10. Juli 2007 von Klartext

“Etwas gar amerikanisch: puritanisch”

Der Filz zwischen Medienschaffenden und Machtträgern aus Politik und Wirtschaft nimmt hierzulande mitunter groteske Formen an. Statt als unabhängige “Wachhunde der Demokratie” funktionieren mehr und mehr Journalistinnen und Journalisten als blosse Lautsprecher der Mächtigen. KLARTEXT legte deshalb einer Reihe von Deutschschweizer Chefredaktoren die einschlägigen “Standards and Ethics” der renommierten “Washington Post” vor und fragte sie, was sie über das Papier denken – und wie sie’s ihrerseits mit der Verhinderung verhängnisvoller Interessenkonflikte halten.

Interessantes Ergebnis: Von 17 befragten Chefredaktoren halten offenbar bloss sieben den Problemkreis “Interessenkonflikte” für überlegenswert. Nicht reagiert auf die KLARTEXT-Umfrage haben Rudolf Bächtold (“Weltwoche”), Karl Bühlmann (“Luzerner Neuste Nachrichten”), Hugo Bütler (“Neue Zürcher Zeitung”), Marco Färber (“Schweizer Radio DRS”), Peter Hartmeier (“Politik und Wirtschaft”), Urs Heller (“SonntagsBlick”), Beat Hurni (“Berner Zeitung”), Hans-Peter Platz (“Basler Zeitung”), Peter Studer (“Schweizer Fernsehen DRS”) und Kurt W. Zimmermann (“SonntagsZeitung”).
Hier die Stellungnahmen der “problembewussten” Redaktionsleiter zu den von Benjamin C. Bradlee, Executive Editor der “Washington Post”, verfassten Richtlinien.
* * *
Ich halte die Richtlinien der “Washington Post” grundsätzlich für richtig und gut. Wir sind uns möglicher Interessenkonflikte bewusst und haben schon länger Vorkehrungen getroffen, die unsere redaktionelle Unabhängigkeit sicherstellen sollen. Entsprechende Fragen sind im Statut oder in Merkblättern geregelt:
● Redaktionsmitglieder des “Tages-Anzeigers” (TA) nehmen eine gewisse Einschränkung ihrer politischen Rechte in Kauf (keine legislativen und exekutiven Ämter auf allen Stufen; keine Tätigkeit im Vorstand oder in anderer leitender Funktion von Parteien oder parteiähnlichen politischen Vereinigungen; kein öffentliches Engagement ausserhalb der Zeitung bei Wahlen sowie bei Initiativen, Referenden, Abstimmungen, Aufrufen, Kampagnen).
● Wer für ein Produkt ausserhalb des TA-Konzerns arbeiten will, wer für einen öffentlichen Auftritt angefragt wird, muss die Chefredaktion orientieren. Regelmässige freie Mitarbeiter haben in ihren Verträgen eine Konkurrenzklausel.
● Einladungen, die einen Interessenkonflikt nicht ausschliessen, lehnen wir ab, oder bezahlen unsere Kosten selbst. So lassen wir uns zum Beispiel von nationalen Tourismusbehörden einladen, nicht aber von Einzelfirmen, die potentiell auch als Inserenten in der Zeitung erscheinen.
Im übrigen meine ich, dass unsere Redaktion von den von Ihnen erwähnten “Interessenkonflikten” etwa gleich betroffen ist wie andere Redaktionen grosser Verlagshäuser. Mit anderen Worten: Die redaktionelle Unabhängigkeit setzt auch ein finanziell gesundes Unternehmens-Umfeld voraus.
THOMAS BILAND, CHEFREDAKTOR A.I.
“TAGES-ANZEIGER” (ZÜRICH)

