11. Juli 2007 von Helen Brügger

“Widerstand leisten!”

Schwere Zeiten für die französischen Zeitungen: Wegen Auflagenschwund und Werbekrise drohen sie unter die Fuchtel branchenfremder Konzerne zu geraten.

Kampfjetbauer Serge Dassault übernimmt die Socpresse, Rüstungsfabrikant Arnaud Lagardère verhandelt mit “Le Monde” und Bankierssohn Edouard de Rothschild steigt bei “Libération” ein: Die Konzentration der wichtigsten nationalen Pressetitel in den Händen des Gross- und Rüstungskapitals rührt an die Grundlagen der französischen Demokratie, wie sie nach der Befreiung vom Faschismus entstanden sind. Dies sagt Lucie Aubrac, 92-jährig und eine Galionsfigur der französischen Résistance. Aubrac tourt zurzeit durch die französische Provinz und erklärt Jugendlichen und Älteren, was die Résistance war, der Widerstand gegen die faschistische Besetzung Frankreichs. Und weshalb es heute ebenso wichtig sei, sich gegen die Pressekonzentration zu wehren.

Der erste Schritt zur Desinformation
Vor kurzem hat Bruno Gollnisch, führendes Mitglied des rechtsextremistischen “Front National”, wieder einmal eine der bekannten FN-Provokationen geäussert: Er forderte eine “offene Debatte” über die Konzentrationslager. Im Klartext: Gollnisch flirtet mit den revisionistischen Lügen, laut denen der Holocaust nicht stattgefunden habe. Und die regionale Presse im Südosten Frankreichs, seit kurzem im Besitz des Rüstungsmagnaten Dassault, bringt das Zitat im O-Ton, ohne Ergänzung, Kommentar oder Gegenüberstellung. Lucie Aubrac erstaunt das nicht: “Die heutigen Medien begraben die Wahrheit unter einer Flut von Neuigkeiten. Sie haben keinen Orientierungssinn mehr. Das ist der erste Schritt zur Desinformation.”
Und damit hat die Réstistance-Kämpferin Aubrac damals mehr als genug Erfahrungen gemacht: “Wir lebten in einer Zeit der völligen Desinformation.” Als eine der ersten Massnahmen habe die Vichy-Regierung das Papier kontingentiert. Dann habe der Widerstand unter grossen Opfern begonnen, kleine Zeitungen herauszugeben, und nach der Befreiung habe die freie Presse eine wahre Blütezeit erlebt. Heute betont Aubrac: Nicht das Sturmgewehr, nicht die Granaten in der Tasche seien ihre wichtigsten Waffen gewesen. Sondern die Information, die klandestinen Zeitungen, die die Résistance herausgab. Damals sei allen klar gewesen: “Ohne Information keine Reflexion, ohne Reflexion keine Solidarität, ohne Solidarität kein Engagement.” Diese Voraussetzungen jeder solidarischen Bürgeraktion sieht Lucie Aubrac heute bedroht. “Es ist das Ende der Demokratie, wenn das Grosskapital die Presse übernimmt.”

Die Presse-Magnaten leben vom Staat
In Frankreich geschieht die Pressekonzentration in einer besonders problematischen Konstellation: Die grossen industriellen Gruppen, die auch im Medienbereich mitmischen, sind gleichzeitig mit dem Staat verbandelt. Rüstungs- und Militärflugzeugproduzent Serge Dassault beispielsweise, der seit der Übernahme der Socpresse im Sommer 2004 praktisch die ganze Regionalpresse und dazu noch führende nationale Titel wie “Le Figaro” oder “L’Express” kontrolliert, liefert Kampfjets an den französischen Staat und ist für seine Rüstungsexporte von Bewilligungen der Regierung abhängig. Und seit September 2004 ist er auch Mitglied im Französischen Senat. Nach französischem Wahlrecht ist die gleichzeitige Ausübung eines parlamentarischen Mandates und eine Tätigkeit als Firmenchef nicht zulässig, wenn das Unternehmen vor allem für den Staat arbeitet. Ende Dezember gab der Verfassungsrat auf eine Klage hin jedoch bekannt, dass er das Mandat und die Unternehmertätigkeit von Serge Dassault als miteinander vereinbar beurteilt.

