10. Juli 2007 von Klaus Bonanomi

Alarmierende Lage

Die serbische Führung greift hart durch gegen unabhängige Medien – mit einem neuen und unerhört scharfen Gesetz, mit Drohungen und Einschüchterungen gegen unliebsame JournalistInnen im In- und Ausland. Von Klaus Bonanomi.

“The first casualty of war is truth” – das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Dieses alte Wort hat wieder Gültigkeit bekommen: Mit aller Macht versucht die serbische Führung derzeit, die unabhängige Berichterstattung über den Krieg im Kosovo zu vereiteln. In der Wahl der Waffen ist Belgrad dabei flexibel – gesetzliche Massnahmen wie auch handfeste Drohungen gehören ins Repertoire.
Im letzten Oktober – die NATO hatte gerade militärische Schläge gegen die serbischen Besatzungstruppen in Kosovo beschlossen – verabschiedete das serbische Parlament ein neues Informationsgesetz, das ganz klar zum Ziel hat, unliebsame Medien einzuschüchtern: Für “staatszersetzende Berichterstattung” werden drakonische Strafen angedroht – seien es horrende Bussen oder Gefängnis. Verschiedene Zeitungen wie “Dnevni Telegraf”, “Nasa Borba”, “Evroplijanin” oder “Danas” wurden verboten oder bedroht; einige haben seither ihre Produktion in die vergleichsweise liberale Teilrepublik Montenegro verlagert. Der Chefredaktor der Zeitschrift “Menschenrechte” wurde im Januar zu einem Monat Haft verurteilt; dasselbe Urteil erging gegen den Schriftsteller Boban Miletic, der in einer Aphorismen-Sammlung mit dem Titel “Weine Serbien, (unser) Mutterland” – wie das Gericht befand – “den Staat und den Präsidenten der Lächerlichkeit preisgegeben” habe.
Auch die “unabhängigen” elektronischen Medien sehen sich zunehmendem Druck ausgesetzt, weil die Behörden willkürlich entscheiden, wer “legal” und wer “illegal” sendet. Fünf Jahre lang war es gar nicht möglich, legal zu einer Sendelizenz zu kommen, weil der Staat die gesetzlich geforderte Ausschreibung der Lizenzen nicht durchführte; viele der seit 1993 entstandenen Sender sind deshalb streng genommen illegal, eingegriffen wird aber nur gegen jene Stationen, die nicht die offizielle serbische Staatspropaganda ausstrahlen, sondern unabhängig zu berichten versuchen.

Gefängnis für illegalen Betrieb eines Radios
So wurde am 18. Januar der Besitzer des unabhängigen City Radio in der serbischen Stadt Nis, Nikola Djuric, zu zwei Monaten Gefängnis bedingt verurteilt, wegen “illegalen Besitzes und Betriebs einer Radiostation”. Der Sender wurde von den Behörden abgestellt, ein Teil der Einrichtungen beschlagnahmt. Radio Index, der Belgrader Studentensender, wurde ebenso abgestellt wie Radio Kontakt in Pristina, ein Sender, der sich für den Dialog zwischen SerbInnen und Kosovo-AlbanerInnen eingesetzt hatte. Und wo nicht juristisch eingegriffen wird, besteht immer noch die Möglichkeit, den unabhängigen Stationen den Geldhahn zuzudrehen; es gibt Berichte, wonach die Behörden die Unternehmen davor warnen, in unabhängigen Stationen Werbung zu schalten. Und manchmal gibt es unerklärliche Stromausfälle.

