10. Juli 2007 von Max Böhnel

Ein schwarzer Mai

In den autonomen Gebieten Palästinas leiden die Medienschaffenden unter der Willkür der Behörden. Ein Augenschein in Bethlehem. Von Max Böhnel.

Hoch oben auf den Höhen von Beit Jala, einem Stadtteil von Betlehem, soll sich Al-Ru’aa TV befinden. Doch der Fernsehsender scheint sich unsichtbar gemacht zu haben. Kein Schild, kein Wegweiser weist zu den Studios. Nur der “Transmitter” auf der Hügelspitze ist von weitem sichtbar. Wir finden die Produktionsräume in einem unscheinbaren weissen Gebäude am Fusse des Hügels, nachdem wir ein weiss-rotes Eingangsschild passiert haben, das weniger an Medien denn an Gitterstäbe erinnert; “Palestinian Prisoners Club” lautet die Überschrift. Der Grund für die schlechte Signalisation, erklärt Programmchef Jamal Farradsch lächelnd, liege nicht in Geheimnistuerei, sondern in ihrem Gegenteil: “Alle wissen, dass hier der Verein der Ex-Gefangenen ist und alle wissen, dass wir Fernsehen machen.”

Weiterbildung im israelischen Knast
Der spärlich ausgestattete Empfangsraum riecht nach Zigaretten und Arbeit. Die Wände sind gepflastert mit politischen Plakaten aus den Zeiten der Intifada, des Volksaufstandes gegen die israelische Besatzung. “Why?”, heisst es in warnenden Lettern über einem mit Kohle und Bleistift gezeichneten Bild eines kleinen, sorgenvoll dreinblickenden Kindes. Der Junge mit dem Lockenschopf hat eine Kuffijeh, ein Palästinensertuch, um die Schultern gewickelt und hält – fast Rambo-mässig – eine Kalaschnikow in beiden Händen. “Why?” könnte ein Plädoyer für Pazifismus sein. Doch unser Gastgeber betont die Doppeldeutigkeit, die der Künstler, ein Ex-Gefangener, auszudrücken versucht habe. “Weshalb Gewalt?”, fragt Farradsch. “Weil Besatzungsgewalt Gegengewalt hervorruft und diese zur Abschaffung Ersterer notwendig war”, lautet seine Antwort. Und weshalb ein Kind? “Das ist Tragödie und Hoffnung zugleich. Kinder waren die Hauptopfer der Besatzung und die Hauptakteure gegen sie. Es geht um ihre Zukunft, nicht unsere.”
Jamal Farradsch ist ein Spätdreissiger. Einer von sechs Ex-Gefangenen aus der israelischen Besatzungszeit, die bei Al-Ru’aa arbeiten – halbtags oder nach Feierabend. Er war in der linken “Volksfront zur Befreiung Palästinas” im Untergrund organisiert, bis er verhaftet und in den Libanon abgeschoben wurde. 1994 kam er zurück. Der Wiedereinstieg in die Gesellschaft ist den sechs Ex-Gefangenen geglückt – im Gegensatz zu vielen anderen Intifada-Aktivisten. Wer sich im Knast weiterbildete, statt religiös zu werden und zu beten, hatte danach Chancen: Farradsch brachte sich in der Zelle journalistisches Arbeiten bei und nach der Freilassung den Umgang mit Kamera und Schneidetisch durch “learning by doing”.

