10. Juli 2007 von Klartext

“Man hat sich halt zusammengerauft”

“WoZ”-Macherinnen Marianne Fehr und Ruth Wysseier über die zehn Jahre alte “WoZ”

KLARTEXT: Frau Fehr, Frau Wysseier, vor zehn Jahren wollten die Gründerinnen und Gründer die “WoZ” allen Ernstes bei der “Tages-Anzeiger AG” drucken lassen, wurden dann aber in letzter Minute schnöd abgewiesen. Heute hat die “WoZ” in immer kürzeren Abständen Gelegenheit, über die Demontage von Redaktionen des Hauses “Tages-Anzeiger” zu berichten. Freut Sie das?
MARIANNE FEHR: Nein, unsere Rachegefühle halten nicht so lange vor. Wenn in einem solchen Mass die Rechte einer Redaktion abgebaut werden wie beim “Tages-Anzeiger”, können wir das keinesfalls gutheissen. Auf der andern Seite stimmt es natürlich: Solche Entwicklungen geben der “WoZ” noch mehr Legitimation – vielleicht mehr, als uns lieb sein kann.
KLARTEXT: Haben die “WoZ”-Leute ein gestörtes oder ein entspanntes Verhältnis zu den Kolleginnen und Kollegen bei der bürgerlichen Presse?
FEHR: So generell ist die Frage schwer zu beantworten. Mit bestimmten Kolleginnen und Kollegen haben wir regelmässige und gute Kontakte. Und dann gibt es so etwas wie liebevolle Hassgefühle zwischen NZZ und “WoZ” – das liegt wohl daran, dass die beiden Redaktionen zwar politisch meilenweit auseinanderliegen, letztlich aber ein ganz ähnliches journalistisches Selbstverständnis haben.
RUTH WYSSEIER: Verwandt mit der NZZ sind wir sicher punkto Verbindlichkeit und in bezug auf eine im Grunde konservative Vorstellung davon, was eine Zeitung ist und was sie ihrer LeserInnenschaft an fundierter Information zumuten will – anders etwa als Blätter, die einfach auf Kurzfutter und leichte Konsumierbarkeit setzen.
KLARTEXT: Zum konkurrierenden Umfeld gehören schliesslich die aus der traditionellen Linken hervorgegangenen AZ-Zeitungen. Das Konkurrenzverhältnis lässt sich schon daraus ablesen, dass sich die “WoZ” als “die führende linke Zeitung” bezeichnet.
WYSSEIER: Nun, das Selbstverständnis der “WoZ” ist ein ganz anderes – schon deshalb, weil die “WoZ”, im Gegensatz zu den AZ-Blättern, eine überregionale Zeitung ist. Im übrigen sind mit Katrin Küchler und Susan Boos Kolleginnen von der “Basler AZ” und von der “Ostschweizer AZ” zur “WoZ” gekommen. Zudem pflegen wir in verschiedenen Bereichen eine gute Zusammenarbeit mit den AZ-Zeitungen.
KLARTEXT: Eine Zeitlang warb die “WoZ” mit dem pfiffigen Slogan “Das Organ der Opposition im Lande”. Warum wurde der aufgegeben?
FEHR: Die meisten Leute haben die Ironie in diesem Slogan nicht begriffen. Das führte dazu, dass die verschiedensten politischen Gruppierungen mit dem Anspruch an uns herantraten, jedes ellenlange Communiqué abdrucken zu wollen – weil wir doch auch ihr “Organ” seien.
WYSSEIER: Zum Teil ist es schon problematisch, dass wir als überregionale oppositionelle Zeitung eine Art Monopolstellung haben. Das hat einerseits kommerzielle Vorteile. Es bedeutet andererseits aber auch, dass die Ansprüche an die “WoZ” ständig steigen: Was von uns als Leistung im Dienst der Opposition erwartet wird, liegt allein schon quantitativ jenseits von unseren Möglichkeiten – wenngleich wir, wie ich meine, ein sehr breites Spektrum der Opposition abdecken und publizistisch begleiten.
KLARTEXT: Die “führende linke Zeitung” will die “WoZ” also sein. Warum hat sie denn in ihrem werblichen Erscheinungsbild neuerdings die Schmuckfarbe Rot durch ein leuchtendes Gelb ersetzt?
FEHR: Das hat nicht, wie Sie vielleicht glauben, ideologische Gründe. Es geht schlicht und einfach darum, Kiosk-Plakate und andere Werbe-Drucksachen auffälliger zu gestalten und sie von der Flut der rot und blau gehaltenen Medien-Titel zu unterscheiden.
WYSSEIER: Für den Kiosk-Aushang stellte sich dabei die simple Frage: Auf welcher Buntfarbe sind schwarze Buchstaben aus der grösstmöglichen Distanz lesbar? Die Antwort war klar: auf Gelb.
KLARTEXT: In den ersten zehn “WoZ”-Jahren kam es um das Zeitungskonzept immer wieder zu handfesten Auseinandersetzungen, die auch mal zu kollektiven Austritten führten. Wissen Sie inzwischen, welche Zeitung Sie wollen?
