10. Juli 2007 von Reiner Wandler

Ende der Aufhellung

Im Dezember verbot die marokkanische Regierung drei kritische Wochenzeitungen. Seit Mitte Januar dürfen sie wieder erscheinen. Doch die Regierung bereitet ein restriktives Pressegesetz vor. Von Reiner Wandler.

Der marokkanische Frühling der Pressefreiheit ist zu Ende. Die Regierung unter dem Sozialisten Abderrahmane Youssoufi bereitet ein neues Pressegesetz vor, das dem Informationsministerium künftig das Recht gibt, ein unliebsames Blatt nicht nur zu suspendieren, sondern die Publikation ganz einzustellen, sofern darin enthaltene Artikel die “fundamentalen Interessen des Staates und der Monarchie gefährden”. Der junge König Mohamed VI. und Premierminister Youssoufi, die sich gerne als Reformer feiern lassen, beenden damit die zaghafte Öffnung der Presselandschaft, die vor knapp drei Jahren noch unter dem im Sommer 1999 verstorbenen König Hassan II. begonnen hatte.
Während die Verantwortlichen in den Amtsstuben des Justiz-, Innen- und Informationsministeriums dem umstrittenen Gesetzeswerk noch den letzten Schliff geben, führt Premierminister Abderrahmane Youssoufi schon einmal vor, wie weit die “Staatsinteressen” gehen, welche die Presse künftig nicht verletzen darf. Anfangs Dezember ordnete der altgediente Sozialist – der für viele Marokkaner die Hoffnung auf Demokratisierung verkörpert – die Schliessung der drei kritischen Wochenzeitungen des Landes, der französischsprachigen “Le Journal” und “Demain” sowie des arabophonen “Assahafi”, an.

Verbot nach Veröffentlichung eines Briefes
Der Stein des Anstosses war ein Brief von Mohamed Basri, einem der Helden der marokkanischen Unabhängigkeit, den “Le Journal” veröffentlicht hatte. Falls das in den frühen 70er Jahren an die damalige Leitung der heute von Youssoufi geführten Union der Sozialistischen Volkskräfte (USFP) gerichtete Schreiben echt ist, würde es belegen, dass führende Sozialisten in den gescheiterten Putsch gegen den im vergangenen Jahr verstorbenen König Hassan II. verwickelt waren. Unter denen, die somit vom Versuch, den königlichen Jet 1972 durch Jagdflugzeuge unter dem Kommando von General Mohamed Oufkir abschiessen zu lassen, gewusst hätten, befände sich der Premierminister höchstpersönlich. “Le Journal” wollte weitere Details nachschieben. “Assahafi”, die arabischsprachige Publikation aus demselben Haus, sowie “Demain” wollten das Thema ebenfalls aufgreifen. Dazu kam es nicht mehr. Die drei Blätter wurden verboten.
Youssoufi, der in seinen jungen Jahren einer der erbittertsten Gegner von Hassan II. war und dafür mit Exil und einer Verurteilung zum Tode in Abwesenheit bezahlte, witterte eine “reaktionäre Verschwörung, um unsere Institutionen zu schwächen”. Das Verbot der drei Zeitungen sei notwendig gewesen, “um die Einheit zwischen der Monarchie und den Parteien zu wahren”. – “Gegen die Konspiration: Hoch lebe die Monarchie, die unteilbare Nation, die Demokratie, die Armee und die USFP”: Mit diesem Slogan erhob die USFP-eigene Tageszeitung “Liberation” die sozialistische Partei in den Rang der heiligen Symbole Marokkos.