Internet-Kontakt zur Aussenwelt
Die serbische Führung versucht auch das Internet zu zensieren: Der Internet-Provider des Networks, dem die serbischen Universitäten angeschlossen sind, liess kurzerhand den Zugang zur Site von Radio B92 sperren. Man hat erkannt, dass das Internet gerade in oppositionellen akademischen Kreisen zu einem wichtigen Instrument des gegenseitigen Austauschs geworden ist, über das weltweite Netz können ungehindert Informationen aus dem Ausland empfangen und Berichte über die Lage nach “draussen” übermittelt werden. So verbreiteten die Betreiber von Radio Index nach der Schliessung ihres Senders im letzten Herbst ihre Berichte digital via Internet; die BBC nahm die Sendungen auf und strahlte sie zur Weiterverbreitung zurück nach Serbien. Doch auch solche Praktiken versucht Belgrad zu unterbinden und hat es den Radio- und Fernsehstationen kurzerhand verboten, serbischsprachige Sendungen aus dem Ausland zu übernehmen und weiterzuverbreiten.
In Serbien herrscht ein Klima der Einschüchterung. Der amerikanische Professor Jerome Aumente, Leiter der Journalismus-Abteilung der Rutgers University, der Jugoslawien verschiedentlich bereist und auch Radio-Workshops mit unabhängigen Journalisten in Serbien durchgeführt hat, kommt in einem kürzlich publizierten Bericht zum Schluss, die Repression in Serbien sei heute schärfer als irgendwo in ganz Mittel- und Osteuropa und schärfer als vor der Wende von 1989. Und nach Angaben verschiedener Schweizer Journalisten ist es schwieriger geworden, mit KollegInnen oder InformantInnen in Belgrad frei zu sprechen – Telefone würden abgehört, JournalistInnen nachts mit anonymen Anrufen belästigt und bedroht. Am 11. Januar wurde in Pristina der Journalist und Leiter des Kosovo-Informationszentrums, Enver Maloku, von Unbekannten ermordet; ein Journalist von Radio Pristina, Djuro Slavuj, wird seit letztem Herbst vermisst: Er und sein Fahrer wurden auf der Fahrt von Orahovac nach Alisevo verschleppt.

Aufforderung zu internationalem Protest
All diese Fälle von Repression gegen Medienschaffende hat die ANEM dokumentiert, eine Vereinigung von rund 50 unabhängigen Radio- und Fernsehstationen in Jugoslawien. Die Organisation veröffentlicht ihre Mitteilungen regelmässig via Internet*. Geleitet wird ANEM vom Chefredaktor des Belgrader Radiosenders, Veran Matic. Um die (einigermassen) freie Meinungsäusserung in Jugoslawien weiterhin zu ermöglichen, bräuchte es “eine Art Marshall-Plan für die Medien”, so Matic in Anlehnung an den Wiederaufbauplan für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. “Es braucht zum einen rein materielle Dinge – mobile Sender, Kameras, digitale Schnittplätze, Druckmaschinen und dergleichen. Zum anderen ist die internationale Gemeinschaft aber auch gefordert, auf diplomatischer Ebene immer wieder auf die Medienfreiheit zu pochen.”

* Weitere Informationen über:
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www.b92.net
www.medienhilfe.ch