Weder Revolution noch Medienfreiheit
Al-Ru’aa TV existiert seit sechs Jahren wieder. Davor war der Sender wie die meisten anderen von der israelischen Militärzensur für “illegal” erklärt und geschlossen worden. Bereits vor seiner triumphalen Ankunft im Gazastreifen hatte PLO-Chef Yassir Arafat einen “Staats”-Sender, Palestinian Broadcasting Corporation PBS, per Dekret gegründet. Die erste PBS-Sendung lief am 1. Juli 1994 in der Wüstenstadt Jericho über den Radio-Äther. PBS-TV gibt es seit 1996. Nachrichten und politische Sendungen werden in den Kellerräumen von Arafats Hauptquartier in Gaza koordiniert. Neben den Arafat-dominierten Radio- und Fernsehsendern exististiert eine wechselnde Anzahl von bis zu 10 privaten Radio-Sendern und knapp 30 TV-Sendern in “Palästina”, das heisst in den palästinensischen Städten, die autonomen Status geniessen.
“Wir erwarteten eine neue Ära”, erklärt Farradsch. “Trotz aller Kritik an Arafat war die Hoffnung gross, dass auch im Medienbereich eine Revolution stattfinden würde.” Doch weder aus der Revolution auf der Strasse noch aus dem Umsturz im Senderaum wurde etwas. Zwar hatte die PLO-Führung schon Anfang 1994 ein Informationsministerium in Gaza und Westbank gegründet und damit die grosse Bedeutung unterstrichen, die sie der Medienkultur beimessen würde. Im Juni 1995 wurde ein liberales Pressegesetz verabschiedet, das von Journalistinnen und Journalisten zwar vage “gewisse Standards” verlangte, aber mit den Unterdrückungsmethoden aus der Besatzungszeit aufzuräumen versprach. Die Hoffnungen auf freiheitliche Medien waren gross. Schliesslich antwortete selbst Arafat in einem Aufsehen erregenden CNN-Interview mit Larry King auf die Frage nach Pressefreiheit, eine freie Presse sei “Teil der palästinensischen Erfahrung”. Kritik an ihm und seinem Führungsstil sei “Teil meiner Macht und Teil der Demokratie”.

Verhaftungen und Schliessungen im Mai
Die Erfahrungen der Journalistinnen und Journalisten entsprechen nicht Arafats Ankündigung. In den palästinensischen Autonomiegebieten hat sich Angst breit gemacht. 1999 wurde jeder zehnte palästinensische Journalist Opfer von Einschüchterung oder Schlimmerem, berichtete unlängst die Journalistengruppe Reporter ohne Grenzen. Auch Farradsch weigert sich, auf alle Fragen eindeutig zu antworten. Bei manchen drückt er sich gar. Es sei “momentan nicht die Zeit”, sagt er mehrere Male. Er befürchtet, aufgrund einer falschen Äusserung Probleme mit den Behörden zu bekommen.
Furore machte jüngst der “schwarze Mai”, wie der schwere Monat 2000 in Journalistenkreisen genannt wird – die Schliessung mehrerer privater Fernsehstationen sowie die Verhaftung von palästinensischen Journalisten und Medieneigentümern durch die “Preventive Security” und andere Polizeieinheiten Arafats. Kurz zuvor hatte es in der sogenannten Gefangenen-Intifada schwere Zusammenstösse zwischen Palästinensern und der israelischen Armee gegeben. Gerüchte von Geheimverhandlungen in Stockholm machten die Runde und die Palästinenser-Behörden versuchten, jeglichen Protest von der Strasse zu bannen. Arafat hatte ausserdem behauptet, der israelische Rückzug aus dem Süd-Libanon habe “auf Israels Wunsch beruht, UNO-Resolution 425 umzusetzen” und habe “nichts mit dem Hisbollah-Rückzug zu tun”.
Eine Einschätzung, die in grossen Teilen der Bevölkerung auf Unwillen stiess. Und Fragen aufwarf. Hatte die Hisbollah, in deren Reihen keine Korruption bekannt war, innerhalb weniger Jahre mehr erreicht, als Arafat mit Verhandlungen seit Jahrzehnten vergeblich versuchte? Wie stand es mit Günstlingswirtschaft bei den PLO-Oberen? Farradsch illustriert die angespannte Situation im Mai mit einem Witz, der damals aufkam und bis heute in Ramallah, Hebron und Gaza belacht wird: “Frage: Weshalb kommt Arafats Frau nicht mit ihm mit, wenn er mit den Israelis verhandelt? Antwort: Damit er nicht auch noch sie als Kompromiss weggibt!” Arafat und seine Loyalisten konnten darüber gar nicht lachen. Repression war die Folge. Obwohl das Informationsministerium Lizenzen vergibt, werden Schliessungsanordnungen ohne seine Kenntnis oder Konsultation verhängt – von ganz oben, wie alle wissen.

