10. Juli 2007 von Klartext

Journalismus und Idioten-Kultur

Carl Bernstein über die US-Medien – 20 Jahre nach Watergate*

Das Drama, das mit dem Watergate-Einbruch begann und mit dem Rücktritt von Richard Nixon endete, liegt nun schon beinahe eine ganze Generation zurück – 20 Jahre, in denen die amerikanische Presse in einer eigenartigen Hektik damit beschäftigt war, sich für ihre Leistungen in dieser Affäre und danach gleichzeitig selbst zu beglückwünschen und zu verteidigen.
Das Eigenlob ist nicht berechtigt, die Rechtfertigungen sind es leider. Denn immer mehr ist jenes Amerika, wie es in den amerikanischen Medien dargestellt wird, trügerisch und täuschend – verzerrt, irreal, ohne Bezug zu unserem wirklichen Leben. Bei der Darstellung des amerikanischen Lebens finden die Medien wöchentlich, täglich, stündlich neue Wege, es falsch zu machen. Die Darstellung ist verzerrt durch die Anbetung von Berühmtheiten; durch die Reduktion der Information auf Klatsch; durch Sensationshascherei, was immer ein Abwenden vom politischen und sozialen Gespräch bedeutet – ein Gespräch, das wir alle, die Presse, die Medien allgemein, die Politiker und das Volk, in eine Kloake verwandeln.
Zurück zu Watergate. Es gibt aus dieser Affäre einiges zu lernen, vor allem über die Presse. Vor 20 Jahren, im Juni 1972, begannen Bob Woodward und ich, uns für die “Washington Post” mit der Watergate-Geschichte zu beschäftigen. Zur Zeit des Einbruchs arbeiteten rund 2000 vollamtliche Reporter in Washington, DC. In den folgenden sechs Monaten setzten die Medien nur 14 dieser 2000 Journalistinnen und Journalisten ganz auf die Watergate-Geschichte an. Und von diesen 14 waren nur sechs auch wirklich mit Recherchieren beschäftigt und begnügten sich nicht mit täglichen Statements und Gerichtsberichterstattung, sondern versuchten selbst herauszufinden, was genau geschehen war.
Trotz der Mythologie, welche den sogenannten Recherchier-Journalismus umgibt, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, was wir bei Watergate wirklich getan und nicht getan haben. Denn was wir getan haben, war in Wirklichkeit nicht so exotisch. Unsere Arbeit bei der Aufdeckung dieser Geschichte basierte auf schlichter faktensammelnder Polizeiberichterstattung. Wir verliessen uns vor allem auf unsere Schuhsohlen, auf den gesunden Menschenverstand und auf den Respekt vor der Wahrheit.
Woodward und ich waren zwei gewöhnliche Lokalreporter, die auf einen Fall angesetzt waren, der im Grunde ein gewöhnlicher Einbruch war. Deshalb wendeten wir die einzigen journalistischen Techniken an, die wir kannten: Wir klopften an viele Türen, stellten viele Fragen und verbrachten viel Zeit mit Zuhören – einfach all die Dinge, die gute Reporter seit Jahren tun. Als Lokalreporter hatten wir keinen Zugang zu hochgestellten Informanten, kein Spesenbudget, mit dessen Hilfe wir die Mächtigen in feinen französischen Restaurants hätten umgarnen können. Wir taten unsere Arbeit fern der verführerischen Welt der Reichen, Berühmten und Mächtigen.
So arbeiteten wir uns langsam nach oben, indem wir kleine Beamte, Sekretärinnen, Verwaltungsassistenten interviewten. Wir trafen sie ausserhalb ihrer Büros und Wohnungen, am Abend und an Wochenenden. Die Justizbehörden und das FBI befragten dieselben Leute wie wir, aber immer in ihren Büros, in Gegenwart der Verwaltungsjuristen; nie zu Hause, nie am Abend, nie fern von ihren Jobs, von Einschüchterung und Druck. Deshalb war es keine Überraschung, dass das FBI und das Justizdepartement zu den gegenteiligen Schlüssen kamen wie wir. Sie liessen zentrale Informationen ausser acht, weil sie, nach den Worten des damaligen FBI-Chefs, bei den Männern um den Präsidenten von einer “Annahme der Korrektheit” ausgingen.
