10. Juli 2007 von Klartext

Saddam-TV gekapert

Cristina Karrer über Parteien-Fernsehen in Irakisch-Kurdistan.

Der Mann in schal und schapik, dem traditionellen kurdischen Männergewand, zupft sich nervös seine Stirnlöckchen zurecht. Er nimmt einen Stapel handbeschriebener Blätter, vergewissert sich, dass hinter ihm der richtige Vorhang gezogen wurde und vor ihm das Mikrofon optimal ausgerichtet ist. Ein letzter Blick in den Monitor und zum Aufnahmeleiter, ein Räuspern, und im KTV von Salahadin beginnt die Aufzeichnung der Abendnachrichten. KTV ist das Kürzel der Fernsehstationen der “Demokratischen Partei Kurdistans” (KDP). Die KTV-Station in Salahadin, einer Sommerfrische, auf einem Hügel nördlich von Erbil gelegen, ist die kleinste der drei Parteistationen. Allerdings befindet sie sich am gleichen Ort wie das Parteizentrum und somit an der Quelle der wichtigsten Informationen. Produziert wird in einer ehemaligen Erholungsanlage. Ein heruntergekommenes Haus bietet Platz für ein kleines Studio, einen einfachen Schnittplatz, Sitzungszimmer, Archiv und Computerraum. Der Koch, der für 25 Mitarbeiter täglich Tee, Reis und Gemüse zubereitet, muss mit einem Kämmerchen vorliebnehmen. Die Übersetzer schauen sich in kleinen, zeltartigen Holzhütten Satelliten-Programme an, notieren sich die wichtigsten Nachrichten und übersetzen sie ins Kurdische und Arabische.
Im KTV in Salahadin mangelt es an allem, angefangen beim Papier über das Schreibmaterial bis hin zu einem Kabel, das den einzigen Computer mit einem der wenigen Videorecorder verbinden könnte. So steht und fällt vieles mit der Gabe zur Improvisation. Der Hintergrund für die Nachrichten besteht aus drei verschiedenfarbigen Vorhängen sowie einer selbst angefertigten Weltkarte. Am Partei-Geburtstag wurden mit den wenigen verfügbaren Stecknadeln zwei Turbane an einer Styropor-Platte befestigt. Als die einzige Lampe die Friedenstaube über einem aus Karton ausgeschnittenen Berg endlich im richtigen Winkel einfing, begann vor der Szenerie ein Schauspieler mit einer dramatischen Rezitation über die kurdische Widerstandsbewegung – welche schliesslich mit Archivbildern und -filmen zu einem originellen Geburtstagsfilm gemischt wurde.
Im Vergleich zur KTV-Station in Salahadin wirken die übrigen Fernsehstationen der KDP und die der zweiten wichtigen Partei, der “Patriotischen Union Kurdistans” (PUK) in Suleymaniya, geradezu pompös. Suleymaniya, die westlich der iranisch-irakischen Grenzberge gelegene Millionenstadt, ist der eigentliche Geburtsort des ersten unabhängigen kurdischen Fernsehens. Der Direktor des PUK-TV, ein Kameramann, der die Peschmerga-Truppen seiner Partei während zwölf Jahren im Kampf filmisch begleitete, erzählt, wie sie im Frühling letzten Jahres die irakische Fernsehstation von Suleymaniya kaperten: “Im März 1991, noch vor dem Massenexodus, haben unsere Peschmergas Suleymaniya eingenommen und den Sender hoch oben auf dem Berg besetzt. Eine Übertragung war allerdings nur während drei Tagen möglich, dann griffen uns die Iraker mit Helikoptern an, und wir mussten alle fliehen. Wir haben jedoch gewisse Anlagen versteckt, damit sie von den Irakern nicht zerstört werden konnten.” In diesen drei Tagen, berichtet der TV-Chef, hätten sie vor allem Warnungen an die Bevölkerung gesendet. Nach der grossen Flucht und dem Eingreifen der Alliierten, die bis zum 36. Breitengrad einen sogenannten Luftschutzschild errichteten, habe die PUK zuerst in Zacho zu senden angefangen: “In Suleymaniya war dies damals nicht möglich, der Schutz der Alliierten beschränkte sich auf ein kleines Dreieck im Westen des Nordiraks. Sobald unsere Stadt jedoch befreit war, haben wir auch dort unseren Sender installiert.” Dann hätten sie auch vier grosse Transmitter beschlagnahmen und die beschädigten Teile der Anlage erfolgreich reparieren können.