Vielfältige Zensurmöglichkeiten
Die Furcht vor dem langen Arm ist gross – und die Schere im Kopf folglich stets präsent (siehe Kasten). Doch die Kategorien, auf denen Zensur in Palästina beruht, sind vielfältiger Art. Nach einem Bericht der “Palestinian Human Rights Monitoring Group” vom vergangenen November schweben mindestens fünf Zensur-Damoklesschwerter über den Köpfen von Journalisten: israelische, palästinensische, die der traditionellen Grossfamilien (“tribal censorship”), der Druck der Werbekunden und die Selbstzensur.
Farradsch führt uns durch die kärglichen Produktionsräume. Vier Kameras lagern einsatzbereit auf dem Boden. Auf 10 Bildschirmen laufen Programme, darunter auch zwei israelische Kanäle. Der Schneidetisch passt eher in die Rumpelkammer. Doch die Geräte funktionieren. “Wer im Knast war, für den ist dies das Paradies”, schmunzelt Farradsch und legt eine Videokassette ein mit einer neuen Sonderreihe, die erst tags zuvor fertig gestellt wurde. Es ist eine fünfteilige Serie über palästinensische Flüchtlinge, die demnächst ausgestrahlt werden soll. Produziert wurde sie in Zusammenarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen aus dem Flüchtlingslager Deheische, das unweit von Al-Ru’aa liegt. “Die Reaktionen werden heftig sein”, sieht Farradsch voraus. Denn die Mehrzahl der Bevölkerung von Betlehem war noch nie im Lager, obwohl es schon seit 52 Jahren steht. Rund 14’000 Menschen leben dort, direkt an der Strasse, welche die Touristen, die Siedler und die palästinensische Polizei täglich in ihren Fahrzeugen passieren. Ob Berichte über Flüchtlinge auf der zurzeit richtigen politischen Linie liegen, wird sich bei der Ausstrahlung zeigen. Wenn die Polizei dann nicht vor der Tür von Al-Ru’aa TV steht, hat der Sender wieder einmal Glück gehabt.

Zensur und Selbstzensur

Jamal Farradsch, Programmchef des palästinensischen Fernsehsenders Al-Ru’aa TV in Betlehem, über die tägliche Herausforderung “Zensur”.

