10. Juli 2007 von GastautorIn

Seelenlose Meldungen

Peter Gysling* über Schweizer Medien, die einmal aus der Perspektive der Opfer, einmal als unbeteiligte Beobachter berichten.

Vieles, so hörte ich in meiner Umgebung immer wieder, vieles sei seit den Katastrophen nicht mehr so wie früher. Viele verwiesen auf den 11. September, auf das blutige Attentat im Regierungsgebäude von Zug, zum Teil auch auf den Schock, den sie mit den betroffenen (ehemaligen) Swissair-Angestellten teilen. Den Krieg in Afghanistan sehen sie zwar in einem Zusammenhang mit den Ereignissen vom 11. September, doch die seit Wochen andauernden Bombardierungen sehen sie kaum als “Katastrophe”.
Die Attacke auf das New Yorker World Trade Center und gegen die Menschen, die sich in seinen Türmen aufhielten, erlebten wir live am Bildschirm. Zu Recht hat uns dieser Terror fassungslos gemacht und schockiert.
Danach begannen die USA ihren Kampf gegen die mutmasslichen Beherberger des geistigen (und vielleicht auch logistischen) Urhebers dieses Attentats. Um Osama Bin Laden zur Rechenschaft zu ziehen, liessen sie Flugzeugträger auffahren. US-Piloten flogen weit über 2000 Luftangriffe gegen mutmassliche Stützpunkte der Taliban, eine Vereinigung, die die USA vor noch nicht allzu langer Zeit unterstützt und denen sie damit zu ihrer Machtstellung in Afghanistan verholfen hatten. Bei den Luftangriffen sind immer wieder Menschen getötet oder verletzt worden. Tausende von Zivilisten sind in die Flucht getrieben, Tausende ihrer Habe und ihrer Lebensgrundlage beraubt worden. All dies konnten wir aus den Medien erfahren.

Als Zeitungsleser, als Konsument von Radio- und Fernsehsendungen stellte ich in den ersten Kriegswochen eine Diskrepanz fest zwischen der sogenannten News- und der Hintergrundberichterstattung. Solange kaum ein Journalist aus dem Kriegsgebiet berichten und Bilder übermitteln konnte, habe ich die Newsberichte auf den Frontseiten der Tagespresse sowie manchen Kurzbericht am Fernsehen oder in den Radionachrichten als allzu nüchtern empfunden. Nach meinem Empfinden ist uns hier die Kriegschronik zu oft ohne Einbettung, ohne Kommentierung vermittelt worden:
&#183 “Auch in der vergangenen Nacht haben die Amerikaner heftige Angriffe auf vermutete Stellungen der Taliban geflogen”, hiess es etwa.
&#183 Am 9.11.2001 konnte man im “Morgenjournal” von SR DRS miterleben, wie Präsident Bush den Amerikanern weismachte, das ganze Volk, alle Christen und alle Juden seien jetzt bedroht und müssten sich gegen den einen Feind rüsten … Die präsidiale Botschaft als quasi gottbestimmte Wahrheit!
&#183 Schlicht und nüchtern in der Tonart auch der “Tages-Anzeiger” (8.11.2001): Die Operation “Enduring Freedom” habe einen Monat nach Beginn der Luftangriffe an Intensität zuelegt und die Vereinigten Staaten wollten die Zahl der Lufteinsätze jetzt verdoppeln.
&#183 Über die brutalen “Gänseblümchenschneider”-Bomben BLU-82 hiess es im selben Blatt: “Die Bomben werden auf einer Palette aus dem Frachtraum (…) gestossen und gleiten an Fallschirmen zu Boden, wo eine Art Stachel sie auf unter einem Meter Höhe zur Explosion bringt.” Solche Sachlichkeit lässt kaum Emotionen aufkommen. Auch wenn schliesslich ein amerikanischer Militär mit den Worten zitiert wurde: “Sie (die Bomben) machen einen Riesenkrach, wenn sie losgehen, und sie dienen dazu, Leute zu töten.”
&#183 Beinahe irreführend die ARD-Nachrichten vom 12.11. 2001 über den Kadavergehorsam, den Bundeskanzler Schröder unter dem Motto “uneingeschränkte Solidarität” in der rot-grünen Koalition einforderte: Der Kanzler werde hart kämpfen müssen, wenn er die USA mit Bundeswehrsoldaten “im Kampf gegen den Terrorismus” unterstützen wolle. Dies klang so, wie wenn Kritiker eines solchen Kriegseinsatzes grundsätzlich den Kampf gegen den Terror lähmen wollten.
Über die Terroranschläge vom 11. September wurde aus einer Art Opferrolle berichtet, der Krieg in Afghanistan in den ersten Wochen oft von einer eher unbeteiligten Beobachterwarte aus beschrieben. Wie hätten wir es empfunden, wenn uns über den Anschlag vom 11. September mit folgenden Worten berichtet worden wäre? “Unbekannte mutmassliche Gegner der USA haben zwei mit Menschen besetzte Flugkörper in ein grosses Bauwerk von Manhattan gleiten lassen, was dort – wegen des mitgeführten Treibstoffs – zu einem Brand und zu Explosionen führte, denen eine noch unbekannte Zahl von Menschen zum Opfer gefallen sind.” Mit dieser absurd versachlichten Formulierung möchte ich aufzeigen, dass die Nachrichtensprache nach dem 11. September durchaus anders, “betroffener” zu formulieren wusste.

