11. Juli 2007 von Nick Lüthi

(Presse-)Freiheit reimt sich nicht auf Sicherheit

Dank dem ersten Verfassungszusatz sind in den USA alle möglichen Äusserungen geschützt: Neonazis dürfen ihre Hassbotschaften verbreiten, religiöse Eiferer ihre Traktate öffentlich runterbeten. Das geschieht durchaus in Sinn und Geist der Gründerväter. „Eine demokratische Regierung ohne frei zugängliche Informationen und die Möglichkeit, an diese Informationen zu gelangen, ist eine Farce oder eine Tragödie, wenn nicht gar beides zusammen“, wird in diesem Zusammenhang etwa James Madison, der vierte Präsident der Vereinigten Staaten, zitiert. Das radikale Postulat indes steht lediglich als einer von zwei Polen da – auf der anderen Seite steht die nationale Sicherheit, die der Freiheit regelmässig Grenzen setzt. Ein Dilemma, besonders in Kriegszeiten.
In welche Richtung das Pendel jeweils ausschlägt, steht ausser Zweifel: „In allen Kriegen der USA gab es erhebliche Einschränkungen der Pressefreiheit und sogar explizite Zensur“, hält Andreas Elter, Autor von „Die Kriegsverkäufer – Geschichte der US-Propaganda 1917-2005“, fest. Zensur versteht Elter im umfassenden Sinn und untersucht ebenso die aktiven Massnahmen von Administration und Armee, wie auch den vorauseilenden Gehorsam der Medienschaffenden selbst.
Diese Wechselwirkung ist in der modernen USA erstmals erkennbar im Comittee on Public Information CPI, das ab 1917 die Presse- und Informationspolitik der Regierung „entwarf und koordinierte.“ Zu den Aufgaben der jährlich mit fünf Millionen Dollar alimentierten Stelle gehörte es, Journalisten und Schriftsteller zu rekrutieren, die fortan in Sinn und Geist des Komitees publizierten – und das auch gerne taten. Kritik an der Propagandaeinrichtung wurde erst nach Kriegsende laut, vor allem von republikanischer Seite. Am Grundpfeiler rüttelten die Republikaner allerdings nicht. Propaganda kennt keine Parteigrenzen, weil auch Kriegführen keine kennt. Von den US-Kriegspräsidenten waren drei Republikaner (der Johnson-Nachfolger Nixon und beide Bushs), die andern, von Wilson (Erster Weltkrieg) bis Clinton (Kosovokrieg) Demokraten.
Jede Propagandastrategie eines späteren Krieges fusste massgeblich auf den Erfahrungen der vorhergehenden Zensur und Medien- und Meinungslenkung und wurde dabei immer perfekter, immer professineller. So antizipierte im Zweiten Weltkrieg das Office of War Information mit seiner „positiven“ Propaganda potenzielle Kritik. Vietnam stellte einen vorübergehenden Rückschlag dar, da die Lenkung des neuen Mediums Fernsehen nur beschränkt gelang. Eine neue Generation Reporter, die sich der Pressefreiheit stärker verpflichtet fühlte als den „nationalen Interessen“, berichtete ohne Zensurschere im Kopf. Obwohl den Propagandastrategen im Pentagon und anderswo in der Administration die Kontrolle streckenweise entglitt, war der erstmalige Einsatz des Fernsehens als Echtzeitbildmedium eine wichtige Erfahrung.
Grenada stellte einen Wendepunkt dar. Bei der Invasion wurden die Journalisten aufgegriffen und ausgewiesen; die Pressefreiheit war kurzerhand ausser Kraft gesetzt. Kritik und Protestrücktritte hochrangiger Regierungsbeamter führten zur Einführung der so genannten Pools. Zur Herstellung eines nationalen Konsenses konnte nicht auf die Medien verzichtet werden. Aber sie mussten gelenkt werden, in Gruppen (Pools) auserwählter, vorher geprüfter JournalistInnen. Im zweiten Golfkrieg 1991 standen die Pools grossräumig im Einsatz. Der nächste Entwicklungsschritt ist bekannt. Mit den „eingebetteten ReporterInnen“, die in militärischer Schutzmontur einen kleinen Trupp beim Einsatz begleiten dürfen, konnte bisher die umfassendste Synthese zwischen dem Bedürfnis der JournalistInnen nach Bewegungsfreiheit und dem Bedürfnis des Staats nach Bildkontrolle erreicht werden.
Bei diesem Argumentationsstrang handelt es sich lediglich um eine von drei Haupterkenntnissen, die Andreas Elter aus seiner Untersuchung zieht. Mit ebenso grosser Detailkenntnis analysiert der Autor weitere zentrale Aspekte der US-Propaganda. Eine Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, was es mit den Bildern und Berichten aus dem Irak und anderen US-Kriegen auf sich hat.

Andreas Elter. „Die Kriegsverkäufer – Geschichte der US-Propaganda 1917-2005“. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2005.

11. Juli 2007 von Klartext

Reicher Fundus

hs./ Niklaus Meienberg beschrieb sie als „Tätschmeisterin“, Antisemitin und Nazifreundin: Renée Schwarzenbach, geborene Wille. Die Generalstochter heiratete einen steinreichen Seidenindustriellen, gebar fünf Kinder, lebte das Leben einer „Herrin“, liebte eine Wagner-Sängerin und die Pferde. Und sie fotografierte sechs Jahrzehnte lang, bis wenige Monate vor ihrem Tod 1959. Sie füllte über hundert Fotoalben, hinterliess über zehntausend Fotos und damit das zeitgeschichtliche Dokument eines Clans, der die Schweiz mitbeherrschte und Verbindungen zu EntscheidungsträgerInnen und KünstlerInnen aus aller Welt hatte. Alexis Schwarzenbach, Historiker und Urenkel von Renée Schwarzenbach, hat – zusammen mit Urs Stahel – daraus eine bemerkenswerte Ausstellung gemacht. Zu diesem Ereignis ist im Verlag Scheidegger & Spiess zudem ein Buch erschienen, das 126 Fotografien Schwarzenbachs zeigt.

„Fotoalben von Renée Schwarzenbach-Wille“. Fotomuseum Winterthur. Bis 19. Februar 2006. Montag geschlossen. www.fotomuseum.ch
Renée Schwarzenbach-Wille. „Bilder mit Legenden“. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2005.

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