Medienfinsternis

kb. “Seit dem 20. Oktober herrscht in Belgrad die totale Medienfinsternis.” So beginnt die Reportage des “Tages-Anzeiger”-Korrespondenten Peter Fürst vom 19.11.98. In seinem Bericht aus Podgorica, der Hauptstadt der jugoslawischen Teilrepublik Montenegro, dokumentiert Fürst ein besonderes Kapitel jugoslawischer Medienpolitik: Im vergleichsweise liberalen Montenegro werden unabhängige Zeitungen, die in Serbien nach dem am 20.10. verabschiedeten strengen Mediengesetz nicht mehr toleriert werden, gedruckt und mit Kleintransportern auf Umwegen nach Serbien gefahren, wo sie verteilt werden.
Eine ganz normale Reportage eines Auslandkorrespondenten also? Nicht ganz. Fürst selber hätte sich zu diesem Zeitpunkt gar nicht in Jugoslawien aufhalten dürfen. Auf serbischen Druck hin hatten ihn die jugoslawischen Behörden zur unerwünschten Person erklärt und ihm die Einreise in sein Berichtsgebiet verweigert. Dank guter Kontakte zur Regierung in Podgorica konnte er dennoch durch die montenegrinische Hintertür einreisen – “eine echt balkanische Lösung”, so Fürst mit hörbarem Schmunzeln am Telefon zu KLARTEXT.
Doch der Zugang nach Kosovo und nach Serbien selber blieb Fürst versperrt. Auch andere Journalisten wie ARD-Korrespondent Friedhelm Brebeck, taz-Mann Erich Rathfelder und KollegInnen von der BBC und vom polnischen Radio wurden von den serbischen Behörden ausgewiesen. Immerhin: Dank diplomatischer Interventionen der OSZE und der EU und der Unterstützung durch das EDA wurde Fürst vom jugoslawischen Botschafter in Bern empfangen – “es wurde ein nettes, zweieinhalbstündiges Gespräch daraus; ‘die bestehenden Missverständnisse wurden ausgeräumt’, wie es diplomatisch heisst, und der Botschafter versprach, sich für mich einzusetzen”, so Fürst.
Mit anderen Worten: Offiziell ist Fürst nun nicht mehr persona non grata und könnte wieder ein Visum beantragen. Doch das kann dauern; die jugoslawischen Behörden haben schon verschiedentlich die Visa-Erteilung als Schikane benutzt: Nach Belieben liessen sie die OSZE-Beobachter für Kosovo auf ihre Visa warten und behinderten so den Start der Mission erheblich; die offizielle albanische UCK-Delegation für die Friedensgespräche von Rambouillet liessen sie schlicht und einfach nicht ausreisen. Mit anderen Worten: Ob ein Journalist offiziell ausgewiesen wird oder ob er “bloss” Probleme hat, ein Visum zu bekommen, läuft letztlich auf dasselbe hinaus – die freie Berichterstattung wird verhindert.
“Wenn Journalistinnen oder Journalisten aus einem Land ausgewiesen werden oder Einreiseverbot erhalten, ist dies immer ein Alarmzeichen für die prekäre Situation der Pressefreiheit”, kommentiert Roger Blum, Berner Medienwissenschafts-Professor und Präsident des Presserates, gegenüber KLARTEXT das Verhalten der serbischen Führung. “Alle dikatorischen Regimes haben von diesem Mittel Gebrauch gemacht. Schweizer Medienschaffende waren insbesondere betroffen von Nazi-Deutschland, von Südafrika zur Zeit der Apartheid – der ‘Tages-Anzeiger’ konnte niemanden hinschicken – und von China”, erklärt Blum. “Die unerwünschten Medien sollten diese Massnahmen stets als Anlass für den lautesten öffentlichen Protest und als Ehrenmeldung für ihre unerschrockene Berichterstattung begreifen” (was der “Tages-Anzeiger” im Falle Fürst nicht tat). “Nur wenn dauernd Öffentlichkeit hergestellt wird, beginnen die mediengängelnden Regimes mit der Zeit zu begreifen, dass die Wahrheit stärker ist als die Lüge. Oder sie werden hinweggefegt.”

Veranstaltungen

KOSOV@media – Eine Veranstaltungsreihe der Medienhilfe Ex-Jugoslawien und der Mediengewerkschaft comedia zu Nato-Intervention, Kämpferposen, Flüchtlingselend, Massakerbildern: Information oder Propaganda?

Basel: Donnerstag, 11. März, 20 Uhr (provisorisch)

Bern, Theater Altes Schlachthaus
Freitag, 12. März: BALKAN-BRIDGES
20.30 Uhr: Podium zur Mediensituation in Jugoslawien mit Aferdita Kelmendi, Bojana Lekic und Roland Brunner. Diskussionsleitung: Andrea Müller, SF DRS
Samstag, 13. März: KOSOV@PICTURES
19 Uhr: “Kosov@ – a view from inside”
20.15 Uhr: “Kosov@ Dialogue”
21.15 Uhr: “Balkan Bridges”
22 Uhr: “ANEM” (Kurzfilm über das Netzwerk unabhängiger elektronischer Medien in Serbien); anschliessend Diskussion.
Eintritt je Film 5 Franken, Diskussion frei. Einführung in die Videoproduktionen und Diskussionsleitung durch Mitglieder der Medienhilfe Ex-Jugoslawien.

