11. Juli 2007 von Helen Brügger

Geachtet, geliebt, gewählt?

Rüstungsunternehmer Serge Dassault hat nun auch den offiziellen Segen für sein Medienreich.

Serge Dassault ist der neue starke Mann der französischen Medien. Mitte Juni hat er den Segen der EU-Kartellbehörde zu einer beachtlichen Übernahme bekommen: 82 Prozent der Socpresse-Aktien gingen in seinen Besitz über (KLARTEXT 2/04). Die Familie Dassault, bisher in der Rüstungs-, Flugzeug- und Industriesoftware-Branche (Dassault Aviation und Dassault Systems) tätig, kontrolliert mit der Socpresse (bisher Hersant-Erben) die grösste französische und bereits auch in Belgien aktive Mediengruppe. 70 Publikationen, darunter die Tageszeitung “Le Figaro” und das Politmagazin “L’Express”, sowie ein Drittel der gesamten regionalen Presse Frankreichs gehören nun einem Militärflugzeugbauer. Laut Schätzungen des Magazins “Capital” rundet Dassault sein berufliches Vermögen um rund zwei Milliarden auf etwa 10 Milliarden Euro auf. “Capital” reiht die Familie Dassault auf den dritten Platz in ihrer Rangliste der Superreichen Frankreichs ein.

Rüstungskonzerne beherrschen Medien
Mit der Übernahme der Socpresse gerät nach Hachette-Lagardère bereits die zweite Mediengruppe Frankreichs unter die Kontrolle der Rüstungsindustrie. Doch der Appetit von Dassault ist noch nicht gestillt. Das französische Satiremagazin “Le Canard enchaîné” berichtete über Gespräche zwischen Dassault und der Gruppe Bouygues (Bauunternehmen, Mobiltelefon-Industrie und die Privatfernsehkette TF1, 10. Platz auf der “Capital”-Liste der Superreichen). Das Ziel war eine Beteiligung von Bouygues und TF1 an der Socpresse in der Höhe von 10 Prozent. Damit hätten sich Bouygues und Dassault eine Schlüsselposition im Werbemarkt der Print- und elektronischen Medien gesichert, insgesamt 30 Prozent der gesamten Werbung in Frankreich wären an das neue Konglomerat gegangen. Und TF1 hätte sich auf die Lokaltitel der Socpresse stützen können, um im Bereich Lokalfernsehen zu expandieren. TF1 und Bouygues sollen, so enthüllen kritische Medienschaffende des “Observatoire français des médias”*, gemäss Wunsch der Raffarin-Regierung auch mit den französischen Service-public-Sendern zusammenarbeiten, um eine französischsprachige internationale Fernsehkette à la CNN aufzubauen.
Doch die Gigantenhochzeit scheiterte in letzter Minute, unter anderem am Misstrauen, das ein solches Medien-Konglomerat in den Händen der Rüstungs- und Bauindustrie ausgelöst hätte. Für den Moment ist die Gefahr gebannt. Die Tageszeitung “Libération” schätzt allerdings: “TF1 muss seine Reichweite ausdehnen, dazu ist eine Diversifizierung im Print ein gutes Mittel. Dassault hingegen sucht Unterstützung, er will die Socpresse nicht alleine managen. Die beiden werden sich wieder sehen.”
Die Verbandelung der Socpresse mit der Rüstungs- und vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft mit der Telekom-, Bau- und Fernsehindustrie gibt zu denken. Auch in der französischen Schweiz, wo ein anderer Zweig der Hersant-Erben am Werk ist: Die “France Antilles” von Philippe Hersant, der zumindest bislang eng mit der Socpresse zusammengearbeitet hat. Auch dieser Zweig spezialisiert sich auf die Lokal- und Regionalpresse (“La Côte”, “Impartial”, “Express”, “Arc Hebdo” etc.) Und TF1 plant die Öffnung eines Werbefensters für die Romandie – falls der Musterprozess, den die Télévision Suisse Romande TSR derzeit mit dem französischen Privatsender M6 um Ausstrahlungsrechte ausficht, für TSR verloren geht. TSR-Direktor Gilles Marchand schätzt zwar gegenüber KLARTEXT, dass die Schweiz für TF1 “im Moment nicht prioritär” sei, doch vorsichtig fügt er hinzu: “Die Lage kann sich sehr schnell ändern.”
Denn Serge Dassault macht Geschäfte nicht nur um der Geschäfte willen. Der Mann ist, will man einem Porträt im französischen “Le Nouvel Observateur” glauben, Medienunternehmer aus Leidenschaft. Die Leidenschaft habe ihre Wurzeln in einer missratenen Übernahme: Auf Druck eines Ministers der Linksregierung sei die Übernahme von “L’Express” durch Dassault Mitte der 1990er Jahre gescheitert. Inzwischen gehört ihm das Politmagazin doch noch – die Socpresse kaufte im Jahr 2002 Vivendi die “Express”-Gruppe mit Hilfe eines Darlehens von Dassault ab. Als es um die Rückzahlung ging, stellte Dassault seine Bedingungen: Er wollte nicht nur den prestigereichen “L’Express”, er wollte auch das bürgerliche Flaggschiff der Socpresse, die Tageszeitung “Le Figaro”, unter seine Kontrolle bringen.

