhalten schon jetzt Auswirkungen auf die Arbeit von freien JournalistInnen in Spanien. Interview-Wünsche werden nun besonders kritisch geprüft.
Die Anschläge und Drohungen gegen JournalistInnen haben Spanien als einziges westeuropäisches Land in den Jahresbericht der Organisation “Reporter ohne Grenzen” gebracht. “Reporter ohne Grenzen” teilte zudem dem spanischen Innenministerium in einem Brief ihre “Empörung” über die derzeitigen Zustände mit. Das Ministerium müsse “alle Schritte unternehmen, um die Trivialisierung der Gewalt, deren Ziel die Presse in Spanien geworden ist, zu bekämpfen”, heisst es darin.
Die betroffenen KollegInnen im Baskenland beginnen sich zu wehren. Bereits November vergangenen Jahres gab es in San Sebastián die erste öffentliche Demonstration von JournalistInnen gegen die gegen sie gerichtete Gewalt. Zum beginnenden Wahlkampf haben “die Arbeiter der Kommunikationsmedien im Baskenland trotz aller ideologischen Unterschiede” eine öffentliche Erklärung verfasst. Darin weisen sie “jede Form des Terrors, der Aggression, der Gewalt oder Bedrohung” zurück.

Rundfunkchef wegen TV-Feature entlassen
Doch auch ohne Morddrohungen haben es JournalistInnen bei ihrer Berichterstattung über das Baskenland schwer. Weil ihm ein Feature über die nordspanische Region nicht gefallen hatte, setzte Madrids Ministerpräsident Alberto Ruíz-Gallardón den Generaldirektor des öffentlichen TV- und Hörfunksenders Telemadrid, Silvio González, kurzerhand ab. Die halbstündige Dokumentation sei ihm “zu neutral” gewesen, rechtfertigte der Ministerpräsident seinen Schritt. “Ein schwerer Eingriff in die Pressefreiheit”, urteilten die NachrichtenredaktorInnen in einer Protestnote. Die Chefredaktorin des Fernsehens, Elena Sánchez, trat zurück.
Die Reihe “30 Minuten” war in diesem Fall extra wegen des Baskenland-Features von der üblichen Sendezeit um Mitternacht auf den attraktiven Sendeplatz um 21.30 Uhr vorgezogen worden. In dem umstrittenen Beitrag kommen Hilfsorganisationen, PolitikerInnen aller Parteien und Terrorismusopfer zu Wort. Die AutorInnen halten sich zurück, keine Stimme aus dem Off kommentiert die Äusserungen. Was Madrids Ministerpräsident Gallardón besonders missfiel: Auch Arnaldo Otegi von der der ETA nahestehenden Partei Herri Batasuna wurde interviewt. Er versprach dabei den MadrilenInnen ein Ende des Terrors, wenn nur das Baskenland unabhängig würde. Das TV-Feature stelle Opfer und Täter im Baskenland auf eine Stufe und sei nicht “kämpferisch” genug gegen den Terrorismus, kritisierte Gallardón.
Die konservative Volkspartei (Partido Popular) unterstützt den ihr angehörenden Ministerpräsidenten und äussert für die kritisierten AutorInnen des Beitrag dennoch väterliches Verständnis. Die JournalistInnen seien eben keine PolitikerInnen. Sie hätten den Fehler gemacht, nur nach journalistischen Kriterien zu handeln, hiess es ernsthaft von der Volkspartei. Der geschasste Fernsehchef González ist inzwischen als Medienberater bei einem Unternehmen untergekommen.
Teresa Aranguren, aus dem Baskenland stammende Telemadrid-Redaktorin, kritisiert die Absetzung ihres Chefs als nicht zu tolerierenden Eingriff in die Unabhängigkeit der Redaktion. Sie sieht darin jedoch auch eine Steilvorlage für die radikalen baskischen Nationalisten, die Spanien immer noch in der Tradition der Franco-Diktatur sehen wollen. Dabei gebe es wichtige Unterschiede, meint Aranguren: “Auf der einen Seite wurde der Generaldirektor einer vom Staat abhängigen Rundfunkanstalt abgesetzt. Auf der anderen Seite werden Journalisten bedroht und ermordet und eine unabhängige Justiz sucht nach den Schuldigen.”