Selbst unsere Kollegen in der Presse nahmen unsere Reportagen nicht ernst, bis unsere Methoden einige aussergewöhnliche Informationen zutage förderten: eine Geschichte von systematischer, illegaler politischer Bespitzelung und Sabotage, die vom Weissen Haus aus gesteuert wurden, von geheimen Fonds, abgehörten Telefonen, einem Team von “Spenglern” (Einbrechern), die für den Präsidenten arbeiteten. Und dann die Geschichte von der Vertuschung, von der Behinderung der Justiz, die bis hinauf zum Präsidenten reichte.
Es ist wichtig, sich an die Reaktion der Regierung Nixon zu erinnern. Sie machte das Verhalten der Presse zum Hauptthema von Watergate – nicht das Verhalten des Präsidenten und seiner Männer. Tag für Tag gab Nixons Weisses Haus etwas heraus, was wir mit der Zeit das “Nicht-Dementi” nannten: Pressesekretär Ron Ziegler, der republikanische Führer im Repräsentantenhaus Jerry Ford und der republikanische Führer im Senat Bob Dole warfen uns vor, wir handelten mit Gerüchten, Hörensagen, Rufmord und Andeutungen – auf den Inhalt unserer Geschichten allerdings gingen sie nie ein.
Nixons Technik, die Methoden der Presse zum Thema zu machen, verschwand nach Watergate keineswegs, sie erreichte im Gegenteil unter Ronald Reagan neue Höhen der Raffinesse und des Zynismus, und sie blüht auch heute. So sagte Reagan über die Iran-Contra-Affäre: “Was mich die Wände hochgehen lässt, ist, dass es kein Fehlschlag war, bis die Presse einen Hinweis von diesem Lumpen in Beirut bekam und alles aufzubauschen begann. Die ganze Sache war eigentlich nichts anderes als eine grosse Verantwortungslosigkeit von seiten der Presse.”
Und mit George Bush haben wir jetzt einen weiteren Präsidenten, der von Informationslecks und Geheimniskrämerei besessen ist, einen Präsidenten, der es nicht verstehen konnte, dass die Presse darüber berichtete, als seine Leute auf dem Lafayette Square gegenüber dem Weissen Haus eine Drogen-Razzia fingierten. “Auf welcher Seite steht Ihr eigentlich?” fragte er. Es war eine wahrhaft nixonianische Frage. Diese Verachtung für die Presse, die sich auf Hunderte von Beamten in öffentlichen Ämtern übertragen hat, ist wohl das dauerhafteste und wichtigste Vermächtnis der Nixon-Regierung.
Im Rückblick hatte Nixons ausserordentliche Kampagne, die Glaubwürdigkeit der Presse zu untergraben, einen beachtlichen Erfolg, trotz des Nach-Watergate-Imponiergehabes in unserem Beruf. Ein wichtiger Grund für diesen Erfolg sind unsere eigenen offensichtlichen Mängel. Es ist eine harte und einfache Tatsache, dass unsere Berichterstattung nicht gut genug war. Sie war nicht gut genug während der Nixon-Jahre, sie wurde schlechter während der Reagan-Jahre, und sie ist heute um nichts besser. Wir sind arrogant. Wir haben es unterlassen, unsere eigenen Institutionen in den Medien denselben harten Prüfungen zu unterziehen, die wir für alle anderen mächtigen Institutionen der Gesellschaft fordern. Wir sind nicht eher bereit oder willig, Irrtümer oder Fehleinschätzungen zuzugeben, als die parlamentarischen Schurken und bürokratischen Verbrecher, für deren Überwachung wir so viel Zeit aufwenden.