Redaktionelle Unabhängigkeit gefährdet
Serge Dassault hat in seinem kurzen Leben als Pressemagnat bereits viele seiner erfahrensten JournalistInnen vergrault: Bereits ein halbes Jahr nach Übernahme der Socpresse warfen im Dezember 270 RedaktorInnen, zehn Prozent der journalistischen Angestellten seiner Titel, aus Gewissensgründen das Handtuch. Sie beriefen sich dabei auf die gesamtarbeitsvertraglich verankerte “clause de cession” (in der Westschweiz “Gewissensklausel”). Diese gibt den JournalistInnen Anrecht auf angemessene Entschädigung, wenn eine Änderung der redaktionellen Linie negative Auswirkungen auf ihre berufliche Ehre und Reputation hat.
Die Kündigungen kommen nach mehrmonatigen Auseinandersetzungen um die redaktionelle Unabhängigkeit der Socpresse-Titel. In einem Interview auf “France Inter” vom 10. Dezember 2004 erklärte Dassault etwa, wie er die Aufgabe seiner Zeitungen sieht: “Eine Zeitung erlaubt es, gewisse gesunde Ideen auszudrücken.” Dassaults “gesunde Ideen”? Er meint: “Linke Ideen sind nicht gesunde Ideen.” Gesund sei, wenn die JournalistInnen “der Wirtschaft zu informieren helfen”. Im Fall eines Interviews über den betrügerischen Handel mit Mirage-Flugzeugen nach Taiwan oder eines Artikels über den Verkauf von Kampfjets nach Algerien ging die Informationshilfe des neuen Besitzers bis zur offenen Zensur. – Jetzt stellen die verbleibenden JournalistInnen fest, dass nur eine kleine Anzahl der Abgegangenen ersetzt werden soll; Ende Januar wehrten sie sich mit einem Aktionstag.

Weltweit der grösste Magazin-Verleger
Auch der Lagardère-Konzern ist im Rüstungssektor gross geworden (EADS stellt Militärtransport-Flugzeuge und Verteidigungssysteme her) und daher auf Staatsaufträge angewiesen. Daneben hat er unter dem Namen Hachette-Filipacchi Médias ein Medienunternehmen aufgebaut, das mit seinen 245 Titeln in 36 Ländern weltweit der grösste Magazin-Verleger ist. Lagardère besitzt fünf Privatfernsehsender und hat enge Beziehungen zur Gruppe Vivendi (Pay-TV und Satellitenfernsehen); innerhalb der Gruppe befasst sich neuerdings der bisherige Kopräsident von EADS mit dem Mediengeschäft. Und nun will Lagardère bei “Le Monde” einsteigen – ausgerechnet bei dieser nach der Befreiung vom Faschismus gegründeten Zeitung, die seit sechzig Jahren als moralische Institution der Republik und journalistische Referenz des Journalismus gilt.
“Le Monde” erlebte auch 2004 einen drastischen Auflagenrückgang (-7,5 Prozent). Hoch verschuldet, mit einem Kapitalbedarf von 50 bis 55 Millionen Euro, will die Geschäftsleitung die Zeitung zu 30 bis 35 Prozent für fremdes Kapital öffnen. Lagardère, der in der Gruppe “Le Monde AG” bereits als Minderheitsaktionär präsent ist, könnte mit 20 bis 25 Millionen, respektive etwa 15 Prozent, bei der Zeitung einsteigen. Die Präsidentin der Redaktorengemeinschaft (SRM), Marie-Béatrice Baudet, konnte Ende Januar noch nicht sagen, ob die Redaktion ihr Einverständnis zum Einstieg Lagardères geben wird. Die Gewerkschaften haben bereits mit einer Entlassungswelle alle Hände voll zu tun: Rund 90 Personen sollten aufgrund eines Sparplans zum freiwilligen Abgang ermuntert werden, doch laut der Gewerkschaft CGT drängeln sich nicht genügend Freiwillige vor.

