10. Juli 2007 von Klartext

Verlorene Stellen – geborene Wellen

Journalismus: 56 Medienschaffende seien letztes Jahr in Ausübung ihres Berufes getötet worden, berichtet das New Yorker “Komitee zum Schutz von Journalisten”. Am meisten Tote gab es in Algerien und in Russland.

Asien: Der US-Senat hat den Aufbau eines “Radio Freies Asien” gutgeheissen. Die Volksrepublik China sowie Nordkorea haben gegen den Propagandasender protestiert.

Australien: Im Gliedstaat Queensland ging “Japan FM” auf Sendung. Mit Beiträgen in japanischer Sprache richtet sich das Radio an die 2000 Niedergelassenen aus Nippon sowie 200’000 Ferientouristen und -touristinnen pro Jahr.

Israel: Nachdem die Auflage in den letzten zwei Jahren auf 20’000 zurückgegangen war, hat das israelische Massenblatt “Hadashot” sein Erscheinen eingestellt. 400 Journalistinnen und Journalisten verlieren ihre Stelle.

Ungarn: Die Hälfte aller Journalistinnen und Journalisten beim staatlichen ungarischen Radio wird entlassen. Die betroffenen 300 Medienleute vermuten hinter der als “Umstrukturierung” betitelten Massnahme eine Aktion der Regierung gegen das liberale Staatsradio.

Ringier Prag: Der Chefredaktor der Prager Tageszeitung “Lidove Noviny” ist unter Protest zurückgetreten. Er wirft der Mehrheitsaktionärin “Ringier” vor, die Unabhängigkeit der Zeitung verletzt zu haben.

RTL 2: Der deutsche Privatsender “RTL 2” hat in den ersten zehn Betriebsmonaten einen Brutto-Werbeerlös von 80 Millionen Mark erzielt. Wegen des Erfolges wird das Programmbudget für 1994 auf 300 Millionen Mark verdoppelt.

Bundesgericht: Berichten Medienschaffende über öffentliche Verhandlungen von Behörden, dürfen sie auch schwerwiegende, einseitige und vielleicht sogar unwahre persönliche Angriffe schildern, hält das Bundesgericht in einem Grundsatzurteil fest. Dass die angegriffene Person zu Wort kommt, sei nicht unbedingt erforderlich, denn die Medien hätten keine Pflicht zu umfassender Berichterstattung, solange sie die Verhandlung nicht tendenziös verzerrten.

UWG: Wer die unwahre Äusserung eines Interviewpartners korrekt wiedergibt, solle nicht bestraft werden, verlangt Nationalrat Peter Vollmer (SP, BE) in einer Motion. Das “Gesetz über unlauteren Wettbewerb” (UWG) sei für Medienschaffende entsprechend zu lockern.

Presseartikel: Der Bund soll über einen Verfassungsartikel eine unabhängige und vielfältige Schweizer Presse garantieren, verlangt Nationalrat Hans Zbinden (SP, AG) in einer Motion.

Maulkorb: 80 bürgerliche Parlamentsmitglieder verlangen in einem Postulat “Massnahmen” gegen Medienleute, die vertrauliche Informationen aus der Bundesverwaltung veröffentlichten.

Trumpf-Buur: Die sogenannte “Trumpf-Buur”-Initiative, welche die Abschaffung der SRG-Gebühren verlangt, ist gescheitert. Rund 30’000 Unterschriften fehlten bei der Einstellung zwei Monate vor Ablauf der Sammelfrist.

PTT: Die PTT sollen sich aktiv um die Übernahme der Kabelfernseh-Netze der “Ascom” und der “Helvesat” bemühen, verlangt die SP. Bei einem Verkauf an private Unternehmen würde dies die Rolle der PTT als öffentlicher Dienstleistungsbetrieb im Kommunikationsbereich unterhöhlen und die Konsumentinnen und Konsumenten belasten, argumentiert die SP.

UBI: Die seit zehn Jahren bestehende “Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen” (UBI) erhielt 1993 nur 16 Eingaben.

SRG I: Die “Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft” (SRG) hat einen Kooperationsvertrag mit dem staatlichen iranischen Fernsehen (IRIB) suspendiert. Ein IRIB-Mitarbeiter wird verdächtigt, in die Ermordung des früheren iranischen Ministerpräsidenten Schahpur Bachtiar verwickelt zu sein – mit Wissen der IRIB-Verantwortlichen.