Im irakischen Teil Kurdistans gibt es mittlerweile ein gutes halbes Dutzend verschiedene Fernsehstationen, von denen manche jedoch nicht einmal das ganze Einzugsgebiet einer Stadt abzudecken vermögen. Die genaue Zahl der Sender ist schwierig zu bestimmen, weil kleinere Parteien – wie beispielsweise die kommunistische Partei – eine gewisse Frequenz belegt haben, ohne regelmässig zu senden. Wer die verschiedenen Abend-Nachrichten betrachtet, wird wenige auffällige Unterschiede feststellen – zumindest auf der bildlichen Ebene. Für die internationalen News etwa zapfen alle – illegal, also gratis – die gleichen Quellen an: Satelliten-Programme wie ITN, “Sat 1”, “TV 5” sowie internationale Radiosender. Lediglich die PUK bezieht von je einem Korrespondenten in Syrien und der Türkei zusätzliche Informationen. Die Bilder zu diesen internationalen Nachrichten werden beim PUK-TV nach dem Vorbild des irakischen Fernsehens mit Musik unterlegt – eine Unsitte, die mittlerweile das KTV in Salahadin übernommen hat. Sowohl der PUK-Fernsehdirektor in Suleymaniya als auch jener von KTV in Salahadin betonen, dass sie bei der Auswahl der Nachrichten spezielles Gewicht auf jene aus den umliegenden Ländern und somit auch aus anderen Teilen Kurdistans legen.
Das übrige Programm besteht sowohl bei KTV wie bei PUK-TV aus Kultursendungen, politischen Sendungen, Kinderprogrammen und ähnlichem mehr. Der Fernsehdirektor des PUK-TV in Suleymaniya betont, dass sie besonderen Wert auf Gesetzesangelegenheiten legen: “Wir haben dafür ein eigenes Sendegefäss geschaffen, weil wir die Leute dazu bringen wollen, die Gesetze wieder zu befolgen.” Im Unterschied zu KTV scheint die PUK mehr eigene Dokumentarfilme zu produzieren, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Fernsehdirektor in Suleymaniya in Eigenleistung ein grosses Archiv aufgebaut hat. Das PUK-TV wirkt in gewissen Sendungen auch professioneller aufgemacht – worauf die Fernsehmacher mächtig stolz sind -, doch dieses Mehr an Know-how konzentriert sich eher auf die Form als auf den Inhalt. So sind die PUK-TV-Leute beispielsweise die ersten, die US-amerikanische Comics auf kurdisch übersetzen, was in mühsamer Kleinarbeit und mit Hilfe eines professionellen Soundmixers geschieht. Dass Suleymaniya die fortschrittlichste Stadt in Irakisch-Kurdistan ist, widerspiegelt sich nicht nur in der Ausstattung der Fernsehstationen – die an europäischem Massstab gemessen immer noch mehr als bescheiden ist -, sondern auch in der Zahl der Frauen, die beim PUK-TV oder bei KTV mitarbeiten. Während es in Suleymaniya Sprecherinnen, Cutterinnen und Kamerafrauen gibt, war es in Salahadin nur schon ein Problem, Ansagerinnen zu finden. Eine Frau aus Barzanician, die noch so gern für das KTV angesagt hätte, wurde kurzerhand von ihrem Vater in den Iran zurückgepfiffen. Frauen zu finden ist deshalb sehr schwierig, weil die meisten von ihnen in Erbil wohnen und nicht, wie die männlichen Angestellten, gewillt sind, in Salahadin auf dem Gelände der Fernsehstation zu übernachten.
