10. Juli 2007 von Klartext

Aus der Retorte

“… so muss sich Walter keine präzisen Vorstellungen von Konfliktabläufen beim TAGES-ANZEIGER machen, von Redaktions-Sitzungen und Zensurmechanismen, denn der TAGES-ANZEIGER kommt ja nicht vor, nur die SCHWEIZER-ZEITUNG, aber die hat in Walters Buch ein Magazin, und ein Auto-Importeur sperrt ihr die Inserate (hat man das nicht auch schon gehört), aber indem Walter diese Zeitung SCHWEIZER-ZEITUNG nennt und nicht TAGES-ANZEIGER, ist er fein raus …”
1983 hat Niklaus Meienberg Otto F. Walter (“Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht”) Drückebergerei vor der Wirklichkeit vorgeworfen. Einen ebenso begabten Subrealisten wie Walter sehen wir zehn Jahre später in “Das Funkhaus”* am Werk: Eine Journalistin kommt in die Stadt “Laville”, gelegen “in einem Land, das die schnellste und genaueste Verwaltung der Welt besitzt”. Aus dem Radio tönt ihr die Stimme von “Monsieur Croque” entgegen, dem es seinerzeit “gegen den Widerstand der Behörden gelungen” war, “den ersten privaten Sender des Landes durchzusetzen”. Die Journalistin freilich ist dem staatlichen Rundfunk assoziiert. In Laville soll sie eine interne Affäre untersuchen: Dank Protektion hat es ein junger Mann aus bestem Haus nach einer Karriere als Terrorist einige Zeit geschafft, unter dem Mädchennamen seiner Mutter beim Rundfunk zu arbeiten. Jetzt ist alles aufgeflogen (hat man das nicht auch schon gehört).
Der Unwille des Autors, die Dinge zu benennen, infiziert den Roman nachhaltig. Alle Klischees versammelt er und schwenkt Namen wie Signaltafeln. Das Rauhbein in der Chefetage heisst Hardt. Des Ex-Terroristen Vorname ist Rother. Der böse graue Kapitalist im Hintergrund hört auf den Namen Ascher. Und selbstverständlich wird im Funkhaus die Wahrheit mit allen Mitteln unterdrückt und jeder und jede, der oder die nicht mehr kann oder will oder soll, brutal kalt gemacht. Der erste wird mit einem Brieföffner erstochen. Der zweite erhängt sich im Büro. Der dritte rast mit seiner Chefkarosse (freiwillig?) in einen Abgrund. Der vierte wird von Bösewichten in unwegsamem Gelände von der Strasse abgedrängt. Wenn hierzulande die Journaille mit so hoher Kadenz stürbe wie bei Dante Andrea Franzetti, so hätten wir trotz Rezession keine arbeitslosen Medienleute. Doch eben: Laville ist eine Retortenstadt.

* Dante Andrea Franzetti: “Das Funkhaus”. Piper Verlag, München 1993, 247 Seiten. Fr. 34.-.

10. Juli 2007 von Klartext

Schnee von gestern

Unter der SRG-Sparfuchtel will Radiodirektor Andreas Blum die drei DRS-Radioketten umgestalten und eine neue Programmstruktur entwickeln. Zwangsläufige Folge: noch mehr Annäherung an die Privaten.

