9. November 2009 von Bettina Büsser

Journalisten in der Schweiz: Klima-Problem

JournalistInnen in der Schweiz finden ihre Arbeit abwechslungsreich. In der Regel verdienen sie gut – trotzdem sind sie unzufrieden.

Wer genau sind eigentlich die Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz, was tun sie und warum? Eine noch unveröffentlichte Studie* gibt Auskunft. Mitautor Vinzenz Wyss hat KLARTEXT einen ersten Blick in die Ergebnisse gewährt. Da dieselbe Umfrage schon vor zehn Jahren durchgeführt wurde, lassen sich auch Vergleiche auf der Zeitachse anstellen. «Sehr stabil», ist Wyss’ Hauptfazit. Doch dort, wo sich Veränderungen zeigen, gibt es dafür interessante Erklärungen. Etwa beim Alter: Die JournalistInnen sind älter geworden. Vor zehn Jahren waren die meisten 31 bis 35 Jahre alt, heute 36 bis 40. Wyss erklärt das so: «Früher hatten die Leute, die in die PR gingen, einen journalistischen Hintergrund. In der politischen PR ist das noch so, in der Wirtschafts-PR hingegen braucht es sie nicht mehr, sie sind zu kritisch, zu wenig anpassungsfähig. So ist ein Weg, der vom Journalismus wegführt, versperrt, die Leute bleiben im Journalismus.»
Nach wie vor arbeitet eine Mehrheit der JournalistInnen für Zeitungen und Zeitschriften. Und weiterhin ist eine deutliche Mehrheit der Berufsleute männlich; der Frauenanteil liegt knapp über einem Drittel. Klassisch sind die Arbeitsbereiche: In Tages- und Lokalzeitungen, wo vor allem Politik, Wirtschaft und Sport wichtig sind, liegt der Frauenanteil unter dem Durchschnitt. In Wochen- und Sonntagszeitungen, Illustrierten und Zeitschriften hingegen ist er überdurchschnittlich; hier geht es ja zusätzlich um Unterhaltung, People und Lifestyle. «Die Klischeevorstellungen werden schön bestätigt», findet Wyss. Bei den SRG-Sendern hingegen liegen die Frauenanteile über dem Durchschnitt, denn die SRG hat sich selbst eine Frauenquote verordnet.
Fast die Hälfte der JournalistInnen verfügt über einen akademischen Abschluss, allerdings nicht unbedingt auf einem naheliegenden Gebiet wie Publizistik oder Medienwissenschaft. Irgendeine journalistische Ausbildung – von Praktikum bis Hochschule – haben mehr als 80 Prozent der Befragten absolviert. Fast jeder sechste Medienschaffende hat sich das nötige Fachwissen autodidaktisch «on the job» angeeignet. Auffällig auch: Die Zahl derjenigen, die über ein Volontariat in den Beruf eingestiegen sind, nahm im Vergleich zur letzten Studie ab. «Es ist offenbar weniger klar, dass es Plätze in Medienunternehmen gibt, wo Leute den Beruf in der Praxis lernen können», kommentiert Wyss. «Das sehe ich als Deprofessionalisierung.»