Die politische Linie der je eigenen Partei findet sich am ehesten in den Kommentaren zu aktuellen Ereignissen sowie in den “Inland-Nachrichten”, also den Nachrichten aus Südkurdistan bzw. dem faktisch autonomen Nordirak. In dem Masse, wie sich die politischen Differenzen zwischen PUK und KDP verringern und sich die Kompetenzen der im Mai gewählten kurdischen “Regierung” erhöhen, werden auch die inhaltlichen Unterschiede der TV-Programme verschwinden. Immerhin vertreten PUK-Führer Jelal Talabani und KDP-Kollege Mesud Barzani seit einigen Wochen die gleiche Strategie gegenüber Saddam Hussein und haben kürzlich sogar ihre Peschmerga-Truppen zusammengelegt, was als historischer Schritt gewertet werden darf. Gleichzeitig scheint das Parlament, das 50 PUK-Abgeordnete, 50 KDP-Abgeordnete und fünf assyrische Abgeordnete umfasst, die Zusammenarbeit zwischen den Fernsehstationen zu fördern. Der Direktor des KTV in Salahadin erzählt, dass zumindest für die Berichterstattung über das Parlament eine parteiübergreifende Zusammenarbeit diskutiert werde. Seit dem kurdischen Aufstand im Frühling vorigen Jahres arbeiten alle Fernsehstationen in einer Art gesetzlosem Zustand. Es herrscht sozusagen das Prinzip: Wer will und die nötigen Mittel besitzt, kann eine Station eröffnen. Das wird sich ändern, wenn das Parlament entsprechende Gesetze beschliesst. Dann wird sich auch zeigen, wie sich höhergesteckte Ziele vereinbaren lassen. Momentan sind erst mal alle froh, überhaupt senden und das Informationsbedürfnis des kurdischen Volkes – nur schon was die eigene Geschichte und somit die Identität betrifft – mehr oder weniger befriedigen zu können. Was politische Ambitionen anbelangt, die über das Gebiet von Südkurdistan hinausgehen, sind bei KTV und PUK-TV immer noch unterschiedliche Schwerpunkte festzustellen. Der Fernsehdirektor von KTV in Salahadin wäre noch so glücklich, wenn er mit seinen Programmen alle Teile Kurdistans erreichen könnte. “Aber das wird noch lange unmöglich sein, sowohl aus politischen wie auch aus geografischen Gründen. Zur Zeit beschränkt sich die Reichweite ausserhalb Iraks auf einen Teil Syriens und grenznahe Gebiete in der Türkei.” Während das KTV-Team dennoch tagelang auf einem besonders hohen Berg in der Nähe der iranischen Grenze versucht, die Reichweite zu verbessern, hat das PUK-TV in Suleymaniya die Antenne Richtung Iran bewusst verkürzt. Ihre wichtigste Zielgruppe seien derzeit weder die Kurden im Iran noch jene in der Türkei, sondern die Menschen im Irak, erklärt der Chef des PUK-TV. “Wir konzentrieren alle unsere Kräfte auf den Irak und wollen die Idee der Freiheit und Demokratie verbreiten, damit sich die Leute auch in anderen Teilen des Irak gegen Saddam erheben”. Zu einer Fernsehstation, die dereinst Kurdinnen und Kurden in allen Teilen Kurdistans erreichen könnte, will er nichts sagen – dies sei politisch zur Zeit ein heisses Eisen.
Solange die Menschen in Irakisch-Kurdistan vom Wohlwollen der sie umgebenden Länder abhängen – insbesondere der Türkei, die jederzeit den wichtigsten Grenzübergang für Güter schliessen kann -, so lange wird sich an diesem heissen Eisen auch die kurdische Regierung nicht ernsthaft die Finger verbrennen wollen und auf eine vereinigende Wirkung via Fernsehen tunlichst verzichten.

10. Juli 2007 von Klartext

Unter Beschuss

Nächstes Jahr wollen gleich zwei neue Journale antreten, um dem “Spiegel” und der “Zeit” ihre bislang unbestrittenen Plätze am Markt streitig zu machen.

“Spiegel”-Chefredaktor Hans Werner Kilz gibt sich furchtlos: “Ich habe keine Angst vor der Konkurrenz.” Und “Zeit”-Schriftleiter Robert Leicht meint launig: “Das wirkt sich auf den Markt doch nur belebend aus – jeder Mitbewerber zwingt einen, morgens eine halbe Stunde früher aufzustehen.”
Die “Zugmieze” (so der hausinterne Codename) will ab nächstem Jahr Deutschlands erstem und einzigem Nachrichtenmagazin Paroli bieten. “Gabi” (ebenfalls bloss Arbeitstitel) soll dem Hamburger Wochenblatt “Die Zeit” den Markt streitig machen. Beide treten mit “seriösem Anspruch” an, zielen auf das gehobene Lesepublikum und wollen wöchentlich erscheinen.
Jahrelang investierten die deutschen Verlagshäuser in bunte Spezialpublikationen, um die scheinbaren Bedürfnisse immer enger definierter Publikumsschichten zu befriedigen: vom “Feinschmecker” über den “Fernfahrer” bis hin zur “Freizeit im Sattel”. Nur im Segment der General-Interest-Titel bewegte sich bis heute nichts.
Nun sollen gleich zwei neue Magazine den Trend wenden – und tatsächlich gelesen werden. Die Promotoren – die beiden gestandenen Blattmacher Helmut Markwort und Manfred Bissinger – versprechen einhellig geistige Nahrung für ein ausgehungertes Publikum, das seit Jahren auf zwei Marktgiganten mit Monopolstellung angewiesen sei.
