10. Juli 2007 von Klartext

Busen weg

Die Busen- und Po-TV-Sender “Sat 1” und “RTL plus” ziehen nicht nur aus, sondern auch an: Letztes Jahr haben die Werbeeinnahmen der deutschen Privatsender erstmals diejenigen von ARD und ZDF übertroffen. Bei insgesamt 3,5 Milliarden Mark an Nettoeinnahmen aus der Fernsehwerbung liegt die Kölner TV-Anstalt “RTL plus” mit mehr als einer Milliarde Mark klar in Führung. Auf Rang zwei folgt “Sat 1” mit rund 802 Millionen Mark. Obwohl die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF nach Zuschauerzahlen noch immer vorne liegen, wurden sie mit ihrem gemeinsamen Werbeertrag von knapp 1,5 Milliarden Mark klar auf die Positionen drei und vier verwiesen. Prozentual den grössten Zuwachs an Werbegeldern konnte hingegen der Münchner Serien- und Spielfilmkanal “Pro 7” verbuchen: Er meldete für 1991 eine Steigerung von 250 Prozent auf 165 Millionen Mark. Mit knapp 42 Millionen Mark Einnahmen aus TV-Spots liegt jedoch die vierte private Fernsehstation, “Tele 5”, weit abgeschlagen am Schluss der Rangliste. Mehr als den Spitzenplatz beeindruckte die Zuschauer von “RTL plus” allerdings die Meldung, dass der Kölner Sender im Dezember 1992 die nackte Tatsache “Tutti Frutti”, eine Strip-Show, nach drei Jahren aus dem Programm kippen will, weil die “Luft draussen ist”. Bevor die geschockten Voyeure aber selbst tief Luft holen mussten, beruhigten sie die Programmverantwortlichen mit der Ankündigung, dass “RTL plus” natürlich auch in Zukunft eine Erotik-Show ausstrahlen werde.

Kopf ab
Die US-Zuschauer, denen Ted Turners Nachrichtensender CNN bislang zu wenig Gewalt gebracht hat, dürfen sich ab Herbst daran erfreuen, wie Duffy Duck der Kopf weggesprengt oder wie Tom und Jerry von einer Dampfwalze plattgedrückt werden. Im Oktober nämlich will Turner, Chef der Fernsehgesellschaft “Turner Broadcasting System” (TBS), den Zeichentrickfilm-Kanal “The Cartoon Network” via Kabel lancieren. Gefüttert wird der 24-Stunden-Sender mit den Programmen, die TBS 1990 für 320 Millionen Dollar von der Trickfilm-Firma “Hanna-Barbera” gekauft hat.

Zerstückelte Körper
Der amerikanische Nachrichtendienst CIA ist frustriert darüber, dass der News-Kanal CNN ihm während der Kuwait-Krise laufend die Show gestohlen hat. Deshalb will er jetzt unter dem Vorsitz von Präsident George Bush einen eigenen Nachrichtenkanal, ein “real-time electronic information broadcast”, aufbauen. Viele Zuschauer wird “Spy Channel” allerdings kaum haben: Neben dem CIA-Hauptquartier sollen lediglich ausgewählte Mitarbeiter von hundert Aussenstellen das kodierte Programm empfangen dürfen. Dafür werden diese im Kriegsfall auch die Bilder von zerstückelten Körpern der Opfer zu sehen bekommen, die die US-Regierung ihren Bürgerinnen und Bürgern während der Aktion “Desert Storm” aus Imagegründen vorenthalten hat.