Vertrauenskrise bei “Le Monde”
Seit mehreren Jahren verstummt die interne Kritik an der “Le Monde”-Direktion nicht mehr. So wurden schon der geplante Börsengang und der Aufbau einer Gruppe durch den Kauf von Regionalzeitungen kritisiert. Heute bringen die Sparpläne Unruhe, besonders seit bekannt wurde, dass “Le Monde” noch nie in seiner Geschichte eine so grosse Anzahl hoher Kader mit entsprechenden Kaderlöhnen beschäftigt habe. Eine interne Umfrage, publiziert von der Satirezeitung “Charlie Hebdo”, zeigte einen dramatischen Vertrauensverlust in die redaktionelle Linie: Ein Drittel der Umfrage-TeilnehmerInnen erachtet die sinkende Qualität des Inhalts als Ursache für den Auflagenrückgang. Für einen Drittel ist die Krise Folge mehrerer kritischer Bücher, die letztes Jahr veröffentlicht wurden. Für einen weiteren Drittel ist die “Le Monde” bisher fremde Tendenz zur Inszenierung der Information schuld.
Laut gewerkschaftlich organisierten Insidern geht es bei den Auseinandersetzungen um die redaktionelle Linie, das heisst um die Frage, ob die Zeitung Recherchier- und Enthüllungsjournalismus oder Analysen- und Reflexionsjournalismus betreiben soll. Der Rücktritt von Redaktionsdirektor Edwy Plenel, der auf Knüller gesetzt habe, genüge denn auch nicht, um die Vertrauenskrise zu beheben. Die Gewerkschaften würden jedenfalls äusserst wachsam sein, was die allfällige Höhe der Kapitalbeteiligung Lagardères und seine Einflussmöglichkeiten beträfen. Auch wenn Lagardère den Ruf hat, seine Redaktionen in Ruhe zu lassen, ist “Le Monde” nicht irgendeine Zeitung. Wie sagte Hubert Beuve-Méry, der Gründer von “Le Monde”, vor sechzig Jahren? “Wir dürfen nicht zulassen, dass die Mittel, die wir zum Leben brauchen, den Sinn unseres Lebens kompromittieren.”

Ein Rothschild bei “Libération”
Und nun sind auch noch die Unabhängigkeit und das kollektive Redaktionsexperiment von “Libération” (Auflagenrückgang 2004: -6,2 Prozent) bedroht. Im 1973 vom Philosophen Jean-Paul Sartre mitbegründeten Blatt steigt heute, mit dem Segen der MitarbeiterInnen, Bankierssohn Edouard de Rothschild mit 20 Millionen Euro oder 37 Prozent des Kapitals ein. Der Aktienanteil der Lohnabhängigen fällt dadurch von 36 auf 19 Prozent. Immerhin behalten die MitarbeiterInnen einen Stimmrechtsanteil von 33,34 Prozent und damit eine Sperrminorität. Rothschild musste sich auch verpflichten, keinen Einfluss auf die verlegerische Linie zu nehmen. Allerdings hat er ausgehandelt, dass seine Beteiligung bei ungenügender Rendite bis 49 Prozent ansteigen kann. Rothschilds Einstieg war umstritten, auch wenn Mitbegründer Serge July ihn den MitarbeiterInnen mit dem Argument schmackhaft machen wollte, die Zeitung werde nicht von einer grossen Mediengruppe übernommen. Die Gewerkschaften CGT und SUD stimmten trotzdem Nein: Die Kapitalerhöhung werde weder dazu dienen, die Schulden zu verringern, noch eine Lohnerhöhung zu garantieren. Sie solle den Verkaufspreis der Zeitung senken; es gebe aber keine Marktstudien, die beweisen würden, dass ein niedrigerer Verkaufspreis den Verkauf ankurbeln könnte. “Mittelfristig werden damit die Schlüssel von ‚Libération‘ einem Mann in die Hand gelegt, der keine Presseerfahrung hat”, warnten die Gewerkschaften. Rothschild werde zwar von zwei Profis beraten – doch ausgerechnet von Ehemaligen des multinationalen Konzerns Vivendi Universal. Damit bestehe die Gefahr, dass ein weiterer Teil der Presse ins “Reich der Undurchsichtigkeit und der finanziellen Konzentration” falle.

Das Ende einer Epoche
Was für die Schweizer Zeitung “Finanz und Wirtschaft” nur ein lohnendes Schnäppchen ist – “Medienunternehmen sind derzeit günstig zu haben und deshalb kaufenswert” (“Finanz und Wirtschaft” 19. Januar 2005) –, ist für Lucie Aubrac das Ende einer Epoche. “Nach der Befreiung vom Faschismus haben wir versucht, die Grundlagen für eine dauerhafte Demokratie zu legen. Dazu gehörte die Gleichheit zwischen Männern und Frauen, die öffentliche Schule, der Service public – und die Pressefreiheit.” Wenn grosse Industriekonzerne die Presse beherrschten, verlöre sie ihre Glaubwürdigkeit und damit unweigerlich die LeserInnen, meint Aubrac.
Tatsächlich nennt das Monatsmagazin “Le Monde diplomatique” in der Januar-Ausgabe für die Krise im französischen Print folgende Gründe: 1. Die Offensive der Gratiszeitungen (“20 Minutes” hat zwei Millionen LeserInnen, “Métro” 1,6 Millionen), 2. die Konkurrenz durch Internet, 3. der Verlust der Glaubwürdigkeit als Folge der Verbandelung zwischen Medienmischkonzernen und Staatsmacht.
“Ich hoffe, Sie vergeben mir alter Frau, wenn ich Ihnen einen Rat mitgebe”, lächelt Lucie Aubrac. “Schreiben Sie in Ihrer Zeitung: Das Verb ‚résister‘ wird im Präsens konjugiert.”

Lucie Aubrac

hb./ Geboren 1912, engagierte sich Lucie Aubrac als junge Frau in der französischen Résistance. Im Mai 1943 befreite ihre Gruppe in einem spektakulären Coup 14 Menschen. Darunter Lucie Aubracs Mann Raymond, der zusammen mit Jean Moulin und sieben anderen hohen Résistance-Verantwortlichen in die Hände des Gestapo-Folterers Klaus Barbie geraten war; Lucie und Raymond Aubrac konnten anschliessend nach London fliehen. Sie war Mitglied der von General de Gaulle eingerichteten “Assemblée consultative d’Alger”. In diesem Rat der Résistance im Ausland wurden die Grundlagen der neuen Republik debattiert. Im befreiten Frankreich bekam Lucie Aubrac Anrecht auf einige Rollen des nach dem Krieg raren Druckpapiers; sie gründete die Zeitschrift “Privilège femmes”. Später engagierte sie sich in der Friedensbewegung, gegen die atomare Aufrüstung und für die antikolonialen Befreiungskämpfe in Indochina und Algerien. Als Mitglied einer Historikerkommission untersuchte sie die Entwicklung des politischen Lebens in Europa nach 1933; ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Geschichtsprofessorin. 1984 publizierte sie ihre Erinnerungen: “Ils partiront dans l’ivresse” (Seuil). Das Buch wurde von Filmautor Claude Berri verfilmt.

Information als Droge – die “Mal Info”

hb./ Bauerngewerkschafter José Bové prägte das Wort “Malbouffe” für den Konsum denaturierter, gesundheitsschädigender Nahrungsmittel. Unterdessen hat das französische “Observatoire du débat public” (ODP) – ein unabhängiges soziologisches Beobachtergremium, gegründet vom “Institut Médiascopie” – eine Studie zur “Mal Info” veröffentlicht. Das ODP befragte während einem halben Jahr rund 50 Personen zu ihrem Medienkonsum.
Das Resultat: Gemäss der ODP-Studie sind die Franzosen und Französinnen zu süchtigen MedienzapperInnen geworden. Statt wie bisher ihrem Leibblatt treu zu sein, versorgen sie sich während des ganzen Tages mit News aus verschiedensten Medien – vom Radio zum Internet, von den Zeitungen zum Fernsehen. Ein schneller und oberflächlicher Überkonsum, der einer “Fastfood-Logik” entspreche und Ausmasse annehmen könne, wo man von “Malbouffe” sprechen müsse.
Was sind die Gründe für das neue Konsumverhalten? Es sei Ausdruck einer tief sitzenden Unsicherheit. Man konsultiere die Medien, weil man sich bedroht fühle, sei es von einem terroristischen Anschlag, der Vogelgrippe oder einem Kurssturz an der Börse. Die Information, die man sich selbst aktiv beschaffe, bleibe oft sekundär im Vergleich zur Information, von der man im Lauf des Tages überflutet werde. Der Medienkonsument versuche, die “Roh-Information” der rund um die Uhr sendenden Kanäle zu verdauen, weil er sich von Fakten mehr Aufklärung verspreche als von Kommentaren und Analysen. Die Ereignisse blieben auf diese Weise unerklärt und zusammenhangslos, was das Gefühl von Unsicherheit und damit die Sucht nach “Mal Info” steigere.
Angesichts der Flut von schlecht verdaulichen Nachrichten gebe es auch die Reaktion, die Neuigkeiten nur noch in einzelnen Teilbereichen zu verfolgen oder aber eine “Info-Diät” einzuschalten. Diese KonsumentInnen seien an vertieften Analysen und Erklärungen interessiert.