Die Richtlinien der “Washington Post” beurteilen wir als vorbildlich, streng und detailliert. Einen entsprechenden Standard kennt “Cash” nicht. Einige Punkte sind in den Arbeitsverträgen der Redaktorinnen und Redaktoren enthalten, zum Beispiel die Genehmigung von nebenberuflicher Tätigkeit und von öffentlichen Auftritten.
“Cash” versteht sich als kritische und unabhängige Wirtschaftszeitung, die sich für eine funktionierende Wirtschaft einsetzt. In der Nachrichtenbeschaffung achten wir auf grösstmögliche Objektivität und Fairness allen Beteiligten gegenüber.
Eine Offenlegung der finanziellen Verhältnisse und Geschäftsverbindungen kennen wir nicht. Es besteht auch kein Projekt für einen solchen Zwang, denn die “Cash”-Redaktion unterscheidet sich in einem Punkt ganz klar von der Redaktion der “Washington Post”: in der Grösse. Ein kleines Team ist überblickbar, Verflechtungen und Engagements sind kaum zu verstecken.
Gesinnungsfeldzüge sind für uns absolut tabu. Mit einer Ausnahme, dies sei zugegeben: Wir engagieren uns kompromisslos für eine Integration der Schweiz in Europa.
MARKUS GISLER, CHEFREDAKTOR
“CASH” (ZÜRICH)

Die Richtlinien der “Washington Post” sind sicher eine gute Sache. Sie enthalten zum Teil allerdings Anliegen, die bei uns bereits vertraglich geregelt sind (“freiberufliche Aufträge” beispielsweise) oder Selbstverständlichkeiten (“unser privates und berufliches Verhalten darf weder unseren Beruf noch die ,Post’ in Misskredit bringen”). Ob die Offenlegung der finanziellen Verhältnisse von Redaktoren bei uns durchsetzbar wäre? Zweifel sind erlaubt. Unsere Parlamentarier haben sich bisher ja auch geweigert, diese Hosen runterzulassen. Grundsätzlich ist es sicher so, dass wirtschaftlich starke Medien – also zum Beispiel die grossen Schweizer Zeitungen – von “Interessenkonflikten” weniger betroffen sind. Sie sind weniger erpressbar. Das gilt auch für “Blick”.
FRIDOLIN LUCHSINGER, CHEFREDAKTOR
“BLICK” (ZÜRICH)

Richtlinien in diesem Sinne sind notwendig.
Bei der “Bündner Zeitung” (BZ) werden aufgrund des Redaktionsstatutes und der geltenden Praxis die meisten von Bradlee formulierten Regelungen eingehalten, einige sogar noch übertroffen. So ist zum Beispiel jede freiberufliche Arbeit für Redaktoren und Redaktorinnen ausgeschlossen, ebenso dürfen diese keinen Körperschaften, wie zum Beispiel Behörden oder Parlamenten, angehören. Ohne Genehmigung der Chefredaktion ist auch keine Mitarbeit bei anderen Presseprodukten möglich. Mitarbeitern der BZ ist die Entgegennahme von Geschenken ebenfalls nicht gestattet, sofern es sich nicht um Marginalien handelt, wobei Gratisreisen etc. klar keine Marginalien darstellen. Eine Ausnahme gibt es hier nur bei Pressereisen von touristischen Veranstaltern, diese dienen aber primär der journalistischen Information.
Die BZ-Redaktion ist wohl etwa gleich stark wie andere Redaktionen von diesem Problem betroffen. Aufgrund der wesentlich kleineren Dimension der BZ-Redaktion im Gegensatz etwa zu jener der “Washington Post” erübrigen sich aber diverse Vorschriften (etwa jene in bezug auf die Wirtschaftsredaktion).
ANDREA MASÜGER, STV. CHEFREDAKTOR
“BÜNDNER ZEITUNG” (CHUR)