Genf: Sonntag, 14. März (provisorisch)

St. Gallen: Montag, 15. März, 20 Uhr (provisorisch)

Zürich, Restaurant Cooperativo (beim Stauffacher): Dienstag, 16. März, 20 Uhr

Die genauen Daten und Orte entnehmen Sie bitte der Tagespresse oder der Homepage der Medienhilfe Ex-Jugoslawien: http://www.medienhilfe.ch

10. Juli 2007 von Waseem Hussain

Ist Freiheit teilbar?

Im Iran gibt es keine Pressefreiheit, heisst es im Westen. Wie sehen das aber iranische Journalistinnen und Journalisten selber? Waseem Hussain sprach mit einer Reihe von ihnen.

“Aber hier werden doch Journalisten verprügelt und ins Gefängnis gesteckt. Eure Zeitungen werden verboten und zensuriert”, wendet der Besucher aus der Schweiz abermals ein. Doch Mohammad Atrianfar bleibt dabei: “Im Iran ist die Presse frei.”
Mohammad Atrianfar, 45, ist Chefredaktor der iranischen Tageszeitung “Hamshahri”. Er spricht offen und klar, er kennt und anerkennt die Berichte von Amnesty International und vom internationalen Komitee zum Schutz von Journalisten. Er gibt jedoch zu bedenken: “Die Presse widerspiegelt, wie Regierung und Bevölkerung zueinander stehen. Auch in der Schweiz oder in anderen Ländern ist das so.” Einverstanden, sagt der Besucher, aber dann ist Freiheit relativ, somit auch die Meinungsäusserungsfreiheit. Ja, antwortet Mohammad Atrianfar. Die Presse folge zwar weltweit denselben Werten. Diese Werte bewegten sich aber nicht in einem bezugslosen Raum, sondern innerhalb eines Wertedreiecks. Mohammad Atrianfar zeichnet es auf: die kürzeste Seite stellt die nationale Sicherheit dar; die zweite Seite die sozialen, moralischen und ethischen Vorstellungen der Bevölkerung; und die dritte Seite die Rechte der Bevölkerung.
“Die nationale Sicherheit ist unveränderbar”, sagt Mohammad Atrianfar. Ein Land sei entweder sicher oder nicht. Die sozialen, moralischen und ethischen Vorstellungen der Menschen aber veränderten sich mit der Zeit. Und: “Vor der islamischen Revolution 1978 unter Ayatollah Khomeini herrschte im Iran die Königsfamilie der Shahs. Der Graben zwischen Arm und Reich war tief. Die Oberschicht in dem traditionell islamischen Land feierte alkoholisch berauschte Feste, wer mit wem was tat, danach fragte niemand. Jungfrauen aus der Unterschicht wurden verschleppt und, nachdem man sie ihrer wertvollen Unschuld beraubt hatte, in die Gossenbordelle verstossen. Die Prostitution nahm zu, auch das Elend auf den Strassen, wo sich die Unterschicht ihre Variante der ‘elitären Freiheit’ schuf – mit billigem Schnaps und unreinen Drogen. Wer nichts hatte, versuchte sich bei andern etwas zu holen.” Von der Presse sei nichts zu erwarten gewesen, meint Atrianfar, die sei bloss ein verkümmertes Sprachrohr des Königshauses gewesen.
Mohammad Atrianfar war damals ein politischer Dissident und sass einige Zeit im Gefängnis, weil er die Ungerechtigkeit öffentlich angeprangert hatte. “Ohne Ehrlichkeit und Moral wäre der Wohlstand bei den Reichen und das Leid bei den Armen geblieben”, sagt er. Die zweite Seite des Wertedreiecks der Pressefreiheit musste also vergrössert werden: “Es war höchste Zeit, dass wir, die Iranerinnen und Iraner, unsere religiösen Werte wiederbelebten.” Das wollte man mit der islamischen Revolution erreichen: “Und mit der Revolution wuchs die dritte Seite des Wertedreiecks. Die Bevölkerung erhielt mehr Rechte, wenn auch keine umfassenden.” Wenige Monate nach der Revolution brach der iranisch-irakische Krieg aus, der zehn Jahre dauern sollte.

Geistige Landesverteidigung à l’iranienne
Hier möchte der Besucher einwenden, dass die eben erst gewonnene, bescheidene Pressefreiheit unter dem Krieg gelitten haben muss. Mohammad Atrianfar kommt ihm zuvor: “Unsere Aufgabe war es, unser Land geistig zu verteidigen.” Der Besucher sagt: “Also hat Journalismus auch etwas mit Patriotismus zu tun.” Ja, antwortet Mohammad Atrianfar, es gebe Umstände, unter denen die erste Seite des Dreiecks, also die unantastbare nationale Sicherheit, das Leitmotiv der Journalisten sei. Ein solcher Umstand sei der Krieg. “Aber nach dessen Ende fingen wir an, die verlorene Zeit nachzuholen.” Endlich erhielten die anderen zwei Seiten des Dreiecks mehr Aufmerksamkeit. Bald war das Konzept für die Tageszeitung “Hamshahri” ausgedacht, und 1991 erschien die Erstausgabe mit 50’000 Exemplaren. Mit ihrer Auflage von rund 450’000 Exemplaren ist “Hamshahri” heute die meistgelesene Tageszeitung im Iran.
“Hamshahri” gab Anfang der neunziger Jahre der iranischen Bevölkerung eine Stimme. Nach ihrem Vorbild veränderten sich bald auch andere, schon ältere Zeitungen inhaltlich wie äusserlich, darunter zum Beispiel “Ressalat”, “Ettelaat”, “Salam” und “Keyhan”. Während den ersten Jahren gehorchten jedoch alle Zeitungen dem Diktat des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini, sich nicht kritisch über die Regierung zu äussern. So konnte die Regierung uneingeschränkt Macht ausüben und einen weit verzweigten Machtapparat bilden, den die Öffentlichkeit nicht überschauen und somit auch nicht kontrollieren konnte. Mitte der neunziger Jahre regte sich die iranische Bevölkerung, und die Presse übte zögerlich Kritik. Ayatollah Khomeini liess unliebsame Journalisten einsperren und foltern, er und seine Nachfolger entpuppten sich als ebenso machtversessen wie andere Herrscher. Sie wollten nicht wahrhaben, dass die Bevölkerung eigene Vorstellungen hatte von einer moralischen, ethischen und gerechten Gesellschaft. “Aber”, sagt Mohammad Atrianfar, “Verbesserungen geschehen nicht über Nacht.”
Mit der Zeit wurde die Presse noch ein Stück mutiger, und die Seiten des Dreiecks der Pressefreiheit fingen an sich auszudehnen. Dies nicht zuletzt, weil fast alle Zeitungen der einen oder anderen politischen Seite nahe stehen. Zum Beispiel ist Mohammad Atrianfar eng befreundet mit dem jetzigen iranischen Staatspräsidenten Mohammad Khatami. Dieser gehörte bis zu seiner Wahl im Mai 1997 dem liberalen oppositionellen Flügel des Parlaments an. “Dank unserer Zeitung fand er mehr und mehr Gehör im Parlament”, sagt Mohammad Atrianfar, “und jetzt, wo er Präsident ist, können wir schreiben, was wir wollen.” Nun, fast alles. Noch ist es nicht ratsam, über gewisse Themen kritisch zu berichten, wie etwa über Menschenrechte, Ayatollah Khomeini und die geistliche Führung des Landes. Oder über sexuelle Themen: Ein iranischer Journalist, der anonym bleiben will, weiss, dass erschreckend viele vierzehn-, fünfzehnjährige Frauen illegal abtreiben lassen. Die konservativen, islamistischen Kräfte sind derart von der Sittlichkeit besessen, dass sie einen Bericht über etwas so Schändliches nie ungestraft liessen. “Und wie stünden die Bürgerinnen und Bürger dazu?” – “Sie wären schockiert”, sagt der Journalist.
Die nationale Sicherheit ist das heikelste Thema. Ende August begann sich zwischen dem Iran und Afghanistan ein militärischer Konflikt zu entwickeln. Mitte September, als die Spannung zu eskalieren drohte und der Iran mehr und mehr Truppen mobilisierte, verlangte die Tageszeitung “Tous” (Auflage: 200’000 Ex.) eine diplomatische Lösung. Daraufhin liess die Justizbehörde den Chefredaktor, Mashaallah Shamsolwaezin (siehe Interview, Kasten), festnehmen und die Zeitung verbieten. “Tous” war Anfang August schon einmal verboten worden, nachdem eine Gruppe militanter Islamisten in die Redaktion eingedrungen war und Mashaallah Shamsolwaezin verprügelt hatte, weil dieser einen kritischen Artikel über die geistliche Führung des Irans veröffentlicht hatte. Nach wenigen Tagen durfte “Tous” jedoch wieder erscheinen. Die Zeitung ist das Nachfolgeprodukt von “Jameah”, die am 25. Juli verboten worden war. “Jameah” war erstmals nach den Wahlen im Mai 1997 erschienen und machte seither weltweit von sich reden. Sie galt als besonders mutig, weil sie immer wieder mit Primeurs aufwartete. “Tous” verfolgt dieselbe Linie.