Das grösste Verbrechen im heutigen Informationsbusiness ist es, zu spät zu kommen oder eine grosse Story zu verpassen. So sind Geschwindigkeit und Quantität der Ersatz für Gründlichkeit und Qualität, für Genauigkeit und das Darstellen von Zusammenhängen. Der Druck der Konkurrenz, die Angst, jemand anderes sei schneller, schafft ein hektisches Klima, in dem ein Wirbelsturm von Informationen fabriziert wird und ernsthafte Fragen nicht gestellt werden dürfen. Und selbst in jenen Glücksfällen, da solche Fragen aufgeworfen werden (wie beispielsweise nach einigen der ungeheuerlichen Geschichten über die Familie Clinton), nimmt sich niemand die Zeit, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen.
Berichterstattung ist nicht Stenographie. Es ist die beste der erhältlichen Versionen der Wahrheit. Die wirklich entscheidenden Trends im Journalismus allerdings gehen nicht in Richtung auf eine Verpflichtung zur besten und komplexesten der erhältlichen Versionen der Wahrheit, nicht in Richtung auf einen neuen Journalismus, der auf ernsthafter, durchdachter Berichterstattung beruht. Dies sind nicht die Prioritäten, welche den Leserinnen und Lesern der meisten unserer Zeitungen auffallen; es ist nicht das, was die Leute bekommen, wenn sie die Fernseh-Nachrichten einschalten.
“Also, war es wirklich der beste Sex, den Sie je hatten?” Dies fragte Diane Sawyer in einem Interview auf “Prime Time Live” Marta Maples über ihre Affäre mit Multi-Milliardär Donald Trump. “Prime Time Live” ist eine Sendung der News-Abteilung von ABC, von der laut Eigenwerbung “mehr Amerikaner ihre Informationen beziehen als von irgendeiner anderen Quelle”. Diane Sawyers Frage markierte einen neuen Tiefpunkt. Seit mehr als 15 Jahren bewegen wir uns vom wirklichen Journalismus weg in Richtung auf eine Art von schlüpfrigem Infotainment, in dem die Grenzen zwischen den grossen Fernseh-Gesellschaften und den Boulevardblättern sich verwischen. In dieser neuen Kultur des journalistischen Kitzels bringen wir den Medienkonsumentinnen und -konsumenten bei, dass das Triviale bedeutend sei, dass das Grelle und Verdrehte wichtiger sei als die wirkliche Information. Wir dienen unserem Publikum nicht, wir biedern uns an. Und wir benehmen uns herablassend, indem wir das liefern, von dem wir annehmen, das Publikum wolle es und es erhöhe unsere Einschaltquoten und Auflagen. Leider scheinen viele unsere herablassende Haltung zu bestätigen und den Ramsch tatsächlich zu mögen. Aber trotz allem ist es die Aufgabe der Journalisten, die Leute herauszufordern und sie nicht nur zu amüsieren.
Wir sind auf dem besten Wege, das zu schaffen, was den Namen Idioten-Kultur verdient. Nicht eine idiotische Sub-Kultur, wie sie in jeder Gesellschaft unter der Oberfläche brodelt und für harmlosen Spass gut ist, sondern die Kultur selbst. Zum ersten Mal werden das Sonderbare, das Stupide, das Grobe zur kulturellen Norm, ja sogar zum kulturellen Ideal.
Ich will nicht die Populärkultur angreifen. Guter Journalismus ist populär, aber populär in dem Sinne, dass das Publikum informiert und sein Wissen erweitert wird, nicht dass man auf der Suche nach dem tiefsten gemeinschaftlichen Nenner immer weiter nach unten rutscht. Wenn Populärkultur den Ausdruck von Gedanken und Gefühlen bedeutet, der von den Konsumenten keinerlei Anstrengung erfordert, dann ist der anständige populäre Journalismus am Ende. Was heute leider geschieht, ist der Untergang des wirklichen Journalismus, der von der tiefsten Form der Populärkultur – Mangel an Information, Fehlinformation, Desinformation, Verachtung für die Wahrheit und die wirkliche Lebenssituation der meisten Menschen – überrollt worden ist. Heute werden die normalen Amerikaner mit Abfall vollgestopft.