FEHR: Die einzige grosse Auseinandersetzung in der Geschichte der “WoZ” drehte sich um die Einführung von Computern für die Satzherstellung. Die Fraktion, die sich vehement dagegen wehrte, fürchtete mehr Arbeitsteilung und mehr Hierarchie. Diese Fraktion unterlag und verliess dann die “WoZ”.
KLARTEXT: Diese Fraktion – vor allem repräsentiert durch “WoZ”-Mitbegründer Res Strehle – postulierte aber auch ein ganz bestimmtes inhaltliches Konzept: die “WoZ” als “linke NZZ” und als Zeitung, die sich keinesfalls gegen linksradikale Militante abgrenzen dürfe. Dieses Konzept unterlag genauso wie die Opposition gegen die Einführung der Computer für die Zeitungsherstellung.
WYSSEIER: Derart scharfe Auseinandersetzungen – bei denen sich die eine Fraktion durchsetzt und die andere unterliegt – scheinen mir bei der “WoZ” heute nicht mehr möglich. Wir haben zwar nach wie vor unsere Kräche und Konflikte, aber mit stets wechselnden Fronten. Daraus ergibt sich eine komplizierte Verzahnung der Ansichten, die gleichzeitig zu einer enormen Stabilität führt.
FEHR: Das liegt gewiss daran, dass inzwischen viel mehr Leute bei uns arbeiten. Die einzelnen lernen auf diese Weise eher, auch mal zurückzustecken. Und es wird klar, dass niemand unersetzbar ist.
KLARTEXT: Hat die “WoZ”, wie der inzwischen wieder als freier Mitarbeiter tätige Res Strehle in einem kritischen Rückblick in der Jubiläums-Ausgabe unterstellt, “vor den Marktkräften kapituliert”? Mittlerweile wurden intern immerhin die unterschiedlichsten Konzepte diskutiert: vom Enthüllungs- und Interventionsjournalismus, wie ihn etwa Jürg Frischknecht verficht, bis zur sogenannten Wundertüten-“WoZ”, die beispielsweise Stefan Keller vorschwebt.
FEHR: Nach meiner Beobachtung sind derzeit all diese Strömungen in der “WoZ” vertreten. Das hängt ja weitgehend von den einzelnen Leuten ab: Die einen lieben politische Debatten, die andern harte Recherchen. Wieder andern – und zu denen zähle ich mich persönlich – gefällt das “Wundertüten”-Konzept. Das heisst: Ich wünsche mir die “WoZ” überraschender, weniger berechenbar. Es besteht aber ein Konsens darüber, dass all’ diese unterschiedlichen Elemente in der Zeitung vorkommen sollen.
KLARTEXT: Die Zeit puristischer Konzepte ist also vorbei.
FEHR: Man hat sich halt zusammengerauft. Und aus den durchaus harten Diskussionen resultierte dann der heute noch gültige Konsens.
KLARTEXT: Einzelne Redaktionsmitglieder befürchten von diesem – wie sie meinen: allzu breiten – Konsens eine Annäherung an das Konkurrenzblatt “Weltwoche”, also einen Trend zu Beliebigkeit und individueller Selbstdarstellung.
WYSSEIER: Auf der einen Seite gibt es intern gewiss solche Ängste. Auf der andern Seite geistert in den Köpfen vieler Leute, die die “WoZ” nur selten lesen, nach wie vor das Bild einer Zeitung herum, die langfädige, langweilige und ideologieträchtige Artikel veröffentlicht; in Wahrheit finden Sie diese Textsorte nur noch selten in der “WoZ”. Sowohl die Ängste vor einer “Weltwoche”-artigen “WoZ” als auch das Bild der zähen Ideologie-“WoZ” sind meiner Meinung nach umgekehrt proportional zur Realität in der Zeitung.
KLARTEXT: Sie finden, die “WoZ” sei besser als ihren Ruf?
WYSSEIER: Ja, das behaupte ich. Die “WoZ” liest sich sehr viel attraktiver, als manche Leute behaupten. Aber gegen derlei Vorurteile vermögen wir allein mit einer besseren Zeitung nicht mehr anzukämpfen, dazu bräuchte es eine massive Werbekampagne. Denn ein festgefahrenes Image lässt sich viel schneller via Werbung als via Produkt korrigieren.
KLARTEXT: Die “WoZ” betont immer wieder, sie sei ein von der Redaktion eigenverantwortlich produziertes Blatt und nicht einfach Sprachrohr einzelner linken Gruppierungen. Genau dieses – mitunter fade – Selbstdarstellungs-Forum ist die “WoZ” zumindest auf der Seite “Prärie”. Ist dieser Widerspruch ein Erbe der früheren Konzept-Streitigkeiten?
WYSSEIER: Als wir die “Prärie”-Seite einführten, war es üblich, dass der zur Verfügung stehende Platz zwischen der Redaktion und den linken Gruppierungen ausgehandelt wurde, die in der “WoZ” mit eigenen Texten zu Wort kommen wollten. Ich habe damals die “Prärie”-Seite zwei Jahre lang betreut. Und es war eine recht harte Arbeit, denn die Ansprüche, die gegenüber der “WoZ” punkto Umfang und Inhalt der Texte formuliert wurden, waren teilweise recht massiv.