Wenig Zeit für Recherche
Die meisten der Befragten verdienten zwischen 4000 und 8000 Franken im Monat. Allerdings wurden die Daten der aktuellen Studie vor der Wirtschaftskrise erhoben; wahrscheinlich sieht die Lohnstatistik heute anders aus. Anders als vor der Krise würden heute vermutlich auch die Antworten zur Berufszufriedenheit ausfallen – obwohl bereits bei der Befragung, die Ende 2007 und Anfang 2008 durchgeführt wurde, rund 40 Prozent der Befragten angaben, sie seien unzufrieden mit der Arbeitsplatzsicherheit. Diese Zahl dürfte nach den Entlassungen in nahezu jedem Medienunternehmen weiter gestiegen sein. Als «abwechslungsreich» bezeichneten fast alle Befragten ihren Beruf, doch fast ein Drittel war unzufrieden mit der Zeit, die für Recherchen bleibt. Und: Zwei Drittel der Befragten zeigten sich bereits vor fast zwei Jahren «unzufrieden» mit dem «Klima in der Medienbranche».
Das Berufsverständnis ist über die Jahre stabil geblieben: Eine gros­se Mehrheit der JournalistInnen sieht sich weiterhin als neutrale BerichterstatterInnen. Eine etwas kleinere Gruppe sieht sich als AnalytikerIn, KritikerIn und KommentatorIn. Weniger genannt werden publikumsorientierte Rollen wie RatgeberIn, DienstleisterIn und AnimatorIn. Ganz am Ende stehen ökonomische Rollenbilder wie InformationsunternehmerIn, VermarkterIn. «Als ‹Vermarkter› benennen sich nur Gratiszeitungs-Journalisten», merkt Wyss an.
Ähnlich sieht es auch bei der Frage aus, wovon sich JournalistInnen beeinflussen lassen. Am häufigsten genannt werden Einflüsse wie die eigenen Vorstellungen über Journalismus, erwartete Vorlieben des Publikums und redaktionelles Selbstverständnis. Dahinter – und immer noch von einer Mehrheit genannt – liegen KollegInnen, andere Medien, Freunde und Bekannte. Nur Minderheiten zählen Publikumsforschung, betriebswirtschaftliche Interessen, gesellschaftliche Akteure und die Werbewirtschaft zu den wichtigen Einflüssen auf ihre Arbeit. Auffällig dabei: MitarbeiterInnen von Gratiszeitungen und von SRG-Fernsehstationen nennen «betriebswirtschaftliche Interessen» weit häufiger als die übrigen Befragten. Und fast die Hälfte der Gratiszeitungs-JournalistInnen bezeichnet die Werbewirtschaft als wichtigen Einfluss. «Es fragt sich, was das längerfristig bedeutet», sagt Wyss. «Gerade bei Gratiszeitungen arbeiten viele junge Leute. Wenn sie im Unternehmen so sozialisiert werden, werden sie dieses Element im Berufsbild auch später für selbstverständlich halten.»

* Die Studie «Journalisten in der Schweiz» erscheint voraussichtlich im Frühling 2010.

Mirko Marr, Vinzenz Wyss, Roger Blum, Heinz Bonfadelli: «Journalisten in der Schweiz. Eigenschaften, Einstellungen, Einflüsse». Reihe Forschungsfeld Kommunikation, Bd. 13, Konstanz, UVK Medien, 2001.

10. Juli 2007 von Klartext

Vorderste Front

Wenn es um persönliche Abrechnungen geht, scheut “Züri Woche”-Chefredaktor Karl Lüönd den Griff in die unterste Schublade nicht.