Es geht hier nicht um das Recht auf freie Meinungsäusserung. In einem freien Land haben wir auch die Freiheit, Abfall zu konsumieren. Aber dieTatsache, dass Abfall immer produziert werden wird, bedeutet nicht, dass wir das auch noch unterstützen müssen. Und die grossen Informationskonzerne dieses Landes sind jetzt in der Abfallwirtschaft tätig. Wir alle kennen Pornographie, und sie hat ein Recht zu existieren. Aber wir müssen nicht alle Pornographie-Produzenten werden; und es gibt kaum ein Medienunternehmen in den USA, das in den letzten 15 Jahren nicht mindestens eine Zehe in das soziale und politische Pendant zum Porno-Geschäft gesteckt hat.
Ja, wir haben immer eine sensationsgierige, populäre Klatsch-Boulevard-Presse gehabt; und wir haben immer Klatsch-Spalten gehabt. Aber nie zuvor hatten wir eine Situation wie heute, in der angeblich ernsthafte Leute – ich spreche von den sogenannten intellektuellen und sozialen Eliten dieses Landes – durch diese Kolumnen und Fernseh-Shows leben und sterben (und sie auch noch glauben), und in der Millionen weiterer Leute sich auf diese “Informationsquellen” verlassen.
Während der acht Jahre der Reagan-Präsidentschaft begriff die Presse nicht, dass Reagan ein wirklicher Führer war – so sehr er am Schalthebel der Macht zu schlafen schien, so seicht sein Intellekt auch war. Kein Führer seit Präsident Franklin Delano Roosevelt in den dreissiger Jahren veränderte die amerikanische Landschaft so nachhaltig, keiner sah seine Vision von Amerika und der Welt so gründlich in die Tat umgesetzt. Aber während der Reagan-Jahre verliessen wir von der Presse kaum einmal Washington, um im Lande draussen die Wechselwirkung zwischen Politik und Gesetzgebung und Reagans Richter-Ernennungen zu studieren, um die Wirkung der Regierungserlasse auf die Bevölkerung zu untersuchen – auf die Kinder und die Erwachsenen, auf die verschiedenen Institutionen, in der Erziehung, an den Arbeitsplätzen, in den Gerichten, unter den Schwarzen, in den Lohntüten und Einkaufskörben. Wir waren so damit beschäftigt, uns über Reagans Rhetorik vom “Reich des Bösen” lustig zu machen, dass wir die Verbindungen nicht sahen, die zwischen Reagans Politik und Gorbatschows Willen, das Übel des Kommunismus zu lockern, bestanden.
Jetzt liegt die Bilanz offen. Wir haben in Tat und Wahrheit die meisten grossen Geschichten unserer Generation verschlafen, vom Iran-Contra-Skandal bis zum Debakel der Spar- und Leihkassen.
Die Fehler der Presse trugen wesentlich bei zum Entstehen der “Talk-Show-Nation”, in der die öffentliche Diskussion auf Geschwätz, Gefasel und Imponiergehabe reduziert wird. Der grösste Teil unserer Presse wird bei ihrer Informationsauswahl immer stärker von der Unterwelt beeinflusst. Am Tag, als Nelson Mandela nach Soweto zurückkehrte und die Alliierten des Zweiten Wektkriegs der deutschen Vereinigung zustimmten, waren die Frontseiten vieler “verantwortungsbewusster” Blätter in den USA der Scheidung von Donald und Ivana Trump gewidmet.