Ich habe die (vor zwei Jahren neugefassten) Grundsätze der “Washington Post” sogleich übersetzen, einrahmen und in zwei Räumen unserer Redaktion an die Wand nageln lassen – was natürlich noch nichts befestigt! Doch es ist damit immerhin klargemacht, dass diese Normen auch für uns wegleitend sein sollen.
Die durch KLARTEXT vorgelegten “Standards and Ethics” sind sozusagen Vollzusbestimmungen eines der zahlreichen Grundsätze und scheinen mir etwas gar amerikanisch: puritanisch.
Unabhängigkeit als Resultat gesellschaftlicher Enthaltsamkeit? Das wird sich niemand glauben machen. Man kann in seiner journalistischen Haltung einigermassen unversehrt bleiben, auch wenn man sich von einem Informanten ein Steak servieren lässt. Geschenke, die mehr als symbolischen Wert haben, sollten freilich nicht entgegengenommen werden. Und zu Recht verpönt sind ausserjournalistische Nebenverdienste. Sie sind dienstverweglich untersagt. Journalistischer Nebenerwerb ist in unserem Blatt bewilligungspflichtig, ebenso politische Tätigkeit. Zur Zeit trägt ein einziges Redaktionsmitglied eine politische Charge (Ortsvorsteher einer kleinen Landgemeinde).
Ich halte die einschlägigen Versuchungen für relativ gering. Listige “Generösität” ist allemal durchschaubar. Tückischer sind die Selbstgängelungen des vernachlässigten, von keinen Selbstzweifeln angefochtenen Bewusstseins. Das Verlangen, “gut anzukommen”, ist nach meinem Empfinden wahrheitsfeindlicher als die Vereinnahmungsversuche Dritter.
JÜRG TOBLER, CHEFREDAKTOR
“ST. GALLER TAGBLATT” (ST. GALLEN)

Die Richtlinien der “Washington Post” sind gut. Man sollte sie sich auch hierzulande vornehmen.
Unser Verlag kennt keine Richtlinien dieser Art.
Ich kenne die Situation in anderen Verlagsunternehmen zu wenig, um mir ein Urteil bilden zu können. Was die “Bilanz” angeht, so halten sich die Interessenkonflikte in ertragbaren Grenzen.
Was ich bezüglich der konkreten “Standards and Ethics” der “Washington Post” meine:
● Wir bezahlen in der Regel für uns selber.
● Wir nehmen Gratisreisen an, fühlen uns aber deswegen nicht verpflichtet, über den Gastgeber freundlich zu berichten.
● Wir nehmen Einladungen zum Essen an, laden aber auch selber ein.
● Ohne Genehmigung durch die Vorgesetzten arbeitet niemand für Dritte.
● Die finanziellen Verhältnisse der Mitarbeiter müssen nicht offengelegt werden.
● Freiberufliche Tätigkeiten sind in der Regel nicht erlaubt.
● Die Vortragsaktivitäten halten sich in Grenzen. Die meisten Mitarbeiter haben dafür ohnehin weder Zeit noch Lust.
● Es ist richtig, dass man sich vor allzu engen Beziehungen zu Personen, die Gegenstand journalistischer Interessen sein könnten, hüten muss. Gänzlich vermeiden lässt sich dies in der kleinen Schweiz, wo jeder jeden kennt, nicht.
● An “Gesinnungsfeldzügen” beteiligen wir uns nicht, unterstützen aber Aktionen, wenn wir dies für notwendig erachten (EG-Beitritt, Tierschutz, Umweltschutz).
● Die Berufs- und Geschäftsverbindungen von Verwandten unserer Mitarbeiter müssen nicht offengelegt werden.
ANDREAS Z’GRAGGEN, HERAUSGEBER
“BILANZ” (ZÜRICH)

Die Richtlinien der “Washington Post” sind ein Ausdruck, ein positiver, der amerikanischen publizistischen Kultur (diese ist eine andere als die schweizerische, das heisst: die deutsch-, französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachige).
In der Praxis werden die Richtlinien, auch die der anderen grossen US-Zeitungen, recht oft ignoriert – siehe hiezu: Mark Hertsgaard, “On Bended Knee – The Press and the Reagan Presidency”, New York, 1988.
Mir scheint, journalistische Berufsethik lasse sich letztlich nicht reglementieren, auch nicht anstudieren. Ethik ist etwas, woran man arbeitet, ein Leben lang; sie zeigt sich in unserem Métier unter anderem im Rückgrat, das die Journalistin oder der Journalist in kritischen Momenten hat – oder nicht hat.
PETER ZIEGLER, CHEFREDAKTOR
“DER BUND” (BERN)

