10. Juli 2007 von Max Böhnel

Ein schwarzer Mai

In den autonomen Gebieten Palästinas leiden die Medienschaffenden unter der Willkür der Behörden. Ein Augenschein in Bethlehem. Von Max Böhnel.

Hoch oben auf den Höhen von Beit Jala, einem Stadtteil von Betlehem, soll sich Al-Ru’aa TV befinden. Doch der Fernsehsender scheint sich unsichtbar gemacht zu haben. Kein Schild, kein Wegweiser weist zu den Studios. Nur der “Transmitter” auf der Hügelspitze ist von weitem sichtbar. Wir finden die Produktionsräume in einem unscheinbaren weissen Gebäude am Fusse des Hügels, nachdem wir ein weiss-rotes Eingangsschild passiert haben, das weniger an Medien denn an Gitterstäbe erinnert; “Palestinian Prisoners Club” lautet die Überschrift. Der Grund für die schlechte Signalisation, erklärt Programmchef Jamal Farradsch lächelnd, liege nicht in Geheimnistuerei, sondern in ihrem Gegenteil: “Alle wissen, dass hier der Verein der Ex-Gefangenen ist und alle wissen, dass wir Fernsehen machen.”

Weiterbildung im israelischen Knast
Der spärlich ausgestattete Empfangsraum riecht nach Zigaretten und Arbeit. Die Wände sind gepflastert mit politischen Plakaten aus den Zeiten der Intifada, des Volksaufstandes gegen die israelische Besatzung. “Why?”, heisst es in warnenden Lettern über einem mit Kohle und Bleistift gezeichneten Bild eines kleinen, sorgenvoll dreinblickenden Kindes. Der Junge mit dem Lockenschopf hat eine Kuffijeh, ein Palästinensertuch, um die Schultern gewickelt und hält – fast Rambo-mässig – eine Kalaschnikow in beiden Händen. “Why?” könnte ein Plädoyer für Pazifismus sein. Doch unser Gastgeber betont die Doppeldeutigkeit, die der Künstler, ein Ex-Gefangener, auszudrücken versucht habe. “Weshalb Gewalt?”, fragt Farradsch. “Weil Besatzungsgewalt Gegengewalt hervorruft und diese zur Abschaffung Ersterer notwendig war”, lautet seine Antwort. Und weshalb ein Kind? “Das ist Tragödie und Hoffnung zugleich. Kinder waren die Hauptopfer der Besatzung und die Hauptakteure gegen sie. Es geht um ihre Zukunft, nicht unsere.”
Jamal Farradsch ist ein Spätdreissiger. Einer von sechs Ex-Gefangenen aus der israelischen Besatzungszeit, die bei Al-Ru’aa arbeiten – halbtags oder nach Feierabend. Er war in der linken “Volksfront zur Befreiung Palästinas” im Untergrund organisiert, bis er verhaftet und in den Libanon abgeschoben wurde. 1994 kam er zurück. Der Wiedereinstieg in die Gesellschaft ist den sechs Ex-Gefangenen geglückt – im Gegensatz zu vielen anderen Intifada-Aktivisten. Wer sich im Knast weiterbildete, statt religiös zu werden und zu beten, hatte danach Chancen: Farradsch brachte sich in der Zelle journalistisches Arbeiten bei und nach der Freilassung den Umgang mit Kamera und Schneidetisch durch “learning by doing”.