Und eben sah es so aus, als ob uns die Apotheose dieser Talk-Show-Kultur kurz bevorstehe. Ich spreche von Ross Perot, einem Kandidaten, der vom Fernsehen geschaffen wurde. Lanciert wurde er in der “Larry King Live”-Show von CNN, und seine Lust, sich aufzuplustern und zu posieren, passte viel weniger in eine liberale Demokratie als zu den Schwergewichtsringern der TV-Schwatz-Shows. Er war ein Kandidat, dessen einziger substantieller Vorschlag darin bestand, die repräsentative Demokratie durch eine Live-Fernseh-Talk-Show für die ganze Nation zu ersetzen. Und dieser Kandidat, der allen Medien-Überprüfungen durch das schamlose Eingeständnis seiner Ignoranz ausgewichen war, führte vorübergehend in mehreren Staaten in Meinungsumfragen deutlich vor den Kandidaten der beiden grossen Parteien.
Heute ist der Zustand der USA die aufregendste News-Story der Welt. Unser politisches System steckt in einer tiefen Krise, wir werden Zeugen des Zusammenbruchs unseres Zusammengehörigkeitsgefühls und der Gemeinschaft, welche die Entstehung und den Fortschritt der amerikanischen Demokratie in der Vergangenheit ermöglicht haben. Die Entstehung der Talk-Show-Nation ist ein Teil dieses Zusammenbruchs.
Viele Selbstverständlichkeiten in den USA – in bezug auf Rasse, Wirtschaft und das Schicksal unserer Städte – müssen in Frage gestellt werden, und wir könnten mit den Medien beginnen. Denn abgesehen von der Rassenfrage ist die Geschichte der zeitgenössischen amerikanischen Medien die grosse ungeschriebene Story im heutigen Amerika. Wir müssen zum Thema Presse dieselben grundlegenden Fragen stellen wie zu den anderen mächtigen Institutionen dieser Gesellschaft: wem sie dienen, was ihre Grundsätze sind, wie sehr ihre Eigeninteressen die öffentlichen Interessen und die Interessen der Wahrheit behindern.
In Tat und Wahrheit sind die Medien wohl die mächtigste unserer Institutionen, und sie verschwenden ihre Macht und vergessen ihre Verpflichtungen. Sie – oder vielmehr wir – haben die Verantwortung aufgegeben, und die Folgen dieser Aufgabe sind das Spektakel und der Triumph der Idioten-Kultur.

* Aus dem Amerikanischen von Martin Hauzenberger.

10. Juli 2007 von Klartext

“Nightmare on Kinnock Street”

Stefan Howald über die englischen Zeitungen als Wahlhelfer der konservativen Partei.

In 3000 Haushalten hatte der pensionierte Krankenpfleger und Labour-Aktivist Tom Chipperfield vor den englischen Parlamentswahlen in Norfolk um Stimmen geworben, und der Erfolg schien überwältigend. Ein Drittel aller bisherigen Tory-Wählerinnen und -Wähler, so schätzte er, wollte diesmal Labour wählen, genug für einen komfortablen Sieg, wie ihn ja auch die meisten Meinungsumfragen prognostizierten. Drei Tage vor den Wahlen am 9. April begann die Zustimmung zu schwinden. Eine äl-tere Dame erzählte Chipperfield, sie vermöge es nicht mehr, Labour zu wählen, weil sie dann pro Jahr 1200 Pfund mehr Steuern bezahlen müsse. Als er protestierte, das stimme keineswegs, mein-te die Dame: “Aber es ist doch in den Zeitungen vorgerechnet worden.” Auch andere Sympathisanten sprangen Chipperfield ab, und nach den Wahlen bestätigten viele Wahlhelfer, wie sie in den letzten Tagen immer wieder mit den drohenden Steuerlasten von Labour aus den Boulevardzeitungen konfrontiert worden waren.
