10. Juli 2007 von Klartext

Pure Unlogik

“Der gemeinsame Duden für Ost und West” liegt vor – mit allerlei “Regionalismen” aus der verblichenen DDR, aber ohne reformierte Rechtschreibung.

Ursprünglich hätte er erst 1992/93 kommen sollen, nun ist er früher da: der neue “Duden”, in der 20. Auflage, mit einer Rekordzahl von 115’000 Stichwörtern und mit 500’000 Bedeutungserklärungen. Und mit dem Zusatz “Der gemeinsame Duden für Ost und West”. Konrad Dudens, des Wörterbuch-Schöpfers, grosse Vision ist damit nach mehr als vierzig Jahren wieder ganz wahr: die deutsche Einheit auf dem Gebiet der Rechtschreibung.
Lustlos reagierten die meisten Zeitschriften und Zeitungen des deutschsprachigen Raumes, als der neue “Duden” Anfang September auf den Markt geworfen wurde. Es dominierten in ihren Artikeln die zu erwartenden Titel wie “Als der Hund noch boll” (“Der Spiegel”) oder “Der Broiler lebt!” (“Basler Zeitung”). Und es dominierten die üblichen, zu erwartenden Sätze, in denen Originalvokabular gleich eingebaut ist: “Trendschnittig fährt man schliesslich die Ökoschiene mit Altlast und Treibhauseffekt, endlagern und recyceln” (“Die Weltwoche”). Anlass zu allerlei Wortgeplänkel gaben aber auch die vom Schweizer “Dudenausschuss” vorgeschlagenen und neu aufgenommenen Helvetismen. Die “Berner Zeitung” zum Beispiel titelte: “Goalie hat den Plausch an Dönerkebab.”
Die Unlust kommt nicht von ungefähr. Gewiss, wie denn nun mit dem Wortschatz der verblichenen DDR umgesprungen werde, darauf durfte man gespannt sein. Andererseits: Die eigentlich brisante Sprengladung wird erst 1996/97 gezündet. Dann nämlich sollen in den 21. “Duden” die Ergebnisse der amtlichen Rechtschreibereform einfliessen.
So gelten für die jetzige 20. Auflage auch weiterhin die amtlichen Regeln der staatlichen Rechtschreibkonferenz von 1901. Weiterhin wird praktiziert, was “Duden”-Herausgeber Professor Günther Drosdowski im “Magazin” von “Tages-Anzeiger” und “Berner Zeitung” “pure Unlogik” nannte: Man schreibt zwar “Auto fahren”, aber “radfahren”. Dem Substantiv “Nummer” steht auch fürderhin das Verb “numerieren” gegenüber. Es heisst “Aus-der-Haut-Fahren”, nicht aber “Ausser-Acht-Lassen” (richtig ist “Ausserachtlassen”).
“Anachronistischen Bildungsdünkel, wie er schlimmer nicht sein kann”, sieht der Professor hinter der ganz dem Lateinischen verpflichteten Trennung “Inter-esse” (statt “Inte-resse”). Den schwarzen Peter für das vorläufige Fortbestehen diverser Inkonsequenzen und allerlei humanistischen Ballasts spielte Drosdowski im kreuzbraven “Magazin”-Interview elegant weiter: solche Reformen könne “nicht der ,Duden’ dekretieren”. Sondern: “Daran arbeiten Gremien, die von den Regierungen der deutschsprachigen Länder einberufen werden. Denn nach wie vor ist die Rechtschreibung amtlichen Regelungen unterworfen, jede Änderung bedarf der Zustimmung der Politiker.”
Die Reform steht also aus, daran konnte sich kein Streit entzünden. So liessen sich die kommentierenden Medien vor allem über den Umgang des “Duden der Einheit” mit dem Wortschatz der ehemaligen DDR aus. “Der Spiegel” stellte vorerst den grundsätzlichen Unterschied klar: Im Westen galt und gilt die Ideologie des Pragmatismus; mehr oder weniger kritiklos wird registriert, was in der Sprache vorkommt. Hier “bekommt auch die verquälteste sprachliche Neuschöpfung eine Chance, wenn sie sich lange genug in den Medien hält”. Im Osten dagegen strebte man, laut “Spiegel”, “eine vom Kapitalismus befreite Sprache im Geist der Weimarer Klassik an”. Eine Sprache, in der nicht war, was nicht sein durfte. Eine Sprache, in der die “Päderastie” puritanisch verschwiegen wurde und die “Prostituierte” eine Frau war, “die sich in der Klassengesellschaft gewerbsmässig preisgibt”.
