11. Juli 2007 von Klartext

Unbekannte Vielfalt

Im Mittelpunkt des UNO-Weltgipfels zur Informationsgesellschaft in Tunis stand die Umsetzung eines Aktionsplans zur Reduktion des digitalen Grabens zwischen Nord und Süd. Aber ist diese Aufgabe angesichts des rapiden Medienwandels in den Entwicklungsländern überhaupt noch aktuell? Ein Augenschein in den urbanen Zentren Westafrikas. Von Frank Wittmann.*

Der UNO-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) postulierte einen digitalen Graben zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre, den es zu überwinden gelte. Das ist nicht ganz zutreffend und muss differenziert werden. Erstens bestehen auch in den postindustriellen Gesellschaften grosse Unterschiede bei den Zugangschancen und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Unterschiede verlaufen in der Regel entlang von sozialdemografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht oder Berufsgruppe. Zweitens hat in vielen Entwicklungsländern eine kleine Medienrevolution stattgefunden. Genau genommen besteht der digitale Graben nicht einfach zwischen Nord und Süd, sondern vor allem innerhalb der Entwicklungsländer zwischen Stadt und Land.

Beispiel Westafrika
In den westafrikanischen Ländern ist es seit Beginn der 1990er Jahre im Zuge der Demokratisierungswelle zur Aufgabe des staatlichen Informationsmonopols und zur Pluralisierung der Massenmedien gekommen. Der politische Prozess hat zwar zahlreiche Rückschläge erlitten und einzig Ghana und Mali haben einigermassen konsolidierte Demokratien. Aber die Liberalisierung der Telekommunikations- und Medienmärkte sei unumkehrbar, berichtet der Journalist Abdoulaye Diallo aus Burkina Faso. So weist der afrikanische Mobilfunkmarkt heute die weltweit höchsten Wachstumsraten auf. Viele multinationale Telekommunika-tionsunternehmen wie France Télécom, Orange oder Vodafone haben afrikanische Firmen aufgekauft oder Joint Ventures mit ihnen gebildet. Bereits heute gibt es in vier Fünfteln aller afrikanischen Länder mehr Mobiltelefone als Fixleitungen.
Die grösste Verbreitung erfährt das Telefon in Westafrika durch so genannte Télécentres. Dabei handelt es sich um privat betriebene Telefonkabinen. Hier können die Menschen für eine Telefoneinheit von rund 25 Rappen Anrufe tätigen und sich in manchen Fällen sogar zurückrufen lassen. In Senegal gibt es beispielsweise über 13’000 solcher Télécentres, die von rund 70 Prozent der Bevölkerung genutzt werden. Solche öffentlichen Telefonkabinen fungieren vielerorts auch als Cybercafé.
Genauso wie das Telefon wird auch das Internet vornehmlich nicht im privaten, sondern im öffentlichen Raum genutzt. Seit dem Jahr 2000 sind alle afrikanischen Länder an das Internet angeschlossen. In Metropolen wie Abdijan, Dakar oder Lagos sind Internetcafés sogar zu einem integralen Bestandteil des Stadtbildes geworden. Die Preise sind auf bis zu 60 Rappen pro Stunde gefallen. Das Internet wird vor allem für E-Mail, allgemeine Informationen und Partnerschaftsbörsen genutzt. Die wichtigsten Sites sind Hotmail.com, Yahoo. com und Amour.fr.