* Hans-Günter Kellner lebt und arbeitet in Madrid und ist freier Journalist für Print und Funk, u.a. für den “Evangelischen Pressedienst” (epd).

10. Juli 2007 von Klaus Bonanomi

Umfassende Allianz

Der FPÖ-Justizminister genehmigt den Zusammenschluss der Magazinverlage von “News” und “Kurier”, nachdem sich der “News”-Herausgeber mit FPÖ-Spitzen getroffen hatte. Der neue Presse-Gigant besitzt 60 Prozent Marktanteil bei Tageszeitungen und Zeitschriften. Von Klaus Bonanomi.

Es braucht einige Fantasie, sich vorzustellen, in Deutschland würden die Magazine “Focus”, “Spiegel” und “Stern” und die Springer-Blätter “Bild” und “Die Welt” künftig von ein und demselben Medienkonzern herausgegeben. Auch in der Schweiz würde eine Fusion von Ringier und Tamedia wohl nicht ohne Aufschrei der Öffentlichkeit durchgehen. Doch Vergleichbares spielte sich in Österreich ab: Mit dem Zusammenschluss der Verlagsgruppen von “News”, “Kurier” und “Krone” entsteht ein marktbeherrschendes Medien-Konglomerat, das mit den führenden Info-Magazinen und der absolut dominierenden Boulevard-Zeitung künftig Tag für Tag und Woche für Woche 6 von 10 LeserInnen zwischen Bodensee und Burgenland, zwischen Rhein und Donau erreicht. Und in der Öffentlichkeit gibts kaum Kritik, mit Ausnahme einiger heftiger Kommentare in den unabhängigen Tageszeitungen “Die Presse” und “Der Standard”.
“Anschlag auf den Rechtsstaat”, überschrieb am 1. März die konservative Wiener Zeitung “Die Presse” den Leitartikel ihres Chefredaktors Andreas Unterberger über die “grösste und schlimmste Kartellbildung in der Geschichte Österreichs”. Und der Gründer und Herausgeber des unabhängigen liberalen “Standard”, Oscar Bronner, schrieb am selben Tag auf der Titelseite seines Blattes: “Ab dem heutigen Datum gibt es keinen funktionierenden Medienmarkt mehr in Österreich.”

Markt zu klein für zwei Wochenmagazine
Was war geschehen? Das Wiener Kartellgericht hatte den Zusammenschluss der zwei führenden Magazin-Verlage Österreichs genehmigt, nämlich der Kurier-Gruppe, in der neben dem traditionsreichen Wochenmagazin “Profil” auch das monatliche Wirtschaftsmagazin “Trend” und verschiedene Special-Interest-Titel vereinigt sind, und der Verlagsgruppe News, die das Nachrichtenmagazin “Format”, die Polit-Illustrierte “News” und eine grosse Fernsehzeitschrift herausgibt. Brisant an dem Zusammenschluss ist, dass das neu entstehende Medien-Konglomerat auf vielfältige Weise auch mit der grössten Boulevard-Zeitung des Landes, der “Neuen Kronen-Zeitung”, verbunden ist (siehe Grafik).
Vorher gings kriegerisch zu und her. Gut zwei Jahre dauerte der “Magazinkrieg” zwischen “Profil”, dem vor rund 30 Jahren (ebenfalls von Oscar Bronner) gegründeten Nachrichtenmagazin, und dem 1998 neu gegründeten Wochenmagazin “Format” aus dem Hause News. Der österreichische Markt erwies sich alsbald als zu klein für die beiden ähnlich ausgerichteten Montags-Magazine; es folgte ein erbitterter Kampf um Inserenten und LeserInnen, den keine der beiden Seiten für sich zu entscheiden vermochte, obwohl “Format” und “Profil” je rund zehn Millionen Franken pro Jahr für Marketing-Massnahmen aufwarfen. Die “Profil”-Eigner waren schliesslich nicht mehr bereit, den teuren Kampf zu finanzieren. Insbesondere der bodenständig-konservativen und ÖVP-nahen Raiffeisen-Bankengruppe, mit 51 Prozent Mehrheitseigentümerin an “Profil”, war die Lust an ihrem eigenen Medienprodukt vergangen: Denn “Profil” hatte seit dem Amtsantritt der neuen ÖVP-FPÖ-Regierung Anfang 2000 einen pointiert regierungskritischen Kurs gefahren.