Weder Revolution noch Medienfreiheit
Al-Ru’aa TV existiert seit sechs Jahren wieder. Davor war der Sender wie die meisten anderen von der israelischen Militärzensur für “illegal” erklärt und geschlossen worden. Bereits vor seiner triumphalen Ankunft im Gazastreifen hatte PLO-Chef Yassir Arafat einen “Staats”-Sender, Palestinian Broadcasting Corporation PBS, per Dekret gegründet. Die erste PBS-Sendung lief am 1. Juli 1994 in der Wüstenstadt Jericho über den Radio-Äther. PBS-TV gibt es seit 1996. Nachrichten und politische Sendungen werden in den Kellerräumen von Arafats Hauptquartier in Gaza koordiniert. Neben den Arafat-dominierten Radio- und Fernsehsendern exististiert eine wechselnde Anzahl von bis zu 10 privaten Radio-Sendern und knapp 30 TV-Sendern in “Palästina”, das heisst in den palästinensischen Städten, die autonomen Status geniessen.
“Wir erwarteten eine neue Ära”, erklärt Farradsch. “Trotz aller Kritik an Arafat war die Hoffnung gross, dass auch im Medienbereich eine Revolution stattfinden würde.” Doch weder aus der Revolution auf der Strasse noch aus dem Umsturz im Senderaum wurde etwas. Zwar hatte die PLO-Führung schon Anfang 1994 ein Informationsministerium in Gaza und Westbank gegründet und damit die grosse Bedeutung unterstrichen, die sie der Medienkultur beimessen würde. Im Juni 1995 wurde ein liberales Pressegesetz verabschiedet, das von Journalistinnen und Journalisten zwar vage “gewisse Standards” verlangte, aber mit den Unterdrückungsmethoden aus der Besatzungszeit aufzuräumen versprach. Die Hoffnungen auf freiheitliche Medien waren gross. Schliesslich antwortete selbst Arafat in einem Aufsehen erregenden CNN-Interview mit Larry King auf die Frage nach Pressefreiheit, eine freie Presse sei “Teil der palästinensischen Erfahrung”. Kritik an ihm und seinem Führungsstil sei “Teil meiner Macht und Teil der Demokratie”.

Verhaftungen und Schliessungen im Mai
Die Erfahrungen der Journalistinnen und Journalisten entsprechen nicht Arafats Ankündigung. In den palästinensischen Autonomiegebieten hat sich Angst breit gemacht. 1999 wurde jeder zehnte palästinensische Journalist Opfer von Einschüchterung oder Schlimmerem, berichtete unlängst die Journalistengruppe Reporter ohne Grenzen. Auch Farradsch weigert sich, auf alle Fragen eindeutig zu antworten. Bei manchen drückt er sich gar. Es sei “momentan nicht die Zeit”, sagt er mehrere Male. Er befürchtet, aufgrund einer falschen Äusserung Probleme mit den Behörden zu bekommen.
Furore machte jüngst der “schwarze Mai”, wie der schwere Monat 2000 in Journalistenkreisen genannt wird – die Schliessung mehrerer privater Fernsehstationen sowie die Verhaftung von palästinensischen Journalisten und Medieneigentümern durch die “Preventive Security” und andere Polizeieinheiten Arafats. Kurz zuvor hatte es in der sogenannten Gefangenen-Intifada schwere Zusammenstösse zwischen Palästinensern und der israelischen Armee gegeben. Gerüchte von Geheimverhandlungen in Stockholm machten die Runde und die Palästinenser-Behörden versuchten, jeglichen Protest von der Strasse zu bannen. Arafat hatte ausserdem behauptet, der israelische Rückzug aus dem Süd-Libanon habe “auf Israels Wunsch beruht, UNO-Resolution 425 umzusetzen” und habe “nichts mit dem Hisbollah-Rückzug zu tun”.
Eine Einschätzung, die in grossen Teilen der Bevölkerung auf Unwillen stiess. Und Fragen aufwarf. Hatte die Hisbollah, in deren Reihen keine Korruption bekannt war, innerhalb weniger Jahre mehr erreicht, als Arafat mit Verhandlungen seit Jahrzehnten vergeblich versuchte? Wie stand es mit Günstlingswirtschaft bei den PLO-Oberen? Farradsch illustriert die angespannte Situation im Mai mit einem Witz, der damals aufkam und bis heute in Ramallah, Hebron und Gaza belacht wird: “Frage: Weshalb kommt Arafats Frau nicht mit ihm mit, wenn er mit den Israelis verhandelt? Antwort: Damit er nicht auch noch sie als Kompromiss weggibt!” Arafat und seine Loyalisten konnten darüber gar nicht lachen. Repression war die Folge. Obwohl das Informationsministerium Lizenzen vergibt, werden Schliessungsanordnungen ohne seine Kenntnis oder Konsultation verhängt – von ganz oben, wie alle wissen.

