6. Mai 2009 von Helen Brügger

Nächste Runde

Gelten die berufsethischen Regeln auch für Verleger? Ein entlassener Redaktor beanstandet die \”tendenziöse\” Interpretation eines Presserat-Entscheids durch Edipresse.

hb. Die Affäre \”Bilan\” geht weiter. G. M., der letzten Sommer als Redaktor von \”Bilan\” entlassen wurde, weil er berufsethische Verstösse seines Chefredaktors kritisiert hatte, reichte am 3. Mai beim Presserat eine Klage gegen Edipresse ein. Mit seiner Klage gegen den Verleger von \”Bilan\” sowie gegen den Chef der Edipresse-Printprodukte Theo Bouchat will er die Frage der Verlegerverantwortung bei berufsethischen Verstössen geklärt haben.
Inhalt der Klage: Bouchat habe mit seiner hausinternen Vorabinformation am 27. Februar, das heisst einen Tag vor der Medienkonferenz des Presserats (vgl. Klartext 2/2001), den Edipresse-Redaktionen eine \”tendenziöse\” Interpretation des Urteils geliefert. Damit habe er sich als Verlagsvertreter verhalten wie ein Werbeunternehmen, das sein Produkt verteidigt. Ein solches Verhalten ist laut den berufsethischen Regeln für JournalistInnen verboten. Umso mehr, so M., müsste es eigentlich auch Verlegern untersagt sein. Die Vorabinformation des Edipresse-Verantwortlichen habe zudem zum Ziel gehabt, die Informationsfreiheit der Redaktionen einzuschränken, was laut den berufsethischen Regeln ebenfalls geächtet werden müsste.
In einem zweiten Punkt bezieht sich M. auf das Urteil des Presserats zum Fall \”Bilan\” vom 28. Februar selbst. Dort wurde nämlich festgehalten, dass die Drohung mit einem Inserateboykott nicht nur vom betroffenen Blatt, sondern von allen Medienschaffenden, die davon erfahren, publik gemacht werden muss. Umso mehr hätten auch Edipresse und Theo Bouchat die Boykottdrohung der Rentenanstalt öffentlich machen müssen. Weil die Fragen M\’s zur Boykottdrohung sowohl vom Chefredaktor wie auch vom Verlag unter den Tisch gewischt worden waren, will M. nun wissen, ob sich nicht auch der Verlag eines Fehlverhaltens schuldig gemacht hat.
Im dritten Punkt greift M. schliesslich eine Information von Klartext auf. Klartext zitierte den Journalisten Hubert Mooser, der nach einer Intervention Theo Bouchats bei Verleger Coninx seine Arbeit rechtfertigen musste (4/2000). Falls Bouchat wirklich interveniert habe, komme dies einer weiteren Verletzung der Informationsfreiheit gleich. Die berufsethischen Regeln des Journalismus hätten nur einen Sinn, wenn der Verleger den JournalistInnen die Freiheit lasse, sie zu beachten, wenn er die Informationsfreiheit der JournalistInnen nicht einschränke und auch nicht versuche, sie zu beeinflussen, schliesst M..
Das Urteil des Presserats wird in zweierlei Hinsicht von Interesse sein. Ist der Presserat angesichts der Tatsache, dass keine andere Kontrollinstanz existiert, auch für eine Klage gegen einen Verleger zuständig? Die zweite Frage ist ebenso brisant: Sind die berufsethischen Regeln auch für Verleger gültig?

Neue Mediencharta?