KLARTEXT: Und jetzt?
WYSSEIER: Inzwischen hat sich die Funktion der “Prärie”-Seite gewandelt. Das liegt zum Teil am verstärkten Selbstbewusstsein der Redaktion, zum Teil aber auch daran, dass das Bedürfnis radikaler linker Gruppen, ihre Debatten auf dieser Seite zu führen, nachgelassen hat. Anders gesagt: Wenn heute auf der Seite “Prärie” politische Debatten – etwa eine Sozialismus- oder eine EG-Debatte – geführt werden, sind sie meist von der Redaktion initiiert.
KLARTEXT: Die “Prärie”-Seite hatte also eine Zeitlang die Funktion, allzu aufsässige Gruppierungen – die auch mal die Redaktionsräume mit stinkender Buttersäure verunzierten – zu befrieden?
FEHR: Vielleicht. Wobei immerhin zu sagen ist, dass um die Texte stets hart gerungen wurde – weil die Redaktion beispielsweise nicht einsah, warum in einem einzigen Beitrag viermal die Formulierung “Wir reissen dem Rechtsstaat die Fratze herunter” vorkommen musste. Eine solche Instrumentalisierung der “WoZ” gehört aber der Vergangenheit an.
KLARTEXT: Also spricht nichts dagegen, die “Prärie”-Seite abzuschaffen und die entsprechenden Themen journalistisch zu präsentieren.
FEHR: Die Debatten, die heute auf dieser Seite geführt werden, sind bereits weitgehend von der Redaktion initiiert.
WYSSEIER: Ich weiss nicht, ob es klug wäre, die Seite abzuschaffen. Denn ein Forum, wo sich tatsächlich eine Debatte entwickeln kann, halte ich schon für sehr wichtig – auch wenn diese Beiträge vielleicht nicht immer sehr anmächelig, dafür aber authentisch sind.
KLARTEXT: Auffällig sind in der “WoZ” regelmässig publizierte Texte zur Frauen-Emanzipation. Es gab zudem mal eine von der Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch “feminisierte” “WoZ”, es gab eine beachtenswerte Ausgabe zum diesjährigen Frauenstreik, und es gibt schliesslich – ebenso konsequent wie sprachbarbarisch – das “WoZ”-typische “Innen-I”. Alles unbestritten? Oder eher konfliktträchtig im Kollektiv?
WYSSEIER: Grundsätzliche Konflikte gibt es dazu nicht. Wir fassten schon vor längerer Zeit den Beschluss, den Frauenanteil bei der “WoZ” deutlich zu vergrössern. Klar war dabei auch, dass Frauen nicht einfach über Frauenthemen schreiben sollten.
KLARTEXT: Inzwischen beglückwünschte sich die “WoZ” zu ihrer Frauen-Mehrheit. Worüber schreiben Sie nun tatsächlich?
WYSSEIER: Susan Boos beispielsweise ist natürlich Feministin, aber sie ist auch eine Recherchierjournalistin und beschäftigt sich hauptsächlich mit Asylpolitik. Oder Astrid Deuber: Sie ist äusserst beschlagen in feministischer Theorie, aber andererseits ist sie eine kompetente Kulturjournalistin.
FEHR: Im übrigen ist es nicht so, dass die Frauen in Frauenfragen immer die gleiche Meinung hätten. Und mitunter verläuft die Front durchaus über die Geschlechtsgrenzen hinweg – bei der “WoZ” arbeiten auch sehr kämpferische Feministen.
KLARTEXT: Vor einem Jahr baute die “WoZ” den Umfang um einen vierten achtseitigen Bund auf 32 Seiten aus. Darin lesen wir hauptsächlich umfangreiche “Dossiers” und mitunter längliche – und wenig überraschende – Serien. War dieser Entscheid journalistisch und verlegerisch richtig?
FEHR: Ich denke schon – obwohl sich innerhalb dieses Konzepts manches besser oder anders machen liesse.
KLARTEXT: Ebenfalls vor einem Jahr versprach “WoZ”-Redaktor Stefan Keller gegenüber KLARTEXT “noch mehr Primeurs” im Inlandressort. Davon spüren wir bisher wenig. Und einzelne “WoZ”-Leute beklagen offen, es werde zu wenig recherchiert.
FEHR: In diesem Bereich stehen wir tatsächlich in einer scharfen Konkurrenz mit den andern Medien. Dennoch gibt es Dinge, die nur in der “WoZ” stehen können. Ein Beispiel war seinerzeit der geheime “Novosti”-Untersuchungsbericht, der andern Redaktionen ebenfalls vorlag, der aber nur von uns publiziert wurde. Weitere Beispiele waren die Enttarnungen von Spitzeln der Zürcher Polizei.
KLARTEXT: Aber die Leserinnen und Leser der “führenden linken Zeitung” erwarten wohl trotzdem mehr.
