11. Juli 2007 von Reiner Wandler

Vor dem Kahlschlag

Die öffentlich-rechtlichen Sender in Spanien müssen knapp die Hälfte ihrer MitarbeiterInnen entlassen. KritikerInnen befürchten, dass das Staatsfernsehen nun endgültig gegen die Privaten ins Hintertreffen gerät.

Dass eine Sanierung Not tut, das war beim spanischen Staatsrundfunk und -fernsehen, Radio Televisión Española (RTVE), allen klar. Doch was jetzt kommen soll, das hat keiner erwartet. Die staatliche Industrie-Holding SEPI, der die Anstalt unterstellt ist, will in den kommenden zwei Jahren 4345 von bisher 9200 MitarbeiterInnen von der Lohnliste streichen. Das ist ein Stellenabbau von 39 Prozent der quasi beamteten FernsehmacherInnen und 44 Prozent der Angestellten und künstlerischen MitarbeiterInnen. Der Abbau soll soweit wie möglich erreicht werden durch eine Vorruhestandsregelung und durch Abfindungen für diejenigen, die freiwillig kündigen. Die Begründung für den harten Eingriff: RTVE steht mit 7,6 Milliarden Euro in der Kreide. Jahr für Jahr kommen weitere 600 Millionen hinzu. Alleine für die durch die Schulden verursachten Zinsen fallen zwischen 155 und 200 Millionen Euro an.
„Das ist ein brutaler Todesstoss für RTVE“, beschwert sich Macarena Montesinos. Die konservative Politikerin sitzt in der parlamentarischen Kontrollkommission für Rundfunk und Fernsehen. Ihr ehemaliger Kommissionskollege José Manual Martínez Medem von der Vereinigten Linken sieht das ähnlich. Die Krise sei künstlich herbeigeführt, beschwert er sich. „Die Schulden sind nicht von RTVE. Es handelt sich um Staatsschulden, denn die Regierungen, egal ob sozialistisch oder konservativ, haben die Anstalt dazu gezwungen, sich zu verschulden – mit Staatsbürgschaft –, anstatt die gesetzlich vorgesehenen Subventionen auszuzahlen.“
Martínez Medem verweist damit auf das eigenwillige Finanzkonzept, das bei RTVE seit 20 Jahren angewandt wird. Zwar steht in der Gesetzgebung, dass die Anstalt neben den Werbeeinnahmen aus dem Staatshaushalt finanziert wird, doch statt die Subventionen auszuzahlen, wurden RTVE ständig neue Schulden genehmigt. Die roten Zahlen häuften sich bei RTVE, ohne den Staatshaushalt direkt zu belasten. Damit wurde das Haushaltsdefizit gesenkt, um die Maastrichter Kriterien für die Einführung des Euros zu erfüllen. Vor zwei Jahren kam Brüssel den Spaniern auf die Schliche und schob dem Ganzen einen Riegel vor. Martínez Medem: „Es ist, als wenn ein Arbeiter keinen Lohn bekommt und stattdessen hält ihn der Chef dazu an, jeden Monat einen Kredit aufzunehmen, für den der Chef bürgt. Wer hat die Schulden? Der Arbeiter oder der Chef?“
RTVE stand nicht immer so tief in der Kreide. Bevor Mitte der 1980er Jahre die öffentlichen Regionalsender und Anfang der 1990er drei private Mitbewerber (Antena 3, TeleCinco und das Bezahlfernsehen Canal+) in den Äther gingen, nahm RTVE über Werbung oft mehr ein, als für den Betrieb der Anstalt ausgegeben wurde. Doch mit dem Ende des Monopols begannen die Werbeeinnahmen zu sinken. Heute decken sie nur noch 57 Prozent der Betriebskosten. Der Staat steuert weitere vier Prozent bei. Der Rest wird bis anhin über das Schuldensystem finanziert.