Leiche geschändet
In der ehemaligen Sowjetunion gibt es keine Wahrheit mehr: Am 14. März erschien die letzte Ausgabe der achtzig Jahre alten Parteizeitung “Prawda”. Zwar besass das einstige Dreizehn-Millionen-Blatt kurz vor seinem Tod noch immer eine Auflage von rund 1,5 Millionen Exemplaren, doch der niedrige Verkaufspreis reichte nicht mehr, um die steigenden Kosten zu decken. Bereits im Januar waren die Abonnementseinnahmen für 1992 aufgebraucht. Nach dem Putsch gegen Michail Gorbatschow im letzten Sommer, den die “Prawda” begrüsst hatte, verlor die Zeitung die staatlichen Subventionen. Vor allem die massiv gestiegenen Papierpreise beschleunigten das Ende. Die letzte Ausgabe konnte deshalb nur noch in einer Auflage von 100’000 Exemplaren gedruckt werden. Viele orthodoxe Kommunisten empfinden die Stillegung der von Lenin 1912 gegründeten Zeitung als Leichenschändung.

1400 liquidiert
Die Spitzenmanager der “Axel Springer Verlag AG” sind gar nicht zufrieden mit dem letzten Jahr. 1991 schmolz der Gewinn des Hamburger Medienmultis wegen der immensen Verluste von 100 Millionen Mark im Ausland (“Claro”-Flop in Spanien) und wegen der hohen Anlaufkosten in Ostdeutschland auf ein Drittel des Vorjahresergebnisses (65 Millionen Mark) zusammen. Deshalb wollen die Bosse der grössten deutschen Zeitungsgruppe jetzt zu harten Massnahmen greifen. Darunter verstehen sie allerdings nicht die Kürzung ihrer Topgehälter, sondern sie streichen “als Signal an die Mitarbeiter” den Aktionären die Dividende. Zudem werden 1992 und 1993 nicht weniger als 1400 von insgesamt 12’620 Arbeitsplätzen des weltweit tätigen Medienkonzerns liquidiert. Von dieser “Kostensenkungsmassnahme” erhofft sich die “Springer”-Spitze jährliche Einsparungen von 160 bis 165 Millionen Mark.

Leser killen
Kurt Falk, ehemaliger Mitbesitzer des österreichischen Blut- und Massenblattes “Krone”, wetzt wieder einmal die Messer: “Dem deutschen Zeitungsmonopol in Österreich” soll der Garaus gemacht werden. Mit der Lancierung einer eigenen Boulevardzeitung zum Dumpingpreis von drei Schillingen (40 Rappen) will er der auflagestärksten Tageszeitung “Krone”, an der die deutsche WAZ-Gruppe massgeblich beteiligt ist, die Leser killen. Österreichische Branchenkenner gehen aber davon aus, dass Falks plötzliche Heimatliebe nur vorgeschoben ist: Falk braucht das neue Massenblatt vor allem, um sein für 125 Millionen Franken neuerstelltes Druckzentrum auszulasten.

Auszug
Seit die “Schweizerische Nationalbank” die “Orell Füssli Graphische Betriebe AG” übernommen hat, muss eine OF-Zeitschrift nach der andern ausziehen. Nach den Titeln “Orella”, “Treff”, “Spiel mit”, “Internationales Waffenmagazin” (alle neu bei der “Habegger AG” in Derendingen) und “Turicum”, das an die “Zürichsee Medien AG” (ZSM) verscherbelt wurde, sind nun das “Kursblatt der Zürcher Börse” und eine medizinische Fachzeitschrift an der Reihe. Auch diesmal bietet die ZSM neuen Unterschlupf.

Vogelzug
Die Schweizer Grossverleger schwärmen aus wie die Zugvögel: Während es “Ringier” nach Osten treibt, macht sich die Lausanner Verlegerfamilie Lamunière im Südwesten Europas breit: Ihr Verlagshaus “Edipresse” steigt mit der Übernahme des Lissabonner Verlags “Projornal” zum grössten ausländischen Verleger in Portugal auf. “Projornal” gibt die Wochenzeitschrift “O Jornal”, die “Illustrado”, das Kunst- und Medienblatt “Seze” und die Literaturzeitschrift “J. L.” heraus. Die Gesamtauflage aller Verlagstitel beträgt 195’000 Exemplare. Ausserdem gehören der portugiesischen “Edipresse”-Tochter 41 Prozent des wichtigsten Radiosenders TSF sowie ein Buchverlag. In Spanien sind die Lausanner seit der Übernahme des Verlages “Hymsa” bereits zum drittgrössten ausländischen Verleger aufgestiegen.