Markwort bastelt als Chefredaktor der “Zugmieze” für den “Burda”-Verlag am geplanten Anti-“Spiegel”. Die angekündigte inhaltliche Ausrichtung zeigt, wo’s langgehen soll: Stories aus Politik, Wirtschaft und Kultur für eine “gehobene Leserschaft” konservativ-bürgerlicher Provenienz. Verleger Hubert Burda zu seinem Projekt: “Ein zivilisiertes Land braucht zwei unterschiedlich ausgerichtete Nachrichtenmagazine.”
Macher Markwort geht noch weiter: “Ein intelligentes und interessiertes Volk, wie die 80 Millionen Deutschen es sind”, glaubt er, “verträgt vier Nachrichtenmagazine – wir machen jetzt das zweite.” Es sei schliesslich “ein Witz, dass das Wort Nachrichtenmagazin in Deutschland total mit dem Titel ,Spiegel’ besetzt ist”. Dazu “Spiegel”-Kilz: “Das wird uns nur weiter motivieren, ein gutes Heft zu machen.” Im übrigen, so Kilz, werde über die “Zugmieze” bisher nur geredet, Markwort solle “endlich mal etwas vorlegen”.
Just das mochte Markwort vorerst nicht: “Es ist noch zu früh, etwas zum Konzept zu sagen.” Lieber führte der frühere Chefredaktor der Programmillustrierten “Gong” das Wort “anspruchsvoll” im Mund und betonte stets, dass er mit dem neuen Heft eine “educated readership” ansprechen wolle – Vorbilder der “Zugmieze” seien Magazine wie “Time” und “Newsweek” in den USA oder “Express” und “Le Point” in Frankreich. Markwort schwebt eine – wenngleich “weniger konservative” – “illustrierte FAZ” vor. Unterdessen, Anfang Oktober, hat er nun wenigstens der werbetreibenden Wirtschaft eine Null-Nummer vorgelegt.
Dazu war’s auch Zeit. Schon von Januar nächsten Jahres an soll nämlich das Magazin dem Auflagenmillionär und Anzeigen-Marktführer “Spiegel” an den Kiosken Konkurrenz machen: mit einer Startauflage von 500’000 Exemplaren, einem Verkaufspreis von vier Mark (“Spiegel”: fünf Mark) und – falls die Werbewirtschaft will – mit mittelfristig 2500 Anzeigenseiten im Jahr. “Burda” rechnet mit 100 Millionen Mark Investitionen, Branchenkenner schätzen den Finanzbedarf für das ehrgeizige Projekt gar auf 150 Millionen Mark.
Und das alles für einen Marktangriff auf den Koloss aus Hamburg, der immer wieder Möchtegern-Konkurrenten herausgefordert hat: Seit 1946 zählen Pressestatistiker 53 – ausnahmslos gescheiterte – Versuche, das “Spiegel”-Monopol zu knacken. Dennoch ist Markwort – wie alle, die’s vor ihm schon probiert haben – überzeugt: “Das ist der erste ernstzunehmende Versuch, ein weiteres Nachrichtenmagazin zu starten.” Immerhin aber weiss er: “Es gibt keine Garantie für einen Erfolg.”
“Ungeheure Chancen” malt sich der zweite Zeitungsgründer, Manfred Bissinger, zusammen mit Verleger Thomas Ganske im Hamburger Verlag “Hoffmann und Campe” für die gemeinsame Schöpfung “Gabi” (Gag-Kürzel für Ganske/Bissinger) aus. Klein, aber fein lautet das Motto des noch amtierenden “Merian”-Chefredaktors Bissinger, der an zunächst 50’000 verkaufte Exemplare der Wochenzeitung denkt, die von Sommer oder Herbst 1993 an Bewegung in den Markt bringen und im Zeitalter von Parteienverdrossenheit und allgemeiner Orientierungslosigkeit Akzente setzen soll.
Der 52jährige frühere Linke Bissinger: “Die ideologisch ausgerichtete Gesässgeographie funktioniert nicht mehr, und wir wären die ersten, die völlig unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Interessengruppen unsere Themen setzen könnten.”
Worum es sich denn bei diesem angeblich “völlig neuen Typus von Zeitung” genau handle, fragt sich nicht nur “Zeit”-Chef Robert Leicht. “Es wird eine Mischung aus Wochenzeitung und Wochenzeitschrift”, erläutert Frank Scheffter, Pressesprecher des “Hoffmann und Campe”-Verlags, “und sie wird nicht das ,Zeit’-Format haben.” Vermutlich gebe es “kürzere Texte” und “mehr Fotos”.
