10. Juli 2007 von Klartext

Sofort sichtbar

Er redet viel von Unabhängigkeit – und geht mit der “Swissair” einen dubiosen Werbedeal ein: Jacques Pilet, Chef des neu lancierten “Nouveau Quotidien”.

“Auf keinen Fall werden wir uns je ins Kielwasser irgendeiner Partei nehmen lassen”: Solches versicherte im Brustton tiefster Überzeugung der Westschweizer Journalist Jacques Pilet (KLARTEXT 4/91). Im Auge hatte der ehemalige erfolgreiche Chefredaktor des “Ringier”-Wochenmagazins “L’Hebdo” sein neues Projekt “Nouveau Quotidien”, das er gleich selbst mit viel Vorschusslorbeeren bedachte.
Auch von “absoluter Unabhängigkeit” schwärmte Pilet. Vollmundig pries er, der neben unbestrittenen journalistischen Qualitäten auch das Talent der Selbstvermarktung besitzt und unbekümmert einsetzt, in diesem Zusammenhang sein kommendes Blatt an – und empfahl sich gewissermassen als Lichtgestalt der künftigen Schweizer Presse, die sich an Europa orientieren müsse.
Inzwischen erscheint der “Nouveau Quotidien” täglich. Ob sich sein Chefredaktor tatsächlich nie von der institutionellen Politik wird instrumentalisieren lassen, muss sich noch zeigen. Sicher ist: Von der Wirtschaft hat sich Pilet bereits in einen Deal einspannen lassen, der eher schlecht zu einem selbsternannten Apostel der Unabhängigkeit passt.
In der ersten Nummer des “Nouveau Quotidien” vom 24. September jedenfalls lacht Chefredaktor Pilet den Lesern und Leserinnen nicht aus dem redaktionellen Teil ins Gesicht.
Gross abgebildet ist er vielmehr auf einer Werbeseite der Fluggesellschaft “Swissair”, die ihm fürs Bild fotogen ein Flugticket in die Hand gedrückt hat.
Doch dies ist nur der sofort sichtbare Teil des “Joint Ventures” zwischen Pilet und der “Swissair”. Um den zweiten Teil des Deals wissen diejenigen, die den “Nouveau Quotidien” vom ersten Tag an abonniert haben: die Gründer-Abonnenten und -Abonnentinnen. Ihnen ging ein hundertfränkiger Gutschein zu – von der “Swissair”.
Zusätzlich dürfen sie im “Journal suisse et européen” (Untertitel der neuen Zeitung) ein Gratisinserat im Wert von sechzig Franken publizieren. Unterm Strich bleiben den Erst-Abonnentinnen und -Abonnenten damit deutlich mehr – gebundene – Einnahmen als Ausgaben: Den stolzen Geschenken im Wert von 160 Franken stehen günstige 119 Franken Abo-Kosten fürs erste Jahr (mit Sonntagsausgabe sind es 144 Franken) gegenüber.
Das Bekenntnis zum unbeschaut bestellten neuen Blatt zahlt sich für die Abo-Pioniere und -Pionierinnen finanziell also aus: Für sie ist der “Nouveau Quotidien” ein Gratisanzeiger. Fragt sich, ob Sauberkeit herrscht, wenn die eine Hand (“Swissair”) die andere (Pilet) gewaschen hat.

10. Juli 2007 von Klartext

O mores

Das “Aargauer Tagblatt” hat sein Erscheinungsbild modernisiert. Inhaltlich freilich bleibt es, was es schon immer war: Sprachrohr von allerlei reaktionären Kräften.

“Langweilig, die immer gleichen Themen, zum Gähnen.” Franz Straub, Chefredaktor des “Aargauer Tagblatts” (AT), gebrauchte starke Worte, als er Ende September für die Sendung “Echo der Zeit” von “Radio DRS” die linke “Wochenzeitung” – zu deren zehntem Geburtstag – charakterisieren durfte. Sarkastisch kommentierten kritische Aargauerinnen und Aargauer: “Genau das hätte er über seine eigene Zeitung sagen können.”
Dies allerdings wäre zuviel verlangt. Denn hartnäckig will Franz Straub dem Aargau weismachen, dass so stur und ideologisch fixiert, wie das AT von offeneren Geistern wahrgenommen wird, sein Blatt gar nicht sei. Im Gegenteil, versprach der “Tagblatt”-Chef seinen Leserinnen und Lesern am 9. September: “Unsere Zeitung soll noch mehr zum Forum werden, den Meinungspluralismus zum Ausdruck bringen.” Der Anlass für diese Standortbestimmung war ein äusserlicher: Das bis anhin behäbig-vierspaltig erschienene Blatt kommt seit Anfang September modern sechsspaltig daher – und farbig. Dies soll – unterstützte Vize-Chefredaktor Hans-Peter Widmer seinen Vormann – “kurzweilig und übersichtlich” sein. Auch wenn sich, wie Straub verspricht, gleichfalls “inhaltlich etwas bewegen” soll: Die AT-Lesegemeinde hat davon bisher nichts gemerkt. Das “Aargauer Tagblatt” ist weiterhin das Sprachrohr der am äussersten rechten Politrand siedelnden Möchtegern-Demontierer der SRG, der Lautsprecher der Kalten Krieger und das stramme Leibblatt der Atomkraft-Befürworter. Denn, so wird die Starrköpfigkeit erklärt: “Öffnung heisst in unserem Fall nicht Profillosigkeit.”
Auch auf der Leserbriefseite – jeden Freitag die Prärie der dumpfen Reaktion in der Schweiz – kommen nach wie vor vorzugsweise jene zu Wort, deren Weltbild mit dem des “Aargauer Tagblatts” übereinstimmt. Wenn’s denn in den Kram passt, finden in den AT-Spalten weiterhin auch getürkte Briefe Aufnahme – Hauptsache, sie übernehmen das Grobe, etwa die Verunglimpfung des ungeliebten SP-Ständerats-Kandidaten.
“O mores!” klagte zwei Wochen nach Erscheinen der ersten renovierten Ausgabe “Tagblatt”-Leser Fritz Probst. Der aufmerksame Leser hatte freilich ganz anderes zu reklamieren: dass nämlich mit der Neuaufmachung des “Tagblatts” die orthographischen Fehler nicht verschwunden seien.

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