FEHR: Es mag sein, dass wir bei grossen aktuellen Themen, hinter denen alle Medien her sind – Beispiel Kopp-Affäre -, mitunter die Köpfe zu früh in den Sand stecken, weil wir zum vornherein annehmen, ohnehin nichts anderes herauszufinden als die Konkurrenz. Nach meiner Einschätzung wäre in solchen Fällen mehr Hartnäckigkeit am Platz.
KLARTEXT: Immerhin steht der “WoZ” – dank dem Förderverein “ProWoZ? – ein sogenannter Recherchierfonds zur freien Verfügung, mit dem besonders aufwendige Recherchen finanziert werden können. Für schweizerische Polit-Stories scheint dieses Geld allerdings kaum zu fliessen.
WYSSEIER: Das liegt daran, dass wir für Recherchen in der Schweiz, die verhältnismässig wenig Spesen verursachen, nicht in erster Linie Geld, sondern Arbeitskapazität benötigen; deshalb stellen wir für solche Aufgaben immer wieder einzelne Leute für eine bestimmte Zeit frei. Gerade jetzt haben wir aber auch wieder einen Beitrag aus dem Recherchierfonds für ein aufwendiges Inlandthema beschlossen. Und ich denke, wir sollten das vermehrt tun.
KLARTEXT: Einigermassen verwirrlich und beliebig erscheint uns der Auslandteil der “WoZ”. Ein Konzept vermögen wir nicht zu erkennen. Können Sie uns da weiterhelfen?
WYSSEIER: Nun, bei der “WoZ” machen Menschen die Zeitung. Wir haben also nicht ein Konzept, nach welchem sich die Redaktorinnen und Redaktoren partout und entgegen dem eigenen Flair richten müssen …
KLARTEXT: … also genau wie die als “Autorenzeitung” firmierende “Weltwoche” …
WYSSEIER: … sondern wir haben zum Beispiel einen Spezialisten für Lateinamerika; der ist gezielt angestellt worden. Wir haben Al Imfeld als ausgezeichneten Afrika-Kenner. Dann arbeitet Corinne Schelbert im Ressort, die ihr Augenmerk insbesondere auf die USA richtet. Und wir haben einen ausgesprochenen Spezialisten für Osteuropa.
FEHR: Zudem bemühen wir uns natürlich um kompetente Leute, wenn die Aktualität dies erfordert. Während des Golfkriegs etwa waren wir glücklich über die Beiträge von Oliver Fahrni. Aber es stimmt schon, dass immer wieder empfindliche Lücken entstehen: ganz einfach deshalb, weil wir nicht über ein Netz von Korrespondentinnen und Korrespondenten im Ausland verfügen.
KLARTEXT: Nach unserer Beobachtung spiegelt der “WoZ”-Auslandteil in erster Linie die sogenannten Hoffnungs-Provinzen der Linken – etwa Nicaragua während der Zeit der Sandinisten-Regierung.
WYSSEIER: Mir scheint, dass diese Phase vorbei ist. Beispiel Lateinamerika: Da haben wir bestimmt über Länder wie Peru oder Panama inzwischen ausführlicher berichtet als über das, was Sie “Hoffnungs-Provinzen der Linken” nennen. Natürlich, Nicaragua – das lag aber auch daran, dass uns die Zusammenarbeit mit der dortigen Agentur ANN gute Berichte aus umliegenden Ländern der Region ermöglichte. Inzwischen freilich konnten wir – nicht zuletzt dank des Recherchierfonds’ – hin und wieder gezielt eigene Leute an Schauplätze der Aktualität schicken, beispielsweise nach Jugoslawien, in die Türkei oder in die Sowjetunion.
KLARTEXT: Der von der “WoZ” lancierte “Kulturboykott” war wohl die bisher ausgeprägteste Form von Interventionsjournalismus. War die Übung – die der Redaktion ja öfters über den Kopf zu wachsen schien – unterm Strich ein Hit oder ein Flop für die “WoZ”?
FEHR: Ich denke, der “Kulturboykott” hat der “WoZ” insgesamt genützt. Wir konnten uns als Zeitung profilieren, die initiativ ist und durchaus landesweit etwas bewegen kann.
WYSSEIER: Wahr ist, dass der “Kulturboykott” einige Gehässigkeiten ausgelöst hat – weil sich einerseits manche Leute betupft fühlten und weil sich andererseits manche Leute als Moralapostel aufspielten. Wahr ist aber auch, dass sich aufgrund der Kampagne recht hochstehende Diskussionsbeiträge ergaben, die auch in der “WoZ” ihren Niederschlag fanden.
KLARTEXT: Zumindest der Werbeeffekt müsste spürbar gewesen sein: Die “WoZ” wurde in zahllosen Veröffentlichungen zum “Kulturboykott” immer wieder genannt.
WYSSEIER: Das stimmt. Dennoch hat es Frank A. Meyer in einer “SonntagsBlick”-Kolumne über den in der “WoZ” abgedruckten Brief von Max Frisch an Marco Solari zum “Kulturboykott” geschafft, die “WoZ” nicht ein einziges Mal zu erwähnen. So was ist aber mittlerweile doch die Ausnahme.
