11. Juli 2007 von Klartext

In vielen Welten

hs./ Beide arbeiteten jahrelang für die „Wochenzeitung“ WOZ, beide stammen aus dem Kulturraum der katholischen Innerschweiz, beide sind weit in der Welt herumgekommen: Die Biografin Lotta Suter, die in Luzern aufwuchs und heute als Publizistin in den USA lebt, und der Biografierte, Al Imfeld, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wird. Er begann seine Karriere als widerspenstiger Theologe in Rom, war später aktiv in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und berichtete als Korrespondent für die „Washington Post“ über den Vietnamkrieg. Er hat fast alle Länder dieser Welt bereist und sich vor allem jahrzehntelang mit dem grossen Kontinent Afrika befasst. Er schrieb Bücher über Entwicklungspolitik und Agrarthemen. Er veröffentlichte mehrere Erzählbände und tritt immer wieder als Erzähler auf. Dieser Tage erscheint sein neuester Band „Blitz und Liebe“, Geschichten aus vier Kontinenten.

Lotta Suter. „In aller Welt zu Hause. Al Imfeld – eine Biografie.“ Rotpunktverlag, Zürich 2005.
Al Imfeld. „Blitz und Liebe. Geschichten aus vier Kontinenten.“ Rotpunktverlag, Zürich 2005.
Dienstag, 28. Juni 2005, 19.30 Uhr: Buchpräsentation mit Al Imfeld und Lotta Suter. Paulus-Akademie, Carl Spitteler-Strasse 38, Zürich.

11. Juli 2007 von Klaus Bonanomi

Medienkritik eines Kalten Kriegers

Alle tun es. Die Amerikaner, die Russen, und die Araber ebenfalls. Mal subtil und raffiniert, mal plump und dreist. Manipulation und Propaganda gehören zum Geschäft – in Friedens- und noch mehr in Kriegszeiten und im Krisenfall. „Wie uns Medien und Mächtige in die Irre führen“ – diesen Untertitel hat Peter Forster seinem neuen Buch „Die verkaufte Wahrheit“ gegeben; und er zeigt dies im ersten Teil sehr anschaulich an verschiedenen Beispielen. Minuziös zeichnet der Militär- und Geheimdienst-Experte, ehemalige Nahost-Korrespondent der NZZ und Chefredaktor der „Thurgauer Zeitung“ zum Beispiel einige Episoden des Golfkriegs nach. Etwa die Geschichte der Befreiung der US-Soldatin Jessica Lynch aus angeblich irakischer Geiselhaft, die sich später als Propaganda-Coup erster Güte herausstellt. Oder er schildert detailliert die Arbeit der „eingebetteten“ ReporterInnen oder den fürs Fernsehen spektakulär inszenierten Sturz der Saddam-Hussein-Statue in Bagdad. Ebenso stellt Forster dar, wie der US-amerikanische Aussenminister Colin Powell und der britische Premierminister Tony Blair mit nachweislich unwahren Informationen über das angebliche Arsenal an einsatzbereiten Massenvernichtungswaffen die Medien und die Öffentlichkeit manipulierten, um das Terrain für den Irak-Feldzug zu ebnen.
Auf der andern Seite beschreibt der Autor ausführlich die verheerende Wirkung, die von den Folterbildern von Abu Ghraib ausging: Die Publikationen im Magazin „The New Yorker“ und in der CBS-Fernsehsendung „60 Minutes“, welche das Pentagon vergeblich zu verhindern suchte, „schlugen weltweit wie eine geballte Ladung ein“, so Forster.
Seltsam bloss: Für mutigen Enthüllungs-Journalismus und gegen allzu willfährige Medien plädiert Forster bloss im ersten, international ausgerichteten Teil seines Bandes. Von den hiesigen Medien erwartet der seinerzeitige Kommandant der Schweren Kanonenbatterie I/33 und gegenwärtige Chef Informationsoperationen im Führungsstab der Armee dagegen Gehorsam, kein kritisches Hinterfragen und schon gar keine skeptische Grundhaltung gegenüber den MachtträgerInnen in Politik und Wirtschaft. Es stört ihn, wenn hierzulande hartnäckig recherchiert und Unliebsames an die Öffentlichkeit gezerrt wird: Allzu oft witterten die Medien einen Skandal und zerrten verdiente Persönlichkeiten zu Unrecht ins Rampenlicht, meint Forster.
Natürlich: Der Borer- oder eher Ringier-Skandal, den Forster nochmals ausführlich darlegt, ohne dabei wesentlich Neues beizutragen, ist ein Beleg dafür, dass mit einer eklatanten journalistischen Fehlleistung ein Mann um Job und Karriere gebracht werden kann. Dass aber der Militär-Buchhalter Dino Bellasi einen veritablen Skandal auslösen konnte mit seiner Aussage, er habe die veruntreuten Millionenbeträge für den Aufbau einer Geheimarmee verwendet, ist gerade kein Beleg für Forsters These, dass Unwesentliches aufgebauscht und zum Skandal zugespitzt werde. Dass die Medien zuerst bereit waren, Bellasis kühnen Behauptungen zu glauben, hat vielmehr damit zu tun, dass es solche Versuche, eine Geheimarmee aufzubauen, eben tatsächlich gegeben hat – und dass es damals die Medien, namentlich der „Tages-Anzeiger“ und die „Weltwoche“, waren, die 1989/90 den Skandal um „Rico“ Cattelans Geheimtruppe P-26 ans Licht der Öffentlichkeit brachten.
Vollends skurril wird es, wenn Peter Forster allen Ernstes behauptet: „Skandalierungen gehen in der Regel von linken Medien aus – und sie treffen ebenso regelhaft meist bürgerliche Anliegen oder bürgerliche Politiker.“ Ganz abgesehen davon, dass auch linke PolitikerInnen von Skandalierungen betroffen sind, zu erinnern wäre etwa an Anita Fetz und Roberto Zanetti in der „Pro Facile“-Affäre, an die Schlammschlacht bei Christiane Brunners Bundesrats-Kandidatur oder an den Fall des früheren Berner Stadtpräsidenten Klaus Baumgartner, als dieser wegen seines angeblich zu luxuriösen Domizils ins Schussfeld der Presse geriet: In einem Land, in dem die Macht weitgehend in bürgerlichen Händen ist, ist es nur natürlich, dass auch ein Machtmissbrauch in erster Linie von dieser Seite ausgeht; dass die Medien, wenn sie solche Missbräuche anprangern, nur ihre eigentliche Pflicht tun, das kommt Forster leider nicht in den Sinn.

Peter Forster. „Die verkaufte Wahrheit. Wie uns Medien und Mächtige in die Irre führen.“ Verlag Huber, Frauenfeld, 2005.

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