Bereits früher mehrere Vertriebsverbote
Nach Angaben von “Reporter ohne Grenzen” (RsF) wurden im vergangenen Jahr – bereits vor dem Coup gegen die drei Wochenblätter – gegen acht Zeitungen ein vorübergehendes Vertriebsverbot ausgesprochen. Unter ihnen befinden sich die beiden französischen Publikationen “Jeune Afrique” und “Le Figaro”. Über drei Journalisten wurde ein Reiseverbot verhängt. Selbst ein Fernsehteam von France 3 wurde mehrere Tage festgehalten, nachdem es bei einem Marsch verschiedener Menschenrechtsorgansiationen zum ehemaligen Geheimgefängnis Tazmamart im Atlas gedreht hatte.
“In Marokko scheint es nie die passende Gelegenheit zu geben, um die Vergangenheit aufzuarbeiten”, beschwert sich Ali Amar. Zusammen mit 200 Journalisten zog der Chefredaktor von “Le Journal” vor das Informationsministerium in Rabat. Es war die erste Kundgebung dieser Art, die die unabhängige Nationale Marokkanische Pressegewerkschaft (SNPM) organisierte. Doch die Regierung liess sich davon ebenso wenig beeindrucken wie von der Klage, welche die Herausgeber der drei betroffenen Publikationen gegen das Verbot einreichten. Die von Youssoufi gerne gepriesene “neue, rechtsstaatliche Justiz”, wies die Klage zurück. Ende Dezember ging Youssoufi noch einen Schritt weiter. Er liess den Vertrieb der französische Wochenzeitung “Le Courrier International” untersagen. Das Blatt hatte den Herausgebern von “Le Journal”, “Demain” und “Assahafi” breiten Platz eingeräumt.
Erst Mitte Januar und erst nach einem Hungerstreik von Aboubakr Jamai, dem Herausgeber von “Le Journal” und “Assahafi”, lenkte die Regierung doch noch ein. Jamai erhielt die Genehmigung für zwei neue Zeitungen. Ein paar Tage später wurde auch das Nachfolgeprojekt von “Demain”-Chef Ali Lmbaret abgesegnet. “Dank der ausländischen Proteste”, ist sich Lmbaret sicher. Den beiden Herausgebern ist klar, dass sie auch weiterhin von Regierungsseite aufmerksam gelesen werden. Das Damoklesschwert erneuter Strafmassnahmen wird – sobald das neue Pressegesetz verabschiedet ist – mehr denn je über Marokkos unabhängiger Presse und damit über den Blättern von Jamai und Lmbaret schweben. Noch ein Verbot können sich die beiden kaum leisten. “Ich stehe kurz vor dem Bankrott und habe bereits Angestellte entlassen müssen”, sagt Lmbaret.

Massnahmen gegen Korrespondenten
Der Regierung und dem König waren die drei Wochenzeitungen schon lange vor dem Verbot im Dezember 2000 ein Dorn im Auge. Ob ein Interview mit dem Führer der für die Unabhängigkeit der 1975 von Marokko besetzten ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara eintretenden Polisario, Mohamed Abdelaziz, ein Gespräch mit dem damaligen israelischen Regierungschef Netanyahu oder Berichte über Korruption in der Armee – die Publikationen fassten heisse Eisen an. Mehrere Male wurden sie deshalb mit Vertriebsverbot belegt. “Nach der Armee und der Sahara haben diese Wochenzeitungen einen erneuten Schritt in ihrer Kampagne unternommen, um die Grundlagen der Stabilität des Königreiches in Misskredit zu bringen”, heisst es in einem Kommuniqué von Premierminister Youssoufi.
Die Regierung meinte, hinter der Berichterstattung der drei Zeitungen “ein internationales Komplott” ausmachen zu können. “Le Journal” wurde in Frankreich gedruckt, “Demain” in Spanien. Vor allem die französische Tageszeitung “Le Monde” und die Nachrichtenagentur Agence France Presse (afp) griffen die von den beiden Wochenzeitungen veröffentlichten Artikel oft auf. Der afp-Bürochef Claude Juvenal, der immer wieder über Menschenrechtsfragen und Korruption berichtete, wurde im November ausgewiesen. Spanischen Kollegen, die sich mit Juvenal solidarisierten, warf die staatliche marokkanische Nachrichtenagentur MAP “Neokolonialismus” vor. Und der Korrespondent der BBC bekam die Quittung für seine Kritik ebenfalls in Form einer MAP-Depesche. Die Agentur berichtete detailliert über eine Meinungsverschiedenheit, die der BBC-Journalist mit einer Kassiererin hatte, als er ein defektes Handy umtauschen wollte.
Juvenal habe gegen “die berufliche Ethik verstossen” und die “Gefühle des Volkes verletzt”, rechtfertigt Youssoufi diese Massnahme. “Wenn es keine Gründe dafür gegeben hätte, glauben Sie denn, ich würde dann so handeln und meinem Ruf schaden?”, reagierte der Premier auf Kritik bei einem Treffen mit deutschen und Schweizer Journalisten im Vorfeld seines Staatsbesuchs in Berlin kurz vor Weihnachten.