Die Bedeutung der Presseschau
Manche SurferInnen lesen auch Tageszeitungen auf dem Internet, wo unterdessen einige Redaktionen ihre Publikationen auch anbieten. Die Online-Ausgabe erfüllt vor allem zwei Funktionen: Erstens wird die Homepage als ein Werbeinstrument angesehen, mit dem sich die Zeitung bekannt machen kann. Zweitens leisten die Online-Ausgaben auch einen Beitrag für die grosse westafrikanische Diaspora in Europa und Nordamerika, denen auf diese Weise aktuelle Informationen zugänglich gemacht werden. Allerdings spiegelt das Online-Angebot nicht den Pluralismus der gedruckten Presse wieder. Denn die Anzahl der vornehmlich am Kiosk und im Strassenverkauf vertriebenen Organe kann auf bis zu 50 (Burkina Faso), 70 (Senegal) oder gar über 100 (Mali, Nigeria) Printprodukte steigen. Nebst einem Grundstock an professionellen und regelmässig erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften erscheinen viele Titel allerdings nur sporadisch und genügen kaum höheren Qualitätsansprüchen. Dank Popularisierungsstrategien gelingt es den Zeitungen mittlerweile, ein Publikum jenseits der traditionellen Bildungselite anzusprechen: „Die Leser in den modernen Städten wollen schockierende Geschichten und vermischte Meldungen“, sagt Edouard Diatta von der senegalesischen Tageszeitung „Le Soleil“.
Die grösste Verbreitung finden die Printmedien durch die Presseschau am Radio. Die meisten westafrikanischen Rundfunkstationen senden mehrmals täglich Presseschauen. Sie dauern zwischen fünf und zehn Minuten und werden abwechselnd in den europäischen Amtssprachen und den afrikanischen Nationalsprachen gesendet. Die JournalistInnen bieten mit ihrer Intonationsakrobatik, ihren Kommentaren, ihrem Witz und ihrer Ironie dem Publikum einen attraktiven und bisher unbekannten Zugang zu den Zeitungsinformationen. Die Sendungen sprechen sowohl die analphabetisierte Bevölkerung an (70 Prozent in frankophonen und 40 Prozent in anglophonen Ländern) als auch jene BürgerInnen, die zwar lesen können, aber kein Geld oder keine Zeit für die Zeitungslektüre haben. Der Erfolg der Presseschau bringt aber auch Konflikte mit sich. So verfügen manche Radiosender nur über eine qualitativ schlechte Informationsabteilung. Um dieses Defizit wettzumachen, lesen sie in den Presseschauen die Zeitungsartikel integral vor, so dass sich die Zeitungen kaum mehr verkaufen.

Kampf der Leitmedien
Das Radio gilt als das informativste, glaubwürdigste und unterhaltsamste Medium in Westafrika. Es wird von weit über 90 Prozent der Bevölkerung genutzt. Das Angebot an kommerziellen, kommunalen, konfessionellen, staatlichen und internationalen Sendern variiert je nach Land zwischen 20 und 100 Kanälen. In machen Ländern hat die Liberalisierung des Rundfunks geradezu zu einem Wildwuchs an Sendern geführt. Der Erfolg des Radios erklärt sich dadurch, dass es die orale Tradition modernisiert, die afrikanische Kultur fördert, Identität stiftet, keine Alphabetisierung voraussetzt, die Lokalsprachen elaboriert sowie leicht und günstig empfangbar ist. Der durchschlagende Erfolg des kommerziellen Privatradios und des am Gemeinwohl orientierten Kommunalradios wird aber erst verständlich, wenn die originellen Programmkonzepte, die innovativen Moderationstechniken und die konsequente Anpassung an lokale Publikumsbedürfnisse beachtet werden. Insbesondere in den Metropolen wird das Radio jedoch stark durch das Fernsehen konkurrenziert. Hier sieht es seine Funktion als Leitmedium infrage gestellt. Viele urbane Familien verfügen über einen eigenen Fernseher und lassen Freunde und Nachbarn bei sich sehen. In Ländern wie Benin, Burkina Faso, Ghana und Nigeria gibt es auch private Fernsehstationen, die das Publikum mit Unterhaltungssendungen berieseln.