Freilich war mit dergleichen Schönfärberei und bewusster Blindheit der von oben verordneten Sprache stets ein Abstand zum Volk gegeben. Der Leipziger “Duden” hielt vornehme Distanz zur Umgangssprache und enthielt rund 30’000 Wörter weniger als die Mannheimer Ausgabe. Nicht dokumentiert wurden Eigennamen, zu heikel wäre zum Beispiel bei den sowjetischen Namen die Entscheidung über Aufnahme oder Nichtaufnahme gewesen – angesichts der real existierenden und real rachsüchtigen Nomenklatura und der nicht voraussehbaren Wendungen und Windungen offizieller Ideologie.
Nach gescheiterter “Republikflucht” konnte eine DDR-Frau zwar für Jahre hinter Gitter wandern. Im DDR-“Duden” der Gefängnisbibliothek fand sie ihr Vergehen aber nicht aufgeführt. Jetzt ist das anders: “Republikflucht” sei “Flucht aus der ehem. DDR”, wird da – nicht ganz logisch – erklärt. Der “Reisekader” kann sein obsolet gewordenes Privileg nun auch nachschlagen und der Vergangenheit nachtrauern. Die alte DDR drückte sich gerne um Realitäten dieser Art, selbst wenn sie sie sprachlich neu bezeichnet hatte.
“Der neue Duden, scheint es, wollte zu viel: eine sprachliche Flurbereinigung, die sich in so kurzer Zeit nicht wirklich überzeugend vornehmen lässt”, zieht der “Tages-Anzeiger” Bilanz zur neuen Ausgabe, die nach dem Aufgehen des volkseigenen Betriebs in Leipzig in der Mannheimer Aktiengesellschaft in aller Eile lanciert wurde. Im Auge hat er zum Beispiel den Umgang mit der Vergangenheit. Die DDR scheint für die – westlich dominierte – “Duden”-Redaktion so bewältigt und niedlich, dass “Ulbricht” und “Honecker” ebenso problemlos aufgenommen werden konnten wie die “SED”. Dagegen sind “Hitler” und die “Hitlerjugend” wohl der kollektiven Verdrängung anheimgefallen, und auch die “NSDAP” wird nicht erwähnt. Der “Grillette” hat die “Duden”-Redaktion den Zusatz “regional” verpasst, nicht aber deren grossem Bruder aus dem Westen, dem “Hamburger” – der freilich mittlerweile auch in Rostock zu finden sein dürfte. Der “Tagi” kritisiert diese ungleiche Behandlung als “westlich-kulturimperialistisch”.
Doch die Westredaktion des “Duden” hat die Zukunft auf ihrer Seite. Trouvaillen aus dem Wortfundus der DDR wie “Toni” (ein Funkstreifenwagen) oder “Abschnittsbevollmächtigter” (eine Art Quartierpolizist) dürften Funde auf Zeit sein; klar, dass solche Wörter früher oder später aus dem “Duden” verschwinden werden. So wird der “Broiler” zum “unbekannten Flugobjekt” (“Basler Zeitung”) werden. Länger halten dürfte sich ein weniger sympathisches Objekt der Luft: der neu aufgenommene “Tarnkappenbomber”.
Mehr Verständnis für die leidenschaftslose Abbildung des kapitalistischen Seins mit all seinen guten, schlechten und dubiosen Errungenschaften als ihre Schwester von der linken Mitte hat die “Neue Zürcher Zeitung”. Sie ist mit dem Gang der weltpolitischen Dinge rundum zufrieden. Der befriedigte Kommentar der NZZ zur sprachlichen Wiedervereinigung unter westlichen Vorzeichen: “Im ,Duden’ dokumentiert sich Weltgeschichte, sedimentieren sich Weltverhältnisse.”