Klartext: Die TV-Station Al-Ru’aa wurde im Mai 1999 vorübergehend geschlossen. Im Schliessungsbefehl stand, Sie hätten die “allgemein anerkannten Grenzen eines Lokalsenders” überschritten. Was muss man tun, um in Palästinas autonomen Gebieten diese Grenzen zu überschreiten?
Farradsch: Nicht viel. Man steht vielleicht nicht in der Gunst des örtlichen Sicherheitschefs, weil man dessen Stimmung durch die Wahl eines falschen Wortes getrübt hat, und wird daraufhin telefonisch zur Rede gestellt. Vielleicht hat man an einem Tag zu viele Nationallieder abgespielt – vielleicht auch zu wenige, vielleicht auch die falschen. Ein Kameraschwenk zu weit nach links, wo gerade gestreikt wird, mag zu viel des Guten sein. Oder ein Kurzbericht über eine Demo, bei der eine amerikanische Fahne angezündet wurde. In unserem letzten Fall war es die Ausstrahlung des harmlosen Bühnenstücks “Natrin Farradsch”. Mitte Mai 1999 wurden wir dichtgemacht. Erst nach einigen Wochen durften wir wieder auf Sendung gehen.
Klartext: Was verbarg sich aber konkret hinter dem Vorwurf?
Farradsch: Angeblich wird in dem Stück Jesus Christus kritisiert. So sollen es jedenfalls ein paar Angestellte der Palästinensischen Nationalbehörde gesehen haben. Man sei besorgt, behaupteten sie, dass jemand zwischen religiösen Gruppen und Sekten Streit anzetteln wolle. Dies aber gefährde die nationale Sicherheit. Hochrangige Personen aus dem Innenministerium wiederum bestritten, dass dies der Grund sei. Die Absurdität des Vorwurfes wurde jedenfalls deutlich, als Kirchenvertreter und Vertreter anderer religiöser Gruppen aus Betlehem sich an Arafat wandten und betonten, weder sie selbst noch andere hätten die Schliessung des Senders verlangt. Im Allgemeinen reicht das Ausmass an Zensur von versteckten Drohungen über zeitweise Schliessungen bis zu Folter an einzelnen Journalisten, je nach der politischen Lage.
Klartext: Journalistinnen und Journalisten tragen also die Schere im Kopf und fürchten auch, dass die Behörden die Schrauben weiter anziehen?
Farradsch: Die Schere war – nicht nur für medizinische Notfälle – schon immer vorhanden. Ja, sie ist bei vielen palästinensischen Journalisten gar nicht mehr wegzudenken. Zensur ist hier zu Lande, seit wir in autonomen Gebieten leben, kein fest umrissener Mechanismus mehr wie zu Zeiten der israelischen Besatzung. Umwege gab es damals trotz Folter, Abschiebung und Todesschuss durchaus. Die Medienpolitik der Besatzungsmacht bestand in der Schliessung von Institutionen, der Verhaftung sowie Abschiebung von Journalisten und indem ihnen Presseausweise und Reiseerlaubnisse verweigert wurden – aber das war einigermassen kalkulier- und durchschaubar. Heute müssen die Medienverantwortlichen und ihre Angestellten eigene, interne Zensurmechanismen erfinden. Es gibt keinen israelischen Militärzensor mehr, der in irgendeinem Büro in der Westbank oder Gaza hockt. Dafür aber existiert die Verantwortlichkeit für Dinge wie “nationale Einheit”, die man sich permanent zueigen machen muss. Man sollte die politische Linie der Behörden bereits vorausgedacht haben, um nicht zensiert zu werden – sich selbst also dauernd präventiv zensieren. Sonst wird man entweder auf eine für alle sichtbare Spielwiese abgeschoben oder arbeitslos.

Das Gespräch führte Max Böhnel Ende Juni 2000 in Bethlehem.

10. Juli 2007 von Klaus Bonanomi

Wahlwerbung total

Mexiko wählt im Juli eine neue Regierung und erstmals hat die Opposition reelle Chancen auf einen Sieg gegen die seit 70 Jahren regierende Staatspartei PRI. Da in Mexiko kaum jemand Zeitung liest, entscheidet das Fernsehen die Wahlen. Von Klaus Bonanomi.

Wenn Guillermo Ortega abends um halb elf zum “Noticiero” lädt, dann hat er ein Millionenpublikum. Der Leiter und Präsentator der abendlichen Hauptnachrichtensendung bei Marktleader Televisa hat aus dem “Noticiero” die meistgesehene und einflussreichste Fernsehsendung Mexikos gemacht, mit über 40 Prozent Marktanteil und bis zu 5 Millionen ZuschauerInnen. Doch nun, nach 24 Jahren bei Televisa, kehrt der Anchorman dem Sender den Rücken. Offiziell gibt er persönliche Gründe für seinen Wechsel zum Konkurrenzsender Multivision an; doch das ist bestenfalls die halbe Wahrheit.

