10. Juli 2007 von Klartext

Hart kalkuliert

Rupert Murdoch hat seinen Raubzug auf die Geldbeutel der TV-Zuschauer erfolgreich gestartet.

In Livingston, Schottland, macht sich der australische Medien-Tycoon Rupert Murdoch daran, die medienpolitischen Zukunftsphantasien der Thatcher-Regierung in die Tat umzusetzen. Das Fernsehen in Grossbritannien soll von Grund auf umgekrempelt werden. Die Zuschauer, die kostengünstige TV-Programme bislang für selbstverständlich hielten, müssen sich daran gewöhnen, künftig extra für das Privileg zu bezahlen, intressante Sendungen auf den Bildschirm zu bekommen.
In Livingston befindet sich das Abonnementszentrum von Murdochs Satellitensender “BSkyB”. Rund 400 Angestellte nehmen dort für einen durchschnittlichen Jahreslohn von 8000 Pfund (21’200 Franken) wöchentlich rund 50’000 Telefonanrufe und Briefe entgegen. Von den 3,5 Millionen “BSkyB”-Zuschauern (Kabel- und Satellitenempfänger) haben 1,2 Millionen beide Pay-TV-Kanäle von Murdoch abonniert: “Movie Channel” und “Sky Movies Plus” – “Sky News” und “Sky One” können kostenlos empfangen werden. Für die beiden Kinokanäle bezahlen sie 16,99 Pfund monatlich (45 Franken) und können sich dafür zusätzlich auf dem “Commedy Channel” vergnügen. Von Livingston erhalten die Abonnenten monatlich eine mit Mikrochips bestückte persönliche “Smart Card”, die, in den heimischen Satelliten-Receiver eingeführt, die codierten Programme entwirrt.
Doch mit den 648 Millionen Franken, die Murdoch jährlich an Abonnementsgebühren für seine Spielfilmprogramme kassiert, will sich der “BSkyB”-Boss nicht begnügen. Für 340 Millionen Pfund (805 Millionen Franken) hat Murdoch dem terrestrisch ausgestrahlten britischen Privat-TV-Sendernetz “Independent Television” (ITV) die Übertragungsrechte der nächsten fünf Jahre für die Fussballspiele der “Premier League” weggeschnappt. Am 2. September wird sein jüngster “BSkyB”-Kanal “Sky Sports” als Pay-TV auf Sendung gehen. Bei “Sky Sports”, ebenfalls im “Pay-per-month”-Verfahren aufgebaut, müssen die fussballvernarrten Briten künftig 5,99 Pfund pro Monat an Murdoch abliefern, wenn sie die Matches in voller Länge mitverfolgen wollen.
Aber Murdoch will die Zitrone noch mehr auspressen: Für nächstes Jahr plant er die Lancierung des “Pay-per-view”-Verfahrens, bei dem der Zuschauer nur für die Sendungen bezahlt, die er sich auch wirklich anschaut. Für einen Zuschlag von vermutlich zwei Pfund pro Match will Murdoch die Spitzenspiele der Woche extra verrechnen. Da dieser Beitrag jedoch pauschal zusätzlich zu den monatlichen Gebühren von 5,99 Pfund für “Sky Sports” bezahlt werden muss, handelt es sich hierbei um kein echtes “Pay-per-view”-TV sondern nur um “Pay-per-event”. Richtiges “Pay-per-view”-TV gibt es bis heute erst in den USA und in einigen europäischen Hotels, die eigene Videoprogramme anbieten. Im Gegensatz zu “Pay-per-event” muss der Zuschauer bei “Pay-per-view” ausser einer einmaligen Anmeldung selbst nichts mehr unternehmen, es reicht, wenn er den Fernseher auf den vorgesehenen Kanal einstellt. Dann beginnt automatisch in der Senderzentrale sein persönlicher Gebührenzähler zu laufen. Die Rechnungen für die konsumierten Sendungen werden periodisch verschickt oder direkt via Kreditkarte belastet. Für “Pay-per-view” müssen die Signale für die Verrechnung jedoch im Zweiweg-Verfahren vom Empfänger zum Sender und zurück gesendet werden können. Dies ist via Satellit nicht möglich.
Dass seine TV-Pläne kein echtes “Pay-per-view” sind, kümmert Murdoch jedoch wenig, er wird aller Voraussicht nach ohnehin seinen Schnitt machen. Das Prognoseinstitut “Zenith Media” rechnet nämlich damit, dass bis Ende 1993 25 Prozent der britischen TV-Haushalte (5,7 Millionen) Satelliten-TV empfangen können. Wenn davon nur 500’000 Haushalte die 60 Fussball-Spitzenspiele pro Jahr anschauen, erhöhen sich Murdochs Einnahmen um 60 Millionen Pfund. Ganz zu schweigen von den monatlichen “Sky Sports”-Grundgebühren, die die Fussballfans ja ohnehin bezahlen müssen, um die Spitzenspiele überhaupt buchen zu dürfen.
Ausserdem hat Murdoch bereits eine weitere Möglichkeit erspäht, wie er den Briten das Geld aus der Tasche ziehen kann. Denn auch Grossanlässe wie Boxkämpfe, Cricket-Weltcups oder Mega-Konzerte à la “Carmen” oder “Live Aid” eignen sich für die “BSkyB”-Version von “Pay-per-view”. Und sogar die Einwanderer hat Murdoch bei seiner harten Kalkulation nicht vergessen: Diesen Sommer hat er begonnen, AboGebühren für “Asia TV” einzusammeln, ein Tagesprogramm, das Sendungen aus dem indischen Subkontinent ausstrahlt. In Livingston wurden bereits Urdu und Hindi sprechende Angestellte angeheuert. Zudem will “BSkyB” sein technisches Know-how und die Infrastruktur auch anderen Pay-TV-Betreibern zur Verfügung stellen – gegen entsprechendes Entgelt natürlich. Bereits hat ein Pilgerzug von europäischen TV-Veranstaltern ins Pay-TV-Mekka Livingston eingesetzt.