Einschränkung der Medienfreiheit
Rund 15 Jahre nach dem Beginn des Demokratisierungsprozesses lässt sich in Westafrika eine zwiespältige Zwischenbilanz ziehen: Einerseits ist es hinsichtlich der Massenmedien und Telekommunikation zu einer irreversiblen Pluralisierung des Angebots gekommen. Andererseits hat die Medienfreiheit in den meisten Ländern im gleichen Zeitraum abgenommen. Im Jahr 2004 wurden in Côte d’Ivoire und Gambia vier Journalisten umgebracht. Darüber hinaus kam es – mit Ausnahme von Benin, Ghana, Kapverden und Mali – in allen westafrikanischen Ländern zu Verletzungen der Medienfreiheit. In der Regel versuchen die Regimes, durch Verhaftungen und Verurteilungen die JournalistInnen einzuschüchtern und der redaktionellen Autozensur Vorschub zu leisten.
Wie Thierry Perret von Radio France International betont, tragen viele Medienorgane aber auch selbst zur Verschärfung der Situation bei. Aufgrund des harten Konkurrenzkampfes tritt die Boulevardpresse ihre medienethische Pflicht, Informationen zu verifizieren, regelmässig mit Füssen und lässt sich schwere Verletzungen der Privatsphäre von Personen des öffentlichen Lebens zuschulden kommen. Die Privatradios schreiten viel zu selten bei Denunziationen ein, die in interaktiven Sendungen gegen Privatpersonen begangen werden. Schlimmer noch, einige Medienorgane spielen sogar in den vielfältigen politischen, militärischen und sozialen Konflikten eine unrühmliche Rolle. So hetzen seit 2002 ivorische Radiostationen ihr Publikum zu Übergriffen gegen französische StaatsbürgerInnen, UNO-Blauhelme, muslimische GastarbeiterInnen aus den Nachbarländern oder AnhängerInnen von Oppositionspolitikern auf. Auch in Nigeria haben die Massenmedien bereits zu Zusammenstössen zwischen Christen und Muslims angestiftet.
Die westafrikanische Medienlandschaft hat eine atemberaubende Entwicklung durchgemacht. Das pluralistische Angebot und die gestiegene Mediennutzung beschränken sich jedoch weitgehend auf die urbanen Zentren. Das Internet Governance Forum – dessen Einführung in Tunis beschlossen wurde, um die Arbeit des WSIS fortzuführen – wird vermehrt die vielfältigen lokalen Veränderungen berücksichtigen müssen, um seine Ziele erfolgreich umzusetzen. Dazu gehört insbesondere die verstärkte Implantation von Kommunikationstechnologien und Massenmedien im ruralen Raum. Denn nur so kann der Stadt-Land-Gegensatz bekämpft und absehbare soziale Spannungen verhindert werden.