Keine Gebühren für öffentliche Sender
Dieses Jahr hat die sozialistische Regierung von José Luis Zapatero im Staatshaushalt mit 575 Millionen Euro erstmals eine nennenswerte Summe für RTVE eingeräumt. Das Geld ist allerdings nur eine einmalige Zahlung und ist an die Bedingung gebunden, die Anstalt „gesundzuschrumpfen“. Was die Regierung verschweigt: Rechnet man die Schulden von RTVE um, beläuft sich dies nicht einmal auf ein Sechstel dessen, was zum Beispiel die Deutschen oder die Briten im gleichen Zeitraum mittels Rundfunkgebühren für ihre öffentlichen Anstalten aufgebracht haben.
Eine sichere Finanzierung für RTVE ist auch künftig nicht in Sicht. Zwar wird im eigens von der Regierung eingesetzten „Komitee der Weisen“, das die Reformen für ein qualitativ besseres öffentliches Fernsehen ausarbeiten soll, auch über die Einführung von Rundfunk- und Fernsehgebühren debattiert. Doch eines ist sicher: Die Regierung traut sich an eine solche Massnahme nicht heran. Gebühren gelten als zu unpopulär.
Die FernsehmacherInnen befürchten, dass der Plan der SEPI für sie verheerende Folgen haben wird. „Der Personalabbau wird dazu führen, dass wir kaum noch selbst Programme produzieren können“, ist sich der Sprecher des RTVE-Betriebsrates, Marcel Camacho, sicher. Die Programme müssten dann künftig ausser Haus von Produktionsgesellschaften aus dem Umkreis der Privatsender hergestellt werden.
Man könnte meinen, dass 4855 verbleibende MitarbeiterInnen immer noch eine stattliche Belegschaft sind. Doch RTVE ist ein Riesenkonzern. Neben TVE 1 und La 2 unterhält der Sender zwei internationale Kanäle, den Sender 24 horas, der über Satellit rund um die Uhr Nachrichten auf Spanisch in alle Welt sendet, sowie vier thematische Kanäle. Hinzu kommen die sechs Radioprogramme von RNE.
„Mit diesen Finanzen und einer so dünnen Personaldecke müssen ganze Bereiche geschlossen werden“, sagt Camacho. Das betreffe unter anderem die Regionalredaktionen. „Das wird dazu führen, dass die Nachrichten immer mehr aus hauptstädtischer Sicht gemacht werden.“ Die Regionalbüros hätten sich überlebt, wird ihm von der TVE-Direktion entgegengehalten. Denn die Medienlandschaft habe sich in den letzten 20 Jahren entschieden geändert. Regional- und Lokalsender erfüllten die Grundversorgung des öffentlichen Fernsehens. Die Verantwortlichen setzen allgemein auf eine Politik, die sie „Beschränkung auf das Wesentliche eines öffentlichen Fernsehens“ nennen: Künftig soll es weniger Spielfilme, weniger Serien und weniger Sport geben. Nachrichtensendungen und Kinderprogramme sollen im Gegenzug ausgebaut werden.
„Damit geht unsere Zuschauerquote endgültig in den Keller“, ist sich Camacho sicher. Die beiden Sender von TVE erreichen zusammengenommen rund 22 Prozent Reichweite. Die beiden grossen Privatsender Antena 3 und TeleCinco liegen jeweils gleich auf. Jedes Prozent, das TVE verliert, bedeutet ein Mehr an Werbeeinnahmen für die Privaten.