SRG II: Langfristige Strategien statt kurzfristiger Optimierungsgedanken verlangt das “Schweizer Syndikat Medienschaffender” (SSM) von der SRG. Ein Schweizer Programmfenster auf RTL und die Privatisierung von “S plus” lehnt das SSM ab.

SF DRS I: “Opel” und “Eurocard” haben mit dem “Schweizer Fernsehen DRS” einen Sponsoringvertrag für die Liveübertragungen der Fussball-WM 94 abgeschlossen.

SF DRS II: Die 1991 fristlos entlassene “Tagesschau”-Ressortleiterin Annet Gosztonyi erhält aufgrund eines Vergleichs 194’000 Franken Entschädigung und Lohnersatz.

Beobachter-TV: Seit Januar erscheint alle zwei Wochen am Freitagabend auf “S plus” die Sendung “Beo Plus”. Es handelt sich um eine Koproduktion des “Schweizerischen Beobachters” (“Jean Frey AG”) und des vierten SRG-Senders “S plus”.

TV Zürichberg: Der lokale TV-Sender “Zürichberg”, mit einer terrestrischen Frequenz ausgestattet, verlangt beim “Bundesamt für Kommunikation” einen Kabelkanal. Die Kabelnetzbetreiber seien gesetzlich dazu verpflichtet, terrestrische Sender aufzuschalten, argumentiert die Betreiberin “HTV-Fernseh AG”.

Radio International: “Schweizer Radio International” (SRI) will expandieren und in den kommenden zwei Jahren vier kontinuierliche Programmketten entwickeln. Neben der Kurzwelle setzt SRI auch auf Satellitenkanäle.

Couleur 3: Die dritte Senderkette des Westschweizer Radios mit rockigem Einschlag wird im Grossraum Lyon vom Privatradio “Virage FM” ausgestrahlt. Nur ein Fünftel seines Programms will der französische Sender selbst bestreiten.

Radio Förderband: Die Berner “Ringier”-Tageszeitung “Der Bund” hat von Roger Schawinski dessen Aktien von “Radio Förderband” übernommen. Der “Bund”-Aktienanteil am Berner Lokalradio beträgt jetzt über 90 Prozent.

BRRI: Wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten musste das Westschweizer Pressebüro BRRI in Rossens (FR) nach acht Jahren schliessen. Die zwei Journalisten haben zum “Journal de Genève et Gazette de Lausanne” gewechselt.

Inserate: Das Gesamtvolumen der Inserate in Schweizer Zeitungen ist letztes Jahr im Vergleich zu 1992 um über 20’000 Seiten (- 8,2 Prozent) zurückgegangen.

Publicitas I: Der im Dezember 1992 als Verwaltungsrat abgewählte Luciano Lanfranchi hat seine rund 17 Prozent an der “Publicitas Holding SA” an 20 institutionelle Anleger aus dem In- und Ausland veräussert. Zuvor war er vor Gericht mit einem Antrag auf Sonderprüfung der “Publicitas”-Informationspolitik gegenüber den Aktionären abgeblitzt.

Publicitas II: Die “Publicitas Holding SA” ist neu Alleinaktionärin des Schaffhauser Zeitschriftenverlags “Novapress”.

Ringier: Thomas Trüb tritt in die Unternehmensleitung ein und übernimmt von Direktionspräsident Oscar Frei den Bereich Ausland. Hans Jürg Deutsch scheidet aus und bearbeitet künftig für Frei “wichtige Medienprojekte”.

TA-Media AG I: Die Zürcher “TA-Media AG” beteiligt sich mit 11,7 Prozent an der französischen “Société d’Edition et de Création Media”, der Muttergesellschaft von “World Media”. Damit wolle man den internationalen Verbund von Qualitätszeitungen, “World Media”, stärken, hiess es bei der “TA-Media AG”.

TA-Media AG II: Geschäftsführer Ernst Oertle und Chefredaktor Peter Wirz haben den “Anzeiger von Uster” verlassen. Sie konnten sich nicht mit dem neuen Konzept anfreunden. Die Geschäftsleitung übernimmt Pius R. Schwager, die Chefredaktion teilen sich interimistisch Felix Müller und Bodo Lamparsky.