10. Juli 2007 von Barbara Hofmann

Noch ist viel zu tun

Im Sommer gingen noch sämtliche Medien im Westen davon aus, dass ein Machtwechsel in Serbien unmöglich sei. Acht Wochen später war das Regime gestürzt. Ein Bericht über sich verändernde journalistische Rahmenbedingungen. Von Barbara Hofmann.

Im Vorfeld der Wahlen vom 24. September hatten die Abwehrkämpfe und Restriktionen Slobodan Milosevics gegen die unabhängigen Medien absurde Formen angenommen. Im Juli wurden die unabhängigen Medien von einer Parlamentsdebatte zu einem neuen Wahlgesetz ausgeschlossen, das Milosevic im Amt halten sollte. Vojislav Seselj, damaliger Vizepräsident der serbischen Regierung, erklärte unumwunden: “Ziel ist, dass diese Verrätermedien, die Ableger der ausländischen Geheimdienste sind, von der politischen Ebene verschwinden.”
Kurz vor den Wahlen erliess die Wahlbehörde ein “Einseitigkeitsverbot”. Sie rügte die unzulässige Tätigkeit der Tageszeitungen wie “Blic” oder “Danas”. Anschliessend erliess die Wahlkampfbehörde Anweisungen zur politisch korrekten Wiedergabe von Wahlveranstaltungen. Oberstes Prinzip: “Die Medien dürfen die Objektivität der Wahlorgane nicht in Zweifel ziehen.” Die regimebestimmte Objektivität bestand in der ausschliesslichen Berichterstattung über Slobodan Milosevic und seine Verdienste und der Abwertung der Opposition. Am Tag nach dem Machtwechsel mailte eine Kollegin aus Novi Sad deshalb überschwänglich: “Das ist auch ein Sieg der Medienfreiheit – wir haben Teil an dieser Revolution.”
Sowohl beim Machterhalt wie auch beim Machtverlust hatte Milosevic die Medien als wichtigen gesellschaftlichen Faktor betrachtet. Die Einführung eines neuen Informationsgesetzes im Oktober 1998 – gemäss internationalen Menschenrechtsorganisationen eine der schwersten Verletzungen der Medienfreiheit in Europa – hatte die Situation der unabhängigen Medien in Serbien zunehmend erschwert. Die verhängte Militärzensur und die Tilgung verfassungsmässiger Rechte, einschliesslich Medien- und Meinungsfreiheit, machten professionelle Medienarbeit praktisch unmöglich.
Unabhängige Radio- und Fernsehstationen wurden geschlossen oder – wie der bekannteste unabhängige Belgrader Sender B-92 – unter Regierungskontrolle gestellt und gleichgeschaltet. Die Printmedien wurden verpflichtet, weiterhin zu erscheinen – mit der Drohung, ihnen sonst die Registrierung zu entziehen. JournalistInnen wurden bedroht, einige verhaftet, andere ermordet wie Slavko Curuvija, Verleger der Tageszeitung “Dnevni Telegraf” und des Wochenmagazins “Evropljanin”. Trotzdem liessen sich professionelle Medienschaffende und unabhängige Medienprojekte nicht einschüchtern.