Der digitale Solidaritätsfonds und das „Prinzip von Genf“

hb./ Der Uno-Gipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) kann einen einzigen konkreten Erfolg verbuchen, die Gründung des digitalen Solidaritätsfonds. Doch der Fonds wurde unabhängig vom WSIS verwirklicht – dank der Unterstützung durch die Stadt Genf.
Abdoulay Wade, der Staatspräsident von Senegal, schlug im Dezember 2003, am ersten Teil des WSIS-Gipfels in Genf, die Gründung eines internationalen Solidaritätsfonds vor, mit dem Projekte zur Überwindung des digitalen Grabens gefördert werden sollten. Die anwesenden Regierungen waren jedoch nicht bereit, sich auf obligatorische Zahlungen verpflichten zu lassen. Immerhin wurde ein Initiativausschuss gegründet, dem neben dem Präsidenten von Senegal auch die Bürgermeister der Städte Genf und Lyon, sowie die Präsidentin der Provinz Turin angehörten.
Am 14. März 2005 wurde der digitale Solidaritätsfonds (DSF) aus der Taufe gehoben. Sein Sitz ist in Genf. Er unterstützt lokale Projekte von Gemeinschaften, Vereinen und Gruppierungen in Gemeinden, die bei der Errichtung von Informatiknetzwerken übergangen worden sind. In den ersten acht Monaten seines Bestehens haben seine Mitglieder bereits zwei Initiativen ergriffen: Für die vom Tsunami verwüstete Stadt Banda Aceh wurde Informatikmaterial gekauft, und in Burkina Faso und Burundi wurden isolierte Basisgesundheitszentren über Satellit miteinander vernetzt. Die Internet-Verbindung erlaubt den Austausch von Informationen über Krankheiten und PatientInnen sowie die Ausbildung des Pflegepersonals.
„Das Prinzip des Fonds ist völlig neu“, sagt DSF-Präsident Alain Clerc. Der Fonds habe sich vom bürokratischen Gewicht der Uno befreit und die Form einer Stiftung angenommen. Es sei der erste internationale Fonds, in dem Regierungen, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft gemeinsam vertreten seien. Auch sei es das erste Mal, dass von den Städten über die Regionen bis zu Nationen und Nationenbündnissen die unterschiedlichsten Ebenen vertreten seien. Auch das Finanzierungskonzept sei innovativ: Der Fonds finanziere sich durch Mitgliederbeiträge und freiwillige Beiträge der verschiedenen Institutionen und Körperschaften, zum andern aber auch dank dem „Prinzip von Genf“. Es besagt, dass die Behörden sich verpflichten, bei jeder öffentlichen Ausschreibung im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien dafür Sorge zu tragen, dass das den Zuschlag erhaltende Unternehmen einen Beitrag von einem Prozent des Auftragsvolumens an den DSF abführt.
Der DSF kann heute bereits auf 22 Mitglieder zählen. In der Schweiz gehören die Städte Genf, Lausanne und Delémont dazu, Clerc will demnächst Schreiben an sämtliche Schweizer Städte richten. Genf hat bereits Regelungen getroffen, um die einprozentige Abgabe zu sichern; sie verlangt zudem von allen Unternehmen, die sich an einer öffentlichen Ausschreibung beteiligen, eine Beitragserklärung zum Fonds abzugeben. Clerc ist überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein: „Die Firmen, die im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien aktiv sind, arbeiten in einer blühenden Branche. Die Abgabe ist für sie kein Problem, im Gegenteil, einige von ihnen werden sich sogar freiwillig verpflichten.“ Firmen, die die Abgabe leisten, erhalten ein „Label der digitalen Solidarität“. Noch arbeitet der Fonds im Stillen, seine Arbeit wurde bei der Berichterstattung über den WSIS-Gipfel wenig beachtet. Dies soll sich ändern: Alain Clerc erwartet, dass demnächst Frankreich und sogar der ganze afrikanische Kontinent dem „Prinzip von Genf“ beitreten werden, was zu einem eigentlichen Schneeballeffekt führen würde. „Wir sind auch mit China im Gespräch. Stellen Sie sich vor, das wäre das erste Mal, dass die chinesische Regierung in einem Gremium mit der chinesischen Zivilgesellschaft zusammenarbeiten würde!“

www.dsf-fsn.org

11. Juli 2007 von Gerti Schön

Intrigante Spiele

Die Journalistin Judith Miller sitzt wegen ihrer Weigerung, einen Informanten zu nennen, im Gefängnis. In den Medien debattieren ihre BerufskollegInnen über die Berechtigung ihrer Weigerung und über Intrigen von US-PolitikerInnen.