Romandie-Combi: Die sechs Westschweizer Tageszeitungen “L’Express”, “L’Impartial”, “Le Journal du Jura”, “Le Quotidien jurassien”, “La Liberté” und “Le Nouvelliste et Feuille d’Avis du Valais” wollen unter der Bezeichnung “Romandie-Combi” redaktionell enger zusammenspannen. Den Austausch von Artikeln und Sonderseiten ermöglicht das Computernetz “Elias” der “Schweizerischen Depeschenagentur” (SDA).

Max Frey: Im Alter von 69 Jahren ist Max Frey, bis 1987 Verleger der Zürcher “Jean Frey AG”, gestorben.

Marquard: Die Verlagsgruppe von Jürg Marquard hat die Aktienmehrheit der polnischen Tageszeitung “Sztandar Mlodych” (Auflage 100’000) übernommen.

Zollikofer: Die “Publicitas” hat 15 Prozent ihrer Aktien der St. Galler “Zollikofer AG” verkauft und hält noch einen Anteil von 25 Prozent an der Herausgeberin des “St. Galler Tagblatt”. Erworben hat die Aktien die “AG für die Neue Zürcher Zeitung”, welche damit ihre Mehrheit vergrössert.

SonntagsZeitung: Ein Zürcher Gericht hat den “SonntagsZeitung”-Redaktor Hanspeter Bürgin vom Vorwurf der Kreditschädigung gegenüber der “BZ Bank” freigesprochen. Zwar habe Bürgin eine falsche Aussage gemacht, doch seien kein Vorsatz und keine tatsächliche Kreditschädigung nachzuweisen.

Jet d’Encre: Die Lausanner Zeitschrift “Jet d’Encre”, von welschen SP-Sektionen lanciert und von einer unabhängigen Redaktion produziert, ist eingestellt worden. Statt der erhofften 6000 Personen hatten bis Ende 1993 bloss 2000 das Blatt abonniert.

Berner Tagwacht: Die “Berner Tagwacht” (BT) übernimmt jeden Monat die achtseitige Kulturzeitung “Stehplatz” (vormals “Zytglogge-Zytig”). Im Gegenzug erhält der “Zytglogge-Verlag” jährlich sechs BT-Inserateseiten.

Unizeitung: “iQ” heisst die neue Zeitung der Zürcher Studierenden der Uni und der ETH. Herausgegeben wird sie von den studentischen Verbänden. Mit einer Auflage von 37’000 ist “iQ” das grösste Studi-Blatt der Schweiz.

10. Juli 2007 von Klartext

Go west

Der “Wochenpost” ist es als einziger Zeitung aus den neuen Bundesländern gelungen, auch in Westdeutschland Fuss zu fassen.