Nun will Dassault auch noch in den Senat
Doch selbst damit sind die Ambitionen des 79-Jährigen nicht befriedigt. Laut “Nouvel Observateur” wird sich der dem französischen Präsidenten Chirac nahe stehende Politiker im September 2004 an den französischen Senatswahlen beteiligen. Dassaults Verhältnis zur redaktionellen Unabhängigkeit ist berühmt – immer wenn davon die Rede ist, zitiert ihn die französische Presse mit dem Satz: “Ich will eine Tages- oder eine Wochenzeitung haben, um meine Meinung auszudrücken und vielleicht auch, um einigen Journalisten zu antworten, die nicht sehr angenehme Dinge über mich geschrieben haben.” Derweil hat der “Nouvel Observateur” noch einen anderen, geheimeren Grund für Dassaults Medienleidenschaft ausgegraben. Sein Vater habe ihn verachtet und während Jahrzehnten von den Geschäften ferngehalten. Heute wolle Dassault “geachtet, geliebt und gewählt” werden.

11. Juli 2007 von Gerti Schön

Washington ist seine Stadt

Die Bücher des Watergate-Journalisten Bob Woodward beeinflussen immer wieder die US-Politik. Doch Woodwards Arbeitsweise erntet auch Kritik.

Er gilt als der Doyen des amerikanischen Journalismus, als unbestechlicher Chronist und beständiger Zeitzeuge präsidialer Fehltritte. Seit rund 30 Jahren bewegt er im regelmässigen Rhythmus die politischen Köpfe der USA. Und zwar immer dann, wenn er ein neues Buch herausbringt. Im April war es wieder so weit: Der New Yorker Verlag Simon & Schuster veröffentlichte Bob Woodwards zweites Buch über die Administration des gegenwärtigen Präsidenten George W. Bush mit dem Titel “Plan of Attack”. Wie schon seine neun Vorgänger landete auch dieses Woodward-Werk wieder auf den Bestseller-Listen. 250’000 Exemplare gingen in der ersten Woche über den Ladentisch – in den USA eine Rekordzahl für ein Non-Fiction-Buch.

Seine Bücher erreichen die Politzirkel
In diesem Wahlkampfjahr sind bereits zwei kontroverse Enthüllungsbücher erschienen, jenes des früheren Anti-Terrorismus-Beraters Richard Clarke und jenes des Ex-Finanzministers Paul O’Neill. Beide liessen Präsident Bush schlecht aussehen, doch Woodwards neues Werk hat noch einige Details draufgesetzt. Wenig hilfreich für das angeschlagene Image der Regierung Bush erwiesen sich beispielsweise Woodwards zusätzliche Hinweise darauf, dass die Administration schon wenige Tage nach dem 11. September 2001 anfing, einen Krieg im Irak voranzutreiben. Empört reagierten die AmerikanerInnen auch auf Woodwards Enthüllung, die Administration habe mit saudi-arabischen Öl-Lieferanten einen bequemen Deal vereinbart: Die Preise sollen kurz vor den Wahlen gesenkt werden, um durch die Entlastung an der Benzinpumpe WählerInnenstimmen einzufangen.
Woodwards Publikationen generieren aber auch jedes Mal ernsthafte Diskussionen in den Politikzirkeln der USA: Wurde das letzte Buch des “Washington Post”-Journalisten mit dem Titel “Bush at War” doch während der Anhörungen vor der Untersuchungskommission zum 11. September gar als ultimative Beweisquelle zitiert. Bush habe darin zu Protokoll gegeben, dass die Terrorismusbekämpfung im Inland zu Anfang seiner Amtszeit keine Priorität gehabt habe. “Die Kommission gibt Woodwards Buch hier den Status einer offiziellen Quelle”, kommentierte CNN. Doch Woodwards Stellung wird auch kritisch gesehen. “Normalerweise haben Journalisten keine so zentrale Rolle darin, die öffentliche Meinung zu beeinflussen”, urteilt Journalistikprofessorin Geneva Overholser.
Dabei ist die persönliche politische Haltung des Star-Reporters unklar: Manche halten ihn für einen moderaten Republikaner, andere für einen beständigen Demokraten. Klar ist: Woodward engagiert sich nicht in parteipolitischem Geplänkel. Seine Haltung beabsichtigt lediglich eines: Neutralität widerzuspiegeln. “Er puscht keine Ideologie und scheint jeglichen politischen Ideen gleichgültig gegenüber zu stehen”, urteilt gar das konservative Magazin “The Weekly Standard”. “Sein Ziel ist schlichtweg, was er die ganze Zeit über gepredigt hat: Er will zeigen, wie Washington wirklich funktioniert, so wahrheitsgetreu und genau wie nur möglich.”