Bob Woodwards Angebot wirkte im Sturm der Entrüstung beinahe rührend. Nachdem seine Kollegin von der „New York Times“, die Investigativreporterin Judith Miller, für vier Monate ins Gefängnis ging, um ihren Informanten zu schützen, bot der „Washington Post“-Reporter an, die Strafe mit ihr zu teilen. „Ich hätte das auch gemacht“, sagte Woodward auf CNN. „Und wenn es der Richter erlauben würde, dann würde ich einen Teil ihrer Zeit übernehmen.“ Fänden sich noch andere Reporter, die mitmachten, sei er „der erste in der Reihe“. Bisher haben sich noch keine weiteren Freiwilligen gemeldet.
Die Gefängnisstrafe Millers hat unter den JournalistInnen in den USA zu einer ausgedehnten Debatte in Sachen Quellenschutz geführt. Myron Farber, der 1978 als „New York Times“-Reporter für das gleiche Delikt einige Monate hinter Gittern sass, nannte Millers Entschluss eine „Gewissenssache“. Denn Miller hätte sich noch im letzten Augenblick dazu entschliessen können, die Quelle einer Recherche über die CIA-Agentin Valerie Plame vor einem Untersuchungsausschuss der Regierung preiszugeben – so wie es letztendlich ihr Kollege, „Time“-Reporter Matthew Cooper, tat und den Bush-Berater Karl Rove als seinen Informanten enthüllte. Doch Miller entschied sich anders. „Ich kann mein Wort nicht brechen, nur um der Haft zu entgehen“, sagte sie vor ihrem Richter.
Die meisten ihrer BerufskollegInnen waren über das Urteil schockiert. „Ich finde es sehr besorgniserregend, eine Reporterin ins Gefängnis zu schicken; dies ist ein schrecklicher Präzedenzfall“, sagte Todd Gitlin, Kommunikationsprofessor an der New Yorker Columbia University. „Judith Miller stellt eine Ausnahme im amerikanischen Journalismus dar, weil die meisten Reporter zu ehrfürchtig gegenüber der Regierung sind.“

Informationsblockade der Regierung
„New York Times“-Chefredaktor Bill Keller wies in einer ersten Reaktion darauf hin, „dass es nicht die ‚Times‘ war, die der Presse seit den Anfängen der Republik besondere Rechte und Pflichten zuerkannte, sondern die Verfassung der Vereinigten Staaten.“ Doch die verfassungsrechtlichen Privilegien der Medien sind etwas, das im derzeitigen politischen Klima nicht mehr sehr viel gilt, glauben viele MedienbeobachterInnen. Die ständige Informationsblockade der Regierung, die regelmässige herablassende Reaktion gegenüber ReporterInnen durch Führungsfiguren wie Donald Rumsfeld und Dick Cheney und nun die strenge Auslegung der Gesetze durch die Gerichte weisen auf ein frostiges Klima für die Presse hin.
Viele JournalistInnen, wie zum Beispiel Dana Priest von der „Washington Post“, stellten sich auf die Seite von Miller. „Das meiste, was ich schreibe, dreht sich um etwas, was die Regierung nicht an die Öffentlichkeit geben will“, sagt die Reporterin für nationale Sicherheit. Da rund 90 Prozent ihrer InformantInnen anonym bleiben wollten, könne sie ohne den Quellenschutz nicht leben.
So sei denn Millers Weigerung auch keineswegs als Gesetzesbruch zu verstehen, wie es der Richter ausgelegt hat, sondern als „ziviler Ungehorsam“, sagt Samuel Freedman, Journalismusprofessor an der Columbia University und ein Kollege von Miller. „Sie stellt sich nicht über das Gesetz, sondern nimmt die Gefängnisstrafe in Kauf, weil ihr der Quellenschutz wichtiger ist.“
Beinahe noch schockierender als die Gefängnisstrafe finden viele den Umstand, dass das „Time Magazin“ dem Drängen der Regierung nachgab, als „Time Magazine“-Chefredaktor Norman Pearlstine Coopers Notizen herausgab und sich damit über den Reporter hinwegsetzte. Damit habe der Verlag einen psychologischen Fehler begangen, der signalisiere, dass die Presse nicht an einem Strang ziehe, sagt Tom Rosenstiehl von Projekt für herausragenden Journalismus in Washington: „Ungewöhnlich war ausserdem, dass der Staatsanwalt so aggressiv gegen die Medien vorging und sogar alle möglichen Informanten in der Regierung abklapperte, um sie zu zwingen, die Reporter von ihrer Vertraulichkeitspflicht zu entbinden.“
Doch nicht alle JournalistInnen verteidigten Miller. Einige weisen darauf hin, dass auch Millers Karriere als Verteidigerin journalistischer Prinzipien nicht lupenrein sei. Immerhin war sie eine der einflussreichsten ReporterInnen gewesen, die im Vorfeld des Irak-Krieges unkritisch die Informationen des damaligen Bush-Zöglings Achmed Chalabi schluckten, es gebe Massenvernichtungswaffen in Irak. Ausserdem glauben einige, dass der Informantenschutz dann aufhören müsse, wenn mit der Enthüllung besagter Informationen ein Gesetzesverstoss begangen wird – wie es Karl Rove mit der Veröffentlichung der Identität einer CIA-Agentin im Prinzip getan hat. „Wer Fehler macht, muss bestraft werden“, plädierte die „Los Angeles Times“, auf Rove abzielend. „Wenn die Welt so funktionieren würde, wie die ‚New York Times‘ es will, wäre die Sache nie ans Licht gekommen.“