KLARTEXT: Stichwort Kultur: Wenn die “WoZ” nicht gerade eine Kampagne nach Art des “Kulturboykotts” lanciert, präsentiert sich ihr Kulturteil eigentlich als höchst konventionelles Feuilleton, wenn auch bezogen auf Alternativkultur. Rezensionen dominieren, wie in allen Zeitungen, auch in der “WoZ” die Kulturseiten. Reicht das aus?
WYSSEIER: Wenn man sich nicht ununterbrochen mächtig anstrengt, auch kulturpolitische Themen zu pflegen, ist diese Gefahr in der Tat gross. Andererseits sind wir bezüglich Kulturpolitik in einzelnen Städten doch einigermassen präsent.
KLARTEXT: Frau Fehr, Frau Wysseier, Sie arbeiten in einem Kollektiv. Ist diese Bezeichnung noch gerechtfertigt, nachdem bei der “WoZ” neuerdings eine siebenköpfige Geschäftsleitung installiert worden ist, deren Mitglieder auch Sie beide sind?
FEHR: Selbstverständlich. Der Unterschied gegenüber früher – und ich bin seit dem Start der “WoZ” dabei – besteht hauptsächlich darin, dass wir heute keine Vollversammlung mehr darüber abhalten müssen, ob es sinnvoll ist, die abgefahrenen Pneus des Geschäftsautos durch neue zu ersetzen. Alle relevanten Entscheide werden aber nach wie vor vom Plenum gefällt. Die Geschäftsleitung – die übrigens jedes Jahr wechseln wird – hat vor allem die Aufgabe, Geschäfte zuhanden des darüber entscheidenden Plenums vorzubereiten.
WYSSEIER: Grundsätzlich ist zu sagen: Wir versuchen, Strukturen zu schaffen, die uns gestatten, besser zu funktionieren. Konkret zur Geschäftsleitung: Sie ist ein Gremium, das mehr Übersicht haben soll und mehr Verantwortung tragen muss, das aber null Kompetenzen hat. Sie muss Probleme, egal in welchem Bereich, erkennen und dafür sorgen, dass zu deren Lösung Beschlüsse gefasst werden.
KLARTEXT: Ist die Geschäftsleitung nicht einfach die Institutionalisierung der informellen Hierarchien, die im Unternehmen “WoZ” ohnehin immer bestanden und von verschiedenen Redaktionsmitgliedern immer wieder beklagt wurden?
FEHR: Früher gab es andere Strukturen, meinetwegen auch informelle Hierarchien. Jetzt läuft das erste Jahr mit einer Geschäftsleitung. Da haben wir natürlich nicht Leute in dieses Gremium gewählt, die erst seit einem Monat bei der “WoZ” sind, sondern solche, die den Betrieb einigermassen kennen. Wichtig ist aber, dass in der Geschäftsleitung die verschiedenen im Betrieb vorhandenen Meinungsströmungen vertreten sind.
WYSSEIER: So ganz neu ist die Idee der Geschäftsleitung ja auch wieder nicht. Vorangegangen ist ihr eine rund zweijährige Phase mit einer Betriebsgruppe und einem Redaktionsausschuss. Die heutige Geschäftsleitung ist eigentlich nichts anderes als eine Verfeinerung und Weiterentwicklung dieser vorherigen Struktur.
KLARTEXT: Halten Sie es für denkbar, dass es bei der “WoZ” dereinst eine Chefredaktorin oder einen Chefredaktor geben wird? Oder vielleicht eine mehrköpfige Chefredaktion?
FEHR: Ich glaube, eine solche Person hätte ein schweres Leben. Denn auf tatsächliche Hierarchien reagieren wir alle höchst allergisch – immerhin gehört die “WoZ” den Macherinnen und Machern. Ich würde sagen: Eine Chefredaktion ist nicht absolut undenkbar, aber für die absehbare Zukunft sehr, sehr unwahrscheinlich.
KLARTEXT: Vor einem Jahr, als praktisch alle Schweizer Presseverlage aufgrund des beginnenden Anzeigeneinbruchs teils empfindliche Sparmassnahmen beschlossen, schritt die “WoZ” keck voran und erweiterte den Zeitungsumfang um ein stattliches Drittel: von 24 auf 32 Seiten.
FEHR: Die allermeisten Zeitungen und Zeitschriften leben zu rund 80 Prozent von den Inserateeinnahmen, die Einnahmen der “WoZ” dagegen stammen zu rund 80 Prozent aus dem Abo-, Kiosk- und Strassenverkauf. Die “WoZ” spürt deshalb Schwankungen bei der Anzeigenkonjunktur in einem unvergleichlich schwächeren Mass als andere.
KLARTEXT: Sind für die nähere Zukunft weitere Expansionsschritte angesagt?
WYSSEIER: Konkrete Gelüste sind meines Wissens derzeit nicht vorhanden …
FEHR: … so eindeutig würde ich das nicht sagen. In den verschiedensten Köpfen geistern neue Konzepte, etwa für den Veranstaltungsteil, herum. Man traut sich – kaum ist der letzte Ausbauschritt getan – nur nicht, es laut zu sagen. Ich denke aber, dass spätestens nächstes Jahr bereits wieder über weitere Änderungs- oder auch Ausbaupläne diskutiert werden wird.