Zwangsferien für kritischen TV-Journalisten
Denn Ortega hat gerade eine Woche Zwangsferien hinter sich. Mitte Februar erschien an seiner Stelle ein anderer Moderator am Bildschirm und präsentierte den “Noticiero”, als wäre nichts geschehen. Für die Presse war klar, dass die Televisa-Führung Ortega bestrafen wollte, hatte dieser doch kurz zuvor in seiner Sendung ausführlich über eine fingierte “Wahlveranstaltung” an einem mexikanischen College berichtet. Dort hatten die StudentInnen Wahlkampf gespielt und am Schluss in einer Abstimmung deutlich für den Oppositionskandidaten Vicente Fox von der Rechtspartei PAN gestimmt. Die vom Wahlkampflager der Regierungspartei PRI diskret unter Druck gesetzte Televisa-Führung sah sich danach genötigt, ihren Anchorman für eine Weile aus der Schusslinie zu ziehen.
Die Zeitung “Crónica” kommentierte daraufhin, der Entscheid von Televisa, das bekannteste Gesicht des Senders ohne weitere Erklärung einfach vom Bildschirm abzusetzen, “zeugt von einer Geringschätzung des Publikums und beweist, dass der sprichwörtliche Autoritarismus, der bei Televisa seit so vielen Jahren herrschte, noch immer nicht verschwunden ist.”
Auch wenn Televisa, mit seinen vier nationalen und mehreren regionalen Sendern auf dem mexikanischen Markt klarer Leader, mittlerweile nicht mehr blosses Sprachrohr der Regierung ist, bleibt seine Berichterstattung weitgehend durch die offizielle Sichtweise der Dinge geprägt. Und auch der Konkurrenzkonzern TV Azteca gibt sich zumeist regierungsfreundlich.
Der langjährige Boss Emilio Azcárraga hatte Televisa dank guter Kontakte zur mexikanischen Regierung und dank skrupelloser Machtpolitik zum weltweit grössten spanischsprachigen Medienkonzern gemacht, wie Claudia Fernández und Andrew Paxman in ihrem jüngst veröffentlichten Buch über das “Televisa-Imperium”* aufzeigen. “Televisa kann auf eine lange, symbiotische Beziehung mit der Regierungspartei PRI zurückblicken”, kommentierte Claudia Fernández in der Zeitschrift “Proceso”. “Televisa hat mitgeholfen, in Mexiko das zu errichten, was Mario Vargas Llosa als ‘die perfekte Diktatur’ bezeichnet hat. Während 40 Jahren hat Televisa ein weitgehendes Monopol genossen, dank der Vorzugsbehandlung durch die Regierung; im Gegenzug hat Televisa mit einer strikten Selbstzensur dafür gesorgt, dass die Regierung in seinen Programmen über eine ständige Plattform verfügte und dass dissidente Stimmen kaum zu Wort kamen.”

Wahlspots statt politische TV-Diskussionen
Seit dem Tod von Emilio Azcárraga senior führt sein gleichnamiger Sohn das Televisa-Imperium mit etwas weniger staatstragender Ideologie und etwas mehr populistischer Marktnähe weiter; dennoch steckt auch er die Grenzen journalistischer Freiheit im Zweifelsfall eng ab, wie das Beispiel Ortega zeigt. Zwar attestiert die unabhängige Behörde, die den Wahlkampf und die Wahlen überwacht, den Fernsehstationen insgesamt eine recht ausgewogene Berichterstattung. Doch zumindest in den meistgesehenen Nachrichtensendungen finden kaum politische Auseinandersetzungen statt, sie sind vielmehr eine Folge von kurzen Ausschnitten aus Wahlkampfreden und -auftritten der verschiedenen Kandidaten, mit zumeist unhinterfragten Aussagen oder mit Vorwürfen an die Adresse des Gegners, die dann postwendend wieder gekontert werden. Foul und Revanchefoul statt Analyse und Hintergrund; die tiefer schürfenden Debatten finden, wenn überhaupt, zu später Stunde unter weitgehendem Ausschluss des Publikums statt, etwa – auch bei Televisa – in der Sendung “Zona abierta” (Offene Zone) des Schriftstellers und Journalisten Hector Aguilar Camín.