Bussen für kritische Medien
Medien standen aber nicht nur auf der Abschussliste des Regimes, sondern wurden 1999 auch zu Zielen der Nato-Kriegsführung. Der grösste Teil der Übertragungssysteme des staatlichen Radios und Fernsehens RTS sowie die Sendeanlagen einiger lokaler unabhängiger Radio- und Fernsehstationen wurden zerstört. Den Höhepunkt erreichte der Nato-Krieg gegen Medien mit der Bombardierung des Hauptgebäudes von RTS, bei der 16 JournalistInnen und andere Angestellte getötet wurden. Kürzlich erhob Slobodan Sisic, ein Rechtsanwalt, der unter anderen die Familien der Bombenopfer vertritt, schwere Vorwürfe gegen das RTS-Management, insbesondere den ehemaligen Generaldirektor Dragoljub Milanovic. Die RTS-Leitung habe von dem geplanten Bombardement vom 22./23.April 1999 bereits 12 Stunden zuvor gewusst, hätte aber die im Haus befindlichen JournalistInnen nicht gewarnt.
Auch nach Ende der Nato-Bombardierung im Frühsommer 1999 hielt der intensive Druck der Regierung gegen unabhängige Medien an. Schikanen gegen JournalistInnen, RedaktorInnen und VerlegerInnen mittels Gerichtsprozessen und hohen Geldstrafen für die “Verbreitung von Falschinformationen” wurden Alltag. Die verhängten Strafen zusammengerechnet ergeben einen Betrag von mehreren Millionen Franken. Die während des Krieges geschlossenen elektronischen Medien hatten grosse Probleme, ihre Arbeit wieder aufzunehmen.
Die meisten oppositionellen Medien unterwarfen sich während des Krieges den Zensurbestimmungen. Nur wenige leisteten durch ihre Berichterstattung offenen Widerstand, unter ihnen der nach der Regierungsübernahme von B-92 neu gegründete Radiosender B2-92, die Zeitschrift “Republika”, RTV Bajina Basta und RTV Pancevo. Nach Kriegsende nahmen sie in kürzester Zeit ihre Funktion als härteste Gegner des Regimes wieder auf und erzielten sogar höhere Auflagen und Einschaltquoten als die staatlichen Publikationen.
Anfang 2000 verstärkte das Regime den Druck auf unabhängige Medien. Druckereien unabhängiger Blätter wurden in den Konkurs getrieben oder Druckpapier künstlich verknappt. Die einzige Fabrik für Zeitungspapier befindet sich unter Staatskontrolle – dem Apparat fiel es deshalb leicht, Produktion, Preise und Verkauf von oben zu steuern. Regimeblätter wurden bei der Papierabgabe bevorzugt, die unabhängigen erhielten Druckpapier nur zu übersetzten Preisen, wie ein für die Tageszeitung “Danas” arbeitender Journalist im Juli in Novi Sad sagte. Auf staatlichen Druck hin wurden die Verkaufspreise der unabhängigen Medien gesenkt und hohe Bussen wegen “Falschinformationen” verhängt.
Die Tagezeitung “Danas” beispielsweise, die sich durch seriöse Gegeninformation und freche Karikaturen auszeichnet, bekam fast jeden Monat eine saftige Busse. Häufig wurden Redaktions- oder Senderäume einfach ausgeplündert und verwüstet – wie die von “Blic” oder des lokalen Fernsehsenders Studio B. Fernsehstationen wurden geschlossen, Sendeanlagen abtransportiert. Die unabhängigen Medien waren für ihr Überleben auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen – was sie erneut dem Vorwurf aussetzte, “Söldner der Nato” zu sein. Mit überfallartigen Kontrollen der Finanzpolizei wurde versucht, ihnen Devisenvergehen nachzuweisen, die dann saftige Bussen oder auch die Schliessung nach sich zogen.
Immer wieder wurden JournalistInnen verhaftet und festgehalten. Eine Journalistin aus Novi Sad sagt: “Beliebt war bei den Sicherheitskräften, Journalisten zu verhaften, die bei einer Demonstration fotografierten oder Leute interviewten.” Ein SOS-Pass mit sämtlichen wichtigen Telefonnummern sollte sie schützen und ihnen bei polizeilichen Übergriffen zumindest ermöglichen, KollegInnen oder einen Anwalt anzurufen. Im Mai traf es den AFP-Mitarbeiter Miroslav Filipovic, dem in der Sprachregelung des Regimes wegen eines Artikels über serbische Gräueltaten im Kosovo und deren Einfluss auf die Truppenmoral “Spionage” und Verbreitung falscher Information vorgeworfen wurde. Im August verurteilte ihn deshalb ein Militärgericht trotz seines schlechten Gesundheitszustandes zu sieben Jahren Haft.
Unerwünschter Eindringling war man auch als ausländische Journalistin. Gelangte man – nach mehrfacher Ablehnung des Visumsantrags – schliesslich doch noch ins Land, zogen es manche GesprächspartnerInnen vor, sich irgendwo unter freiem Himmel zu treffen: “Dort können sie uns nicht abhören.”