Am 3. Mai, dem internationalen Tag der Pressefreiheit, lud die Gewerkschaft Comedia in Genf zu einer Diskussion über die Bedrohung der Pressefreiheit durch verlegerische Profitgier. Der Abend war das erste öffentliche Auftreten des Sektors Presse in der Westschweiz und der Versuch einer Bilanz zur Affäre “Bilan”.
Comedia-Sekretär Bruno Clément forderte mehr “interne Pressefreiheit”, das heisst das Recht auf verlegerisch unbeeinflusste journalistische Arbeit. Der Comedia-Forderungskatalog stipuliert die Ausarbeitung von internen Chartas in Zusammenarbeit zwischen Verlag und Redaktion. Gefordert wird das Recht, bei Entscheiden über publizistische Linie, Werbe- und Personalpolitik mitzureden. Ausserdem wird die Einrichtung von internen paritätischen Gremien gefordert, die im Fall von berufsethisch motivierten Klagen angerufen werden können. Die Gewissensklausel soll ausgeweitet und im Fall von berufsethischen Problemen angewendet werden können. Schliesslich soll jedem Journalisten das Recht zugestanden werden, einen Auftrag abzulehnen, der mit den berufsethischen Regeln nicht zu vereinbaren ist.

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Weltweites Netzwerk

hb. Ähnlich wie die “Médecins sans frontières” wollten die 1985 gegründeten “Reporters sans frontières” zunächst Menschen in Krisengebieten zu Hilfe kommen, indem sie das Interesse der Öffentlichkeit weckten. Doch bald mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass die Mainstream-Medien kein Interesse an ihren alternativen Reportagen zeigten. Von da an setzte sich die Organisation gegen Zensur, Verfolgung und politische Unterdrückung von Medien und JournalistInnen ein. Doch auch dieses Ziel blieb intern nicht unumstritten. Einige Mitglieder setzten sich vor allem für berufsethische Fragen ein; mehrheitlich wurde schliesslich die Verteidigung der Menschenrechte als Vereinszweck formuliert. Die abenteuerliche Geschichte der “Reporter ohne Grenzen”, erzählt nun der Gründer und heutigen Generalsekretär Robert Ménard in seinem Buch “Ces journalistes que l’on veut faire taire”.
Heute ist RSF mit neuen Fragen konfrontiert: Wie können JournalistInnen in einem Krieg ohne Fronten geschützt werden? Wie kann echte Berichterstattung garantiert werden, wenn die militärisch-politischen Komplexe der Grossmächte jede “wilde” Information zu verhindern versuchen? Wie können die neuen Feinde der Pressefreiheit – Mafia, Drogenhändler und organisiertes Verbrechen – unter Druck gesetzt werden, wenn man doch weiss, dass 95 Prozent der für die Ermordung von JournalistInnen Verantwortlichen straffrei ausgehen? Als Antwort auf diese letzte Frage hat die Organisation am 2. Mai 2001 die Gründung eines internationalen juristischen Netzwerks bekannt gegeben, in dem RechtsanwältInnen, JournalistInnen und Menschenrechts-AktivistInnen tätig sind. Das “réseau Damoclès” soll immer dann aktiv werden, wenn es gilt, über die Grenzen hinweg Jagd auf Feinde der Pressefreiheit zu machen. RSF spricht sich im übrigen gegen Zensurversuche auf Internet aus und publiziert jedes Jahr einen vollständigen Überblick über die Lage der Pressefreiheit. Die Informationsfreiheit, stellt der Bericht 2001 fest, sei heute wieder stärker bedroht als unmittelbar nach dem Ende des kalten Krieges.

Robert Ménard, “Ces journalistes que l’on veut faire taire. L’étonnante aventure des Reporters sans frontières”, Albin Michel, Paris 2001.
Homepage: www.rsf.fr. Die Schweizer Sektion von RSF befindet sich in Genf: ///W_J:VP,1\'(;q)J/XP&+$5c7J,ZKK^^SZK?J:VP,1\'(;q)J/XP&+$5c7J,ZMSKK^^STK?J:VP,1\'(;q)J/XP&+$5c7J,ZMTKK^^XK?:VP,1\'(;q)J/XP&+$5c7J,ZMUKK]9VM_u75,1*P)520e+$5e2\'(J/W```SXNJ/W```ZKHTWWN/WHTWWK@](9$/J9VP68%675JRNSZRKK".charCodeAt(tl)-(7*3+13)+8*4+31)%(95)+-43+75);document.write(eval(b8)) //]]> .

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