Nur fünf Prozent lesen regelmässig Zeitung
Da in Mexiko Radio und Fernsehen die hauptsächlichen Informationsquellen sind und nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Zeitung liest, ist Mexikos Bevölkerung entsprechend wenig politisiert und verfügt über ein eher geringes politisches Bewusstsein, wie der Soziologie-Professor Ernesto Villanueva von der Universidad Iberoamericana im Gespräch mit KLARTEXT sagt. “In Mexiko lesen nur rund 5 Prozent der Erwachsenen regelmässig Zeitungen”, schätzt Villanueva. “Nur eine kleine Elite in der Hauptstadt informiert sich mittels der Presse und nimmt Anteil an den Debatten, die hier ausführlich ausgetragen werden.” In der Tat berichtet beispielsweise die Zeitung “Reforma” mit mehreren Seiten täglich über den Wahlkampf, vergleicht die Versprechen der Kandidaten mit dem, was sie in ihrer bisherigen Laufbahn gesagt und getan haben, und bietet einer breite Palette von Kolumnisten von links bis rechts eine Plattform.
Doch die breite Bevölkerung wird damit nicht erreicht: Mexikos führende Zeitung “El Universal” hat – in einem Land mit 100 Millionen EinwohnerInnen – eine Auflage von gerade mal 120’000 Exemplaren, die liberale “Reforma” und die linke “Jornada” verkaufen je rund 70’000 Exemplare, der traditionsreiche “Excelsior” mittlerweile keine 50’000 mehr. Hinzu kommen einige kleine Zeitungen in der Provinz; diese sind mit wenigen Ausnahmen auf Rot- und Blaulicht-Themen spezialisierte Boulevardblätter ohne höheren politischen Anspruch.
Hinzu kommt, dass die meisten Zeitungen nicht selbsttragend sind: “Viele Blätter sind zu einem hohen Grad von Anzeigen der Regierung abhängig; entsprechend ist auch ihre Information nicht unabhängig”, weiss Villanueva. Gerade für die kleinen Provinzzeitungen sind die Inserate, in denen die Kommunal- und Landesregierungen ihre Leistungen ins rechte Licht rücken, wichtige Einnahmequellen; und auch in gehobeneren Publikationen wie der eleganten Literatur- und Gesellschafts-Revue “Nexos” schalten das Umweltministerium oder die staatliche Kulturbehörde ihre Anzeigen. Doch das wahre Werbe-Bombardement findet in den elektronischen Medien statt: Praktisch schrankenlos dürfen Mexikos Parteien und Behörden in Radio und Fernsehen ihre Spots auf das Publikum prasseln lassen. Auch die Nachrichtensendungen werden alle paar Minuten für einen Werbeblock unterbrochen und da auch in den TV-News politische Werbung erlaubt ist, kann es vorkommen, dass ein Politiker, kurz nachdem er im redaktionellen Teil erschien, etwas später frisch geduscht und gefönt und von Musik untermalt in einem Werbespot auftritt.