“An ihrer Gegenwart interessierten und anspruchsvollen Lesern”, verspricht Scheffter, biete das Blatt alles, was diese erwarteten: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Forschung. Alle klassischen Ressorts seien vertreten. Und neben einer 25köpfigen Redaktions-Crew sollen auch “prominente Denker” das Wort ergreifen. Das Stichwort lautet “Autorenzeitung” – wie bei der Zürcher “Weltwoche”, wo die Chiffre allerdings eher die fehlende publizistische Linie kaschiert.
Bissinger will in seinem Blatt “weg von Opernpremieren und Parteitagen” und stattdessen “völlig neue Diskussionen anzetteln”. Zuvor freilich muss er mit einem andern Verlag ins reine kommen. Bei “Gruner + Jahr” (“G+J”) wollte er nämlich zum 1. Januar 1993 die “Geo”-Chefredaktion übernehmen. Bissinger hatte bereits einen Vierjahres-Vertrag unterschrieben, kündigte ihn jedoch wieder auf: “Man bekommt nur ein einziges Mal im Leben das Angebot, etwas zu gründen und zu gestalten.”
“G+J” wollte Bissingers Sinneswandel zunächst nicht hinnehmen und “prüfte” die “Konsequenzen des Vertragsbruchs”. Inzwischen aber haben sich “Gruner + Jahr”, “Hoffmann und Campe” und Bissinger arrangiert. Der begehrte Blattmacher darf wechseln: Mit sofortiger Wirkung lösten “G+J” und Bissinger den Vertrag – die Einigung beinhaltet, dass Bissinger und “Hoffmann und Campe” den “G+J” entstandenen “Schaden” durch Zahlung eines “substantiellen Betrages” ausgleichen. “Gruner + Jahr” will das Geld – über die Summe wurde Stillschgweigen vereinbart – der “Stiftung Regenwald” spenden, die von “Geo” ins Leben gerufen wurde.
Und o Wunder: Die von Bissinger verschmähte “Geo”-Chefredaktion ist trotz allem schon ab November wieder besetzt, und zwar just mit jenem Mann, der den deutschen Printmedien-Markt gar noch um ein drittes neues Produkt bereichern wollte: Werner Funk. Sein Projekt namens “fact” wird nun kein Faktum in der künftigen deutschen Medienszene sein.
Denn gegen das von Funk (bisherige Stationen: “Spiegel”, “ManagerMagazin”, “Springer”-Verlag) für “Gruner + Jahr” entwickelte Wirtschaftsmagazin, das schon im Herbst dieses Jahres hätte erscheinen sollen, intervenierte niemand Geringeres als die “Spiegel”-Geschäftsführung.
“Gruner + Jahr”, seit den siebziger Jahren mit 24,9 Prozent an Rudolf Augsteins “Spiegel”-Verlag beteiligt, verpflichtete sich in dem Gesellschaftervertrag, kein mit dem “Spiegel” konkurrenzierendes Magazin herauszubringen. Genau dies monierte die “Spiegel”-Spitze nun: “fact” verstosse gegen die im Gesellschaftervertrag festgelegte Konkurrenzklausel.
Beobachter bezweifelten sofort nach der “Spiegel”-Intervention, ob “G+J”-Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen noch hinter dem Projekt “fact” stehe. Schliesslich sorgt der lukrative “Spiegel”-Druckvertrag von jährlich rund 40 Millionen Mark für mehr Gewinn als ein risikobeladenes Newcomer-Magazin. Aber auch die Tatsache, dass der Anzeigenmarkt für Nachrichten- und Wirtschaftsmagazine seit zwei Jahren – wenngleich auf hoher Ebene – stagniert, liess Branchenkenner vermuten, dass es die “G+J”-Verantwortlichen nicht auf eine Kraftprobe mit dem “Spiegel” würden ankommen lassen.
So geschah es: “Gruner + Jahr” legte “fact” auf Eis, aus dem Wochenjournal “für den Manager, der nicht viel Zeit hat”, wird nichts. Laut Firmensprecherin Sigrid Berenberg “respektiert” “G+J” die “Spiegel”-Haltung und will allenfalls “in einigen Jahren wieder über das Projekt nachdenken”.
Spröder Trost kommt derweil von der “Spiegel”-Chefredaktion. “Ein reines Wirtschaftsmagazin würde sich auf Dauer nicht durchhalten lassen”, meint Hans Werner Kilz, “und eine Auflage von 200’000 Stück pro Woche ist ohnehin unrealistisch.”

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