Freiheit ist ein relativer Begriff
Doch das Heldenimage, das den beiden Zeitungen angehängt wird, ist unter iranischen Journalistinnen und Journalisten umstritten. Dazu eine iranische Journalistin, die ebenfalls anonym bleiben will: “‘Tous’ bringt fast täglich eine Enthüllung. Doch in der nächsten Ausgabe folgt die Richtigstellung.” Auch andere iranische Journalistinnen und Korrespondenten finden: Was nützt es, wenn eine Zeitung bis ans Äusserste geht? Sie zieht das Misstrauen der Regierung nicht nur auf sich, sondern auch auf die anderen Zeitungen. “Ich kann frei recherchieren und berichten”, sagt die Journalistin. Das sei nicht immer einfach, aber letztlich klappe es meistens. Diese Freiheit will sie nicht verlieren.
“Das ist schön und gut”, hält der Besucher wieder entgegen. “Aber in anderen Ländern werden wenigstens keine Zeitungen verboten und Journalisten nicht verprügelt.” Mohammad Atrianfar widerspricht nicht. Aber: “Anderswo hat das Wertedreieck der Pressefreiheit eine andere Form und Grösse.” Mohammad Atrianfar kann sich zum Beispiel über die moralischen Vorstellungen in den USA nur wundern. “Stell dir vor: Der amerikanische Präsident, der mächtigste Mann der Welt, muss vor Millionen von Menschen seine Hosen herunterlassen.” Die US-amerikanische Pressefreiheit sei nur eine von vielen Ausdrucksformen der dort herrschenden Dekadenz. Eine Dekadenz, die sich auch im Iran entwickelt habe, bis die islamische Revolution hier strenge Sitten verordnete. Diese hätten die Menschen verinnerlicht, gleichzeitig seien die Iraner aber über die Revolution hinausgewachsen. Allmählich enttäuscht über die bremsenden Revolutionsführer hätten sie mit Mohammad Khatami einen liberalen Präsidenten gewählt. Iranische Journalistinnen und Journalisten interpretieren diese Tatsache so: Der Iran entferne sich von seiner früheren Dekadenz. Er sei den USA damit schon weit voraus.