Fünfjährige Bestandesgarantie für “Profil”
Spätestens hier wirds politisch. “Profil” und mit ihm auch “Trend” und die übrigen Zeitschriften des “Kurier”-Magazinverlags stehen also zum Verkauf; das Rennen macht ausgerechnet der im Magazinbereich bereits führende News-Verlag, obwohl auch Springer, “Der Standard” und “Die Presse” ihr Interesse angemeldet haben. Doch das Kartellgericht in Wien genehmigt – ohne eingehende Prüfung von Alternativen – die umstrittene Lösung mit der News-Gruppe. Bloss Justizminister Dieter Böhmdorfer (FPÖ) könnte mit einem Rekurs die “Elefantenhochzeit” noch verhindern. Und er scheint anfänglich auch rechte Lust darauf zu verspüren, sind doch der News-Verlag und die FPÖ einander spinnefeind: Seit Jahren schon laufen immer wieder Prozesse und Gegenklagen zwischen der Haider-Partei und dem Magazin. Doch der FPÖ-Minister lässt sich in letzter Minute von einem Rekurs gegen die Magazinfusion abbringen: Ende Februar, unmittelbar vor Ablauf der Rekursfrist, trifft sich “News”-Herausgeber Wolfgang Fellner heimlich mit FPÖ-Vizekanzlerin und Parteichefin Susanne Riess-Passer und FPÖ-Fraktionschef Peter Westenthaler. Und tags darauf wird mitgeteilt, dass der FPÖ-Minister die Magazinfusion doch genehmigt und auf einen Rekurs verzichtet.
Dann wirds für kurze Zeit komisch: “News”-Mann Fellner dementiert, dass es ein solches Treffen gegeben habe. Pech, dass Riess-Passer gegenüber der Nachrichtenagentur APA das Treffen bestätigt. Worauf Fellner mit der Bemerkung kontert, da müsse wohl ein Klon von ihm in Wien unterwegs sein! “Es ist ganz klar, dass da ein Deal lief”, ist dagegen Astrid Zimmermann, Präsidiumsmitglied der österreichischen Journalisten-Gewerkschaft, überzeugt.
Denn – und hier wirds vollends wienerisch-gemütlich – die Vermutung liegt auf der Hand: Der FPÖ-Minister ermöglicht die Fusion, im Gegenzug darf die FPÖ auf schonendere Behandlung durch die Magazine hoffen. Und als Zückerchen gibts eine fünfjährige Bestandesgarantie für “Profil”. Die FPÖ hat damit ein weiteres Mal gezeigt, dass sie, seit einem Jahr in Wien an der Regierung, das Spiel der Klüngelei mittlerweile auch schon so gut beherrscht wie ihre Vorgängerregierungen unter SPÖ-Führung, die ebenfalls nichts für ein griffiges Kartellrecht taten und die seinerzeit die Fusion der beiden Boulevard-Verlage Krone und Kurier ermöglichten.