10. Juli 2007 von Klartext

“Schütteln, bis sie wach sind”

Stefan Hartmann über das unabhängige Buren-Magazin “Vrye Weekblad”

Der 4. November 1988 muss das Selbstverständnis der Buren Südafrikas nachhaltig erschüttert haben. Ein Abtrünniger aus ihren Reihen, der Pfarrerssohn Max du Preez, brachte an diesem Tag das unabhängige Wochenblatt “Vrye Weekblad” (VWB) heraus. Darin fuhr er der verlogenen weissen Herrenrasse ganz schön an den Karren. Und erst noch in ihrer eigenen Sprache, Afrikaans. Das hatte es noch nie zuvor in der Geschichte Südafrikas gegeben.
Themen, Skandale und Namen werden seither ans Tageslicht gebracht, die in der regierungsnahen südafrikanischen Presse während Jahrzehnten unter den Teppich gewischt wurden. Keine VWB-Ausgabe bleibt ohne eine Enthüllung. Niemand im Apartheid-Establishment kann es sich deshalb leisten, das Blatt nicht zu lesen. Freitags geht das grosse Zittern durch die Reihen der Beamten, Büttel und Dunkelmänner, ob wohl ihr Name in der neuen Nummer auftauche.
Als VWB Ende 1990 mit Enthüllungen über die Todesschwadronen des weissen Polizeihauptmanns Dirk Coetzee eine besonders brisante Bombe hatte platzen lassen, schnellte die Auflage praktisch über Nacht von 7000 auf 15’000 Exemplare hoch. Heute erreicht das Heft diese Auflage praktisch allwöchentlich.
Das VWB ist kein Massenblatt, dazu ist die Botschaft für viele der Buren zu fremd und zu unbequem. “Es braucht Jahre und Jahrzehnte, um meine Rasse von der Apartheid zu entprogrammieren (,de-brainwash’)”, meint du Preez. Ein hoher Anteil der VWB-Leserschaft hat einen akademischen Hintergrund, rund ein Drittel ist englischsprachig. Bei der Leserschaft handelt es sich laut du Preez vor allem um “Beamte, Richter und Studenten, die sich langsam von dem Glauben der Altväter an die Mission der Afrikaaner (Buren) frei” machten. Das VWB, erzählt Chefredaktor du Preez, werde auch von Ministern gelesen, von denen ihm einige sogar “klammheimlich” ihre Bewunderung übermittelt hätten.
Nach Schweizer Begriffen steht das Wochenblatt, das den Redaktoren gehört, in guter liberaler Tradition. Die “Frankfurter Allgemeine” nennt es “allenfalls milde sozialdemokratisch”.
Tatsächlich tut das “Vrye Weekblad” nichts mehr und nichts weniger, als für Demokratie und Menschenrechte einzustehen, lehnt alle Formen der Gewalt ab, glaubt an Verhandlungen und Versöhnung. Das Blatt ist weder Sprachrohr einer linken weissen Partei noch des sc hwarzen “African National Congress” (ANC).
Dennoch reagierte der Apartheid-Apparat höchst unwirsch auf den Nestbeschmutzer du Preez und seine Redaktionskollegen. Ein in Süd-afrikas Pressegeschichte beispielloser Feldzug wurde nach Erscheinen der ersten Nummer gegen das Wochenblatt eröffnet: Die Apartheid-Bürokratie und die Sicherheitskräfte versuchten, das VWB zum Schweigen zu bringen.
So wurde beispielsweise dem VWB vom zuständigen Ministerium statt der üblichen Zulassungsgebühr von zehn Rand (fünf Franken) gleich eine solche von 30’000 Rand auferlegt. Und nach der ersten Enthüllungsstory wurde dem Magazin mit der Schliessung gedroht. Auf Flughäfen, Bahnhöfen oder den Campus von Afrikaanser Universitäten durfte das Blatt nicht verkauft werden. Die Zustellung des VWB per Post verzögerte sich aus unerfindlichen Gründen um drei Wochen. Oder das Telefon fiel am Tag des Redaktionsschlusses regelmässig aus. Schliesslich ging auch noch eine Bombe vor dem Redaktionsgebäude hoch.