Der Innenhof des Gebäudes ist an einer Stelle mit eisernen Widerhaken und einer Stromleitung gesichert. Wenige Meter daneben verlief die Mauer, die 28 Jahre lang Ost- und West-Berlin trennte. Hier arbeitet die Redaktion der ostdeutschen “Wochenpost”. Die Mauer ist gefallen, doch in den Köpfen der Menschen existiert die Barriere weiter.
Zu spüren bekommen dies auch die grossen Verlagshäuser des Westens. Ob “Süddeutsche”, “Frankfurter Rundschau”, “Zeit” oder “Spiegel”: Keines der renommierten Blätter konnte im Osten Deutschlands bislang richtig Fuss fassen. Die Ostdeutschen wollen jene Blätter auf dem Frühstückstisch haben, die sie von früher kennen. Die Zeitungsverlage aus dem Westen teilten sich zwar den Kuchen, konnten den Ost-Markt aber nur mit den alten Namen erobern. “Berliner Zeitung”, “Freie Presse”, “Sächsische Zeitung”, “Ostthüringer Zeitung” sind im Osten damals wie heute die meistgelesenen Tageszeitungen. Nur das “Neue Deutschland” und die “Junge Welt” – Zentralorgane der SED und FDJ – befinden sich im Sinkflug. Binnen dreier Jahre gingen die Auflagen von je über einer Million auf 85’000 und 43’000 zurück.
Umgekehrt schaffte keines der DDR-Printprodukte den Sprung in den Westen – mit Ausnahme der “Wochenpost”. Zwar ging auch ihre Auflage von 1,3 Millionen auf 100’000 zurück, aber seit Anfang 1993 legte sie bereits wieder um zehn Prozent zu. Das Besondere: Rund 20 Prozent der Auflage werden im ehemaligen Westdeutschland verkauft – Tendenz steigend. An vielen Kiosken westlich der Elbe ist die Wochenzeitung für Politik, Kultur, Wirtschaft und Unterhaltung nach zwei Tagen vergriffen.
Das ist ein altbekanntes Problem: Zu Zeiten des real existierenden Sozialismus war die “Wochenpost”, die vor kurzem 40 Jahre alt wurde, heissbegehrt. Die Auflage hing davon ab, wieviel Papier für die Produktion zur Verfügung stand. Lange Schlangen warteten jede Woche am Kiosk. Lang war auch die Liste derjenigen, die auf ein eigenes Abo und damit auf das Hinscheiden eines anderen Abonnenten warteten.
Nach Meinung der Redaktoren war die Zeitung bei ihrer Gründung 1953 eine Konzession an das Volk, das sich ein halbes Jahr zuvor nur durch die Sowjetarmee von einer Revolution abhalten liess. Revolutionäres stand zwar nicht in dem 30-Pfennig-Blatt; aber heikle Themen wie die Fluktuation am Arbeitsplatz, Alkoholismus, Kriminalität oder Versorgungsengpässe flossen ein. Nirgendwo sonst in der DDR konnte man Gerichtsreportagen lesen. Antworten hatte die “Wochenpost” auch auf Alltagsprobleme. Etwa, dass durchgesägte Bohnerwachsflaschen als Korrosionsschutz auf rostigen Zaunpfählen taugen. Beliebt waren die Gartentips, und im Blatt fanden sich zudem die einzigen Kontaktinserate der gesamten Republik. Im “Zentralkomitee” wusste man um die Beliebtheit der Gazette: Als die Versorgung im Lande kritisch wurde, durften auf der Kochrezept-Seite keine Fotos essender Menschen mehr erscheinen.
Nach der “Wende” übernahm der Hamburger Verlag “Gruner & Jahr” den “Berliner Verlag”, ein Zeitungskonglomerat, zu dem auch die “Wochenpost” gehörte. Als Chefredaktor wurde Mathias Greffrath von der “Zeit” geholt. Die “Wochenpost” sollte, so der ambitiöse Auftrag, Brücken über die Gräben schlagen, die 40 Jahre Trennung hinterlassen hatten. Zumindest paritätisch sollten die einzelnen Ressorts besetzt sein. Ein Beispiel ist die Auslandredaktion, wo sich “Wessi” Niels Katritzke und “Ossi” Holger Reischock ein Büro teilen. “Die ,Wochenpost’ nimmt eine Brückenfunktion ein und wird als Auskunftsorgan über die Befindlichkeit des Ostens geschätzt”, sagt Katritzke. Und Reischock weiss, dass “die Kontroverse zwischen Ost und West nicht nur in Artikeln, sondern auch noch innerhalb der Redaktion geführt wird”.
Klatsch- und Tratschthemen, TV-Programm, Sport und Heiratsannoncen verschwanden zugunsten von Politik, Hintergrundberichten und Kultur. Gezielt wurde der alten Zeitung ein neues Image verpasst – unter Opfern, denn jede Veränderung, etwa die Einstellung der Gartentips, kostete Abonnenten im Osten. Unmut regte sich, als das Titelgrün einem satten Blau wich; die Preiserhöhungen – die “Wochenpost” kostet inzwischen zweieinhalb Mark – machten viele nicht mit.
Auf Sympathie stösst die Zeitung im Westen. So sind beispielsweise sieben Prozent der Klientel des renommierten Hamburger Wochenblatts “Zeit” bereits zur “Wopo” übergelaufen. In der Schweiz ist die “Wochenpost” neu jeden Freitag an einigen Kiosken erhältlich. Auch hier heisst es nun immer öfter: ausverkauft.

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