Beutezug
Während der “Schweizerische Bankverein” noch seinen Millionenverlusten aus dem Absturz des Maxwell-Imperiums nachtrauert, freut sich der Schweizer Bunte-Blättchen-Verleger Jürg Marquard über das Desaster: Die zu seiner Medien-Holding gehörende “Groppera Radio AG” hat aus dem Erbe des britischen Medien-Tycoons die Mehrheitsbeteiligung an der ungarischen Tageszeitung “Magyar Hirlap” (Auflage: 80’000 Exemplare) herausgekauft. Das Budapester Verlagshaus gibt noch eine Reihe weiterer Publikationen heraus. Marquard ist zudem durch den “Magyar Hirlap”-Beutezug Mehrheitseigner an der modernsten Zeitungsdruckerei Ungarns geworden.

Regionalzug
Was lange dauert, wird vielleicht nie etwas. Nachdem der fürstliche Landtag zu Vaduz nach jahrelangen Diskussionen im Frühling 1991 endlich grünes Licht für den Privat-Sender “Radio Liechtenstein” gegeben hat, sind nun im März drei Konzessionsgesuche eingereicht worden. Darunter befindet sich auch dasjenige der “Radio TV AG”, an der die Zürcher “Tages-Anzeiger AG” beteiligt ist. Mit der Realisierung das neuen Lokalsenders wird es allerdings auch künftig nur im Regionalzugs-Tempo vorangehen, weil die Regierung “mit längeren Abklärungen rechnet, da mehrere Projekte vorliegen”. Ausserdem muss die Regierung ihre Wahl erneut dem Liechtensteiner Parlament zur Genehmigung vorlegen.

10. Juli 2007 von Klartext

Mini-Machiavelli

Al Neuharth, der Gründer von “USA Today”, schildert, wie er als grosser Zampano die US-Medienbranche aufmischelte.