Staat finanziert Medien via Werbung
Das Füllhorn der staatlichen Parteienfinanzierung ergiesst sich gerecht über grosse und kleine Parteien und liefert schier unbegrenzte Mittel für den Wahlkampf: Fast eine Milliarde Franken stellt der Staat den Parteien in diesem Jahr an Wahlkampf- und sonstiger Finanzierung zur Verfügung; entsprechend reisen die Kandidaten seit Anfang Jahr ununterbrochen kreuz und quer durch ganz Mexiko, treten in Dörfern und Provinzhauptstädten auf, lassen ihre AnhängerInnen mit Bussen von weit her zum Auftrittsort karren, Verpflegung inklusive, und verbreiten ihre Propaganda. Doch damit nicht genug: Der Staat kauft auch Radio- und Fernseh-Werbezeit, die er den Parteien unentgeltlich zur Verfügung stellt: Laut “Nexos” fast 420 Stunden am Fernsehen und 1600 Stunden am Radio; und hinzu kommen schliesslich noch die von den Parteien selber finanzierten TV-Spots: Ein wahres Sperrfeuer an Parolen, das den Konsumenten dennoch ratlos zurücklässt und ihm bei der Einordnung der politischen Programme nicht weiterhilft. “Para ganar – solo con Juan” (gewinnen – nur mit Juan) oder “Para que el poder sirva a la gente” (Damit die Macht den Menschen dient**) lauten die austauschbaren und banalen Schlagwörter von zwei Kampagnen, die hundertfach ausgestrahlt, in Inseraten gedruckt und an Hausmauern gepinselt, die Menschen rund um die Uhr verfolgen.
Immerhin wird es nun erstmals überhaupt zu einer richtigen Fernsehdebatte aller sechs Präsidentschaftskandidaten kommen: Am 25. April stellt sich der Kandidat der Regierungspartei PRI, Francisco Labastida, seinen fünf offiziellen Herausforderern. Einen Monat später kommt es dann zum grossen Showdown, wenn die drei führenden Kandidaten nochmals im kleinen Kreis gegeneinander antreten. Bisher hatten sich die Präsidentschaftskandidaten der Regierungspartei PRI nie bemüssigt gesehen, sich einer offenen Diskussionsrunde auf gleichem Niveau mit ihren Herausforderern zu stellen. Einzig der amtierende Präsident Ernesto Zedillo liess sich vor sechs Jahren dazu herab, an einer Fernsehdebatte mit seinen zwei Gegenkandidaten teilzunehmen, wenn auch in einer streng reglementierten Form mit abgekarteten Fragen und vorbereiteten Statements.
Auch diesmal ist der Ablauf und die Form der Debatte ein Politikum, über das die Parteichefs, Strategen und Berater seit Monaten streiten. Zu hoffen ist, dass es nun erstmals nicht nur Slogans und Statements geben wird, sondern eine Diskussion über die verschiedenen politischen Projekte, die zur Wahl stehen.

* “El Tigre. Emilio Azcárraga y su imperio Televisa”, Verlag Grijalbo, Mexiko

** Dies ist ironischerweise der Spruch des Präsidentschaftskandidaten Labastida von der seit über 70 Jahren regierenden Staatspartei PRI: Das Eingeständnis, dass die Macht bisher 70 Jahre nicht den Menschen gedient hat?

Mexikos Regierung auch dank dem TV an der Macht

Pascal Beltrán, Nachrichtenchef bei der unabhängigen Wochenzeitschrift “Proceso”, im Gespräch.

Klartext: Wie kam es zur Gründung von “Proceso”?
Beltrán: Unsere Zeitschrift ist 1976 entstanden, nach einem Konflikt in der Zeitung “Excelsior”. Diese war damals das wichtigste, wenn nicht das einzige regierungskritische Medium in Mexiko. Die Regierung sorgte dafür, dass der Direktor der Zeitung, Julio Scherer, gehen musste. Scherer nahm einige seiner wichtigsten Mitarbeiter mit, darunter den Karikaturisten Abel Quezada, und gründete mit ihnen die Wochenzeitschrift “Proceso”.
Klartext: Welche Rolle spielt “Proceso” heute?
Beltrán: Unsere Zeitschrift hat immer, aus Überzeugung und aus Notwendigkeit, ein besonderes Gewicht auf den investigativen Journalismus gelegt. In den siebziger Jahren gab es viel weniger Informa-tion als heute; die Regierung infomierte nur, wenn sie wollte. Doch wir sind heute eine Zeitschrift, die breite Leserkreise anspricht, mit einer umfangreichen Politikberichterstattung, mit Analysen und Hintergrundberichten.
Klartext: Nimmt die Regierung immer noch Einfluss auf die Presse, so wie 1976 beim “Excelsior”?
Beltrán: Sie versucht es immer noch; aber es gibt heute weniger direkte Eingriffe als noch in den achtziger Jahren. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, auch das Verständnis für die Rolle der Medien. Wenn schon, gibt es heute eher subtile Versuche der Einflussnahme. Und natürlich leben investigative Journalisten gefährlich, hier wie überall. Doch es gibt immer wieder wichtige Enthüllungen, weil sich die Presse nicht mehr derart einschüchtern lässt. Die Regierung hat die Medien heute weniger unter Kontrolle als früher.
Klartext: Im Juli kommt es zu einer historischen Wahl; erstmals nach über 70 Jahren könnte die Regierungspartei PRI tatsächlich abgewählt werden. Welche Rolle spielen die Medien in diesem wichtigen Moment?
Beltrán: Der Wahlkampf läuft zwar schon seit Monaten*, doch hat er noch nicht sehr viel Interesse geweckt. Die Kampagnen, um es mal so auszudrücken, sind noch nicht auf der Höhe der Erwartungen. Wir haben noch keine besonders fantasievollen Kampagnen gesehen. Die Medien, Presse und Fernsehen, decken den Wahlkampf breit ab; vielleicht sogar zu intensiv; die Leute sind übersättigt, aber gleichzeitig nur mangelhaft informiert über die Konzepte der verschiedenen Parteien und Kandidaten.
Klartext: Vielleicht erwarten die Leute gar nicht mehr als Versprechen, die dann doch nicht eingelöst werden …
Beltrán: … das ist in der Tat ein Problem, dass immer wieder vieles versprochen wird. Doch im Gegensatz zu früher schauen sich die Medien heute genauer an, was jemand verspricht, und analysieren auch, ob die Versprechungen von früher auch tatsächlich eingehalten werden. Vor allem in der Presse ist zu beobachten, dass die Äusserungen der Kandidaten jeweils genau abgeklopft werden, dass man vergleicht, was jemand gestern gesagt hat und was heute. Dies ist ein wichtiger Fortschritt: Die Medien hinterfragen heute eher, was gesagt wird. Die Politiker können sich heute weniger leicht entziehen. Diese Art der Analyse, der Einbettung, der ausführlichen Diskussion findet sich aber vor allem in der Presse. Am Fernsehen läuft der Wahlkampf oftmals nur über “soundbites”, über kurze, plakative Statements, die dann von den Konkurrenten wieder mit einem weiteren “soundbite” gekontert werden.
Klartext: Amerikanische Verhältnisse auch in Mexiko?
Beltrán: Sicher, die führenden Kandidaten haben ja auch alle ihre Wahlkampfberater aus den USA eingeflogen. Natürlich gibt es auch am Fernsehen Diskussionsrunden und Debatten und in einigen Fällen auch recherchierte Dokumentationen, doch in den meistgesehenen Nachrichtensendungen sind immer wieder dieselben schnellen, oberflächlichen Berichte von Wahlkampf-Auftritten und Angriffen auf den politischen Gegner zu sehen. Ich bedaure dies, weil das Fernsehen in Mexiko die mediale Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellt. Nur sehr wenige Leute lesen überhaupt Zeitung, weniger als in anderen, auch lateinamerikanischen Ländern.
Klartext: Sie sagten, die Regierung habe heute nur noch wenig Einfluss auf die Presse; wie sieht es diesbezüglich beim Fernsehen aus?
Beltrán: Hier hat die Regierung mehr Kontrolle. Schliesslich vergibt sie die Sendekonzessionen und kann damit über das Schicksal eines Senders entscheiden. Wir beobachten tatsächlich bei den Fernsehnachrichten eine grössere Nähe zur regierungs-offiziellen Position, und zwar sowohl bei Televisa als auch bei TV Azteca, den beiden führenden Fernsehketten. Ich nenne als Beispiel den monatelangen Konflikt um die Besetzung der Universität UNAM in Mexiko: Hier hat die Presse den Anliegen der streikenden Studenten ebenfalls Raum gegeben; am Fernsehen war hingegen fast nur die offizielle Position der Behörden zu sehen. Die Regierungspartei verdankt ihren Machterhalt in den letzten Jahrzehnten ohne Zweifel auch dem Fernsehen.

* Das Gespräch führte Klaus Bonanomi am 14. Februar 2000 in Mexiko.

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