Printmedien wollen schwache RTVE
Alle grossen Tageszeitungen sind sich einig, wenn es ums Abspecken beim Haushalt für RTVE geht. Die Anstalt sei viel zu gross, die Produktionskosten zu hoch und die staatliche Finanzierung verzerre den Wettbewerb, lauten die Schlagzeilen. Kein Wunder, denn viele der Tageszeitungen haben ein Interesse am Untergang der öffentlichen Anstalt. Die meisten Blättern sind mit Privatsendern verbunden oder haben Projekte für das künftige terrestrische Digitalfernsehen. Sie würden sich gerne den Marktanteil von TVE einverleiben.
Bei nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung stösst die Kritik an RTVE auf Zustimmung. Die Anstalt hat einen grossen Teil ihres einst guten Rufes aus den ersten Jahren der Demokratie eingebüsst. Heute gilt sie vielen wieder als „die Stimme ihres Herrn“, als Regierungssprachrohr. Anders als in den meisten europäischen Ländern wird RTVE nicht wirklich unabhängig verwaltet. Die Kontrollkommission von RTVE ist ein Spiegelbild des Parlaments. Wer in der Volksvertretung die Mehrheit hat, sprich die Regierung stellt, hat auch das Sagen bei RTVE. Die Nachrichten werden von der Regierung – egal welcher politischer Couleur – immer wieder schamlos benutzt, um eigene Erfolge hochzuspielen oder Vorfälle totzuschweigen.
In den letzten Jahren sank zudem die Qualität der Programme. Um mit den Privaten auf dem Werbemarkt zu konkurrieren, nahm auch bei TVE das Trash-Fernsehen – Reality-Shows, Herz-Schmerz-Programme, Testimonios, etc. – zu. „Diese Programme bedienen die primitivsten Instinkte der Zuschauer. Dazu werden regelrechte Monster aufgebaut“, erklärt Mariola Cubells. Sie ist Pionierin dieser Art von Fernsehen. Acht Jahre lang arbeitete die junge Journalistin im öffentlichen Regionalsender von Valencia, Canal 9, wo gleich mehrere der Formate erfunden und erprobt wurden, die heute alle nachahmen. Dann kamen die Zweifel und mit den Zweifeln der Ausstieg. Mit einem Buch mit dem Titel „¡Mírame, tonto!“ (Schau her, Dummkopf!) ermöglicht Cubells dem breiten Publikum einen Blick hinter die Kulissen. Sie schreibt auf, wie die Gäste gezielt dazu gebracht werden, zu weinen, zu schreien oder andere Menschen zu beleidigen. In jedem Sender gibt es eine Kartei mit Personen, die dafür bekannt sind, dass sie in Talkshows spontan besonders sexistische Sprüche, Rassistisches oder Arrogantes von sich geben.
„Das Müll-Fernsehen bietet ein völlig verdrehtes Bild der Welt der Erwachsenen und prägt so das Verhalten vieler Jugendlicher“, sagt Cubells. Spanien ist das einzige europäische Land, in dem es keinen Kontrollrat gibt, der den TV-Inhalt einer moralischen und berufsethischen Kontrolle unterzieht. Zwar sei in den letzten Jahren die GesamtzuschauerInnenzahl zurückgegangen, doch darum gehe es nicht. Was interessiere, sei der Prozentsatz derer, die es noch vor der Glotze aushielten. Der Anteil an Menschen mit niedriger Ausbildung steigt, ebenso jener von Hausfrauen und RentnerInnen. Gleichzeitig wandert das junge und das städtische Publikum immer mehr zum Pay-TV ab.

Mehr Qualität, weniger ZuschauerInnen
TVE möchte jetzt aus diesem Teufelskreis aussteigen. „Wir können nicht mitbieten bei einem Konkurrenzkampf, der versucht, die Inhalte des anderen noch zu unterbieten. Televisión Española kann keinen offenen und beleidigenden Sex bringen, wir können nicht die Privatsphäre der Menschen verletzen, wir können keine Aggressivität und Gewalt oder Verhalten, das gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter verstösst, Minderheiten diskriminiert oder die Gewalt gegen Frauen zum Spektakel macht, senden“, erklärt die TVE-Direktorin Carmen Caffarel. Der Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaften, die eigens eingesetzt wurde, um die Anstalt zu reformieren, schwebt ein Programm vor, das „Vorbild ist bei der Information und damit die Führung erreicht“. Das öffentliche Fernsehen soll „Paradigma für Qualität, Pluralität, kulturelle Vielfalt und die Verbreitung von Werten“ sein.
Erste Ansätze sind zu sehen. Das Programm ist besser geworden, seit Caffarel den Sender leitet. Doch die ZuschauerInnenzahlen gehen zurück. Und damit wird die Kritik am „Wasserkopf“ RTVE noch lauter. „Einige Medien analysieren dies mit ziemlich viel Frivolität. Zum einen verlangen sie von Televisión Española Qualität bei den Programminhalten. Wenn steigende Qualität zumindest am Anfang eine negative Auswirkung auf die Zuschauerzahlen hat, beschuldigen sie uns, dass wir nicht mehr Marktführer sind und dass wir unlauteren Wettbewerb betreiben“, verteidigt sich Caffarel verzweifelt.