Es gab aber auch viele positive Beispiele. Wer in den ersten Kriegswochen die gut dokumentierten Hintergrundseiten las, den zahlreichen Diskussionsrunden lauschte, einem Werner van Gent oder einem Max Schmid zuhörte, dem wurde deutlich, dass hier Journalisten berichteten, die selbst einmal – nicht nur virtuell – Zeugen von Katastrophen geworden waren und die deshalb aus einer inneren Erfahrung heraus analysieren konnten.
Nach einigen Wochen veränderte sich die Situation, Schreibstubenberichte wurden jetzt durch aussagestarke Bilder ergänzt und durch authentische Berichte vor Ort ersetzt. Doch damals, während der ersten Kriegswochen, hätte ich mir manchmal gewünscht, erfahrenere Journalisten könnten – wenigstens vorübergehend – den Dienst an den Newsdesks übernehmen und dabei mehr Hintergrundwissen in die nüchterne Berichterstattung einfliessen lassen.

* Peter Gysling ist Informationschef des Bundesamtes für Ausländerfragen. Während 20 Jahren arbeitete er als SRG-Radio- und Fernsehjournalist.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Macht der Fakten? Fakten der Macht!

Die Medien informieren zu wenig über die Problematik der entstehenden Anti-Terror-Front, meint der algerische Journalist Jugurtha Aït-Ahmed von Schweizer Radio International.