Vom Tellerwäscher zum Millionär – das ist die Kurzformel der immer wieder gern erzählten Erfolgsstories amerikanischer Geschäftsleute. Al Neuharth hat sie in seiner Autobiographie “Erfolgsgeheimnisse eines Hundesohnes”* um eine Nuance bereichert: Er begann seine Karriere als Kuhfladen-Aufsammler in der Prärie South Dakotas und beendete sie 1989 als oberster Boss des US-Mediengiganten “Gannett Inc.” mit einem Jahresgehalt von 1,5 Millionen Dollar.
Bereits mit 13 Jahren begriff Klein-Al, dass man mit harter Arbeit und Sparen niemals zu Wohlstand gelangen kann: Als Fleischergeselle besserte er seinen kargen Wochenlohn dadurch auf, dass er beim Abwiegen der Ware für “normale” Kunden den Daumen auf der Waage liess, die Frau des Drugstore-Besitzers, der ihm einen besser bezahlten Job anbieten sollte, hingegen mit besonders grossen und feinen Fleischstücken bediente. Die Strategie zahlte sich aus, und Al wandte sie auch später gern an.
Doch noch mehr als Geld interessierte ihn zeitlebens die Macht. Und sein Leben lang zahlte er es den feinen Leuten heim, dass er 1924 im Nest Eureka, South Dakota, auf der falschen Seite der Eisenbahnlinie geboren wurde: “Ich nutzte die alte und einst ehrliche Kunst – und erfreute mich ihrer – , mich der Macht der Presse zu bedienen, um Freunde zu fördern und meine Feinde zu strafen.”
Seine Lebenserzählung liest sich denn auch wie ein Mini-Machiavelli für Arme-Leute-Kinder, die um jeden Preis nach oben wollen. Und stets ist Al Neuharth der Rächer der Mittellosen, der King, der Beste, der Cleverste. Aber auch – wie sich zwischen den Zeilen mühelos herauslesen lässt – der Skrupelloseste, der Arroganteste und der Egoistischste, der den Hals nie voll genug kriegen kann.
Nachdem seine eigene Wochenzeitung “SoDak Sports” Anfang der fünfziger Jahre kläglich gescheitert war, arbeitete er zunächst als AP-Sportreporter, um mit 30 Jahren zum “Miami Herald”, einer Zeitung der “Knight”-Gruppe, zu wechseln. Im sonnigen Florida machte er sich als Intrigant und kriecherischer Handlanger bei seinen Bossen bald so unentbehrlich, dass er als Mann fürs Grobe zu “Free Press”, dem Flaggschiff der “Knight”-Gruppe, nach Detroit befördert wurde.
Mit 35 Jahren hatte er sich dort so hochgedienert, dass ihn Paul Miller, Chef der damals noch mittelgrossen “Gannett Inc.”, 1964 als Geschäftsleiter für die beiden Tageszeitungen am Firmensitz in Rochester, New York, anheuerte. Neun Jahre brauchte Neuharth, bis er seinen Förderer aus dem Sessel gehebelt hatte und 1973 als 49jähriger selbst oberster Boss von “Gannett” wurde.
Seine Vision, das Unternehmen “von der zweiten Staffel in die Oberliga zu führen und aus ,Gannett’ die grösste Zeitungsgruppe der Vereinigten Staaten zu machen”, setzte er zielstrebig um: Während der siebziger Jahre kaufte er im ganzen Land 46 profitable Tageszeitungen auf – “Gannett” besass damit mehr Zeitungen mit mehr Druckereien in den USA als irgend jemand sonst und beschäftigte von Küste zu Küste mehr als 3000 Journalistinnen und Journalisten. Das nötige Kleingeld dazu holte sich Neuharth nach einem Going Public an der Börse.
Von 1967 bis 1987 steigerten sich die “Gannett”-Umsätze von 186 Millionen auf 3,1 Milliarden Dollar. Zu den rund 30 eigenen Zeitungen kaufte Neuharth als Firmenchef 69 Tageszeitungen, 16 Fernseh- und 29 Radiostationen sowie Nordamerikas grösste Plakatgesellschaft mit über 45’000 Reklameflächen in den USA und Kanada hinzu. Und 1982 überraschte er die Branche mit der landesweiten Lancierung der Tageszeitung “USA Today”.
Sein letztes grosses Geschäft vermasselte Neuharth sein eigenes Ego. 1985 versuchte er, für neun Milliarden Dollar die bis dahin grösste Medienhochzeit der Welt zu arrangieren: “Gannett” sollte mit der in Schwierigkeiten steckenden und von der Übernahme durch Ted Turner bedrohten TV-Anstalt CBS fusionieren. Die Verträge waren bereits unterschriftsreif ausgehandelt, als Neuharth durch einen ungeschickten Entwurf für die gemeinsame Presseerklärung das Ego des obersten CBS-Managers schwer traktierte. “Gannetts” und Neuharths Namen und Bedeutung waren zu stark hervorgehoben. Folge: Der pikierte CBS-Boss liess den Deal in letzter Minute platzen.
Bei Neuharth liest sich das natürlich etwas anders: “Wenn ich darüber nachdenke, sollte ich wahrscheinlich einen leichten Fall von Egomanie gegen Mitte der achtziger Jahre eingestehen.” Die Einschätzung der Londoner “Times”, die mit Rupert Murdoch ihre eigenen Erfahrungen sammeln durfte, wirkt da schon glaubwürdiger: “Verglichen mit Neuharths Ego wirkt der durchschnittliche britische Pressebaron wie eine keusche Blume.”

* Al Neuharth: “S.O.B. Erfolgsgeheimnisse eines Hundesohnes”, Ullstein, Frankfurt 1991, 437 Seiten, Fr. 47.50.

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