11. Juli 2007 von Gerti Schön

“Internetausgabe wirft Profit ab”

Die “New York Times” verbreitet viele Inhalte im Internet immer noch kostenlos. Arthur Sulzberger Jr., Verleger, und Janet Robinson, COO und Executive Vice President der New York Times Company, begründen warum. Ein Interview von Gerti Schön.

Klartext: Vielen Zeitungsverlagen, ob in den USA oder Europa, geht es schlecht. Wie schlagen sich die “New York Times” und die Regionalzeitungen, die zum Unternehmen gehören?
JANET ROBINSON: Wir haben festgestellt, dass wir mehr Leser erreichen, wenn wir in Content investieren. Aber wir schauen uns auch die Leserschaft der Zeitung genau an, nicht nur die Auflage. Die ganze Industrie arbeitet gerade daran, den Werbetreibenden klarzumachen, dass es auf die Leserschaft ankommt und nicht nur auf die Auflagenzahlen. Das ist meiner Meinung nach der richtige Weg, Werbung zu treiben.
Klartext: Wie wichtig ist die Marke “New York Times” dabei?
ROBINSON: Die Zeitungen haben in den letzten Jahren gelernt, dass die Leser sich sehr stark mit den Markennamen identifizieren, ob das lokal ist, national oder international.
Klartext: Welche Rolle spielt die Entwicklung Ihrer digitalen Inhalte?
ROBINSON: Wir haben die grösste Zeitungswebseite im Internet mit durchschnittlich 1,5 Millionen Nutzern täglich. Wir nutzen die Internetausgabe, um für unsere Printausgabe zu werben und haben damit viele neue Abonnemente gewonnen. Allein im Jahr 2001 waren es 85’000.
Klartext: Viele Zeitungen sagen: Wir können es uns nicht leisten, unsere Inhalte auf die Dauer umsonst wegzugeben. Werden Sie ebenfalls ein Bezahlmodell einführen?
ARTHUR SULZBERGER: Das haben wir mit der Internetausgabe in Europa gemacht, aber seit drei Jahren ist sie wieder umsonst zugänglich; das hilft, um mehr Abonnemente zu bekommen. Wir halten es flexibel. Die “Times” im Internet wirft einen Profit ab, und zwar durch die Werbung, die wir darüber schalten und einige Bezahlfeatures, wie etwa das Archiv. Aber der Rest ist im Moment kostenlos.
Klartext: Der Umstand, dass man über das Internet so viele Abos bekommt, ist es also wert, die Inhalte umsonst wegzugeben.
SULZBERGER: Das ist der eine Punkt, aber der andere ist, dass wir so viele Leser im Ausland haben. Und die Werbekunden schalten ihre Anzeigen da, wo sie die Leser erreichen. Auf diese Weise sind wir profitabel geworden.