hb./ Zwar sei die Berichterstattung nach dem 11. September differenzierter gewesen, als jene über den Golfkrieg. Die Westschweizer Medien hätten sich jedoch zu wenig vor den Risiken “einer strategischen Manipulation” in Acht genommen, dies die Einschätzung von Jugurtha Aït-Ahmed. Der gebürtige Algerier arbeitet seit zwei Jahren als Journalist bei der französischsprachigen Redaktion von Swissinfo/Schweizer Radio International (www. swissinfo.org).
“Ich war beeindruckt von den Anstrengungen der Medien, nach dem 11. September einen Pluralismus der Informationen und Meinungen zum Ausdruck kommen zu lassen”, meint Aït-Ahmed. “Beim Golfkrieg war die Information ein Bestandteil der Kriegsführung, weil CNN das Informationsmonopol hielt. Im jetzigen Konflikt ist dieses Monopol durch das Auftreten des Senders al-Jazirah gebrochen worden.” Man könne über die journalistische Unabhängigkeit der Sendungen von al-Jazirah geteilter Meinung sein. Tatsache sei jedoch, dass die Berichterstattung des Senders zu einer Diversifizierung der Informationsquellen geführt habe. Für Aït-Ahmed hat aber auch das Attentat von Oklahoma City “zur Reifung der Berichterstattung” beigetragen. Bei diesem Attentat gingen die Medien vorschnell von islamistischen Tätern aus und mussten schliesslich feststellen, dass amerikanische Rechtsextremisten die Urheber waren. “Nach diesen Erfahrungen hat uns al-Jazirah bei aller gebotenen Vorsicht erlaubt, einen andern als den manichäistischen Blick der USA zur Kenntnis zu nehmen.”
Dennoch ist Aït-Ahmed beunruhigt und veranschaulicht seine Kritik am Beispiel der Berichterstattung über das Treffen zwischen dem algerischen und dem amerikanischen Präsidenten mit dem Ziel, Algerien in die US-Anti-Terror-Allianz einzubinden. “Der Aufbau der Antiterrorismusfront beinhaltet eine Gefahr. Staaten, die für ihre Verletzung der Menschenrechte bekannt sind, treten in eine Allianz mit den USA ein, ohne dass diese Zusammenarbeit mit Bedingungen zur Respektierung der Menschenrechte verbunden wäre. Für die Berichterstattung in den Medien hat es zur Folge, dass Menschenrechtsverletzungen kein Thema mehr sind.”

Den Begriff “Terrorismus” klären
Aït-Ahmed verurteilt die Attentate gegen die Twin Towers als Verbrechen gegen die Menschheit und bezeichnet den Kampf gegen den Terrorismus als legitim – “doch nicht bedingungslos und unter allen Umständen”. Der Kampf dürfe weder die Demokratie noch die persönlichen Grundrechte ausser Kraft setzen. Die Berichterstattung müsse sich darum bemühen, den Begriff “Terrorismus” zu klären, denn die Gefahr bestehe, dass er von Diktaturen instrumentalisiert werde. Dies bedeute die Missachtung der Ursachen von islamistischen oder anderen Extremismen, nämlich Armut, Unterdrückung und Ausweglosigkeit. Der algerische Journalist ist überzeugt: “Terrorismus wird von Diktaturen erzeugt, von Staaten, die ihren BürgerInnen alle Rechte versagen und alle Horizonte verschliessen.”
Erfahrungen mit manipulierten Bildern und anderen “primitiven Manipulationen” hätten in den letzten Jahren zu einer Sensibilisierung der JournalistInnen geführt, schätzt Aït-Ahmed. Sie nähmen sich jedoch zu wenig in Acht vor den Gefahren einer “strategischen Manipulation”, vor allem im Zusammenhang mit dem Aufbau der Anti-Terror-Allianz. Diese gestatte den USA, sich in weiteren geostrategischen Regionen der Welt festzusetzen. Die Annäherung zwischen Russland und USA beispielsweise sei eine der wichtigsten Gegebenheiten nach dem 11. September, sie werde die internationalen Beziehungen stark verändern. Dabei gehe die Frage unter, von welchem Terrorismus die Rede sei. “Wenn man vom Terrorismus kleiner Grüppchen spricht, verliert man schnell den Terrorismus gewisser Staaten aus den Augen – die Aktionen Russlands in Tschetschenien beispielsweise.” In der Hitze des Gefechts mit der Newsflut, argumentiert Aït-Ahmed, trügen die strategischen Manipulationen dazu bei, dass der Aufbau der Anti-Terror-Front weder infrage gestellt noch kritisch analysiert werde. “Muss man sie bedingungslos unterstützen? Müssen nicht auch ethische Bedingungen formuliert werden, bevor man sich in den Dienst dieser Front stellt?” Die Frage sei kaum aufgeworfen worden. So habe die öffentliche Meinung nicht zur Kenntnis nehmen können, “dass es sich um eine der wichtigsten Weichenstellungen für die Zukunft handelt”.

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