Die “Anstandsregeln” der “Washington Post” zum Thema Interessenkonflikte

Die “Washington Post” fühlt sich verpflichtet, Interessenkonflikte oder den Anschein von Interessenkonflikten zu vermeiden, wo und wann es möglich ist. Wir haben in diesem Punkt stringente Regeln eingeführt, im Bewusstsein, dass sie strenger sein mögen als üblich in der Privatwirtschaft. Im einzelnen:
● Wir bezahlen für uns selber.
● Wir nehmen keine Geschenke von Nachrichtenquellen an. Wir nehmen keine Gratisreisen an. Wir erstreben und akzeptieren keine Vorzugsbehandlung, die man uns aufgrund der Position erweisen könnte, die wir innehaben. Es gibt nur wenige und eindeutige Ausnahmen für die Keine-Geschenke-Regel: Zum Beispiel darf eine Einladung zum Essen angenommen werden, wenn sie zufällig und arglos ist, nicht aber, wenn sie aus vorbedachtem Kalkül aufgedrängt wird. Gratiskarten für Veranstaltungen, die für das Publikum nicht gratis sind, sind verboten. Als einzige Ausnahme gelten Karten, die nicht an das Publikum verkauft werden, wie Pressekarten. Wenn irgendmöglich, wird dafür gesorgt, dass jede Eintrittskarte bezahlt wird.
● Ohne Genehmigung der Vorgesetzten arbeiten wir für niemanden ausserhalb der “Washington Post”. Viele externe Aktivitäten und Jobs sind mit der korrekten Arbeit bei einer unabhängigen Zeitung unvereinbar. Verbindungen mit der Regierung gehören dabei zu den bedenklichsten. Um wirkliche oder scheinbare Interessenkonflikte beim Schreiben über Geschäfte und Finanzmärkte zu vermeiden, müssen alle Mitglieder der Wirtschaftsredaktion dem für die Abteilung zuständigen Assistant Managing Editor ihre finanziellen Verhältnisse (Besitz und Investitionen) offenbaren. Das Konfliktpotential beschränkt sich jedoch nicht auf Mitarbeiter der Wirtschaftsredaktion. Jeder Reporter und Redaktor, wo er auch arbeiten mag, muss seinem Ressortleiter jeden finanziellen Zusammenhang offenbaren, der beim Schreiben oder Redigieren wirkliche oder scheinbare Konflikte schaffen könnte. Die Ressortleiter offenbaren ihre Finanzlage dem Managing Editor.
● Ohne Genehmigung der Ressortleiter arbeiten wir nicht freiberuflich und halten keine öffentlichen Vorträge. Die Genehmigung, freiberuflich zu arbeiten, wird nur dann erteilt, wenn die “Washington Post” an einer Geschichte nicht interessiert ist und wenn diese bei einem Medium erscheint, das nicht mit der “Washington Post” konkurriert. Es ist wichtig, dass keine freiberuflichen Aufträge oder Honorare angenommen werden, die in irgendeiner Weise als versteckte Zuwendungen interpretiert werden könnten.
● Wir geben uns jede zumutbare Mühe, Nachrichtenquellen und Sonderinteressen gegenüber Unabhängigkeit zu wahren. Wir müssen uns vor Verwicklungen mit Personen hüten, deren Stellung es wahrscheinlich macht, dass sie Gegenstand journalistischer Interessen und Untersuchungen werden. Unser privates und berufliches Verhalten darf weder unseren Beruf noch die “Washington Post” in Misskredit bringen.
● Wir vermeiden aktive Beteiligung an jeder Art Gesinnungsfeldzug (bei Politik, Gemeinwesen, sozialen Aktionen, Demonstrationen), die wirklich oder scheinbar unsere Fähigkeit, fair zu berichten und zu redigieren, gefährden könnte. Gerechterweise können Angehörige nicht den Regeln der “Washington Post” unterstellt werden, aber man sollte bedenken, dass entsprechende Tätigkeiten oder Engagements ihrerseits zumindest den Anschein erwecken können, dass unsere Integrität gefährdet sei. Die Berufs- und Geschäftsverbindungen der näheren Familienmitglieder oder anderer Haushaltsmitglieder müssen den Ressortleitern offenbart werden.