„Man muss verdammt vorsichtig sein“
Das Onlinemagazin Slate.com geht noch weiter. „In der Mafia ist Geheimhaltung das oberste Gebot. Im Journalismus ist das die Aufdeckung der Wahrheit. Die Plame-Enthüller zu outen, würde die Nutzung anonymer Quellen nicht unterlaufen. Es würde sie lediglich davon in Kenntnis setzen, dass ihr Recht zu lügen und die Presse zu manipulieren nicht heilig und nicht geschützt ist.“ Auch andere kamen ins Nachdenken. „Die einzige Lehre, die ich daraus ziehen kann, ist, dass man verdammt vorsichtig mit solchen Informationen sein muss“, meint David Broder von der „Washington Post“. „Für jeden Deep Throat gibt es jede Menge Chalabis und Roves.“ Ironischerweise war die Identität von Deep Throat, der mysteriösen Quelle der Watergate-Recherche von Bob Woodward und Carl Bernstein, gerade jetzt offengelegt worden – freiwillig und ohne Zutun der „Washington Post“-Journalisten von Deep Throat selbst, dem früheren FBI-Mann Mark Felt.
Die Diskussion um anonyme Quellen trägt nicht unbedingt dazu bei, das Image der Medien in der Öffentlichkeit zu verbessern. Laut einer Umfrage des Annenberg Public Policy Centers geben 89 Prozent der AmerikanerInnen an, dass Berichte, die sich auf ungenannte InformantInnen stützen, auf ihre Exaktheit überprüft werden sollten. Doch auch sonst verlieren die Medien das Vertrauen ihres Publikums. Laut einer Studie des Project for Excellence in Journalism sank die Zahl jener Befragten, die die US-Nachrichtenorganisationen als „hochprofessionell“ einstuften, in den letzten 20 Jahren von 72 auf 49 Prozent.
Am härtesten trifft die Vertrauenskrise das Zeitungsgeschäft. Als das Audit Bureau of Circulations vor kurzem die neuen Auflagenzahlen für die Verkaufsperiode der vergangenen sechs Monate herausbrachte, fuhr ein Schock durch die Branche: Die Auflagen für die Werktagsausgaben waren im Durchschnitt um 1,9 Prozent gefallen, bei den Sonntagszeitungen waren es gar 2,5 Prozent – die schlimmsten Zahlen der letzten zehn Jahre. „Ich erwarte nicht, dass sich das bald ändern wird“, sagt der Zeitungsanalyst John Morton. „Zeitungsabonnenten sterben schneller, als sie ersetzt werden können.“
Ein Teil des Problems ist die Glaubwürdigkeitskrise. Laut einer Studie des Pew Research Centers glauben 45 Prozent der LeserInnen wenig oder gar nichts mehr, was in ihrer Zeitung steht. Selbst die erfolgreiche „New York Times“ traf es hart: 21 Prozent der LeserInnen gaben an, sie glaubten alles, was die „Times“ berichte, aber 14 Prozent akzeptieren kaum etwas darin. Und genau dies war einer der Gründe, warum die „Times“ jetzt ein internes Papier über die Glaubwürdigkeit der Zeitung mit dem Titel „Preserving Our Readers’ Trust“ herausgegeben hat.
Ein 19-köpfiges Kommittee aus ReporterInnen und RedaktorInnen kam darin zu einer Reihe von Empfehlungen: Weil die „Times“ so viele Jahre lang wenig darüber sprach, was im eigenen Haus vor sich ging, und erst im vergangenen Jahr einen Ombudsmann mit einer wöchentlichen Kolumne berief, werden nun Chefredaktor Keller und seine beiden Managing Editors aufgerufen, eine eigene Kolumne zu schreiben, die sich diesem Zweck widmet. ReporterInnen sollen weniger häufig anonyme Quellen nutzen und ausserdem Abschriften von Interviews ins Internet stellen. Darüber hinaus haben sich die „Times“-Korrespondenten in Washington mit dem Sprecher des Weissen Hauses, Scott McClellan, getroffen, da sie besorgt sind über die Zunahme von Hintergrundgesprächen, die es den ReporterInnen verbieten, Namen zu nennen.
In die Anonymitätsfalle war im Sommer auch das Politikmagazin „Newsweek“ getappt, als es eine Meldung veröffentlichte, dass amerikanische Offiziere während der Verhörung von Gefangenen auf Guantanamo einen Koran die Toilette hinunterspülten. In der arabischen Welt kam es daraufhin zu gewalttätigen Demonstrationen, bei denen „Newsweek“ explizit zitiert wurde. Das Magazin musste eingestehen, dass es sich auf unzuverlässige Quellen gestützt hatte und wurde anschliessend vom Weissen Haus beschuldigt, für die Ausschreitungen verantwortlich zu sein. Die Tatsache, dass die Vorwürfe gegen die Armee letztendlich sogar durch FBI-Informationen zumindest teilweise bestätigt wurden, änderte im nachhinein nichts mehr an der Mea-Culpa-Haltung von „Newsweek“. Seitdem gilt als Richtlinie, dass sich eine Story nur noch in Ausnahmefällen auf eine einzige Quelle stützen darf.

