11. Juli 2007 von Edzard Schade

Medien im Wandel

Dass weite Teile der Medienbranche in der Schweiz in den letzten Jahren nicht nur von einer wirtschaftlichen Krise, sondern von einem tief greifenden Strukturwandel erfasst wurden, dokumentiert ein vom Publizistikwissenschaftler Matthias Künzler herausgegebener Sammelband.* Einleitend beschreibt Künzler die prägenden Prozesse: Demnach kann die Presse ihre führende Position auf dem Publikums- und Werbemarkt zwar bis heute verteidigen, jedoch holen die Rundfunkmedien ständig auf. Zu den Verlierern auf dem Publikumsmarkt zählen neben der Presse vor allem die Radioangebote der SRG. Als folgenreich erachtet Künzler ausserdem, dass sich die Medien tendenziell weiter von der Politik abkoppeln und vermehrt an den „Handlungslogiken der Ökonomie“ orientieren. Parallel zur Ökonomisierung durchläuft die Medienlandschaft Schweiz einen Konzentrationsprozess, der bis heute zur Dominanz weniger Multimedia-Unternehmen geführt hat. Die Internationalisierung der Medienbranche macht zwar vor den Schweizer Grenzen nicht halt, aber der Zufluss ausländischen Kapitals blieb im Vergleich zu anderen europäischen Staaten bis heute sehr tief.
Die zwölf weiteren Buchbeiträge namhafter Praktiker und WissenschaftlerInnen diskutieren die Zukunftsperspektiven für die Medien im Kleinstaat Schweiz und die damit verbundenen medienpolitischen Ansprüche kontrovers. Ein Teil der AutorInnen knüpft an die im 20. Jahrhundert verfolgte Medienpolitik an und möchte eine föderalistische und vielfältige Medienstruktur fördern. Das Problem der kleinen Märkte, eine Folge der Kleinstaatlichkeit und Mehrsprachigkeit, soll u.a. durch Regulierung des Werbemarktes (Beschränkung der Rundfunkwerbung) und partielle Gebührenfinanzierung des Service-public-Rundfunks abgefedert werden. Besonders die Vertreter der grossen multimedialen Medienunternehmen brechen jedoch mehr oder weniger stark mit dieser föderalistischen Konsenspolitik.
So werden die Folgen der Medienkonzentration ganz unterschiedlich eingeschätzt: Hanspeter Lebrument, Verleger der Südostschweiz Mediengruppe und Präsident des Verlegerverbandes, widersetzt sich der gängigen Bewertung, wonach Pressevielfalt vorwiegend positiv und Pressekonzentration negativ beurteilt würden. Die wahre Gefahr für die Presse sieht er dementsprechend in staatlichen Regulierungsversuchen, auch wenn sie unter dem Label der „Förderung“ auftreten. Die Beiträge von SP-Präsident Hans-Jürg Fehr und Publizistikwissenschaftler Josef Trappel zeigen mit demokratietheoretischen Überlegungen auf, dass die Sorgen um die Medienvielfalt vielleicht doch mehr als ein rückwärtsorientierter Modernisierungswiderstand sind.
Auch die voranschreitende Deregulierung des Rundfunkmarktes wird kontrovers bewertet. Andreas Meili, Bereichsleiter elektronische Medien bei Tamedia, betrachtet die staatliche Rundfunkpolitik trotz Liberalisierungsschritten primär unter dem Aspekt krasser Marktverzerrungen, die den Privaten kaum Luft liessen. Die kommerziellen Privatradios sind für ihn die wahren „Bürgerradios“, denn nur sie würden die Hörerwünsche wirklich ernst nehmen. Publizistikwissenschaftler Heinz Bonfadelli erachtet den durch die kommerziellen Radios erzielten publizistischen Gewinn hingegen als gering. Mit Otmar Herrsche äussert sich schliesslich ein ehemaliger SRG-Radio- und Fernsehdirektor kritisch zur Entwicklung der SRG als Service-public-Anbieterin. Daniel Beck öffnet die Binnenperspektive und geht der Frage nach, inwiefern die schweizerische Rundfunkpolitik auf die internationalen Herausforderungen zugeschnitten ist.
Bezüglich der Zukunftschancen der Presse sind sich NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler und Publizistikwissenschaftler Otfried Jarren zumindest darin einig, dass den Verlagen noch ein hartes Stück Arbeit bevorsteht. Ihre Problemanalysen führen dann aber zu unterschiedlichen Gewichtungen und Ergebnissen.
Den Schlusspunkt setzen die Beiträge zur Entwicklung der journalistischen Qualität von Presserats-Präsident Peter Studer, Philipp Cueni, Gewerkschafter und Präsident des Vereins Qualität im Journalismus, und Publizistikwissenschaftlerin Karin Püringer: Trotz schwieriger Rahmenbedingungen bemühe sich die Branche weiterhin intensiv um journalistische Qualitätsstandards, lautet der Tenor. Über den Erfolg solcher Bemühungen liesse sich natürlich wiederum streiten – nach der Lektüre dieses Bandes mit fundiertem Wissen zur aktuellen Medienentwicklung im Kleinstaat Schweiz.

* Matthias Künzler (Hrsg.). „Das schweizerische Mediensystem im Wandel. Herausforderungen, Chancen, Zukunftsperspektiven“. Haupt Verlag, Bern, 2005.

11. Juli 2007 von Klartext

Vergessener Fotograf: Cette sacrée vie

hs./ Christian Staub gehörte in den Nachkriegsjahren zu den bekannten Fotografen dieses Landes, als Werbefotograf, aber auch als Fotoreporter. Seine Arbeiten erschienen im „Du“ und in zahlreichen nationalen und internationalen Tageszeitungen, wie auch in mehreren Büchern. Ende der 50er Jahre verliess er die Schweiz Richtung Deutschland, später zog er nach Seattle, wo er an einer Universität unterrichtete. Er starb 2004, doch in der Schweiz war er da schon lange vergessen. Nun organisiert das Photoforum PasquArt – in Zusammenarbeit mit der Fotostiftung Schweiz – die erste grössere Ausstellung über Christian Staub. Gezeigt werden vor allem Werke, die zwischen 1948 und 1958 entstanden sind, zu einer Zeit, als Staub in Biel lebte. Viele der ausgestellten Bilder sind für die Öffentlichkeit zum ersten Mal zugänglich. Begleitend erscheint auch ein reich bebildertes Buch.

Christian Staub, „Cette sacrée vie“, Photoforum PasquArt, Biel. 9. Oktober bis 27. November 2005. Öffnungszeiten siehe www.pasquart.ch

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