10. Juli 2007 von Klartext

Teilzeit-Jobs: Dumpfe Abwehr

Die Nachfrage nach Teilzeitstellen im Journalismus wächst: Immer mehr Medienfrauen – aber auch Männer! – möchten Familie und Beruf unter einen Hut bringen oder schlicht den Stress abbauen. Doch die meisten Verleger stellen sich quer und verwechseln Vollblut-Journalismus mit Vollzeit-Journalismus. Löbliche Ausnahme in der Medienbranche: die SRG.

“Von 46 Leuten arbeitet eine Frau teilzeit. Das ist wenig, aber es liegt nicht daran, dass Teilzeitarbeit nicht zugelassen wird. In der Presse ist man nicht so stur, jeder hat den Vertrag, den er will. Wer gut ist, hat auch immer die Möglichkeit, als freier Journalist zu arbeiten.” Das hat sich Peter Rothenbühler, Chefredaktor der “Schweizer Illustrierten” zur Teilzeitarbeit auf Redaktionen so gedacht.
Er befindet sich mit seiner Verdrängungsstrategie, Teilzeitarbeit sei allenfalls ein einfach zu lösendes Privatproblem einiger weniger Journalistinnen und Journalisten, in bester Gesellschaft. “Jeder Fall muss individuell abgeklärt werden.” “Wir haben einen Haufen Freie.” “Die Bedürfnisse des Ressorts und der Mitarbeiter müssen gegeneinander aufgewogen werden.” Das fällt Chefredaktoren mittlerer und grösserer Zeitungen zur Teilzeitarbeit ein.
Bei “Annabelle”, der Zeitschrift, die sich den Anliegen der modernen Frau gegenüber aufgeschlossen gibt, teilen sich einzig im Ressort Mode zwei Redaktorinnen eine Stelle. Die stellvertretende Chefredaktorin Esther Scheidegger meint dazu: “Es gibt natürlich immer die Möglichkeit, frei zu arbeiten.”
Von dieser so grosszügig propagierten Schein-Alternative profitieren einzig die Verleger. Journalisten und Journalistinnen werden damit in die Freiheit entlassen, ohne Netz für weniger Geld mehr zu arbeiten.
Firmen mit gezielter Personalpolitik wie IBM, ABB, “Jelmoli”, “Swissair”, “Migros”, “Bankgesellschaft” und “Kuoni” bezeichnen vermehrte Teilzeitarbeit als wünschenswert, wie die “SonntagsZeitung” (seit kurzem drei redaktionelle Teilzeitstellen) herausfand. Bei den Printmedien hingegen wird das moderne Arbeitszeitmodell auf der Ebene der Redaktionen weitgehend als exotisches Phänomen abgetan und kaum reflektiert.
Zwar wurde in einer Umfrage der “Schweizerischen Journalistinnen- und Journalisten-Union” (SJU) in den Jahren 1988 und 1989 eine steigende Tendenz zur Teilzeitarbeit registriert. Gefördert werden Wünsche nach Teilzeitarbeit bei Zeitungen und Zeitschriften – mit wenigen löblichen Ausnahmen – jedoch nicht; eher wird ihnen mit dumpfer Abwehr begegnet.
Direkt mögen sich wenige gegen Arbeitsformen wehren, die es Frauen – und Männern – erlauben, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, oder die ein frühzeitiges Ausbrennen der Angestellten zu verhindern helfen. Indirekt jedoch sind Blockaden und Abwehrmechanismen, wie etwa beim “Tages-Anzeiger”, durchaus wirksam. Dort gilt zum Beispiel die eigenartige Faustregel, dass pro Ressort höchstens ein Redaktor oder eine Redaktorin im Innendienst teilzeit arbeiten darf.
Derzeit arbeiten beim “Tages-Anzeiger” von 126 Redaktoren und Redaktorinnen bloss zehn Frauen und 19 Männer nicht voll. Die effizienteste Verhinderungsstrategie scheint das Haus “Ringier” zu haben. In den diversen “Ringier”-Redaktionen gibt es ganze acht Frauen und vier Männer, die weniger als 100 Prozent arbeiten.
Von Anfragen nach Teilzeitstellen werden die – zumeist restriktiven – Chefredaktoren allerdings nicht überschwemmt. Die Schere im Kopf scheint bei Journalisten und Journalistinnen auch in dieser Hinsicht zu funktionieren: Was nicht sein darf, wird nur unter hohem Leidensdruck gefordert.
Ganz anders sieht es bei der “Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft” (SRG) aus, wo eine grosse Vielfalt von Arbeitszeitformen längst problemlos zugelassen wird. 1990 arbeiteten bei der gesamten SRG 1730 Programmschaffende festangestellt und 2250 frei. Die “Freien” freilich sind im Prinzip alles Teilzeitangestellte, die im Unterschied zu freiberuflichen Printjournalistinnen und -journalisten Arbeitsverträge haben.
Wie viele der Festangestellten teilzeit arbeiten, lässt sich genau nicht eruieren. Nach Schätzung von Ruedi Oswald, Leiter Personalwesen bei “Radio DRS”, ist rund die Hälfte der Festangestellten zu weniger als 100 Prozent beschäftigt.
Wo das Klima so freundlich ist, spriessen auch die Teilzeitwünsche. Das zeigt eine Umfrage des “Schweizer Syndikats Medienschaffender” (SSM) im Fernsehstudio Zürich: Sechs von zehn Festangestellten mit einem Vollpensum wünschen eine Teilzeitstelle. “Fühle mich ausgelaugt”, begründeten viele Programmschaffende ihr Bedürfnis nach weniger Präsenz. Von jenen Vollbeschäftigten, die nicht nach reduzierter Arbeitszeit gelüstete, beziehen drei von vier bereits den 13. Monatslohn in Form zusätzlicher Ferien.
Neben Familienpflichten ist die Bewältigung von Stress eines der häufigsten Motive für Teilzeitarbeit. Für Arbeitgeber also ein ideales Instrument, um mit weniger Geld zu ausgeruhteren und produktiveren Journalistinnen und Journalisten zu kommen – möchte man meinen.
Zudem sind Teilzeiterinnen und Teilzeiter in der Regel hoch motiviert und grosszügig mit Geschenken an Vorgesetzte und Verleger. Militärdienste oder zeitintensive Zahnarztbesuche, ja sogar operative Eingriffe im Spital werden wenn möglich auf die freie Zeit verlegt. Um zu beweisen, dass ihr Modell funktioniert, fordern Teilzeitbeschäftigte von sich selbst viel – manchmal zu viel.
Birgitta Willmann etwa hat bei der “SonntagsZeitung” eine 40-Prozent-Stelle: “In der ersten Zeit habe ich jede Woche eine grosse Geschichte hingelegt – bis ich sagen musste: ,So geht das nicht.'” Sie arbeitet “wahrscheinlich” ein bisschen mehr, ist telefonisch jederzeit erreichbar, macht ihren “Input” von zu Hause aus und hält sich im übrigen für einen “absoluten Glücksfall”.
Haia Müller und Cristina Wirz betreuen zusammen das Ressort Medizin bei der im “Tages-Anzeiger”-Konzern erscheinenden “Schweizer Familie” und produzieren wöchentlich rund fünf Heftseiten. Sie wechseln sich im Wochenrhythmus ab, was bedeutet, dass die eine Texte in Auftrag gibt, die andere sie entgegennimmt, dass die eine Beiträge schreibt, die andere produziert.
Chefredaktoren würden sagen, das sei ein Ding der Unmöglichkeit – weder Kontinuität noch Informationsfluss seien so gewährleistet. Aber die beiden Frauen haben ihre Arbeitsform gegen “ziemliche Widerstände” durchgedrückt und setzen ihren ganzen Ehrgeiz daran zu zeigen, dass “es funktioniert”.
Haia Müller und Cristina Wirz schenken dem Arbeitgeber beispielsweise die Zeit der wöchentlichen Arbeitsübergabe. Ausserdem profitiert der Verlag davon, dass gleich zwei Köpfe Ideen und Input liefern. Dennoch haben die Redaktorinnen ihr Anrecht auf Bildungsurlaub verloren, das bei der “Tages-Anzeiger AG” nur Redaktoren und Redaktorinnen mit Pensen über 70 Prozent zusteht. Ebensowenig haben sie die Möglichkeit, zum vollen Lohn in der Pensionskasse versichert zu bleiben.
Als gewichtiges Anti-Argument gilt bei den Arbeitgebern die Angst, Teilzeit-Beschäftigte seien schlechter in die Redaktion integriert. Haia Müller und Cristina Wirz stellten aus diesem Grund – gegen ihre persönlichen Interessen – auf den Einwochenrhythmus um.
“Als wir uns alle zwei Wochen abgelöst hatten, waren wir tatsächlich zu sehr aus den laufenden Geschäften heraus”, sagt Haia Müller. Auch so findet sie – und bestätigt damit Aussagen der meisten Teilzeiterinnen -, ihre Meinung innerhalb der Redaktion habe an Gewicht verloren.
Wer teilzeit arbeitet, muss sich auch bemühen, an die wichtigen Informationen heranzukommen – oder verpasst mal etwas. Das ist einer der Gründe, warum in der siebenköpfigen “WoZ”-Geschäftsleitung vier Mitglieder 100 Prozent und nur drei 80 Prozent arbeiten.
Die “WoZ” hat mit nur 14 Vollzeitangestellten auf 39 Vollstellen einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Teilzeitern. Sie ist eine der wenigen Redaktionen, die auch Teilzeitstellen ausschreibt – in der Regel aber nur dann, wenn die Stelle nicht durch Reduktionswillige aus der Redaktion besetzt werden kann.
Dass nicht nur linke Blätter davon abgekommen sind, Vollblutjournalismus mit Vollzeitjournalismus gleichzusetzen, beweist Balz Bruppacher, Leiter der Schweizer Niederlassung der US-amerikanischen Nachrichtenagentur “Associated Press” (AP). Beim Deutschschweizer Dienst der AP zum Beispiel arbeiten von 20 Festangestellten acht Teilzeit, beim Westschweizer Dienst gar drei von sechs. Die Teilzeiter sind – entgegen aller Chefredaktoren-Ängste – nicht schlechter informiert.
“Journalistinnen und Journalisten lesen auch in ihrer Freizeit die Zeitung oder sehen mal eine ,Tagesschau'”, sagt Balz Bruppacher. Er findet jedoch, ein Anteil von 40 Prozent Teilzeitbeschäftigten sei für eine kleine Redaktion genug: “Ich stosse an Grenzen, wo es mit mehr Teilzeitern einfach nicht mehr aufginge; wo es zum Kunststück würde, Dienstpläne zu machen.”
An Grenzen stösst offenbar auch die Redaktion der “Rundschau” im “Schweizer Fernsehen DRS”, wo sieben Vollangestellte und acht Teilzeitangestellte arbeiten. Inlandredaktorin Irene Loebell: “Ich bin nicht gegen Teilzeitarbeit, aber das redaktionelle Gespräch erfordert eine gewisse Kontinuität, und die ist nicht gewährleistet, wenn zeitweise nur vier oder fünf Personen anwesend sind. Mit noch mehr Teilzeiterinnen und Teilzeitern würde die Belastung für die verbleibenden Festangestellten zu gross.”
Annemarie Friedli, seit zehn Jahren “Rundschau”-Auslandredaktorin – zuerst zu 50, dann zu 70 Prozent -, fühlt sich davon nicht betroffen. “Wenn du eine Teilzeiterin sein willst, die den Arbeitgeber befriedigt, bist du zu 120 Prozent verfügbar. Ich ziehe meine Leerzeiten zu Hause ein und nicht in der Kantine.”