Zu wenig unabhängige JournalistInnen
Auf den Trümmern einer solchen Vergangenheit gilt es nun eine demokratische und professionelle Medienzukunft aufzubauen. Kein leichtes Unterfangen. Materiell müssen Besitzverhältnisse geklärt werden: Wie sollen die Staatsbetriebe neu lanciert werden? Denkbar wäre eine Aktiengesellschaft, die von der Belegschaft getragen wird. Auch sind Schuldenberge abzutragen: Allein beim Staatsfernsehen RTS klafft ein Finanzloch von 20 Millionen Franken. Bisherige Systemhardliner unter den JournalistInnen können nicht mehr wie bisher weiterbeschäftigt werden. Andererseits ist eine generelle “Säuberung” weder nötig noch möglich: Es gibt zu wenig unabhängige ProfijournalistInnen und nicht alle, die zum Beispiel als TechnikerInnen bei Staatsmedien gearbeitet haben, sind deswegen schon KriegsverbrecherInnen. Durch verstärkte Ausbildungsmassnahmen muss deshalb vorerst mehr Professionalität geschaffen werden.

“Sie haben die Medienfreiheit zurückerobert”

Gespräch mit Roland Brunner, Medienhilfe Ex-Jugoslawien

Klartext: Roland Brunner, der Machtwechsel in Serbien ist unter anderem der zähen und unerschrockenen Arbeit unabhängiger Medien zu verdanken …
Brunner: Einerseits war schon vor dem Sturz des Regimes aufgrund von Umfragen klar, dass Milosevic und seine Regierungskoalition aus Sozialistischer Partei SPS und Vereinigten Linken JUL diese Wahlen nicht gewinnen konnten – andererseits haben die unabhängigen Medien einen wesentlichen Beitrag zum Machtwechsel geleistet, indem sie die Plattform für eine oppositionelle Alternative zu Milosevic schufen. Das öffnete in den Köpfen ein Fenster für die Veränderung der Gesellschaft in Serbien.
Klartext: Was unterschied die unabhängigen von den staatlichen Medien, was gab ihnen diesen enormen Vorsprung, obwohl sie doch in den letzten Monaten unter immer stärkerem Druck standen?
Brunner: Die staatlichen, regimenahen Medien zeichneten bis zum letzten Tag ein Schwarzweissbild: Milosevic war gut, die Opposition bestand aus Verrätern, Spionen oder Söldnern der Nato. Das glaubte ihnen mit der Zeit niemand mehr. Die unabhängigen Medien informierten sehr viel differenzierter: Sie machten Sondersendungen auf lokalen Radio- und Fernsehstationen, Sonderbeilagen in den Printmedien, Plakataktionen oder Rockkonzerte. Sie riefen aber nicht zur “Alternative Kostunica” auf, sondern animierten die Bevölkerung, überhaupt wählen zu gehen. Sie liessen ansonsten den Stimmenden die Entscheidung, wer die bessere Politik gewährleisten würde.
Klartext: Der Sieg über Milosevic ist also auch ein Sieg der unabhängigen Medien?
Brunner: Sie haben zumindest einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet.
Klartext: Gemäss Bertolt Brecht beginnen nach den Mühen der Berge die Mühen der Ebene. Wie sieht die Zukunft der Medien in Serbien nach dem Systemwechsel aus?
Brunner: Sie haben die Medienfreiheit zurückerobert. Das bisherige regimetreue und repressive Informationsgesetz wurde bereits ausser Kraft gesetzt. Nun geht es darum, Sendefrequenzen neu festzulegen, diese auch juristisch zu regeln, Besitzverhältnisse neu zu definieren. Auch sind sehr viele Prozesse hängig von Leuten, die in den letzten Jahren aus politischen Gründen entlassen wurden. Und schliesslich geht es darum, professionellen Journalismus aufzubauen, die Demokratisierung zu begleiten und die Regierung in gewissem Sinne auch zu kontrollieren.
Klartext: Kostunica befindet sich derzeit im Sandwich zwischen den Erwartungen der Bevölkerung, den Erwartungen des Westens, dem in seinem Versteck lauernden Milosevic und seinen Vertrauten – was hat das für Folgen auf ein unabhängiges Medienwesen?
Brunner: Kostunica weiss, wem er letztlich seinen Wahlsieg zu verdanken hat – das heisst, er versucht im Moment alles, um auch die Vertreter der freien Presse in seine Regierung zu integrieren; auch gibt es bereits Gesetzesvorstösse für ein neues Informationsgesetz.
Klartext: Besteht nicht die Gefahr, dass er die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen kann und sich mit erneut Enttäuschten ein grosses Konfliktpotenzial einhandelt?
Brunner: So etwas ist nie auszuschliessen.
Klartext: Die Medien müssen sich ja derzeit in ihrem Weltbild umorientieren: Es gab vor dem Machtwechsel eine eindeutige Trennung in Freund und Feind. Jetzt heisst es differenzierter zu werden, sich einer neuen Realität zu stellen – nicht nur auf der Ebene der materiellen und juristischen Existenz.
Brunner: Ja – und das verunsichert auch. Am meisten Probleme haben allerdings die bisher staatstragenden Medien mit diesem Umorientierungsprozess. Sie berichten jetzt nur über Kostunica – genauso einseitig, wie sie vorher nur über Milosevic berichtet haben. Hier braucht es noch sehr viel mehr Professionalisierung.
Klartext: Milosevic arbeitet an seinem politischen Comeback und wartet darauf, dass die 18-Parteien-Koalition von Kostunica nach den Wahlen am 23. Dezember zerbricht.
Brunner: Die vorgezogenen Parlamentswahlen im Dezember werden der Prüfstein für die neue Regierung, respektive für die Demokratisierung Serbiens. Die unabhängigen Medien werden dabei wieder eine wichtige Rolle spielen. Um eine demokratische Öffentlichkeit und professionelle Berichterstattung zu ermöglichen, unterstützt die Medienhilfe Ex-Jugoslawien wieder eine Reihe von Wahlprojekten in Absprache mit anderen internationalen Organisationen und Partnerinnen in Serbien.

Mit Roland Brunner sprach Barbara Hofmann am 21. November 2000.

Keine Konzepte

Von der Zähigkeit und Aufbruchstimmung serbischer unabhängiger Medien wurden diejenigen der umliegenden Länder nicht angesteckt.