11. Juli 2007 von Klartext

„Welcome to Gaza, my friend“

Von Entführungen und Morddrohungen bedroht sind Medienschaffende, die in Palästina arbeiten. Immer mehr News-Organisationen verzichten deshalb auf Reisen in die palästinensischen Gebiete. Aber auch der Staat Israel schikaniert JournalistInnen. Von André Marty. *

Am Checkpoint geht es schnell. Das gelbe Taxi – ein jedem Museum gut anstehender Mercedes vom Typ Stretch-Limousine mit Vorhängen – hält direkt hinter dem Stacheldraht. Das Gesicht des Fahrers ist wohlbekannt, auch der lokale Producer ein alter Vertrauter. Der westliche Reporter huscht ins Taxi, das sofort losfährt. „Welcome to Gaza, my friend”, wird er herzlich begrüsst. Doch der Gaza-Streifen ist zum unsicheren Arbeitsort für westliche Medienschaffende geworden. Seit Israel im letzten August die Siedler und seine Soldaten aus dem besetzten Gebiet abgezogen hat, ist vor allem der Süden des Gaza-Streifens zum rechtsfreien Raum geworden. Medienschaffende, die nach Gaza gehen, lassen sich daher von einem vorab vereinbarten Treffpunkt zum nächsten fahren. Auf offener Strasse herumstehen ist ebenso tabu wie auffälliges Verhalten in Hotels oder Restaurants. Und dennoch gibt es keine Garantien mehr für die Sicherheit der Medienschaffenden.
Zuerst erwischte es den algerisch-französischen Tontechniker Mohammed Quathi von TV-Sender France 3. Vor seinem Hotel in Gaza wurde er am helllichten Tag von bewaffneten Palästinensern entführt. Erst nach acht Tagen Geiselhaft wurde er freigelassen, von den Tätern fehlt bis heute jede Spur. Dann war die Reihe an Lorenzo Cremonesi. Seit 20 Jahren deckt er für den italienischen „Corriere della Sera“ den Nahen Osten ab, berichtet über den Irak-Krieg ebenso wie den israelisch-palästinensischen Konflikt. Kriegserfahrung, die ihm im Gaza-Streifen zugute kam.
„Freundlich sein zu ihnen, freundlich sein“, war Cremonesis erster Gedanke, nachdem er im Süden des Gaza-Streifens von bewaffneten Kämpfern aus seinem Taxi gezerrt worden war. Gaza ist nicht Bagdad, die Chancen sind intakt, heil davonzukommen. Cremonesi fragte seine Kidnapper, ob er seine Mamma in Italien anrufen dürfe, denn Mamma sei eine alte Frau, sie würde die Nachricht von der Entführung ihres Sohnes nur schwer verkraften. Die Kidnapper erlaubten Lorenzo, mit Mamma zu telefonieren. Dann boten sie ihm eine Zigarette an. Der Langstreckenläufer und begeisterte Velofahrer lehnte freundlich ab, „bicicletta“, sagte er. Die Palästinenser verstanden, alle lachten.

Sicherheitskräfte als Bedrohung
Cremonesi versuchte seine Entführer davon zu überzeugen, dass ihnen ein Kontakt zur Aussenwelt nützen würde, er durfte also mit seinem Chefredaktor in Mailand telefonieren. Der Chefredaktor war erfreut über das Lebenszeichen seines Reporters, der „Corriere della Sera“ berichtete sofort auf seiner Internet-Seite von der Entführung. Draussen sah Cremonesi derweil zivile Jeeps vorfahren, vermutlich palästinensische Sicherheitskräfte, die die Entführer lokalisiert hatten. Hätten die Polizisten das Gebäude gestürmt, in dem der Italiener festgehalten wurde, wäre dies das sichere Ende gewesen; die unkontrollierbaren Sicherheitskräfte hätten die Magazine ihrer Kalaschnikows leer geschossen. Die Rettung hiess Al Jazeera: Der arabische Fernsehsender berichtete endlich über Cremonesis Entführung – die Kidnapper hatten Publizität und damit ihr Ziel erreicht und liessen den Italiener frei.
Seit Cremonesis Entführung, Ende September 2005, meiden westliche Journalisten den Süden des Gaza-Streifens. Doch auch im Januar 2006 wurden westliche Medienschaffende angegriffen. So wurden der für „Knight Ridder“ arbeitende amerikanische Reporter Dion Nissenbaum und sein britischer Fotograf Adam Pletts gekidnappt. Sie hatten Glück und wurden noch am selben Tag freigelassen. Viel Glück hatte auch ein südafrikanischer Kameramann von der Nachrichtenagentur AP Television News. Entführer hatten ihn bereits in ihr Fahrzeug gezerrt, als sein lokaler Producer geistesgegenwärtig reagierte: Mit dem gepanzerten Jeep rammte er das Fahrzeug der Entführer mehrere Male. Palästinensische Polizisten beobachteten die Szene und begannen, auf das Fluchtfahrzeug zu schiessen. Der AP-TV-Kameramann kam zum Glück mit ein paar Schrammen davon. AP TV schickt seither keine Ausländer mehr in den Gaza-Streifen.
Westliche Journalisten sind zum Spielball der innerpalästinensischen Machtkämpfe geworden. Die unzähligen Milizen versuchen, auf Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas Druck auszuüben. Hunderte von Milizionären fordern, in die palästinensischen Sicherheitskräfte aufgenommen zu werden. Auch fordern sie Garantien, damit sie nicht für ihre bewaffnete Vergangenheit geradestehen müssen. Und sie wollen Jobs, um ihre Familien ernähren zu können. Die Entführung von Ausländern scheint einigen von ihnen das geeignete Druckmittel.

Palästinensische Medienleute gefährdet
Aber auch für palästinensische Medienschaffende ist das Arbeiten im Gaza-Streifen riskant geworden. Den israelischen Araber Steve Sabila, ein mit einer Schweizerin verheirateter Fotograf, kriegten die Milizen in der Nähe des zerbombten Hafengeländes in Gaza-City zu fassen. Erst nachdem Sabila seine Entführer davon überzeugen konnte, dass er ein Araber ist, liessen sie ihn zusammen mit einer australischen Reporterin laufen.
Anfangs Januar stürmten Milizionäre der Fatah-Bewegung das Büro des arabischen Senders Al Arabia und protestierten so gegen einen Dokumentarfilm über Selbstmord-Attentäterinnen. Erst als die palästinensischen Sicherheitskräfte auftauchten, zogen die bewaffneten Milizionäre ab.
In Gaza erhielten mehrere palästinensische Journalisten Todesdrohungen. Der Anlass: Kollegen von Agence France Press, der von den Hisbollah-Milizen finanzierten TV-Station Al Manar und der unabhängigen palästinensischen Agentur Ramattan hatten über die chaotischen Zustände in den palästinensischen Gebieten berichtet. Eine Gruppe palästinensischer Journalisten verurteilte die Todesdrohungen als „intellektuellen Terrorismus, unabhängig davon, wer dahinter steht“.
Mit dem überraschenden Sieg der Hamas-Bewegung ist die Situation für ausländische und palästinensische Medienschaffende noch undurchsichtiger geworden. Die innerpalästinensischen Spannungen zwischen den Hamas-Milizen, den unzähligen Milizen und den Sicherheitskräften können leicht in blutige Kämpfe ausarten – und dazwischen stehen als Spielball die Medienleute.
Aber auch in Israel geraten Medienschaffende immer wieder zwischen die Fronten. Nabil al-Mazzawi, ein 26-jähriger Kameramann von Al Jazeera, wurde Anfang Jahr von mehreren israelischen Soldaten verprügelt und während sechs Stunden festgehalten. Al-Mazzawi hatte israelische und palästinensische Demonstranten gefilmt, die in der Nähe von Ramallah gegen den Bau der Sicherheitsmauer protestierten.
Grundsätzlich erhalten palästinensische Journalisten von den israelischen Behörden keine Presse-Akkreditierungen. Reuters hat allerdings vor Gericht erstritten, dass wenigstens einige ihrer palästinensischen Mitarbeiter eine israelische Akkreditierung erhalten. Ähnliche Ausnahmen erstritten sich auch Al Jazeera und andere grössere arabische Medien.
Doch die Arbeit arabischer Medienschaffender wird regelmässig erschwert – selbst wenn sie einen israelischen Pass besitzen. Mindestens vier israelisch-arabische Journalisten wurden in den letzten Wochen von israelischen Inlands-Geheimdienst Shabak vorgeladen und einvernommen. Darunter Hassan Muwasi, der aus Israel für die libanesische Zeitung „Al-Mustaqbal“ berichtet. Die Journalisten wurden im Anschluss an ihre Verhöre aufgefordert, ihre Kontakte zu Leuten einzustellen, die Beziehungen zu den libanesischen Hisbollah-Milizen unterhalten würden. Das Mediencenter für arabische Palästinenser in Israel I’LAM sieht dahinter weniger eine Sicherheitsfrage zum Schutze Israels. Vielmehr sei dies eine zunehmend festzustellende „Form politischer Schikanen, um die Freiheit der arabischen Presse einzuengen.“