Die Meinungsumfragen hatten noch bis zum Schluss mit Labour zumindest als grösster Partei gerechnet. Nach dem Erfolg der Konservativen ist deshalb die Frage aufgetaucht: Haben die Zeitungen die Wahlen entschieden? Nebenbei läuft eine kleine Gewissenserforschung über das alte Problem der Macht der Medien. Den Ton gab der geschlagene Labour-Leader Neil Kinnock vor. Er nannte in seiner Rede, in der er seine Niederlage eingestand, die konservativen Medien als wesentliche Wahlgewinner. Oder vielmehr zitierte Kinnock diese Medien selbst. Die “Sun”, das aggressivste und auflagestärkste Boulevardblatt beispielsweise, hatte auf ihrer Titelseite am Tag nach der Wahl verkündet: “Wie wir den Sieg sichern halfen.” Doch als Kin-nock solche Selbsteinschätzungen beim Wort nahm, wollte es wieder niemand gewesen sein. Die Chefredaktoren der Blätter, die sich Tage zuvor noch triumphierend selber auf die Schultern geklopft hatten, distanzierten sich jetzt in empörten Leserbriefen von solchen “plumpen Drahtzieher-Thesen” und sahen durch sie die Mündigkeit ihres Publikums herabgewürdigt.
Doch die Parteilichkeit der englischen Blätter steht ausser Frage. Von den sogenannt seriösen nationalen Tageszeitungen kommen die strikt konservativen “Daily Telegraph” und “Ti-mes” zusammen auf 1,4 Millionen Auflage; dagegen halten der labourfreundliche “Guardian” und der liberaldemokratische “Independent” mit je etwa 400’000 Exemplaren. Mit den Leserinnen und Lesern dieser Blätter wird zwar Macht gemacht, aber keine nominelle Mehrheit bei Wahlen gewonnen. Dazu braucht es schon die sechs auflagestarken Boulevardblätter. Davon sind “Sun”, “Daily Mail”, “Daily Express”, “Daily Star” und “Today” auf der Seite der Konservativen, und nur der “Daily Mirror” des verblichenen Robert Maxwell ist labourfreundlich. Auflagemässig dominieren die Tory-Blätter im Verhältnis von zwei zu eins. Bei den Sonntagszeitungen ist das Verhältnis noch krasser, beinahe drei zu eins.
Polit-Historiker haben darauf hingewiesen, dass die letzten Labour-Siege aus Zeiten datieren, in denen die Medien-Verhältnisse um einiges ausgeglichener waren. Margaret Thatcher hatte denn auch die Macht der Zeitungs-Barone schnell erkannt und die meisten ihr ergebenen Editoren in den Adelsstand erhoben.
Eine britische Untersuchung weist nach, dass mehr Engländerinnen und Engländer ihre politische Bildung vom Fernsehen beziehen als aus den Zeitungen, weil sie nämlich das Fernsehen für unparteiischer halten und vor allem den Boulevardblättern nicht viel Glauben schenken. Freilich basiert diese Untersuchung auf Umfragen mit Selbsteinschätzungen ohne Gegenkontrolle, und ähnliche Umfragen zu den Wahlen haben gerade vernichtend falsch gelegen.
Ein mittlerweile im PR-Bereich ziemlich bekannter Grund dafür ist der, dass Leute auf Fragen etwas anderes antworten, als was sie tatsächlich denken. Sie sagen beispielsweise, Labour kümmere sich verdienstvollerweise stärker um soziale Probleme als die Tories, und dann wählen sie aus Gründen des eigenen Portemonnaies konservativ. Ein Vorbehalt ist auch gegenüber dem englischen Fernsehen selbst angebracht. In den Nachrichtensendungen konkurrenzieren die BBC und die unabhängige Kette zwar noch um Neutralität. Als Staatsbetrieb wird die BBC dennoch ständig von den Konservativen angegriffen, die ihr Labourfreundlichkeit vorwerfen. Die Auswertung der diesjährigen Wahlberichterstattung zeigt freilich umgekehrt, dass die Konservativen leichte Vorteile erhielten. Die ständigen Angriffe haben längst gewirkt. Von massiver Redimensionierung und Stellenabbau bedroht, zeigt sich die BBC zunehmend ängstlich und unflexibel. Eine innenpolitische Sendung über die desolate Wirtschaftspolitik der Regierung wurde vor den Wahlen kurzfristig abgesetzt. Gravierender freilich: BBC wie das Privat-Fernsehen ITV sind der letzte Hort absoluter Politikgläubigkeit. Nicht so sehr politischer Inhalt als vielmehr parlamentarische Politik als solche ist die Botschaft, die in Sendungen und Debatten der immergleichen Leute zelebriert wird. Die zahllosen Meinungsumfragen waren das zweitwichtigste Thema der Wahl-Berichterstattung: die Katze, die ihren eigenen Schwanz bewundert. Zunehmende Lähmung und Desinteresse beim Publikum sind die Folgen.