bh. Den Medien in Kroatien brachten die letzten Jahre wenig Veränderung – trotz eines Wechsels an der Staatsspitze nach dem Tod des Präsidenten Franjo Tudjman. Einflussreichstes elektronisches Medium ist das staatliche kroatische Fernsehen HTV. Lokale Stationen konnten dessen Vorherrschaft nicht gefährden. Die OSZE setzte viel daran, den Sender von einer staats- und parteikontrollierten Institution zu einer öffentlich-rechtlichen Anstalt umzubauen, scheiterte aber an den kroatischen Behörden. Bei den unabhängigen Printmedien spielen die Wochenzeitung “Feral Tribune” (Split) und die Tageszeitungen “Novi List” (Rijeka) und die in Zagreb erscheinende “Vercernij Kist” eine wichtige Rolle. Die grössten Probleme stellten sich dem unabhängigen Medienschaffen in Kroatien bisher durch eine antidemokratische Gesetzgebung, ein sehr rigides Markt- und Vertriebsmonopol und politische Druckversuche seitens der Regierung.
Bosnien-Herzegowina wurde 1998 zu einem De-facto-Protektorat gemacht, das jetzt vom UN-Verantwortlichen Wolfgang Petritsch verwaltet wird. Insgesamt – das zeigten auch die jüngsten Wahlen, bei denen die Nationalisten siegten – hat sich in Bosnien-Herzegowina wenig verändert. Weder sind wesentliche Verbesserungen im Bereich Demokratisierung und Entwicklung erzielt worden, noch wurde aus dem Waffenstillstand von Dayton ein wirklicher Friede.
Das Büro des UN-Verantwortlichen für Bosnien-Herzegowina engagierte sich stark im Medienbereich. Die unabhängige Medienkommission (Independent Media Commission IMC) war verantwortlich für eine neue Mediengesetzgebung sowie die Vergabe von Sendelizenzen und -frequenzen an lokale elektronische Medien. Die Qualität der professionellen Arbeit dieser lokalen Stationen stieg nur langsam. Die Arbeit des von der Schweiz mitfinanzierten Radio FERN hat an Anerkennung und lokaler Verankerung gewonnen. Aber auch hier blieben die gedruckten Medien (Zeitschriften “Dani” in Sarajevo und “Reporter” in Banja Luka), sowie die in Sarajevo erscheinende Tageszeitung “Oslobodenje” die wichtigste Stütze eines fundierten und analytischen Journalismus.Doch fehlt es weiterhin an grundlegenden Voraussetzungen im Bereich Infrastruktur (Druckereien, Vertriebssysteme). Das Fehlen eines wirklichen Gütermarktes verunmöglicht es unabhängigen Medien im Wesentlichen, eine teilweise Eigenfinanzierung über Inserateeinnahmen zu erreichen.
Das Ende des Krieges im Kosovo 1999 ereilte die internationale Gemeinschaft ohne klaren Plan für den Friedensprozess. Die zivile UN-Verwaltung UNMIK entstand langsam und liess der UÇK viel Platz, sich selbst als administrative und politische Macht auf Gemeindeebene zu installieren. Die versprochenen finanziellen Mittel für den Wiederaufbau sowie für wirtschaftliche und demokratische Entwicklung fehlten oder trafen nur langsam und tropfenweise ein. Die öffentlichen Dienste können nicht wirklich arbeiten, ein stabiles Rechtssystem fehlt noch immer.
Wie in anderen Arbeitsbereichen verfügen UNMIK und OSZE auch in der Medienarbeit nicht über ein klares Konzept. Die Arbeit an einer Mediengesetzgebung begann erst Monate nach ihrer Ankunft. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Dutzende von Zeitungen, Zeitschriften und Radiostationen im ganzen Kosovo gegründet worden. Zudem konzentrierten sich UNMIK und OSZE auf den Aufbau internationaler Medienprojekte wie Radio Blue Sky und Radio Television Kosovo RTK, während die KFOR an mehreren Orten wiederum ihre eigenen Stationen errichtete. Diese kurzfristig angelegten internationalen Projekte behinderten de facto eine langfristig angelegte Strategie. Sie traten konzeptionell und finanziell in direkte Konkurrenz zu den bestehenden und entstehenden lokalen Medien. Auch wenn die internationale Unterstützung von staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen für unabhängiges Medienschaffen im Kosovo gross ist, reicht sie bei weitem nicht aus oder wird – gemäss Beobachtern – auch falsch eingesetzt. Die inhaltlichen Ansätze der staatlichen Akteure einerseits, nicht-staatlicher Organisationen und lokaler Medien andererseits liegen oft weit auseinander. Den lokalen Medienschaffenden ist es daher bisher noch nicht gelungen, eine langfristig angelegte Entwicklungsstrategie zu definieren.

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