Vielfältige Zensurmöglichkeiten
Die Furcht vor dem langen Arm ist gross – und die Schere im Kopf folglich stets präsent (siehe Kasten). Doch die Kategorien, auf denen Zensur in Palästina beruht, sind vielfältiger Art. Nach einem Bericht der “Palestinian Human Rights Monitoring Group” vom vergangenen November schweben mindestens fünf Zensur-Damoklesschwerter über den Köpfen von Journalisten: israelische, palästinensische, die der traditionellen Grossfamilien (“tribal censorship”), der Druck der Werbekunden und die Selbstzensur.
Farradsch führt uns durch die kärglichen Produktionsräume. Vier Kameras lagern einsatzbereit auf dem Boden. Auf 10 Bildschirmen laufen Programme, darunter auch zwei israelische Kanäle. Der Schneidetisch passt eher in die Rumpelkammer. Doch die Geräte funktionieren. “Wer im Knast war, für den ist dies das Paradies”, schmunzelt Farradsch und legt eine Videokassette ein mit einer neuen Sonderreihe, die erst tags zuvor fertig gestellt wurde. Es ist eine fünfteilige Serie über palästinensische Flüchtlinge, die demnächst ausgestrahlt werden soll. Produziert wurde sie in Zusammenarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen aus dem Flüchtlingslager Deheische, das unweit von Al-Ru’aa liegt. “Die Reaktionen werden heftig sein”, sieht Farradsch voraus. Denn die Mehrzahl der Bevölkerung von Betlehem war noch nie im Lager, obwohl es schon seit 52 Jahren steht. Rund 14’000 Menschen leben dort, direkt an der Strasse, welche die Touristen, die Siedler und die palästinensische Polizei täglich in ihren Fahrzeugen passieren. Ob Berichte über Flüchtlinge auf der zurzeit richtigen politischen Linie liegen, wird sich bei der Ausstrahlung zeigen. Wenn die Polizei dann nicht vor der Tür von Al-Ru’aa TV steht, hat der Sender wieder einmal Glück gehabt.

Zensur und Selbstzensur

Jamal Farradsch, Programmchef des palästinensischen Fernsehsenders Al-Ru’aa TV in Betlehem, über die tägliche Herausforderung “Zensur”.

Klartext: Die TV-Station Al-Ru’aa wurde im Mai 1999 vorübergehend geschlossen. Im Schliessungsbefehl stand, Sie hätten die “allgemein anerkannten Grenzen eines Lokalsenders” überschritten. Was muss man tun, um in Palästinas autonomen Gebieten diese Grenzen zu überschreiten?
Farradsch: Nicht viel. Man steht vielleicht nicht in der Gunst des örtlichen Sicherheitschefs, weil man dessen Stimmung durch die Wahl eines falschen Wortes getrübt hat, und wird daraufhin telefonisch zur Rede gestellt. Vielleicht hat man an einem Tag zu viele Nationallieder abgespielt – vielleicht auch zu wenige, vielleicht auch die falschen. Ein Kameraschwenk zu weit nach links, wo gerade gestreikt wird, mag zu viel des Guten sein. Oder ein Kurzbericht über eine Demo, bei der eine amerikanische Fahne angezündet wurde. In unserem letzten Fall war es die Ausstrahlung des harmlosen Bühnenstücks “Natrin Farradsch”. Mitte Mai 1999 wurden wir dichtgemacht. Erst nach einigen Wochen durften wir wieder auf Sendung gehen.
Klartext: Was verbarg sich aber konkret hinter dem Vorwurf?
Farradsch: Angeblich wird in dem Stück Jesus Christus kritisiert. So sollen es jedenfalls ein paar Angestellte der Palästinensischen Nationalbehörde gesehen haben. Man sei besorgt, behaupteten sie, dass jemand zwischen religiösen Gruppen und Sekten Streit anzetteln wolle. Dies aber gefährde die nationale Sicherheit. Hochrangige Personen aus dem Innenministerium wiederum bestritten, dass dies der Grund sei. Die Absurdität des Vorwurfes wurde jedenfalls deutlich, als Kirchenvertreter und Vertreter anderer religiöser Gruppen aus Betlehem sich an Arafat wandten und betonten, weder sie selbst noch andere hätten die Schliessung des Senders verlangt. Im Allgemeinen reicht das Ausmass an Zensur von versteckten Drohungen über zeitweise Schliessungen bis zu Folter an einzelnen Journalisten, je nach der politischen Lage.
Klartext: Journalistinnen und Journalisten tragen also die Schere im Kopf und fürchten auch, dass die Behörden die Schrauben weiter anziehen?
Farradsch: Die Schere war – nicht nur für medizinische Notfälle – schon immer vorhanden. Ja, sie ist bei vielen palästinensischen Journalisten gar nicht mehr wegzudenken. Zensur ist hier zu Lande, seit wir in autonomen Gebieten leben, kein fest umrissener Mechanismus mehr wie zu Zeiten der israelischen Besatzung. Umwege gab es damals trotz Folter, Abschiebung und Todesschuss durchaus. Die Medienpolitik der Besatzungsmacht bestand in der Schliessung von Institutionen, der Verhaftung sowie Abschiebung von Journalisten und indem ihnen Presseausweise und Reiseerlaubnisse verweigert wurden – aber das war einigermassen kalkulier- und durchschaubar. Heute müssen die Medienverantwortlichen und ihre Angestellten eigene, interne Zensurmechanismen erfinden. Es gibt keinen israelischen Militärzensor mehr, der in irgendeinem Büro in der Westbank oder Gaza hockt. Dafür aber existiert die Verantwortlichkeit für Dinge wie “nationale Einheit”, die man sich permanent zueigen machen muss. Man sollte die politische Linie der Behörden bereits vorausgedacht haben, um nicht zensiert zu werden – sich selbst also dauernd präventiv zensieren. Sonst wird man entweder auf eine für alle sichtbare Spielwiese abgeschoben oder arbeitslos.