Die Bedeutung der Zeitungen sollte doch nicht vorschnell abgeschrieben werden. Freilich ist das Ideal des angelsächsischen Journalismus mit seiner heiligen Trennung von Information und Kommentar schon längst eine Illusion. Nicht bloss in den Boulevardblättern werden Meinungen via extrem zurechtgestutzte Informationen transportiert. Besonders beliebt ist das Verfahren, irgendwelche obskuren Quellen anzuzapfen und deren Aussagen als heisse News zu verkaufen. Bei der populistischen “Sun” sind das meist anonyme “Leute von der Strasse”, bei “Daily Mail”, “Daily Express”, aber auch bei “Times” und “Daily Telegraph” öfter Stimmen direkt aus dem Tory-Hauptquartier.
Der “Daily Mail”, einem “gehobenen Boulevardblatt” mit 1,7 Millionen Auflage, kommt dabei als Tory-Hausorgan eine besondere Rolle zu. Die “Mail” vermag jeder noch so düsteren Wirtschaftszahl einen Hoffnungsschimmer abzugewinnen und jedem noch so kleinen Manager eine Horrorgeschichte über Labour und die Gewerkschaften zu entwinden. Oder dann gelingt ihr ein Coup wie der folgende: Während der Wahlkampagne meldet sie exklusiv, dass sich die Prinzessin und der Prinz von York trennen würden. Die Meldung macht zwei Tage lang Schlagzeilen. Dabei lag der entsprechende Bericht in der “Mail” schon seit einem Monat herum. Sollte die aktuelle Lancierung etwas damit zu tun haben, dass gerade an diesem Tag die neuen Arbeitslosenzahlen gemeldet werden mussten, die neue Rekordhöhen erreichten? Und wenn es hart auf hart geht, ist sich auch die “Mail” für ein bisschen Rassismus mit der Veröffentlichung neuer unter Labour drohender Asylantenfluten nicht zu schade.
Die linksliberale Wochenzeitung “New Statesman and Society” hat die Wahlkampagne hindurch eine eigene Kolumne “Smearwatch” (Schlammschlacht-Barometer) geführt. Es ist eine lange Liste zusammengekommen, die von der primitiven Fälschung bis zur subtilen Unterstellung reicht. Befürchtet hatte man im Vorfeld der Wahlen insbesondere “pikante private Enthüllungen” in amerikanischem Stil. So richtig fündig wurden die Boulevardblätter aber bei der farblosen Labour-Riege offenbar nicht. Also musste sich die “Sun” damit begnügen, einen führenden Labour-Politiker als Krösus mit drei prächtigen Wohnsitzen zu denunzieren. Beim näheren Lesen stellte sich der üppige Reichtum als ein normales Einfamilienhaus, ein Ferienhaus und eine gesetzlich vorgeschriebene Dienstwohnung in London heraus. Die “Sunday Times”, die sich zuweilen vornehm von der längst hemdsärmlig gewordenen “Times” abzuheben sucht, lancierte einen Dreiteiler über die “Kreml-Kontakte” von Labour-Führer Neil Kinnock. Es waren von geldbedürftigen Ex-Agenten der Ex-Sowjetunion verkaufte Aufzeichnungen von Tischgesprächen, die Kinnock in den achtziger Jahren mit dem sowjetischen Botschafter in Lon-don geführt hatte. Ziemlich langweilig und Kin-nock über jeden Verdacht erhebend; dennoch versuchte die “Sunday Times” mit einer speziellen Werbekampagne und der ganzen Aufmachung der Geschichte, Landesverrat nahezulegen. Die Geschichte wurde selbst von den konservativen Blättern eher kühl aufgenommen, aber das Muster schlug auf einer tieferen Ebene doch durch. Beispielsweise in den ständigen Anspielungen auf Kinnock als Waliser, der eigentlich ein unzuverlässiger, bezeichnenderweise rothaariger Ausländer sei. Kinnock konnte sich geben, wie er wollte, seine Glaubwürdigkeit blieb in allen Umfragen immer unter derjenigen des Saubermannes Major. Am Tag vor der Wahl präsentierte die “Sun” auf neun Seiten den “Nightmare on Kinnock Street”, der die braven Engländerinnen und Engländer bei einem Labour-Wahlsieg erwarte. Danach sollten unter anderem alle Umbauten von Häusern durch Lesben und Homos auf ihre politische Korrektheit geprüft werden; und ein Medium hatte Kontakt mit Verstorbenen aufgenommen, um deren Meinung zu den Wahlen zu befragen, wobei Kinnock die Stimmen von Stalin, Mao und Trotzki erhielt.
