10. Juli 2007 von Zora Zensura

“Facts”-Sirup

Das waren die “Facts”-Titelblätter im Januar: Zu Tode geschüttelte Babys (10.1.). Ein Skifahrer in einer Staublawine ? Sekunden später verschüttet oder tot, vierfarbig (17.1.). Oder jesus.ch mit Dornenkrone, fein rinnt das Blut über die Stirn, die “Absolution per Klick” (24.1.). Und der “Sex am Mittag ? 12 bis 14 Uhr: Die neue Zeit der Untreue”, zwei Erfolgreiche kleiden sich nach erfolgtem Beischlaf im Hotelzimmer wieder an, schwarzweiss (31.1.).
Die Titelgeschichten von Jesus bis Seitensprung sind wie Kindersirup: dünn und geschenkt. Wo zaubert “Facts” die vielen Stehsätze her? Der einzige Newswert in der Totschüttel-Geschichte beruht darin, dass ein berühmter Bergsteiger sein Baby ins Grab geschüttelt hat. Die Skifahrer-Geschichte hat man schon vor einem, vor zwei, fünf und zehn Jahren gelesen. Überraschend ist einzig, dass die Freerider trotz Klimawandel immer noch genügend Schnee finden, um sich darin umzubringen. Dass Gott ein Surfer ist, hat man indes nicht gewusst. Dass Jesus-Fans nicht besonders schlau sind, hingegen schon. Und so serviert “Facts” statt Fakten zu den ökonomischen und politischen Trieben der Gottes-Freaks eine Aneinanderreihung von Zitaten wie “Jesus ist ein Promi. Deshalb verdient er auch in der Schweiz eine eigene Internetseite”. Oder eben die sexhungrigen 40-Jährigen, die sich über Mittag mit ihren ArbeitskollegInnen vergnügen müssen. Chefredaktor Britschgi schreibt “vom kleinen Tod am Mittag”, der sich etwa so unterhaltsam liest wie die Gebrauchsanleitung einer Waschmaschine.
Langsam beginnt man die Strategie des Blattes zu verstehen. Ein bisschen Sex, ein bisschen Tod und Grauen, ein bisschen Glauben ? knackig verpackt als Ratgeber für politisch Gelangweilte, Karrierefrauen, Biedermänner. Zwischen Sex and Crime und vielen Bildchen sorgsam versteckt: die guten Geschichten ? über den Machtkampf im Leutschenbach, über die WEF-GegnerInnen, über Holocaust-Gelder und Schweizer Apartheidgeschäfte. “Facts” ist eigentlich viel besser als seine Verpackung. Britschgi glaubt aber offensichtlich, nur mit dem Sirupgesetz überleben zu können: Sie wollens dünn und wässrig ? er gibts ihnen dünn und wässrig.
Zora Zensura

10. Juli 2007 von Zora Zensura

Der Arbeiter-“Blick”

“Volksstimme”, “Volksrecht”, “Tagwacht”: das waren noch Wörter und Ansprüche – damals, als es die “Arbeiterzeitungen” noch gab. Die Zeiten sind vorbei, das Rechtschreibeprogramm weiss nicht einmal mehr, wie man diese Wörter buchstabiert. Zeit für “Work, die Zeitung zur Arbeit”, die orange liebt, aussieht wie eine Kreuzung von “Brückenbauer” und “Coop-Zeitung” – ein Arbeiter-“Blick” halt, der sich aber nicht ein linkes Etikett anheften lässt (sagt Chefredaktor Hanns Fuchs).
Bekanntlich lässt sich das Zielpublikum einer Zeitung anhand der Kontakt- und Kleininserate identifizieren. Bei “Work” sind es demnach FerienhäuschenbesitzerInnen, zusammen mit Leuten, die Katz und Fisch verkaufen wollen (sagt die Eigenwerbung). Ein bisschen diffus, um Volkes Stimme zu sein.
Trotzdem ist es ein interessantes Projekt, mit begnadeten SchreiberInnen. Sie liefern gut recherchierte Geschichten – zum Beispiel über den neuen Economiesuisse-Chef und Textil-Manager Ueli Forster oder die luschen Südafrika-Geschäfte der Zuger Firma Vantech -, freche Interviews mit Minister Pascal Couchepin oder Gewerkschafter Daniel Vischer, frische Reportagen oder muntere Rezepte von Zürichs Stadtvater Sepp Estermann. Er empfiehlt aphrodisisches Quittengelee und “edlen Steinpilzsalat” an Balsamico. Und damit die Arbeitenden die Rezepte nicht falsch interpretieren, steht unter der “Kochlöffel”-Kolumne in feinen Lettern: “Mit seiner Kochkolumne für ‘Work’ will er [Estermann] auch etwas klarstellen: ‘Ich möchte niemals ein politischer Kolumnist werden’.” Seine Bemerkung: “Von Silbergeschirr würde ich abraten”, ist also nicht subversiv gemeint.
Der “Blick der Arbeitnehmenden” wird bestimmt keinen leichten Stand haben – nicht zuletzt, weil er sich mit zwei Handicaps konfrontiert sieht:
&#183 Der echte “Blick” macht ihm mit seinen feschen Girls und den – zumindest zur Zeit – scharfen Tönen gegen Chefs und Reiche die echten ArbeiterInnen abspenstig.
&#183 Sein 2-Wochen-Erscheinungsrhythmus gemahnt an einen schlechten Liebhaber: Er wird immer zu früh oder zu spät kommen – egal, was passiert.
Zora Zensura>

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr