10. Juli 2007 von Klartext

Die neuen Chefs sind da

Von Uwe Geissler

Mit dem Leitspruch “Journalismus ist immer parteilich” hatten die DDR-Medienstrategen im Ansatz so unrecht nicht. Wo gibt es schon die totale Objektivität, den integren Apostel, der jenseits von allen gesellschaftlichen und politischen Zwängen nichts als die reine Wahrheit unter die Leute bringt? Dann lieber gleich ehrlich Partei ergreifen. Was in diesem Falle hiess – was sonst – die Partei der Arbeiter und Bauern.
Deren weise Führer massten sich allerdings mehr und mehr die Entscheidung darüber an, ob die Wahrheit dem Volk nützte oder nicht. Welche Blüten das schliesslich trieb, mag einem Aussenstehenden wohl unglaubhaft erscheinen: Da rannte schon mal ein Chefredakteur, wenn das rote Telefon klingelte. Und nahm demütig die Anweisung entgegen, welche Masse das Honecker-Foto in der nächsten Ausgabe zu haben hatte. Da musste aus Angst vor Analogien fortan das Wort “Staatszirkus” vermieden werden. Und da durfte irgendwann einmal nicht mehr eigenständig über Osteuropa berichtet werden, damit die eigenen Arbeiter und Bauern nicht von der Perestroika infiziert würden.
Bei aller verordneten Einseitigkeit hatte der parteiliche Journalismus jedoch auch gute Seiten. Irgendwie war es eine Art, mit den Leuten und für die Leute zu schreiben. Das bleibt positiv in Erinnerung im Vergleich zu der kritisch distanzierten, nicht selten abgehobenen Haltung von Journalisten im Westen. Diese Nähe hing nicht zuletzt damit zusammen, dass materielle Fragen so gut wie keine Rolle spielten. Auflagenhöhen hingen zwar von staatlicher Zuteilung ab, nicht jedoch vom Inhalt der Zeitung. So gab es weder ein Buhlen um Leserschaft noch um Anzeigenkunden. DDR-Zeitungen waren nämlich werbefrei. Journalisten verdienten nicht mehr und nicht weniger als jeder andere, auch wurde in der Regel nicht nach Quantität bezahlt. Wer unter diesen Umständen bereit war, ständig zwischen der Realität und dem Druck von oben zu lavieren, war entweder ein Anpasser oder jemand, dem so viel am Beruf lag, dass er auch Gewissenskonflikte in Kauf nahm. Den Ausschlag zum Weitermachen gab nicht nur Opportunismus. Oft genug waren es Motive wie: Wer, wenn nicht wir, soll die Wahrheit wenigstens zwischen den Zeilen unterbringen; wer soll sie schreiben, wenn es einmal keine Zwänge mehr gibt?

Und so waren denn tatsächlich scharenweise kritische Journalisten zur Stelle, als mit der “Partei- und Staatsführung” endlich auch die verhasste “Abteilung Agitation und Propaganda” abgedankt hatte. “Das Volk steht auf – die SED bleibt sitzen”, stand auf einem Transparent jenes 89er Herbstes. Die übergrosse Mehrheit der DDR-Medienmacher liess in diesen Tagen keinen Zweifel daran, dass sie zum Volk und nicht zu den Sitzenbleibern gehörte. Sobald sie kein Chef mehr daran hinderte, gesellten sich bei den Protestdemonstrationen engagierte einheimische Reporter zu den sensationslüsternen West-Kollegen. Einstige Tabu-Themen wurden in derart rascher Folge aufgerollt, dass man meinen konnte, die fertigen Recherchen seien nur aus den Schubladen gezogen worden. Stoff gab es mehr als genug; hatten doch die Tabus von Versorgungsengpässen über Profisport und jüngere Geschichte bis zum Anteil auch der sozialistischen Länder am Elend der Dritten Welt gereicht. Aber auch die rasante aktuelle Entwicklung wurde in den neu erwachten Medien durchaus kritisch verfolgt, doch bei allen Enthüllungen alter und neuer Mauscheleien, bei all den Kommentaren zu auf- und absteigenden Politikern hörte man noch diesen Grundton “Wir gemeinsam wollen etwas verändern” heraus, gab es noch nicht dieses “Ich Journalist kritisiere, was ihr da macht”.
Man schaffte kaum, seine Tageszeitung zu lesen in jenem Herbst und Winter ’89 und Frühjahr ’90. Und das, obwohl sie immer noch nur acht Seiten hatten, denn das Reklamegeschäft lief noch nicht. Selbst die Fernsehnachrichten “Aktuelle Kamera”, früher allenfalls befehlsmässig bei der Armee oder mangels West-Empfang im Raum Dresden zur Kenntnis genommen, erfreuten sich sogar in Westdeutschland wachsender Beliebtheit.
In den Redaktionsstuben machte sich Erleichterung breit. Auf einmal ging es auch ohne den allgegenwärtigen Abenddienstchef. Mehr noch: Die jungen Leute, die nun dessen Aufgabe übernahmen, waren sogar in der Lage, sechs Agenturen zu verarbeiten statt des bislang einzigen vorzensurierten ADN. Es herrschte quasi Selbstverwaltung. Die alten Chefs waren weg, neue noch nicht da.

Noch nicht. Denn hinter den Kulissen wurde schon fleissig verhandelt. Pauschale Verhandlungsbasis war wie überall die Marodität all dessen, was nach DDR roch. Das stimmte auch, was Vertriebssystem, Druck- und Redaktionstechnik betraf. Doch gerade bei Tageszeitungen zeigt sich heute, dass hausgemachter Journalismus besser als beispielsweise Lebensmittel oder Autos den westlichen Konkurrenzprodukten standhält. So wirkt es rückblickend einigermassen unverständlich, mit welcher Selbstverständlichkeit fast alle Zeitungen aus dem Besitz der SED und der anderen Blockparteien an westdeutsche Grossverlage verhökert wurden. Das satirische Blatt “Eulenspiegel” war eins der wenigen, das genug Selbstvertrauen hatte, fortan selbständig zu wirtschaften. Viele andere hatten in der Hoffnung auf neue Computer die Partnerschaft mit “Springer”, “Bauer” oder der WAZ-Gruppe regelrecht herbeigesehnt. Den Rest besorgte die “Treuhand”. Wie diese treuen Hände verfuhren, lässt die Empörung des Geschäftsführers der “Schweriner Volkszeitung” erahnen. “Wir fühlen uns wie auf dem Pferdemarkt”, hatte er einmal protestiert. “Ein Verlagsmanager nach dem andern klappt uns das Maul auf, um nachzusehen, wie die Zähne sind.” Den Zuschlag bekam am Ende nicht der “Bauer-Verlag”, mit dem die Mecklenburger fast ein Jahr lang kooperiert hatten, sondern die “Burda-Holding”, deren Top-Manager als CDU-Bundestagsabgeordneter offenbar die besseren Beziehungen besass. Das Ergebnis solcher und anderer Verkäufe: Die einst durchgehend linientreue ostdeutsche Lokalpresse ist heute einheitlich konservativ.
Die neuen Chefs stellen keine roten Telefone in die Redaktionen. Der moderne Druck funktioniert bekanntlich subtiler: Dieses Thema vielleicht etwas weniger, dafür jenes ein wenig öfter – ein paar Westimporte in die Brigade, die zeigen, wie man es macht – die Leute wollen das doch so und so – oder die Anzeigenkunden – die bringen schliesslich das Geld, und Geld wollen Sie doch verdienen, oder – und bei der Gelegenheit, diesen Stuttgarter Fleischhändler bitte sehr nicht mehr im “Deutschen Landblatt” madig machen, der ist doch einflussreicher Aktionär der FAZ, die das “Landblatt” letzte Woche gekauft hat … Doch so richtig klappte es wohl doch nicht mit den “Neuen”. So rutschte dem Geschäftsführer der “Berliner Verlag GmbH” einmal heraus: “Wann gewöhnen sich die Leute hier endlich daran, dass die Revolution vorbei ist? Wären die Russen damals bis zum Rhein gekommen, hätten wir uns schliesslich auch daran gewöhnt.”
“Genau wie früher”, lautet vielerorts die Einschätzung der Kolleginnen und Kollegen. Wie früher – nur dass es zwischendurch mal kurz anders war.

Wie früher geht es vor allem wieder kritischen Geistern. Anpasser haben es wie immer leicht. Es war sicher kein Zufall, dass die “IG Medien” als erste ihren Ost-Mitgliedern 60 Prozent der Westlöhne erhandeln konnte. Früher wäre es keinem Aussteiger spürbar schlechter gegangen. Heute hat man die Wahl: überdurchschnittlicher Verdienst oder das Arbeitsamt. Arbeitslose Journalisten gibt es heute in Ostdeutschland ohnehin zur Genüge. Aber es lief auch rabiater. Die Entlassung Tausender Rundfunkangestellter und das absehbare Aus für viele Fernsehjournalisten wäre eine Geschichte für sich. Bleibt das Beispiel der “Berliner Zeitung am Abend”: Das allgemein beliebte, etwas schrullige, aber stets gutwillige Blättchen wurde von “Gruner + Jahr” über Nacht zur “Bild”-Konkurrenz umfunktioniert – fette Schlagzeilen, barbusige Damen … Die alteingesessenen Lokalreporter erfuhren von einem Tag auf den anderen, dass sie, wenn sie unbedingt bleiben wollten, noch diese oder jene Fakten sammeln dürften. Die Texte würden von nun an von einem Producer-Team aus dem Westen geschrieben und redigiert.
Kann man da jemanden noch einen Stalinisten schimpfen, wenn er das rote Telefon von damals dagegen harmlos findet?

Der Autor

KLARTEXT-Gast Uwe Geissler, 28, lebt als freier Journalist in Ost-Berlin und schreibt für verschiedene ostdeutsche Blätter sowie gelegentlich für die “WoZ” in Zürich. Der gelernte Elektromonteur absolvierte “noch ein Jahr echtes DDR-Journalistik-Fernstudium” und arbeitete drei Jahre als Lokalreporter und aussenpolitischer Redakteur bei der “Berliner Zeitung” – davon ein Jahr nach der “Wende”. Rund ein halbes Jahr lang – von Herbst 1989 bis Frühling 1990 – durften er und seine Kolleginnen und Kollegen in der ehemaligen DDR eine einmalige Erfahrung machen: Die alten Chefs waren weg und die neuen noch nicht da. “Heute”, so Geissler, “sind viele Journalistinnen und Journalisten wieder unzufrieden.”

10. Juli 2007 von Klartext

Vom Verfliessen und Vergessen

Von Hans Saner

Wenn ich in meiner Kindheit einen Film sah – es kam im Jahr höchstens einmal vor – , so blieb er mir auf Jahre hinaus im Gedächtnis haften. Ich konnte ihn nicht mehr loswerden, und seine Bilderwelt quälte mich oft abends vor dem Einschlafen.
Wenn ich in meiner Studentenzeit einen Film sah – es kam in der Woche durchschnittlich einmal vor – , so blieb er mir noch Tage lang haften, einzelne Szenen sogar bis heute.
Wenn ich heute am Fernsehen einen Film sehe – ich schaue täglich die Nachrichten an – , so habe ich ihn am andern Morgen bestimmt vergessen. Falls ich mich erinnern möchte, bedarf es einer gewissen Anstrengung, und nur selten gelingt die Rekonstruktion eines ganzen Verlaufs.
Als mir diese Sachverhalte bewusst wurden, fragte ich andere Menschen nach ihren Erfahrungen. Sie waren fast immer ähnlich. Also suchte ich nach den Ursachen und Gründen.

Ich vermute, dass die audiovisuelle Kultur der Telekommunikation von vornherein auf das Verfliessen und Vergessen angelegt sein muss, paradoxerweise weil die Kombination von Bild und Wort/Ton einprägsamer ist als eine visuelle oder auditive Kommunikation allein. Der fliessende Charakter wird um so notwendiger, je mehr Zeit wir vor dem Apparat verbringen. Das eidetische und das auditive Gedächtnis müssen dann ständig entlastet werden, um für die neuen Botschaften frei zu sein, um für sie noch Raum zu haben.
Wie können wir pausenlos Informationen eingeben – so lautet die Frage für die Macher – , ohne den Informationsbedarf zu übersättigen? Oder auch: Wie können wir mit schierer Akkumulation von Information das Bedürfnis nach weiterer Information wachhalten oder gar steigern?
Die Antwort ist einfach: Wir dürfen nicht Fülle erzeugen, sondern Leere, nicht Überfluss, sondern Mangel, nicht Übersättigung, sondern Sucht: audiovisuelle Software-Sucht. Wie aber ist das möglich? Die Antwort ist paradox: indem wir im Eingeben verschwinden lassen.
Die Methoden, die das erreichen, sind durchschaubar, und man kann sie auf wenige Regeln bringen:
1. Vermeide jede Kontinuität in den täglichen Programmen und neutralisiere durch sprunghafte Ab-wechslung alle stärkeren Eindrücke. Gerade dies, die Abwechslung, wird der Zuschauer insgesamt für interessant halten, obwohl sie die bewusste Ein-ebnung des Interessanten ist. Ist dieses erst einmal neutralisiert, wird es auch wieder vergessen.
2. Pflege in einem starken Ausmass die Unterhaltung – ohne allzu grossen Anspruch. Denn sie befestigt eine besondere Beziehung des Menschen zum Apparat. Dieser bleibt nicht länger ein Gerät zum Hinschauen und Hinhören, sondern wird ein Gerät zum Wegschauen und Weghören. Als funktionierender, das heisst eingeschalteter, mit kaum wahrgenommenen Bildern und Tönen uns berieselnder Apparat wird er zu einem quasi lebendigen, fast zärtlichen Möbelstück, mit dem wir gerne wohnen, weil es ständig uns etwas Neues bietet, das wir verschwenderisch dem Ver-fliessen und Vergessen anheimgeben. Was so in uns versinkt, ist als Zeichen für das Bewusstsein verschwunden. Aber auf das Bedürfnis nach Zeichen wirkt es wie ein Strudel, der neue Zeichen in sich zieht.
3. Baue in den Ablauf aller Handlungen und ihrer Repräsentationen eine so grosse Anzahl von Schnitten und Sprüngen ein, dass die Präsenz der einzelnen Bilder kurz und die Geschlossenheit der Fabel vielfach durchbrochen ist. Die Technik des Schnitts erhöht das Tempo des Flusses. Sie macht einen Film interessant, verhindert aber zu-gleich, dass er haften bleibt.
4. Bevorzuge vor und in aller Kontroverse das Gleichgewicht. In ihm kommen die Fragen zur Ruhe. Alle Ausgewogenheit lässt vergessen.
Was so entsteht, ist eine fliessende Zeichenwelt, die uns mehr oder weniger anspricht, aber keine Antwort erwartet. Sie geht an unseren Ohren und vor unseren Augen vorbei – und das einzig Ständige ist dieser Fluss, der alle Erinnerung mit sich trägt. Die Menschen brauchen in dieser Welt noch Augen und Ohren. Aber kaum die gerichtete Aufmerksamkeit und gar kein Gedächtnis. Wozu auch? Irgendwo mündet die ganze Zeichenflut doch in ein Archiv, das alle Zeichen, auf Abruf, verwahrt. Es entsteht eine Informationswelt, in der subjektiv nichts aufbewahrt wird und objektiv nichts verloren geht.

Der fliessende Charakter der alltäglichen Informationswelt ist längst auch in die Produktion von wissenschaftlichem Wissen und technischem Können eingedrungen. Modernes Wissen, technisches Know-how und die Apparaturen haben ihre Halbwert-zeiten, und diese werden immer kürzer. Heute liegen sie zwischen drei und fünf Jahren. Wenn ein Student also nach vierjährigem Studium die Universität verlässt, dann ist die Hälfte dessen, was er zu Beginn gelernt hat, Makulatur, falls damals sein Professor up to date war. Falls er es nicht war (dies ist wahrscheinlicher), dann ist fast alles Gelernte falsifizierte Weisheit, und er müsste anderswo neu anfangen, um bei den Leuten zu sein. Nicht geringer sind die Sorgen etwa im Print-Gewerbe. Innovationen in der Drucktechnik werden zur Normalität. Alle paar Jahre müssen der Maschinenpark erneuert oder gar ausgewechselt und die Belegschaften umgeschult werden.
Die Geschwindigkeit der Produktion führt unvermeidlich zur Spezialisierung und diese notwendigerweise zur Herausbildung von Eliten. Hunderte von Kleineliten, von denen keine die andere mehr wirklich versteht, erzeugen emsig ihr Spezialistenwissen und trainieren ihr Spezialistenkönnen. All dies wäre vollständig gleichgültig, wenn dieses Wissen und Können nicht die Welt veränderte. Aber gerade dies tun beide permanent, so dass auch die Welt des wissenschaftlich-technischen Zeitalters ständig im Fluss ist.

Auch diese Welt legt ihre Archive an. Sie sind, als der immer wachsen-de Bestand der wissenschaftlichen Technokultur, unvorstellbar gross. Täglich 4000 Seiten Chemie, so wird gesagt. Jährlich Hunderte von Bänden, die nur die Novitäten der Mathematik enthalten. Jährlich Zehntausende von Erfindungen: geniale, verspielte, stupide. Kein Physiker kann heute noch von sich sagen, dass er die Physik kennt. Wir sind alle Fremdlinge in der Kultur, die unser Leben und unsere Welt verwandelt. Niemand weiss wirklich, wohin die Reise geht. Wir sind in einem Blindflug unterwegs, dessen Tempo unentwegt zunimmt und dessen Zielort keiner kennt.

Wenn man ständig lernen muss, weil man von der Entwicklung gejagt und gepeitscht wird: ist da nicht das Vergessen-Dürfen und das Verfliessen-Lassen wohltuend? Ist die Lernverweigerung nicht ein Korrektiv zum permanenten Lernzwang? Treibt die akkumulative Kultur der wissenschaftlich-technischen Welt nicht notwendigerweise die fliessende Kultur des Vergessens unserer alltäglichen Informationswelt hervor? Verlangt nicht auch die wissenschaftlich-technische Kultur in sich selbst ein Vergessen-Können um der Entwicklung willen? Und schliesslich: Sind wir angesichts des riesigen Kulturbestandes und der rasenden Kulturproduktion nicht alle funktionale und strukturelle Kultur-analphabeten?
Der funktionale Analphabet ist tatsäch-lich eine paradigmatische Gestalt unseres Zeitalters. Er lebt an einem äusserst empfindlichen Ort in der Vergessens-Kultur der alltäglichen Informationswelt, aber akzeptiert diese nicht bloss als Korrektiv der akkumulativen Welt, sondern als Basis seiner eigenen Welt. Eben das Vergessen und Verdrängen des Lesens und Schreibens wirft ihn aber zurück in eine Not des Nicht-Vergessen-Dürfens, weil ihm kein Archiv mehr zur Verfügung steht ausserhalb des Gedächtnisses. Er ist zudem, abgekoppelt von der nicht gesprochenen verbalen Kommunikation, für alle neue Information entweder auf Mitmenschen angewiesen oder auf die Geräte der Mas-senkommunikation, die jedoch Trainings-Apparate des Vergessens sind. Äusserst heikel ist seine gesellschaftliche Lage. Es ist chic oder gilt dafür, ein mathematischer Analphabet zu sein, und jeder darf sich dazu bekennen. Aber ein Analphabet im eigentlichen Wortsinn darf man nicht sein. Das ist eine Schande, zu der sich keiner ungestraft bekennt. Deshalb können seine Mitmenschen ihm nicht das Archiv ersetzen. Er treibt nämlich notgedrungen vor und mit ihnen ein Spiel und muss ständig auf der Hut sein, sich nicht zu verraten. Das trennt ihn von allen anderen. Deshalb sind die Geräte des Vergessens nahezu die einzigen Stützen seines Gedächtnisses, das ihn eines Tages ja doch im Stich lassen und verraten wird.
Er muss übrigens keineswegs unintelligent sein, sowenig wie der mathematische Analphabet unintelligent sein muss. Vielmehr verfügt er wahrscheinlich über eine beachtliche Intelligenz des Widerstands und über eine beachtliche theatralische Intelligenz des Als-ob. Aber beide treten gegen eine zu grosse Macht an, nämlich gegen die Basis der wissenschaftlich-technischen Kultur selbst: gegen die Macht jener Zeichen, die – nach dem einhelligen Konsens der ganzen Gesellschaft – man unbedingt respektieren muss. In diesem Punkt der gesellschaftlichen und epochalen Überheblichkeit sind sie, seine Formen der Intelligenz, doch nicht wirklich intelligent.

Überhaupt ist dieser private Versuch, eine Kultur ohne Schrift zur Basis der eigenen Lebenswelt zu machen, in jeder Weise zum Scheitern verurteilt. Die Massenkultur des Vergessens und Verfliessens ist nämlich nicht eine dialogische Kultur – weder von Mensch zu Mensch, noch von Mensch zu Gerät – , sondern eine monologische von Gerät zu Mensch. In ihr verstummt die Rede im Mitsein der Menschen. Deshalb ist sie nicht wirklich eine Gegenkultur zur Häufung der archivarischen Schriftzeichen, sondern die Schriftkultur ist die einzige Gegenkultur zur Häufung der apparativen Hör- und Sehzeichen. Denn die Schriftkultur ermöglicht zumindest das Selbstgespräch, eine Grenzform wirklicher wechselseitiger Kommunika-tion. Wenn das Gespräch verstummt, ist man angewiesen auf eine Sprache der Sprache – und die Schrift ist die universalste und exakteste.
Wenn aber das Gespräch verstummt, die Schrift vergessen und das Gedächtnis verloren ist: dann bleibt wirklich nur der Nieselregen der Geräte. In ihm stirbt alle Kultur.

Der Autor

KLARTEXT-Gast Hans Saner, 56, lebt als Publizist und als Dozent an der Musik-Akademie in Basel. Er studierte Philosophie, Psychologie und Germanistik an den Universitäten Lausanne und Basel. In Basel war Saner von 1962 bis 1969 persönlicher Assistent von Karl Jaspers, dessen Nachlass er im Auftrag der “Karl Jaspers-Stiftung” herausgibt. Saner publiziert regelmässig kritische Texte zur politischen und gesellschaftlichen Situation in der Schweiz (zuletzt: “Die Anarchie der Stille”, 1990). Den vorliegenden Text verfasste er für den eben erschienenen Band “Buchstäblich sprachlos. Funktionaler Analphabetismus in der Informationsgesellschaft” (herausgegeben von Cornelia Kazis im Lenos Verlag, Basel).

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