Das Gespräch führte Max Böhnel Ende Juni 2000 in Bethlehem.

10. Juli 2007 von Peter M. Wettler

Fertig lustig

Von Peter M. Wettler, Kommunikationsberater

Mich fuchst die neue Werbekampagne der “Sonntags-Zeitung” wegen ihrer frevlerischen Flegelhaftigkeit. Bild und Text der Anzeigen sind nicht dramatisch auf den Nutzen für Leserinnen und Leser zugespitzt. Ich empfinde sie vielmehr als verzweifelte Abgrenzung gegenüber jenen Mitmenschen, die am Wochenende den allemal lebendigeren und menschlicheren “Sonntags-Blick” kaufen. Die Kampagne möchte sich zweifellos als Kampfansage gegen den Boulevard-Journalismus verstanden wissen. Doch ich fühle mich sackgrob beleidigt und gekränkt. So etwas von tolldreister Verkommenheit! Die Botschaften sind abgewetzt und fadenscheinig: Wer die SoZ verschmäht, ist dumm, geil, gaga, plemplem oder senil! Ganz offensichtlich löst der andauernde Leserschwund Panik aus und die führt stracks zur Kopflosigkeit und zum Gehirnschwund – ob Creutzfeld Jakob oder Alzheimer ist mir dabei völlig einerlei. Diese ruchlose Herabsetzung und snobistische Ausgrenzung von andern Menschen fällt kübelweise auf die SoZ-Verantwortlichen selbst zurück. Nämlich als erschreckender Beleg ihrer gnadenlosen Geschmacklosigkeit einerseits und ihres Bildes von der eigenen Kundschaft andererseits. Ich finde das weder lustig noch sauglatt, ja nicht einmal blauäugig. Im gezeichneten Menschenbild dürfte die eigentliche Ursache zu finden sein für den anhaltenden Leserschwund. Wer um die Gunst anderer Menschen wirbt, muss einzig danach trachten, ihr Wohlwollen zu ergattern. Doch diese unselige Werbekampagne will uns nötigen, die SoZ zu lesen, damit wir nicht unter die Kategorie der Geschmähten fallen. “Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen”, ich bin überzeugt, diese Rechnung kann nie aufgehen!
Meinen Argwohn weckt auch die ebenso putzige wie verlogene Propagandakampagne der Wirtschaftsförderung (wf) gegen die drei Energievorlagen, über die wir am 24. September abstimmen. Ich sehe ein, dass es nicht an den Zeitungsverlagen ist, den Wahrheitsgehalt von Inseraten zu prüfen. Umgekehrt ärgert es mich, wenn sie einfach unbesehen etwas ins Blatt hängen, nur weil es mächtig Mammon bringt. Alles, selbst der temperierte Babyschoppen, werde teurer, suggeriert uns der ideologische Ausschuss des Schweizerischen Handels- und Industrievereins und schwafelt betörend von neuen Steuern. Ich empfinde diese Art der Rattenfängerei unfair und unredlich. Denn bei den drei Vorlagen geht es um nichts anderes als um eine radikale Umkehr in der Energiepolitik und beileibe nicht darum, dass die steuerpflichtigen Menschen hier zu Lande zur Kasse gebeten werden. Vielmehr würden die VerbraucherInnen von nicht erneuerbaren Energien mit ihren Abgaben einen Beitrag an energiewirksame Investitionen leisten – getreu dem Artikel 89 der Bundesverfassung – und so zu sparsamem und rationellem Energieverbrauch verhelfen, ferner die Nutzung von einheimischen und erneuerbaren