WYSSEIER: Gut. Aber trotz unserer geringen Empfindlichkeit gegenüber Schwankungen im Anzeigenbereich sind wir natürlich nicht völlig konjunkturunabhängig. Ausbauen kann man nur, wenn das nötige Geld auch hereinkommt – und das kommt bekanntlich von den Abonnentinnen und Abonnenten.
KLARTEXT: Vor einem Jahr setzten Sie sich als Ziel 12’000 Abos bis Ende 1991. Werden Sie das Ziel erreichen?
WYSSEIER: Der heutige* Stand liegt bei 11’524 Abos. Die Chance, das Ziel zu erreichen, ist also intakt.
KLARTEXT: Und die gesamte verkaufte Auflage – einschliesslich Kiosk- und Strassenverkauf – beträgt, wie von “WoZ”-Leuten dieser Tage verkündet, 17’000 Exemplare?
WYSSEIER: Das ist typisch “WoZ”! Lotta Sutter am Radio und Patrik Landolt gegenüber dem “Tages-Anzeiger” nannten eine Auflage von 17’000. Ich stelle fest: Diese Zahl ist happig abgerundet, sie beträgt in Wirklichkeit gegen 18’000, mit Spitzen bis 22’000. Ich weiss nicht, ob es eine einzige Zeitungsredaktion auf der Welt gibt, die deutlich abrundet, wenn sie gefragt wird, wieviele Exemplare sie verkaufe.
KLARTEXT: Der Einheitslohn für eine 100-Prozent-Stelle bei der “WoZ” beträgt 3000 Franken netto im Monat. Als Redaktorinnen bei etablierten bürgerlichen Medien würden Sie gut und gern das Doppelte kassieren. Welches sind denn für Sie die Qualitäten, die einen so eklatanten materiellen Nachteil aufwiegen?
FEHR: Eine entscheidende Qualität ist für mich schon die Tatsache, dass ich keinen Chef habe. Natürlich kann ich nicht einfach machen, was ich will. Ich habe aber immer die Chance, mit meinem Anliegen durchzudringen und das Gesamtprodukt mitzubestimmen. Ein weiterer Punkt ist der persönliche Umgang im Betrieb. Wenn ich höre, welch unglaublicher Konkurrenzneid beispielsweise unter den Kolleginnen und Kollegen beim Fernsehen herrscht, muss ich sagen: Das kenne ich bei der “WoZ” nicht. Bei uns wird man auch mal gelobt, wenn einem eine Arbeit besonders gelungen ist.
KLARTEXT: Sie verspüren also – nach immerhin zehn Jahren – keinerlei Lust, sich beruflich zu verändern?
FEHR: Nun, ich gebe zu, dass ich mitunter so etwas wie einen Geschützte – Werkstätten – Effekt zu spüren glaube und Lust hätte, die Realität in andern Medien kennenzulernen.
WYSSEIER: Solche Lüste verspüren wohl manche von uns. Wenn sie sich dann aber ernsthaft überlegen, welche Redaktion punkto journalistischer Möglichkeiten und punkto Mitbestimmung wirklich in Frage käme, fällt ihnen selten eine Alternative ein.
KLARTEXT: Bei freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern scheint das eher zu klappen. Martin Kilian etwa, früher gemeinsamer USA-Korrespondent für die “WoZ” und die Berliner “taz”, wechselte erst zur “Weltwoche” und arbeitet heute im Washingtoner Büro des “Spiegel”. Sind solche Abgänge häufig?
FEHR: In den Anfängen der “WoZ” war es ja so: Wer für diese Zeitung arbeitete, ging davon aus, als linksradikale Person abgestempelt zu sein und sämtliche Karrierewünsche begraben zu können. Das hat sich inzwischen verändert. Und das führt natürlich immer wieder zu Wechseln – mitunter sogar zu erstaunlichen Karrieren.
KLARTEXT: Zum Beispiel?
FEHR: Da fuhr beispielsweise seinerzeit ein junger Mann namens Fred Lauener die druckfrischen Zeitungen von Basel nach Zürich, wurde später Telefonist bei der “WoZ”, dann “WoZ”-Korrespondent in Basel, nachher Mitarbeiter diverser Blätter und des Radios und landete beim Fernsehen, so dass er gemeinsam mit so bedeutenden Persönlichkeiten wie Kurt Felix fotografiert wurde, als die Sendung “Seismo Nachtschicht” 1988 einen Preis gewann. Das qualifizierte ihn offenbar zum Chefredaktor des Lokalradios “Argovia”, und heute betreibt er ein Büro für Kommunikationsberatung in Basel.
KLARTEXT: Einen prominenten Abgang musste die “WoZ” im Frühjahr 1991 zur Kenntnis nehmen: Niklaus Meienberg verabschiedete sich im Streit aus dem “WoZ”-Impressum, weil einer seiner Texte nicht gedruckt wurde. In Ihrer Jubiläumsausgabe lesen wir jetzt ein ausführliches Versöhnungs-Interview mit Meienberg. Findet Meienberg künftig wieder statt in der “WoZ”?