Gewerkschaftlicher Widerspruch
Als eine von wenigen Organisationen kämpfte die österreichische Journalisten-Gewerkschaft gegen den Zusammenschluss der Magazinverlage. “Nun entsteht ein Quasi-Monopol. Dies ist in jeder Hinsicht bedrohlich – für die Meinungsvielfalt, aber auch aus Sicht der Angestellten”, so Astrid Zimmermann zu KLARTEXT. “Wenn ein Journalist einen Arbeitskonflikt mit einem der beteiligten Magazine hat, dann wird er kaum noch eine Chance haben, für ein anderes Produkt desselben Konzerns arbeiten zu können.” Die Hauptgefahr drohe aber in wirtschaftlicher Hinsicht: “Der Druck auf die Tagespresse wird sich verstärken, da es nunmehr möglich ist, grosse Inseratekampagnen zu führen, ohne dabei in den unabhängigen Tageszeitungen zu inserieren. Wer nur in den Magazinen und in den verbundenen Boulevardblättern inseriert, erreicht künftig ein Riesenpublikum.” Doch auch inhaltlich sieht Zimmermann ihre Befürchtungen bestätigt: “Zur Diskussion um die Magazinfusion war in den beteiligten Medien kein Wort zu lesen, bis der Entscheid des Kartellgerichts gefallen war. Mit einem solchen Quasi-Monopol kann man eben nicht nur Kampagnen führen, sondern auch Themen gezielt verschweigen.”

Meinungseintopf oder Differenzierung?
Der Wiener Medienwissenschafter Wolfgang Langenbucher befürchtet, dass nun “die Herrschaft der Betriebswirte” angebrochen ist: “Das verlegerische, publizistische Denken verschwindet zusehends. Nun droht auch ‘Profil’ journalistisch zu verenden.” Zwar sei nun nicht zwingend mit einer Gleichschaltung zu rechnen: Aus ökonomischer Sicht mache es mehr Sinn, die Produkte des Konzerns wieder stärker zu differenzieren, um so die unterschiedlichen Marktsegmente besser abzudecken, meint Langenbucher. In diese Richtung argumentiert auch Christian Rainer, Herausgeber und Chefredaktor von “Profil” und “Trend”: “Ich habe keine Angst um die Meinungsvielfalt, im Gegenteil, die Vielfalt kann so besser gesichert werden. ‘Profil’ kann sich nun wieder stärker inhaltlich profilieren.” Die Demokratie sei nicht gefährdet: “Diese Behauptung der ‘Presse’ und des ‘Standard’ halte ich für Schwachsinn! Die beiden Zeitungen führen ihrerseits eine Kampagne gegen unsere Kooperation, dabei spannen sie doch selber zusammen”, so Rainer zum KLARTEXT.
In der Tat haben die beiden Wiener Tageszeitungen beschlossen, eine gemeinsame Hauszustellung für den Grossraum Wien zu organisieren. Für Andreas Unterberger, Chefredaktor der “Presse”, ist dies jedoch kein erster Schritt hin zu einer verlegerischen oder inhaltlichen Kooperation der beiden Qualitätsblätter: “Die nunmehr entstandene monopolartige Gruppe versucht mit derlei Gerüchten bloss, von ihrem eigenen Zusammenschluss abzulenken. Selbstverständlich sind aber Kooperationen etwa in Hinblick auf Vertrieb und Hauszustellung notwendig und sinnvoll”, meint Unterberger.
Die grosse ökonomische Macht des neuen Medien-Konglomerats könnte missbraucht werden, fürchtet auch Medienwissenschafter Langenbucher mit Verweis auf die rechtspopulistische “Kronen-Zeitung”: “Bei der ‘Krone’ ist der Missbrauch der publizistischen Macht bereits jetzt der Normalfall. Die Macht der ‘Krone’ ist die Angst der Eliten vor ihrer Macht: Nicht was sie schreibt, ist schlimm, sondern dass die Eliten Angst davor haben, was sie schreiben könnte”, erläutert Langenbucher gegenüber KLARTEXT. “‘Profil’ war bisher ein Gegengewicht und auch der ORF unter dem früheren Intendanten Gerd Bacher. Doch nun sind wirklich alle miteinander verbandelt und es gibt mit Ausnahme der unabhängigen Tageszeitungen kaum noch ein Gegengewicht.”

Klaus Bonanomi berichtet regelmässig für den “Standard” aus der Schweiz.