Grosse Teile des knappen Redaktionsbudgets gehen für Prozesse gegen das VWB drauf. Durchschnittlich einen Tag pro Woche verbringt du Preez auf Gerichten oder bei Anwälten, um sich gegen Strafverfahren wegen Veröffentlichung angeblich geheimer Informationen zu verteidigen. Weit über zwei Dutzend Klagen mit zum Teil horrenden Schadenersatzforderungen beschäftigen das VWB ununterbrochen.
Richtig unangenehm wurde die Hatz jedoch für VWB-Mitbegründer Max du Preez privat. Sechsmal in nur zwei Jahren musste der heute 40jährige Politikwissenschaftler mit seiner Familie wegen Drohungen umziehen. Doch der bärtige Hüne scheint die Ruhe selbst – er freut sich herzlich über den ganzen Wirbel, den das VWB wöchentlich unter der Burenkaste Südafrikas verursacht: “Die Weissen in Südafrika müssen geschüttelt werden, damit sie endlich aufwachen.” Du Preez spricht und schreibt Klartext. Er sei gerne Afrikaaner, sagt er, und sehe in seiner Liebe zur Sprache und zu “Teilen der Burengeschichte” keinen Widerspruch zu seiner journalistischen Arbeit.
Für du Preez – in einem offenen, nichtrassistischen Pfarrershaus im ländlichen Oranje-Vrystaat aufgewachsen – ist die Vorstellung eines künftigen Südafrikas mit einer multirassischen, demokratischen Gesellschaft die klarste Sache der Welt. Doch bis dahin scheint es noch ein weiter Weg. Viele Buren können sich mit diesem Gedanken noch nicht anfreunden. In ihren Köpfen etwas zu bewegen, dafür will du Preez das Wochenblatt gleichsam als Hebel einsetzen.
Doch seine Leidenschaft kostet Geld. Um dem Blatt alternative Geldquellen zu erschliessen, hat der Burenschlaue diversiviziert: In Namibia wird auf einem Du-Preez-Betrieb das in Südafrika so beliebte Dörrfleisch Biltong produziert. Und in Südafrika betreibt er einen florierenden Jazzmusik-Vertrieb. Ausserdem gibt VWB eine Jazz-Zeitschrift heraus. Solche Nebeneinkünfte kann das Blatt gut gebrauchen, fehlen ihm doch die gewünschten Inserateeinnahmen. Das im Hochformat erscheinende, 40seitige VWB kommt kaum über zwei bis drei Inserate pro Nummer hinaus. Nach du Preez’ Einschätzung steht hinter dem Inserateboykott der Wirtschaft der Apartheid-Apparat, der das ungeliebte Blatt so aushungern möchte.
Aus Kostengründen hat das VBW seit kurzem seine Redaktionsräume mit dem renommierten schwarzen Wochenblatt “New Nation” zusammengelegt, und mit der Tageszeitung “Sowetan” gibt VWB die gemeinsame Vierteljahres-Beilage “State of the Nation” zu aktuellen Gesellschaftsfragen heraus.
Das flache ehemalige Bankgebäude, wo das VWB produziert wird, liegt einen Häuserblock vom prestigereichen Markettheater in Johannesburg entfernt, wo “Sarafina”, das erfolgreiche Stück über den Schüleraufstand in Soweto, heute noch vor vollem Haus gespielt wird. Im riesigen Redaktionsraum herrscht das kreative Chaos: Kettenraucher du Preez steht an diesem Tag im April mit einem Kollegen über das Leuchtpult gebeugt. Gerade wird über das Dia mit dem Konterfei von Winnie Mandela für die Titelseite diskutiert. Das VWB verschont auch den ANC nicht mit Kritik. “Unter einer ANC-Regierung wären wir möglicherweise genauso unbeliebt”, glaubt du Preez.
Im kleinen, aber hochmotivierten Redaktionsteam arbeiten Weisse, Schwarze und Farbige. Als einzige Zeitung Südafrikas betreibt das “Vrye Weekblad” systematische Ausbildung junger farbiger Reporter – unterstützt von der schweizerischen “Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe”.

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EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

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