FEHR: Ja, davon gehen wir aus.

*Das Gespräch fand am 20. September statt.

10. Juli 2007 von Klartext

Völlig illusorisch

Die neuen Besitzer des maroden Westschweizer Pay-TV-Kanals “Télécinéromandie” wollen über Satellit und Kabel europaweit zu Höhenflügen ansetzen. Ein weiterer Flop ist vorprogrammiert.

Am Anfang war die Hoffnung, dann kam der Frust. Schliesslich wurde der Betrieb verhökert – Alltagsszenen aus dem bisher achtjährigen Leben von “Télécinéromandie” (TCR).
Die Westschweizer Pay-TV-Version schreibt seit ihrer Gründung, 1983, tiefrote Zahlen. Über 40 Millionen Franken Verluste hat der Fernsehzwerg bisher eingefahren, mehrmals wechselte er den Besitzer, und sieben Direktoren hat der serbelnde Sender bisher verschlissen.
Dabei versprachen die Gründerväter (die “Télévision de la Suisse Romande” sowie Filmverleiher und Industrielle), den Pay-TV-Anbieter aus der Westschweiz innert drei Jahren rentabel zu machen. Bis 1990 wollten sie die Abozahl auf 100’000 hochschrauben – mehr als 12’500 zahlende Kunden konnte TCR nie vorweisen. Heute sind es noch weniger. Und Ende Mai stand der Spielfilmkanal erneut vor dem Crash.
Gerade rechtzeitig, bevor sich “Télécinéromandie” endgültig aus der TV-Geschichte hätte verabschieden müssen, sprangen die Brüder Jean-François, Gilbert und Pierre-André Modoux aufs sinkende Schiff – die Sendeerlaubnis wäre nach einem dreimonatigen Programm-Unterbruch hinfällig geworden. Zehn Tage vor dem Termin erwarben die Modoux-Brüder vom Neuenburger Industriellen (“Ebel”-Uhren) und Mitinhaber der Zeitung “L’Impartial” Pierre-Alain Blum das gesamte Aktienpaket.
Der Preis ist Geheimsache. “Wir haben mit Pierre-Alain Blum vereinbart, keine Zahlen bekanntzugeben”, begründet der neue Fernsehdirektor Jean-François Modoux die Geheimniskrämerei. Viel dürfte es allerdings nicht mehr gewesen sein, was der Neuenburger Industrielle aus dem Verkauf der siechen TV-Station löste. Blum hat in den letzten Jahren rund fünf Millionen Franken in den Fernsehkanal investiert.
Um seine hochtrabenden Pläne zu verwirklichen, warb er dem Westschweizer Fernsehen sogar den erfolgreichsten Mitarbeiter ab: Christian Defaye, Chef des Filmmagazins “Special Cinéma”, sollte das Pay-TV zum “besten Spielfilmkanal Westeuropas” hochpuschen. Als erste Massnahme beschlossen Blum/Defaye, die monatlichen Abopreise von 68 auf 36 Franken zu reduzieren.
Dann, Anfang April, präsentierten sie gemeinsam und hoffnungsfroh das neue Programmangebot. Zwei Monate später stellte Blum den Betrieb ein, Mitte August sprang Defaye von Bord. Abonnentinnen und Abonnenten wurden von Blum via Telefonbeantworter informiert, die Übernahme durch die Brüder Modoux erfuhren sie Wochen später aus der Presse.
Die finanzielle Odyssee ihrer Vorgänger beeindruckt allerdings die neuen Eigner überhaupt nicht. Im Gegenteil: Direktor Jean-François Modoux markiert den scheinbar unverbrüchlichen Optimisten. “Freilich ist der Westschweizer Markt zu klein”, weiss er, “deswegen werden wir unsere Abonnentenstruktur ändern müssen.” Nämlich: “Wir werden unser Sendegebiet über Satellit auf die Deutschschweiz und Europa ausdehnen.” In eineinhalb Jahren will Modoux die Abozahl auf 20’000 verdoppeln. “Das Kundenpotential”, glaubt er, “ist vorhanden – mit andern Strukturen ist der Sender durchaus gewinnträchtig.”
Um die Satelliten-Pläne umzusetzen, ist allerdings eine neue Konzession erforderlich. “Sobald das Radio- und Fernsehgesetz am 1. April 1992 in Kraft tritt”, verkündet Jean-François Modoux, “werden wir ein Gesuch stellen.” Die künftige Konzession soll dem Sender neue werbliche Perspektiven eröffnen und grösseren Spielraum für ausländische Investoren schaffen.
Tatsächlich präsentieren sich die Bestimmungen des Radio- und Fernsehgesetzes in dieser Hinsicht sehr freundlich. Beispielsweise wurde die höchstzulässige Ausländerbeteiligung auf 49 Prozent angehoben. Finanzkräftige ausländische Partner für “Télécinéromandie” sind vorläufig allerdings weit und breit nicht auszumachen.