Anonym und regierungsfreundlich ist ok
Viele MedienkritikerInnen stimmten zunächst in den Chor der Kritik ein: „Es ist zwingend, dass amerikanische Journalisten ihre Standards zugunsten ihrer Verlässlichkeit verbessern müssen“, kommentierte Jay Rosen, Journalismusprofessor an der New York University. Doch nach einigen Tagen wurde die Aufmerksamkeit auf die Rolle des Weissen Hauses gelenkt, und die Regierung wurde beschuldigt, „Newsweek“ lediglich als Sündenbock zu benutzen, um von ihren verfehlten Verhörtechniken abzulenken. „Anonyme Quellen sind offensichtlich ok, solange sie die Regierungspolitik unterstützen, statt sie zu kritisieren“, sagt Jim Naurekas von der Medien-Watchdog-Organisation FAIR, auf die kaum vorhandene US-Berichterstattung über die bis heute nicht gefundenen Massenvernichtungswaffen im Irak anspielend. „Es ist in Ordnung, völlig fehlerhafte Berichte zu liefern, solange die Irrtümer der regierenden Macht dienen.“
Die „Newsweek“-Panne überzeugte auch die letzten KritikerInnen, dass es nach Möglichkeit vermieden werden muss, ungenannte Quellen zu benutzen. Eine Umfrage der Associated Press im vergangenen Juni ergab, dass immerhin ein Viertel der befragten Zeitungsredaktionen niemals anonyme Quellen einsetzt. Neben der „New York Times“, der „Washington Post“ und „Newsweek“ implementierte auch „USA Today“ innerhalb des vergangenen Jahres neue ethische Standards. Seither habe sich der Einsatz ungenannter InformantInnen um 75 Prozent verringert.

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