Details aus dem Innern der Macht
Woodward hat über die Jahre nicht nur über Richard Nixon geschrieben, dessen Präsidentschaft er 1974 gemeinsam mit Carl Bernstein nach dem berüchtigten Watergate-Skandal zu Fall gebracht hat. Vor allem die Clinton-Administration wurde mehrmals von ihm unter die Lupe genommen. Jedes Mal verblüfft Woodward die LeserInnen mit umfassenden Details aus den innersten Machtzirkeln des Landes. Jedes Mal erweckt er den Zorn und den Neid von BerufskollegInnen über den Umstand, dass ihm offenbar auch die unzugänglichsten Quellen zur Verfügung stehen. “Ich kenne wenig Leute, die so überzeugend sind wie Woodward, wenn es darum geht, Information aus einem herauszubekommen”, sagte der frühere Clinton-Sprecher David Gergen in einem umfangreichen Porträt, das die Journalistikprofessorin Alicia Shepard in der Zeitschrift “The Washingtonian” über Woodward geschrieben hat. “Es ist eine Mischung aus Beichte und historischer Auskunft.”
So beschreibt es auch George Stephanopoulos, der in den 1990er Jahren als Clinton-Berater gearbeitet hatte. “Als Woodward mich zum ersten Mal anrief”, so schreibt er in seinem Buch “All too human”, “schossen mir zwei Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. ‚Oh nein!‘ Und: ‚Ich bin da angekommen, wo ich hin wollte‘.” Auch er konnte sich einem gewissen Gefühl, geschmeichelt zu sein, nicht entziehen. “Woodwards kalkulierter Charme war genau auf meine intellektuelle Eitelkeit, professionellen Stolz und persönliche Loyalität zum Präsidenten zugeschnitten.”
Ähnlich beeindruckt ist auch Alicia Shepard. “Woodward ist eine Kategorie für sich”, sagt sie. “Er ist ein unglaublich genauer und sorgfältiger Reporter, der mit hundertprozentiger Integrität vorgeht.” Diese Qualitäten demonstrierte Woodward schon 1972, als 29-jähriger Anfänger, der gerade ein paar Monate lang bei der “Washington Post” angestellt war und für den die Watergate-Recherche zu einer Mission wurde. Ein Kollege berichtete, er habe Woodward damals beim Lift getroffen und beiläufig erwähnt: “Nicht viel los heute”, worauf der erwidert habe: “Wartest du darauf, dass dir jemand eine Story gibt? Geh raus und hol sie dir.”
Anders als Carl Bernstein, der die “Washington Post” 1980 verliess, versuchte Woodward nach Watergate eine Zeit lang in der Hierachie der Zeitung nach oben zu steigen und wurde 1979 leitender Redaktor der Hauptstadtseiten. Doch er bewies wenig Geschick im Umgang mit Untergebenen und konzentrierte sich bald wieder darauf, was er am besten kann: die Recherche. Seit Jahren also schreibt er Buch um Buch, für die er inzwischen Millionen kassiert hat und die in der Regel in Auszügen in seiner Zeitung vorabgedruckt werden. Ab und an schreibt er eine Aufmachergeschichte für die Frontseite oder das Magazin.
Als Gegenleistung hilft er der Redaktion bei schwierigen Recherchen mit seinen Kontakten im Regierungsapparat. “Woodward wusste schon immer, dass Skandale nicht auf Bäumen wachsen, und wurde zu einem Insider, der Kontakte auf jeder Ebene der Regierung hat”, meint “Washington Post”-Ombudsmann Michael Getler. Und genau diese Nähe zur Macht, dieser bedingungslose Zugang, hat ihn in den Augen der MedienkritikerInnen zum Ziel ihrer Angriffe gemacht. Diese Art des Journalismus, schreibt der politische Kolumnist Christopher Hitchens in “Vanity Fair”, “kann gar nicht wertfrei sein, weil es ein gewisses Mass von Manipulation, Belohnen und Begünstigen erfordert.” Allein der Umstand, dass George Bush oder Colin Powell in seinen Büchern uneingeschränkt Platz bekommen, um ihren Standpunkt zu rechtfertigen, wird von manchen als Parteilichkeit gesehen.
Doch den meisten JournalistInnen gelingt es erst gar nicht, solch lange Interviews mit den Mächtigen zu bekommen. Dreieinhalb Stunden hat sich George Bush, der JournalistInnen vorzugsweise als notorische und schamlose Nervensägen sieht, für Woodward freigehalten. Also bekommt er auch ausreichend Platz in dem Buch, um seinen Standpunkt zu erklären. Wer nicht mit Woodward redet, kommt automatisch schlechter weg. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld etwa, der es vermieden hat, über persönliche Eindrücke zu sprechen, und sich mehr an strategische Fragen hielt, bleibt dem Leser weniger zugänglich als Colin Powell, der offensichtlich häufig hinter den Insider-Auskünften steht, bei denen keine Quelle genannt wird.