Die Brüder Modoux, obschon von geradezu naivem Zukunftsglauben geblendet, sind keine Branchenneulinge. Im freiburgischen Rossens produzieren sie seit Jahren Reportagen und Werbefilme und verfügen mit der “Audio-Film SA” über ein im Urteil von Branchenkennern effizientes Instrument. Die “Télécinéromandie” nutzte bereits seit Anfang März Infrastruktur und High-Tech-Ausrüstung dieser Filmproduktionsgesellschaft. Und die “Audio-Film SA” besorgte auch gleich die Administration.
Das macht die Pay-TV-Station TCR aber noch keineswegs lebensfähig. Überleben soll der Sender denn auch dank neuem Zielpublikum. Bisher sei die Gruppe der 15- bis 25jährigen bei der Programmgestaltung “wenig berücksichtigt” worden, das werde sich “jetzt ändern”, verspricht Jean-François Modoux.
Helfen soll ihm dabei der neue Programmchef René Blanchoud. Der werkte – wenig erfolgreich – bereits vor Christian Defaye bei “Télécinéromandie”. Doch solche Details kümmern die Brüder Modoux nicht.
Den Abonnenten und Abonnentinnen jedenfalls wird vorläufig nichts Neues vorgesetzt. Das Angebot: 70 Prozent Spielfilme und verstaubte US-Serien sowie Dokumentarstreifen; dazu unverschlüsselte Spiele und Unterhaltungssendungen, die von Sponsoren berappt werden.
Kurz: Jean-François Modoux und sein Programmchef fahren just mit demselben Unterhaltungsquatsch auf, mit dem bereits eine ganze Anzahl von TV-Stationen allabendlich zur besten Sendezeit ihr Stammpublikum malträtiert. Als Belohnung für stramme Abonnenten winken dreimal wöchentlich Liebesgrüsse aus der Lederhose.
Mit solch einem Programm, darin sind Experten sich einig, ist der Durchbruch kaum zu schaffen. “Wenn die Pay-TV-Anbieter gute Filme ausstrahlen, haben sie durchaus eine Chance – vor allem, wenn im nächsten Jahr im SRG-Fernsehen Unterbrecherwerbung zugelassen wird”, meint etwa Medienfachmann Matthias Loretan, “hingegen bezweifle ich sehr, dass so kleine Stationen mithalten können, denn grosse Pay-TV-Anbieter wie ,Canal Plus’ schliessen mit Filmverleihern Prioritätsverträge ab.”
Konkret heisst das: Erfolgreiche Kinofilme werden noch vor der Videovermarktung und vor der Fernsehnutzung über die Spielfilmkanäle grosser Abo-Sender ausgestrahlt. Und in diesem Millionenpoker kann “Télécinéromandie” mit mickrigen 10’000 Abonnenten nicht mitmischen.
Als “völlig illusorisch” stuft der Zürcher Medienspezialist die Absicht des Westschweizer Filmkanals ein, das Sendegebiet auf die Deutschschweiz auszudehnen: “In der Deutschschweiz sehen sich heute nicht einmal fünf Prozent des Publikums Sendungen des Westschweizer Fernsehens an, das Bedürfnis nach fremdsprachigen Spielfilmen ist schlicht nicht vorhanden.”
Abgesehen davon: In der Deutschschweiz ist das Pay-TV-Pendant “Teleclub” mit rund 80’000 Abonnenten fest verankert und hat sich mit dem grössten deutschen Filmhändler Leo Kirch schon frühzeitig einen potenten Partner geangelt. Ähnliche Absichten hegte der Westschweizer Filmkanal 1988: “Télécinéromandie” wollte mit dem profitablen französischen Pay-TV “Canal Plus” (acht Millionen Abonnenten) zusammenspannen.
Doch das Gesuch wurde vom “Eidgenössischen Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement” abgelehnt. Zu Recht: “Die Mitgift, welche das helvetische Mauerblümchen für die Heirat ins französische Fürstenhaus hätte einbringen sollen, wäre das öffentliche Gut beschränkter Frequenzen gewesen.” (Loretan)
Auch die transnationale Kommerzialisierung des Westschweizer Pay-TV-Senders via Kabel und Satellit scheint fast aussichtslos. In Frankreich beherrscht “Canal Plus” souverän das Terrain – der frankophone Fernsehmarkt ist ausserdem übersättigt. Deutschland ist ebenfalls besetzt. Und auch das jugendliche Publikum im Alter zwischen 15 und 25 Jahren ist mit Musiksendern à la “M6” ausreichend angepeilt. Mini-Kanälen wie der welschen “Télécinéromandie”, schätzen Branchenkenner, dürfte früher oder später der Schnauf ausgehen – definitiv.
Zu diesem Schluss ist die “Télévision de la Suisse Romande” schon längst gekommen. Als ehemaliges Gründungsmitglied distanzierte sich das Westschweizer Fernsehen frühzeitig wieder von dem Projekt. TV-Direktor Guillaume Chenevière heute: “Die Projekte der neuen ,Télécinéromandie’-Besitzer mögen ambitiös sein; ich bin aber nach wie vor überzeugt, dass dieser Sender aufgrund des sehr kleinen Einzugsgebiets nicht rentabel zu machen ist – das war seinerzeit auch der Grund für unsern Rückzieher.”

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