In Israel ist Fragen unerwünscht
Fragen stellen, das Grundgeschäft des Journalismus, kann in Israel aber auch für ausländische Journalisten unangenehme Folgen haben. Im Oktober vergangenen Jahres wurde Gretta Duisenberg, der Witwe des ehemaligen Chefs der Europäischen Zentralbank Wim Duisenberg, am Flughafen Tel Aviv die Einreise nach Israel verwehrt. Die aktive Palästinenser-Sympathisantin Duisenberg wurde zur Persona non grata erklärt. Ein holländischer Journalist, eben erst in Israel angekommen und somit noch nicht mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut, erkundigte sich beim Medienbüro des Ministerpräsidenten um eine Begründung für die Einreisesperre. Es folgte eine Einführung der groben Art in die israelische Medienrealität: Nicht nur, dass der Mediensprecher den überrumpelten Holländer aufs übelste beschimpfte und das Telefon-Gespräch abrupt beendete. Zuvor wurde der verdatterte Journalist noch darauf aufmerksam gemacht, dass man seine Akkreditierung bei der nächsten Erneuerung aufs genauste prüfen werde. Eine Antwort auf seine Frage, warum Gretta Duisenberg die Einreise verweigert wurde, erhielt der Journalist nicht.
Das Fragen ist auch verboten, wenn es um Israels Atomprogramm geht, das „schlechtestgehütete Geheimnis der Welt“. Grundsätzlich müssen alle Journalisten Berichte über die israelische Armee dem Militärzensor vorlegen. Konkret ist es Journalisten, die in Israel arbeiten, nicht erlaubt zu schreiben, ob Israel Atomwaffen besitzt oder nicht. Wer sich mit der Thematik befasst, darf einzig ausländische Quellen zitieren. Wer dies missachtet, riskiert den Entzug der Akkreditierung. Böse diesbezügliche Erfahrungen musste ein BBC-Journalist machen. Reporter Peter Hounam hatte im Rahmen eines BBC-Dokumentarfilms über das israelische Atomprogramm ein Interview mit dem als Atom-Spion bekannten Mordechai Vanunu gezeigt (Vanunu hatte Israels geheimes Nuklearprogramm enthüllt). Und siehe da: Hounam wurde die Einreise zurück nach Israel verweigert. Erst nach einer Entschuldigung der BBC-Zentrale glätteten sich die Wogen etwas.
Die BBC ist so etwas wie der Lieblingsfeind der israelischen Regierungsstellen. Nach einem Bericht über nichtkonventionelle israelische Waffen etwa verhängte das Amt des Ministerpräsidenten, das Aussenministerium und das staatliche Presseamt drastische Sanktionen: Sie beschlossen, nicht mehr mit der BBC zusammenzuarbeiten und die Bewegungsfreiheit der Briten einzuschränken. Der Unmut der israelischen Regierung über die als antiisraelisch empfundene Berichterstattung geht gar soweit, der BBC vorzuwerfen, sie sei für den Aufschwung des Antisemitismus in England mitverantwortlich. Fakt ist hingegen: BBC wurde aus dem israelischen Kabelnetz verbannt. Dennoch wird immer wieder auf ihrer Berichterstattung herumgeprügelt – obwohl in Israel kaum mehr jemand hinsehen kann.
Geradezu harmlos mutet denn auch der Fall eines Musikjournalisten des Schweizer Fernsehens SF an. Nachdem er einen Tag in den Gängen der staatlichen israelischen Pressestelle zugewartet hatte, kam die Hiobsbotschaft: Da er kein News-Journalist sei, werde ihm die Akkreditierung verweigert. Ein Anruf der Schweizer Botschaft wirkte dann allerdings Wunder: Der verdatterte Musikjournalist erhielt seine Akkreditierung doch noch. Schweizer sind eben doch keine Palästinenser.

*André Marty arbeitet als freier Korrespondent vor allem für das Schweizer Fernsehen SF in Israel und den palästinensischen Gebieten.

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