Sind solche Taktiken aber auch wirksam? Werden dadurch nicht bloss die schon Überzeugten überzeugt? Nein. Die “Sun”, mit einer Auflage von 3,7 Millionen, wird auch von potentiellen wie wirklichen Labour-Wählern gelesen; und es gibt selbst unter “Mail”-Lesern weiterhin Labour-Anhänger. Ein Team der Universität von Glasgow hat 1986/87 in einer Langzeitstudie das Lese- und Wahlverhalten mehrerer hundert Leute verglichen. Resultat: Unter den Leserinnen und Lesern der konservativen Boulevardblätter war mit zunehmender Wahlnähe der Umschwung von Labour-Sympathien hin zu den Konservativen deutlich grösser als bei andern Gruppen. Die Studie mutmasst über eine direkte Wirkung: “Wenn es keine konservativen Blätter gegeben hätte und die entsprechenden Leser sich so verhalten hätten wie der Durchschnitt der Wähler, dann hätte Labour zwei bis drei Prozent mehr Stimmen gewonnen.” Bill Miller, Politologieprofessor und damaliger Projektleiter, folgert aus aktuell verfügbarem Material, dass auch dieses Jahr der Umschwung bei “Sun”- und “Star”-Lesern grösser war als etwa bei “Mirror”-Lesern: für ihn “ein Beleg, dass die Presse ihre Leser 1992 ebenso beeinflusste wie 1987.”
Schon am 23. März hatten die Tories die angebliche Steuerbelastung zum Thema gemacht, mit Dokumenten, welche alle möglichen Versprechungen von Labour auflisteten und zu rein fiktiven Steuerbelastungen hochrechneten, mit Plakaten, auf denen die Tax-Bombe abgebildet war, die bei einem Labour-Sieg in jeden Haushalt einschlagen werde. Doch die Kampagne schien allzu plump, in den folgenden Meinungsumfragen wirkte sich die Polemik kaum aus. Erst in den letzten drei Tagen vor der Wahl griffen “Sun” und “Daily Mail” das Thema nochmals massiv auf. Sie nahmen die konservativen Behauptungen als Fakten und rechneten detailliert und konkret vor, wie jeder von horrenden Steuererhöhungen betroffen wäre. Keine Rede davon, dass Labour die Zahlen längst dementiert hatte, und keine Zeit mehr, sie erneut zu dementieren.
Seit den sechziger Jahren verlieren die Bou-levardzeitungen zwar stetig an Auflage, doch die Verluste werden von den seriösen Zeitungen kaum kompensiert; vielmehr nimmt der funktionale Analphabetismus zu. Und es steht ein neuer Schub im Fernsehen bevor, wo dem Satelliten-TV jetzt mit grossen Sport-Deals der Durchbruch zu glücken scheint. Rupert Murdoch wird 1996 nicht mehr vorrangig in der “Sun”, sondern in seinem Satelliten-TV “BSkyB” den fünften Wahlsieg der Konservativen sichern helfen.

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