Energien fördern und mit Sanierungsmassnahmen und neuen Technologien für Heerscharen neue, zukunftsgerichtete Arbeitsplätze schaffen. Mit ihrer anrüchigen und oberfaulen Kampagne verwedelt die wf ihre wahren und unlauteren Beweggründe: Es soll im alten, ausgetrotteten Tramp weiter Energie verschleudert werden! Die Zeche für diese unsinnige Vergeudung bezahlen wir alle. Dass sich die reaktionären Ideologen dabei auch noch vorsätzlich in der Schublade vergreifen und Krokodilstränen absondern, weil die erbarmenswürdigen allein erziehenden Mütter und die am Existenzminimum dahinvegetierenden RentnerInnen geschröpft würden, empfinde ich nur noch als ausgesprochen peinlich. Seit wann hat der Vorort ein Herz für Benachteiligte? Ich amtiere als Vorstandsmitglied im Ökohotel “Ucliva” im bündnerischen Waltensburg. In den vergangenen vier Jahren ist es uns gelungen, den Energieaufwand von jährlich 64’000 auf 31’000 Franken zu senken – mit Holz- und Solarenergie und der Rückgewinnung von Abwärme. Den Vorort überzeugen solche Werte nicht: Er will lieber weiterwursteln und Erdöl und Gas verheizen und Uran spalten, auf dass die Meere mit radioaktiven Abwässern verseucht, die Luft verschmutzt und das Klima vergiftet wird. Die Kampagne ist niederträchtig niedlich. Sie treibt mit dem Entsetzlichen Scherz.
Die Mohikaner sind ausgestorben. Gewitzte Cooper-LeserInnen erinnern sich, dass Chingachgook, Lederstrumpfs Freund, nach dem Tod seines einzigen Sohnes Uncas der Letzte des stolzen Delawaren-Stammes war. So viel dürfte auch dem UVEK-Vorsteher noch geläufig sein. Also sprach Moritz Leuenberger: Der Bundesrat will nicht der letzte Mohikaner sein, wenn es darum geht, das Bankkundengeheimnis zu verteidigen. Hugh! Was gibt uns der hohe Magistrat damit für Rauchzeichen? Klar doch: Er möchte als Bundesrat nicht aussterben und schon gar nicht im heroischen Kampf für die Interessen der Bankkunden verbluten. Lasse ich die Verhandlungserfolge unserer Landesregierung vor dem geistigen Auge Revue passieren – Nachrichtenlose, Bilaterale -, dann verstehe ich, dass es fertig lustig ist und geraten, die Flinte vorsorglich ins Korn zu werfen und das Beresina-Lied anzustimmen, zumal die Zulassung der 40-Tönner noch für rote Ohren sorgen wird und ausserdem ein Klimm(t)-Zug mit der BRD über das Luftverkehrsabkommen ansteht, für den der Zürcher Volkswirtschaftsdirektor Ruedi Jeker schon ziemlich alle Tassen im Schrank zerdeppert hat.
Selbstredend wäre auch eine Flucht nach vorn möglich. Etwa der Erwerb listiger, spielerischer und fintenreicher Kenntnisse in Sachen Verhandlungskunst. Zu gewinnen, ohne dass eine Seite verliert, ist lernbar und macht obendrein erst noch Spass. Doch leider ist das keine helvetische Tugend. Wir gebärden uns lieber rechthaberisch und selbstzufrieden. Und zahlen teures Lehrgeld, ohne daraus Lehren zu ziehen. Schaden kann klug machen oder auch feige.
Chingachgook winkt milde aus den Ewigen Jagdgründen.

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