Keine Stellungnahme des Autors
Woodward konzentriert sich in seiner Stilistik immer auf die Schilderung von Gesprächen und Ereignissen, die sich – durch wie viele Quellen auch immer – von ihm nachvollziehen liessen. Woodward analysiert nicht und bezieht auch nicht Stellung – eine klassische Haltung, die dem Ideal der amerikanischen Presse entspricht.
Doch genau diese Arbeitsweise, die alle Seiten so detailliert wie möglich darstellt, ohne Stellung zu beziehen, ermöglicht es jedem Leser, genau das in Woodwards Bücher hineinzuinterpretieren, was er möchte. “Man kann aus dem neuen Buch schliessen, dass Powell entweder ein tragischer Soldat ist, der es hinnimmt, dass sein Ruf ruiniert ist, oder dass er ein eitler Heuchler ist, der nicht eindeutig Stellung beziehen will”, urteilt der New Yorker. “Oder dass Dick Cheney entweder ein ruhender Pol in der Administration mit einer klaren Vision ist oder ein finsterer Manipulator; und dass Bush entweder eine rapide gereifte Führungspersönlichkeit ist oder ein oberflächlicher Jugendlicher, dessen Stärke-Fantasien das Blut anderer kosten.”
Doch Woodwards Zurückhaltung in seiner politischen Bewertung wirft ihm kaum jemand vor. Besonders sauer stösst den MedienwächterInnen dagegen der Umstand auf, dass Woodward seine Quellen nicht beim Namen nennt, sondern sie häufig anonym lässt, um den Informationsfluss nicht zu gefährden. “Diese Praxis ist zutiefst besorgniserregend, besonders nach all den Skandalen, die wir jüngst im Journalismus gehabt haben”, klagt die Journalistikprofessorin Geneva Overholser. Ähnlich irritierend findet sie Woodwards Stil, der sich häufig am Rande zur Literatur befindet und mitunter suggeriert, in die Köpfe der ProtagonistInnen schauen zu können.
Tatsächlich ist in seinen Texten nicht immer klar, wer was genau sagt. Woodward ist an diese Kritik längst gewöhnt und will sich über seine Arbeitsweise schon gar nicht mehr öffentlich äussern. “Er steht auf dem Standpunkt: ‚Zeig mir, wo ich mich geirrt habe.‘ Und darüber lässt sich schwer streiten”, sagt Alicia Shepard. Denn bei allem Risiko konnte ihm doch nie ein Fehler nachgewiesen werden.
Dies mag auch an seiner legendären Disziplin liegen. “Wenn er sich vorgenommen hat, zehn Seiten am Tag zu schreiben, dann schreibt er auch zehn Seiten”, sagt Barbara Feinman Todd, die für eines seiner Bücher als Rechercheassistentin gearbeitet hat. “Und er lässt sich dabei weder von Hunger noch von Besuchern ablenken.”
Wer von Woodward angerufen wird, der hat gelernt zurückzurufen. Auch ein Journalist weiss, wie man mit Macht umgeht. Mit Medienmacht. Oder, wie es ein Bloomberg-Reporter in Washington ausdrückte: “Bush hat seine Lektion gelernt. Dies ist Woodwards Stadt. Der Präsident lebt lediglich darin.”

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