Klartext: Verkaufen Sie Werbung hauptsächlich in Paket-Deals, beispielsweise Print gemeinsam mit TV oder Internet mit Radio?
SULZBERGER: Wir konzentrieren uns darauf, Werbung über unsere verschiedenen Plattformen hinweg zu verkaufen, ob digital oder über die “International Herald Tribune” oder im Fernsehen (siehe Kasten). Wir verfügen über eine Leserschaft, die für die Werbetreibenden sehr attraktiv ist, nämlich gut gebildet und mit einem gehobenen Einkommen. Das gilt für alle Plattformen, ob es Print ist oder Fernsehen oder unsere weltweiten Leser. Wir kommen unseren Werbekunden auf jede erdenkliche Art und Weise entgegen.
ROBINSON: Wenn wir zu einer Werbeagentur gehen, dann machen wir die Agentur mit all unseren Plattformen vertraut. Werbetreibende haben oft an Paket-Deals wie Print und Digital Interesse; das ist eine nahe liegende Kombination, weil alle Plattformen eine einzige Marke, ein Brand sind. Die Beziehung, die wir mit unseren Werbekunden pflegen, sollte allen unseren Unternehmenszweigen zugute kommen.
Klartext: Einschliesslich Fernsehen?
SULZBERGER: Ich denke da vor allem an unseren Kabelsender, Discovery Times, auf dem Sendungen gezeigt werden, die von uns kreiert werden. Der letzte Pulitzerpreis, den wir gewonnen haben, ging an ein Gemeinschaftsprojekt, TV und Print. Und dies ist eine Fortsetzung unserer Strategie, dass unsere Inhalte über all diese Plattformen verbreitet werden.
Klartext: Beschränkt sich die Qualitäts-Leserschaft auf die USA?
SULZBERGER: Nein, dieses Leser-Segment ist inzwischen grösser geworden, es bezieht sich jetzt auch auf unsere internationale Plattform, die “International Herald Tribune” (IHT). Wir benutzen den Begriff “Knowledge Readers”, also Wissens-Leserschaft. Sie lesen uns in der ganzen Welt, auch in Europa und Asien.
ROBINSON: Auch das Internet ist eine Bastion für unsere internationalen Leser, 60 Prozent unserer Nutzer kommen aus dem Ausland. Wir konzentrieren uns im Ausland auf die IHT. Wir haben ein Programm namens Euro-Reach eingeführt, da wird Content von der “New York Times” fünf europäischen Zeitungen beigefügt, nämlich “Le Monde”, “La Republicca”, “El Pais”, “Daily Telegraph” und “Süddeutsche Zeitung”. Auf diesen Seiten verkaufen wir auch Werbung, und die IHT koordiniert diese Bemühungen. Das Projekt kommt sehr gut an, wir stossen auf grosses Interesse.
Klartext: Sind diese Beilagen in der jeweiligen Landessprache?
SULZBERGER: Zwei der Beilagen sind in Englisch gehalten, beim “Daily Telegraph” in England natürlich und erstaunlicherweise auch bei “Le Monde”, die eine Leserbefragung darüber durchgeführt haben. Die anderen werden in die jeweilige Landessprache übersetzt.
Klartext: Geht es dabei mehr darum, den Brand bekannt zu machen oder lässt sich damit auch Geld verdienen?
SULZBERGER: Beides. Es macht den Brand mit Sicherheit bekannter, aber wir sehen es auch als Geschäftsmodell. Wir haben die Absicht, es zu einer profitablen Unternehmung zu machen, für unsere Partner und auch für uns selbst.

Klartext: Denken Sie darüber nach, weitere Medien zu kaufen?
SULZBERGER: Wir denken darüber nach, ob wir Unternehmen in Europa oder Asien in der jeweiligen Landessprache kaufen sollen. Wir führen Gespräche, aber es hat bisher zu nichts Konkretem geführt. Aber wir wollen wachsen.
Klartext: Welches Modell schwebt Ihnen da vor?
SULZBERGER: Es ist nichts Konkretes geplant. Aber unser internationales Wachstum wird durch die IHT passieren. Wenn man eine Zeitung in Europa kaufen will, dann aus dem Grund, dass es da ein mögliches Wachstum geben wird. Könnte dies auch der weiteren Verbreitung der IHT helfen? Sicherlich. Aber das muss man sich von Projekt zu Projekt neu anschauen.
Klartext: Der “New Yorker” berichtete vor kurzem, dass Sie das “Wall Street Journal” kaufen wollten. Was ist daran interessant?
SULZBERGER: Das möchte ich nicht kommentieren. Aber wir sind ein Unternehmen, das an Wachstum glaubt und an Qualitätsberichterstattung und an Kooperationen mit anderen Unternehmen in der ganzen Welt.
Klartext: Gilt das auch für die neuen Märkte China, Indien oder Russland?
SULZBERGER: Das sind wichtige Märkte. Wir befinden uns mit der IHT zum Teil bereits dort und werden uns weiter umsehen.