10. Juli 2007 von Klartext

Bussen für NZZ-Leser

“Verwichener Tagen hatte eine Weibsperson, so allda um Leib und Leben … in Verhafft gesessen, durch den Saum ihres Hembds sich leiblos gemacht und erhenkt.” So stand es 1735 im “Bernischen Avis-Blättlein” zu lesen. Moritaten dieser Art sind reichlich zitiert in Paul Schaffroths “Sturm und Drang. Aus der Vergangenheit der stadtbernischen Presse (1500 bis 1900)”. Sie lockern eine Darstellung auf, die ein chaotisches Kapitel Geschichte wirksam strukturiert und analytisch bewältigt.
Nicht ganz klar wird nach der Lektüre des mit 120 Faksimiles bebilderten grossformatigen Bandes, warum Schaffroth, alt Chefredaktor der Zeitung “Der Bund”, die Vergangenheit im Buchtitel mit dem runden Jahr 1900 enden lässt. Ohnehin überschreitet er im Text die künstliche Grenze dauernd und führt Entwicklungslinien summarisch bis in die Gegenwart weiter.
Streiten lässt sich auch über den Begriff “Sturm und Drang”. Abgezielt ist nicht etwa auf den stilgeschichtlichen Sinn, sondern auf die Tatsache, dass die Geschichte der Stadtberner Presse geprägt ist vom turbulenten Werden und Vergehen einer Unmenge von Blättern und Blättchen aller Art. Allein das Bern des 19. Jahrhunderts sah an die 200 davon leben und sterben.
Das Buch liest sich spannend, vielleicht, weil der Autor zum 100. Geburtstag des “Stadtanzeigers Bern” laut Vorwort keine streng wissenschaftliche Arbeit verfassen wollte.
Zum ersten Stadtberner Journalisten macht er Niklaus Manuel (gestorben 1530). Für diese Theorie spricht, dass Manuel mit seinen – mitunter an Jahrmärkten feilgebotenen – Schriften die öffentliche Meinung beeinflussen wollte, für den Tag und fürs Volk arbeitete. Dagegen spricht, dass Manuel nie in einer Zeitung schrieb: Die erste Stadtberner Zeitung erschien erst gute 100 Jahre später. Eher gekünstelt wirkt es daher, wenn Schaffroth Manuels Kampflieder “Leitartikel” nennt.
Das Buch behandelt ausführlich die Helvetik und die konservative Gegenreaktion, die Bern die strengste Zensur der Schweiz brachte. 1830 stand auf der Lektüre der NZZ 50 Franken Busse.
1850 wurde “Der Bund” gegründet, als liberale Zeitung mit nationalen Ambitionen und politischem Selbstverständnis, die das Thema Stadt Bern lange links liegen liess. Im Unterschied dazu neigte das 1888 von Burgern und Konservativen gegründete “Berner Tagblatt” (ein Vorläufer der heutigen “Berner Zeitung”) stark dem Lokalen, dem unpolitischen Alltag, ja sogar dem Sport zu. Hier erhellt die Vergangenheit ein Stück weit die Gegenwart.

Paul Schaffroth: “Sturm und Drang. Aus der Vergangenheit der stadtbernischen Presse (1500 bis 1900)”. Benteli Verlag, Bern 1991, 300 Seiten und 120 Duplex-Abbildungen, Fr. 56.-.

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