Zu qualitativ guten Aufträgen – wie etwa längeren Dokumentarfilmen – kommt Annemarie Friedli trotzdem. Aber eines stellt die zweifache Mutter klar: “Wenn du Teilzeiterin bist, gibst du Ansprüche auf eine Karriere in der Hierarchie auf.”
Eine Untersuchung zur “Lage der Journalistinnen in der Schweiz”, ergab tatsächlich, dass “Frauen sowohl in prestigeträchtigen Ressorts als auch in Kaderpositionen massiv untervertreten sind.” Andererseits: “Der höchste Prozentsatz an Frauen findet sich bei den Redaktorinnen und Redaktoren, die teilzeit arbeiten.”
Dass aber Teilzeiterinnen ein Aufstieg verwehrt wird, ist sachlich nicht zwingend. Dafür liefert etwa die Radiofrau Eva Wyss den Beweis. Seit Anfang 1991 leitet sie als Produzentin bei “Radio DRS” die Sendungen “Kontext”, “Montagsstudio” und “Familienrat”: mit einem 80-Prozent-Pensum.
Ihre Erfahrung zeigt, dass Teilzeitarbeit auch in Kaderpositionen möglich ist: “Es müssen eben Stellvertretungen organisiert werden. Vorgesetzte, die alles in den Fingern haben wollen, können nicht teilzeit arbeiten. Ich setze auf Organisation einerseits und Eigenverantwortlichkeit der Redaktion, die ja in unserm Beruf sowieso hoch ist, andererseits.”
Ein kleines, aber typisches Beispiel dafür, wie Teilzeiterinnen immer wieder Gefahr laufen, diskriminiert zu werden, hat Eva Wyss trotzdem erlebt: Die Funktionszulage, die ihr als Produzentin zusteht, wurde anfangs nur zu 80 Prozent ausbezahlt – obwohl sie natürlich die volle Verantwortung für die Sendungen trägt. Ihre Beschwerde, “um des Prinzipes, nicht um des Geldes willen”, wurde dann allerdings sofort gutgeheissen.
Im aktuellen Sternzeichen des Sparens gewinnt das Teilzeitmodell neue Aktualität. War zum Beispiel das DRS-Fernsehen früher zurückhaltend beim Vergeben von Teilzeitanstellungen im Rahmen des vorteilhaften Gesamtarbeitsvertrags (GAV), sagt SSM-Sekretär Ernst Gräub heute: “Das wird flexibler gehandhabt, ja, zum Teil wurden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Teilzeit-GAVs beinahe aufgedrängt.” Umgekehrt läuft’s beim Radio. “Wenn wir Teilzeiter neu einstellen, dann möglichst nicht fest, weil wir bei den Planstellen sparen müssen”, sagt Ruedi Oswald.
Nach ähnlichem Muster wird bei der im Frühjahr zum Wochenblatt umfunktionierten Zeitung “Sport” gespart. “Honorarkosten”, so “Sport”-Chefredaktor Hans-Ruedi Hottiger, “sind flexibler als feste Anstellungen.”
Eine lang ersehnte Teilzeitstelle kann unter der herrschenden Sparwillkür zudem zum Bumerang werden. Das hat Beat Allenbach, Tessiner Korrespondent des “Tages-Anzeigers”, erfahren, der für seinen Anspruch, einen Teil seiner Familienpflichten zu übernehmen, richtiggehend bestraft wurde.
Konkret: Allenbach hatte sein volles Pensum halbiert und mit einem Kollegen geteilt. Als der zurück nach Zürich in die Redaktion wollte, lief gerade eine neue Sparübung an – und die zweite Hälfte der Tessiner Stelle wurde schlicht gestrichen. “Ich weiss noch nicht, wie das nun gehen soll, denn punkto Arbeitsaufwand ist es eine volle Stelle, und ich kann doch nicht mit einem halben Job hundert Prozent zur Verfügung stehen”, sagt Beat Allenbach. “Da ist die schlimmste Möglichkeit Realität geworden.”

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