Klartext: In Europa wird viel über E-Papers gesprochen. Wie erfolgreich ist die “New York Times” damit?
ROBINSON: Wir haben 4000 Abonnemente. Wir verbreiten die digitale Ausgabe über das Internetunternehmen Newsstand.com, das funktioniert sehr gut und wir besitzen einen kleinen Anteil daran, rund 14 Prozent. Es ist ein sehr effektiver Weg, den Lesern eine digitale Alternative zu bieten, die die Zeitung sonst nicht bekommen würden, also in entlegenen Gegenden oder international. Wir erwarten, dass die digitale Ausgabe wachsen wird.
Klartext: Was halten Sie von E-Ink, einer neuen Technologie, mit der man die Zeitung in eine kleine Plastikfolie laden kann?
ROBINSON: Keine Zeitung und kein Magazin kann sich leisten, dies zu ignorieren. Im Moment sind wir zufrieden mit dem, was wir mit dem Internet machen, aber es wird für uns immer wichtig bleiben, neue Verbreitungswege zu untersuchen.
Klartext: Die “New York Times” ist eine der wenigen Zeitungen, die von einem Familienunternehmen geführt wird. Was sind die Vorteile?
SULZBERGER: Vor allen Dingen Stabilität. Das ist der grösste Vorteil. Wir können Entscheidungen treffen, ob das im journalistischen Bereich ist oder im Geschäftsbereich, und wissen, dass uns die Firma nicht unter den Füssen weggezogen wird – also dass niemand aus dem Nichts auftauchen wird und ein Kaufangebot macht. Das ist eine grosse Erleichterung. Man kann sich also auf andere Dinge konzentrieren, muss sich keine Sorgen machen und kann über die Zukunft nachdenken.
ROBINSON: Die Familie Sulzberger legt grossen Wert auf journalistische Qualität. Das ist auch der Grund, warum so viele talentierte Menschen bei uns arbeiten wollen. Qualität wird immer im Vordergrund unserer Arbeit stehen.

Klartext: Mr. Sulzberger, Sie haben mit Janet Robinson eine Frau in der Führungsspitze der New York Times Company etabliert. Ist das in den USA inzwischen etwas Normales?
SULZBERGER: Diese Frage erinnert mich an die T-Shirts, die die ersten Frauen gemacht haben, die den Anapurna bestiegen. Da stand drauf: “Frauen gehören an die Spitze.” Ich glaube, das ist auch so. Wir haben Janet ja nicht geholt, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie die beste Kandidatin für den Job war. Wir haben so viele talentierte Frauen hier in diesem Land, wie können wir darauf verzichten, eine so wichtige Quelle zu nutzen? Das wäre so, als würde man nur die linke Hand benutzen.

Klartext: Wie bereiten Sie Ihre eigenen Kinder darauf vor, das Familienunternehmen einmal zu übernehmen?
SULZBERGER: Ich bereite sie auf gar nichts vor, sie sollen ihre eigene Entscheidung treffen, was sie mit ihrem Leben machen wollen. Wir sind eine grosse Familie und da gibt es viele Cousins und Cousinen. Wenn die Geschäftsführung so weit ist, die nächste Generation einzuführen, dann haben wir eine gewisse Auswahl. Aber dies sind harte Posten, und man sollte sie nicht übernehmen, wenn man nicht die Leidenschaft dafür hat.

New York Times Company: Zeitungen, Websites, Radio und Fernsehen

gs./ Die “New York Times” ist mit einer täglichen Auflage von 1,1 Millionen die drittgrösste Tageszeitung der USA, hinter “USA Today” und “Wall Street Journal”. Gegründet 1851, ist sie seit 1896 in Besitz der Familie Ochs-Sulzberger und wird seit 1992 von Verleger und Chairman Arthur Sulzberger Jr. geführt. Die Zeitung hat elf Büros in den USA und 26 international. Die “New York Times” hat laut eigenen Angaben insgesamt 111 Pulitzerpreise – mehr als jede andere Zeitung – gewonnen. Sulzberger Jr. baute die Zeitung zu einem modernen Unternehmen mit einem vielfältigen Medienangebot aus: Die New York Times Company besteht heute aus der “New York Times”, der “International Herald Tribune”, dem “Boston Globe” sowie 16 weiteren Lokal- und Regionalzeitungen. Die New York Times Company besitzt darüber hinaus acht TV-Kanäle, darunter den Discovery Times Channel, zwei Radiostationen und über 40 Webseiten, darunter NYTimes.com und Boston.com. Die New York Times Company erwirtschaftete 2003 Einnahmen von 3,2 Milliarden Dollar und konnte die Werbeeinnahmen im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent steigern.
Das internationale Gesicht der “New York Times” ist die “International Herald Tribune” mit Hauptsitz in Paris, die seit 1887 besteht und von der New York Times Company 2003 zu 100 Prozent übernommen wurde. Sie wird in 180 Ländern verkauft.

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Ausgabe: 5 | 2018

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