Ob SVP-Bundesrat Adolf Ogi oder FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann, ob Direktor Marc Furrer vom “Bundesamt für Kommunikation” oder Generaldirektor Antonio Riva von der SRG, die Repräsentanten des landesüblichen Masses an medienpolitischem Sachverstand sind sich einig: Seit allerlei lustige Privatradio-Darbietungen durch Helvetiens Äther geistern, haben sich die Radioprogramme der SRG mächtig verbessert – denn Konkurrenz tut bekanntlich allemal gut.
Den Herren müssen die hirntötenden Telefonspiele und der sauglatte Sound, mit denen private Kommerzstationen die Pausen zwischen den automatisch abgespulten Musikbändern füllen, als schiere Hörfunk-Innovationen vorkommen. Und sie scheinen den Eifer zu schätzen, mit dem derlei akustischer Firlefanz zunehmend auf der ersten und dritten Kette von “Schweizer Radio DRS” kopiert wird. Anders ist das unablässig repetierte Hohelied auf die angeblich qualitätssteigernde Wirkung der Privaten nicht zu deuten.
In Wahrheit nämlich magert das Radioangebot der SRG kontinuierlich ab, seit hierzulande sogenannte Lokalradios lanciert worden sind. Und pünktlich zum Zehn-Jahr-Jubiläum der Privatfunk-Szene beglückt DRS-Radiodirektor Andreas Blum die Macherinnen und Macher in den Studios mit den neusten und bislang wohl einschneidendsten Demontagepläne: Bis Anfang November soll sich die Belegschaft zu einem direktorialen “internen Arbeitspapier” (Titel: “Radio 95/96”) äussern, in welchem der Chef “eine neue Programmstruktur” skizziert, die sich zum Teil auffallend deutlich am Lokalradio-Level orientiert und zudem 34 DRS-Stellen überflüssig macht.
Selbstverständlich sind auch diesmal wieder die knappen Finanzen schuld an dem Abbauprogramm. Denn die SRG – obzwar problemlos in der Lage, mindestens 30 Millionen Franken jährlich für den TV-Zwitterkanal “S plus” zu erübrigen – hat in ihrem “Fünfjahresplan 1994-1998” dekretiert, dass das DRS-Radio im Programmbereich ab 1995 jährlich 1,5 Millionen Franken einsparen muss. 1998 wird das Budget für die drei Radioketten also um rund sechs Millionen Franken kleiner sein als 1994.
Das weniger werdende Geld macht es laut Blum “unvermeidlich, dass programmliche Substanz verloren geht”. Der Radiodirektor hat sich denn auch damit abgefunden, dass nach dem geplanten Leistungsabbau die Erfüllung des Programmauftrags – immerhin die Legitimation für die Gebührenfinanzierung – nur noch “grundsätzlich” gewährleistet bleibt. Zudem ortet er noch weitere “verschärfte Rahmenbedingungen”, weil seine Sender “seit Einführung der Privat-Konkurrenz laufend Terrain eingebüsst” haben: Der DRS-Marktanteil sank von 1984 bis 1982 von 69 auf 53 Prozent.
Beeindruckt von den Markterfolgen der Kommerz-Konkurrenz, postuliert nun Blum für die Vormittags- und Nachmittags-, teils aber auch für die Abendprogramme eine klare Angleichung an den von den Privatradios gewohnten Ton von musikalischer Stromlinie und verbaler Unverbindlichkeit. Und vor allem: Er will den programmlichen Auftritt der drei DRS-Ketten neu und exakter definieren – mit unübersehbarem Seitenblick auf die Lokalsender.
● “DRS 1” soll laut Blum einerseits “das Mehrheits-Programm für die konservative Bevölkerung” sein, andererseits “das Programm mit dem breitesten Angebot an tagesaktueller Information” – Pech für den fortschrittlichen Teil der Bevölkerung, die sich ebenfalls breit informieren will. Alle vertiefenden Wort-Hintergrundsendungen (“Doppelpunkt”, “Z. B.”, “Familienrat”) sollen “zu ,DRS 2′ tranferiert” werden.
● “DRS 2” soll “das Kultur-Programm” bleiben, und zwar “mit einem inhaltlich breiten Angebot”. Denn “neu werden alle substantiellen Wort-Inhalte auf ,DRS 2′ programmiert”. Bloss: Die aktuelle Kultur-Information – heute “Reflexe Journal” – wird “in der bestehenden Form aufgegeben”. Und ausserdem wünscht sich Blum just auf dem “Kultur-Programm” eine “Reduktion der Bereiche Literatur, Kunst, Theater”.
● “DRS 3” soll “ein Musik-Sender mit einer breiten Ausrichtung auf die aktuelle U-Musik” sein und “spricht das jüngere Publikum mit eher urbaner, eher progressiver Werthaltung an”. Erwartet das progressive Publikum aber entsprechende Beiträge, wartet es künftig noch länger als bisher: “Die Wort-Beiträge”, so Blum, “sind im Rahmen des aktuellen Themen-Spektrums zu reduzieren.”
Noch steht nicht fest, wie die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von “Radio DRS” auf die Abbau-Ideen ihres Direktors reagieren werden. Wie immer aber die Umstrukturierung im Detail ausgestaltet werden wird: Klar scheint, dass sich die DRS-Programme – trotz ihrer unbestrittenen Leaderposition im Bereich Information – insgesamt noch mehr als bisher den seichten Standards der Privatsender annähern werden.
An solche Anpassungsstrategie, von DRS-Direktor Blum als unvermeidlich taxiert, glauben freilich bei weitem nicht alle Chefs von öffentlichen Radiostationen. Im Gegenteil: Manchen gilt sie als Schnee von gestern.
Die gewiss nicht unprofessionelle britische BBC beispielsweise, von zahllosen Privatradios bedrängt, verzichtet fortan bewusst auf Programmelemente, wie sie bei den Kommerzlern üblich sind und setzt auf einen verstärkten Ausbau der Wortsendungen.
Und der “Österreichische Rundfunk” (ORF), der sich ab nächstem Jahr privater Radio-Konkurrenz wird stellen müssen, hat bereits eine Rangordnung der Hörfunk-Sparten aufgestellt, die 1994 mit zusätzlichen finanziellen Mitteln rechnen dürfen: Kultur, E-Musik, Wissenschaft, Religion, Sport – in dieser Reihenfolge.

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