“Wir sind keine Staatsfeinde”

Klartext: Ihre Zeitungen berichteten und berichten immer wieder über Hintergründe aus dem Parlament. Woher beschaffen Sie die Informationen? Wie recherchieren Sie?
Shamsolwaezin: Wie die meisten Zeitungen haben auch wir unsere Gewährsleute in den politischen Machtzirkeln. Unter ihnen sind übrigens nicht nur Liberale, sondern auch Konservative, die die festgefahrenen Strukturen aufbrechen wollen. Von ihnen erfahren wir, was hinter der Fassade geschieht. Von den anderen Zeitungen unterscheiden wir uns, indem wir unsere Leser ebenfalls als Informanten betrachten. Wir erhalten täglich Anrufe von Leuten, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, zum Beispiel mit Beamten. Oder wenn jemand aus politischen Gründen verhaftet worden ist, melden sich seine Angehörigen umgehend bei uns, und wir verfolgen die Sache.
Klartext: Ihre Zeitungen symbolisieren, vor allem im Westen, den Kampf um die Pressefreiheit im Iran. Hiesige Journalistinnen und Journalisten finden aber, Ihre Zeitungen gefährdeten mit ihrer populistischen Art die Pressefreiheit. Wie sehen Sie das?
Shamsolwaezin: “Jameah” und “Tous” waren die ersten unabhängigen Zeitungen im Iran. Unsere Ideale sind die Menschenrechte und die Demokratie.
Klartext: Man sagt, Ihre Zeitungen machten aus unausgereiften Recherchen heisse Stories, die Sie später berichtigen müssen.
Shamsolwaezin: Erstens haben wir mit “Jameah” und “Tous” einen Schreibstil eingeführt, der die iranische Presse auffrischt. Zweitens sehen wir es als Teil der Berichterstattung, wenn man veröffentlichte Artikel später präzisiert, korrigiert oder ergänzt. Aber wir sind keine Staatsfeinde. Wir versuchen lediglich, die Kluft zwischen Tradition und Moderne zu schliessen.
Klartext: Erklären Sie das bitte genauer!
Shamsolwaezin: Unser Weltbild ist vom Islam geprägt. Es ist ganz natürlich, dass wir die islamischen Werte bewahren wollen. Dasselbe wollen auch die konservativen Machthaber, und das will auch Präsident Khatami. Gleichzeitig aber versuchen wir, das Ganze zu sehen und zu verstehen, welches die neuen Bedürfnisse der iranischen Gesellschaft sind. Was wir verstanden haben, das veröffentlichen wir. Leider gibt es gewisse Kräfte, die das nicht gerne sehen und uns darum angreifen.
Klartext: Wer sind diese Leute?
Shamsolwaezin: Das sind militante Islamisten, die um ihr Meinungsmonopol fürchten, das sie mit der islamischen Revolution erlangt haben. Leider haben sie immer noch sehr viel politische Macht. Unsere Zeitungen rütteln an dieser Macht und beeinflussen dabei die öffentliche Meinung. Ein hoher Regierungsbeamter hat mir gesagt, dass “Jameah” nicht verboten worden wä-re, wenn sie eine Auflage von nur 10’000 Exemplaren gehabt hätte. Aber mit über 200’000 sei sie zu gefährlich gewesen.
Klartext: Präsident Khatami gilt als liberaler Reformer. Wie ist es dann möglich, dass seine Regierung die Presse schikaniert?
Shamsolwaezin: Präsident Khatami hat zwar das Kulturministerium unter sich und kann damit das Pressewesen beeinflussen. Aber im Innenministerium, wo die politischen Schalthebel sind, ist sein Einfluss beschränkt. Dort haben nach wie vor die konservativen Geistlichen das Sagen.

Das Gespräch fand am 19. August 1998 auf der Redaktion der Zeitung “Tous” in Teheran statt.

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