Fernsehen in der “Kronkolonie” Österreich

Die Medienlandschaft in Österreich wird von zwei Grossen dominiert – dem ORF bei den elektronischen und der “Neuen Kronen-Zeitung” bei den Printmedien. Das rechtspopulistische Boulevard-Blatt lesen täglich 2,8 Millionen Menschen, das sind 43 Prozent der Erwachsenen in Österreich. Soeben hat die “Krone” in Wien auch die erste Gratiszeitung lanciert, den “U-Express”. Vergleichsweise gering ist demgegenüber die Reichweite der übrigen Tageszeitungen: Von den überregionalen Qualitätsblättern erreicht “Der Standard” 380’000 LeserInnen, “Die Presse” 340’000, wie die neuste Media-Analyse vom März 2001 ergibt. Auffallend auch die starke Stellung deutscher Verlage im österreichischen Markt: Die neue Magazin-Gruppe wird von Gruner + Jahr sowie der WAZ beherrscht. Und “Der Standard”, gegründet 1988 von Oscar Bronner und dem deutschen Springer-Konzern, gehört heute zu 49 Prozent der “Süddeutschen Zeitung”. Springer war 1992 auch an der Gründung der News-Verlagsgruppe beteiligt, stieg dann später aber aus.
Bei den elektronischen Medien dominiert der ORF den Markt; es gibt zwar seit einigen Jahren private Radiostationen, beim Fernsehen soll es aber frühestens 2002 Privatkonkurrenz geben. Die ORF-Fernsehprogramme erreichen mit einer Reichweite von 65 Prozent fast realsozialistische Werte; die Info-Sendungen des ORF sind Staatsfunk pur: Die rechtskonservative Regierungskoalition aus FPÖ und ÖVP übt via ORF-Kuratorium direkten Zugriff auf den Sender aus. Im Unterhaltungsprogramm hat sich der ORF dagegen den ausländischen Privatsendern angepasst – es gibt ein Millionenquiz, Talkshows und mit “Taxi Orange” eine Art öffentlich-rechtlicher “Big-Brother”-Version.
KritikerInnen wie “Presse”-Chefredaktor Andreas Unterberger oder Gewerkschafterin Andrea Zimmermann (vgl. Haupttext) werfen dem ORF zudem eine allzu grosse Nähe zur “Kronen-Zeitung” vor: Die beiden Medienunternehmen sind über verschiedene Kooperationen miteinander “verbandelt”. Augenfällig etwa bei der diesjährigen Ski-Weltmeisterschaft in St. Anton: Dort betrieben “Krone” und ORF ein gemeinsames Studio. Und beim Millionenquiz wird immer wieder auf “Krone”-Schlagzeilen Bezug genommen. Rücksicht auf seinen Kooperationspartner “Krone” und vorauseilender Gehorsam gegenüber dem schwarz-blauen Kuratorium standen nach Zimmermanns Ansicht denn auch beim ORF einer ausführlichen oder gar kritischen Auseinandersetzung mit der umstrittenen Magazinfusion entgegen: Man begnügte sich mit Kurzmeldungen. Dafür, so Zimmermann, “wird der ORF in der ‘Kronen-Zeitung’ ausgesprochen pfleglich behandelt.”

Auflagezahlen der österreichischen PresseTageszeitungenMagazine“Neue Kronen-Zeitung”937’700″Format”97’200(Sonntags-Ausgabe:1’370’000)”Profil”87’900″Kleine Zeitung”276’000″News”keine offiziellen Angaben”Kurier”210’700Inoffiziell: ca. 1.3 Mio.”Oberösterreich-Nachrichten”113’100″Trend”70’000″Tiroler Tageszeitung”108’500(Verbreitete Auflage im 4. Quartal 2000) Quelle: Österreichische Auflagenkontrolle“Die Presse”108’300″Der Standard”95’700″Salzburger Nachrichten”91’800″Vorarlberger Nachrichten”69’500″Wirtschaftsblatt”49’800

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