Klaus Rozsa ist ein Name, der sogar einen gewichtigen Mann wie Karl Lüönd erzittern lässt – nicht vor Angst, sondern aus Wut. Im Juli 1989 glaubte der Chefredaktor ein erstes Mal, seinen Widersacher endlich ertappt zu haben. Rozsa, der eben anlässlich einer Demo von zwei Gesetzeshütern windelweich geprügelt worden war (KLARTEXT 4/89), sei nicht nur ein radikaler Wortführer der Zürcher Chaotenszene, offenbarte Lüönd den Leserinnen und Lesern seiner Gratispostille. Er sei auch einer, der Polizisten gewohnheitsmässig von ganz nahe porträtiere, und derartige Porträts tauchten immer wieder in anonymen Szenenblättchen auf, werweisste Lüönd vielsagend weiter.
Das war Karl Lüönds erstes Eigentor. Denn trotz eifriger Recherchen bei seinen Freunden und Helfern konnte der “Züri Woche”-Chef nie beweisen, dass Rozsa die berüchtigten Amateurbilder tatsächlich geschossen hat. Der von Rozsa verklagte Lüönd wurde schliesslich wegen übler Nachrede verurteilt – vor der versammelten Zürcher Presse, die er persönlich zum Gerichtstermin nach Winterthur geladen hatte. Nachdem im letzten Sommer sogar die prügelnden Polizisten zu bedingten Haftstrafen verknurrt worden waren, erlitt Lüönd am 17. Dezember anlässlich der Berufungsverhandlung vor dem Zürcher Obergericht eine zweite Schlappe: Das erstinstanzliche Urteil – 500 Franken Busse – wurde bestätigt, die Entschädigung an die Gegenpartei von 3000 auf 9000 Franken verdreifacht.
Der Vergeltungsschlag liess nicht lange auf sich warten. In einem “Züri Woche”-Artikel vom 9. Januar schimpfte Lüönd, dass an der “von vermummten Gewalttätern angeführten” Silvester-Demo gegen die Schliessung des alternativen Zürcher Kulturzentrums “Kanzlei” grosser Sachschaden entstanden sei – Demonstrationen “dieser Art”, befand er weiter, müssten wohlvorbereitet sein, und ausgerechnet “ein Mann namens Klaus Rozsa” habe als Speaker “an vorderster Front” mitgewirkt.
Letzte Zweifel wurden mit zwei Fotos ausgeräumt, von denen das eine den unliebsamen Fotografen am Mikrofon zeigt, das andere mit Kamera. Garniert wurde die Lüönd-Schreibe mit einer Belehrung über journalistische Standesregeln und der Bemerkung, “übrigens” sei “das Einbürgerungsgesuch Rozsas noch immer hängig”.
Richtig ist zwar, dass es im Umfeld der “Kanzlei”-Demo zu massiven Sachbeschädigungen kam. Der Umzug wurde indes von so unverdächtigen Quellen wie der Polizei und der “Neuen Zürcher Zeitung” als vorwiegend friedlich eingestuft und die Ausschreitungen einigen wenigen Randalierern zugeschrieben. Die “Interessensgemeinschaft Kanzlei”, namentlich deren Sprecher Klaus Rozsa, hatte denn auch im Vorfeld explizit zu einer “friedlichen Demo” aufgerufen.
Rozsa sprach sich in aller Öffentlichkeit sowohl gegen die Ausschreitungen als auch gegen die Besetzung des “Kanzlei”-Zentrums aus. Tatsächlich hatte der Fotograf vor und nach der Demo ein paar harmlose Bilder von versammelten “Kanzlisten” geschossen. Während des ganzen Umzuges sass er jedoch als offizieller Redner brav im Lautsprecherwagen – nicht “an vorderster Front”, sondern mitten in der Menge -, ohne seine gefährliche Kamera auch nur anzurühren.
Klaus Rozsa wollte es vorerst bei einer Gegendarstellung bewenden lassen, die er in der nächsten “Züri Woche” jedoch vergeblich suchte. Jetzt überlegt sich Rozsa erneut rechtliche Schritte. Denn erst auf Intervention des Rozsa-Anwalts liess sich Lüönd Ende Januar zu einem Teilabdruck auf der Leserbriefseite bewegen und strich den wichtigsten Teil der Gegendarstellung erst noch weg. Dafür rückte er vier – bloss mit Initialen gezeichnete – Leserbriefe ins Blatt. Einheitstenor: Bewahret das Vaterland vor diesem subversiven Ausländer.
Der gebürtige Ungar Rozsa – der 1956 als Zweijähriger nach Zürich kam – kämpft in der Tat seit geraumer Zeit um seine Einbürgerung. Die Gesinnungsschnüffler von Bern wussten diese während Jahren mit einem kommentarlosen Njet zu verhindern. Nach der Offenlegung der Fichen musste die Politpolizei freilich klein beigeben: Trotz intensivster Überwachung konnte dem ach so gefährlichen Fotografen nie etwas Illegales angehängt werden. Ganz im Gegensatz zu manch einem seiner senkrechten Widersacher kann Rozsa nach wie vor auf ein blütenreines Vorstrafenregister verweisen.
Jetzt steht der Einbürgerung des erklärten und aktiven Linksdenkers, das hat Karl Lüönd durchaus richtig erfasst, bloss noch das Gütesiegel der “Bürgerlichen Abteilung” des Zürcher Gemeinderats im Weg – und die ist, wie ihr Name signalisiert, fest in bürgerlichen Händen.

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