10. Juli 2007 von Klartext

Fitg bun

Konservative Romanen wollen die beste TV-Sendung aus dem Programm kippen.

Sonntag, 11. November 1990, kurz nach 18.00 Uhr – Vater hat soeben das Tischgebet beendet – auf dem Kanal des “Schweizer Fernsehens”: Eine schwangere Frau flaniert durch die Strassen. Frage des Sprechers aus dem Off an die einträchtig vor dem Bildschirm versammelte Familie: “Was hat diese Frau wohl im Bauch?” Antwort: “Klar doch, ein Kindchen!” Schnitt. Der wohlbeleibte Bischof Wolfgang Haas erscheint auf dem Bildschirm. Frage: “Und was ist im Bauch dieses Mannes?” Die Antwort gibt der Oberhirte gleich selbst (Orginalton): “Was ich sehr gerne habe, sind Kalbshaxen und dazu eine gute Polenta.”
So kann man einen Beitrag über die Sexualmoral der katholischen Kirche natürlich auch beginnen. Nur wagen würde diese Einleitung keine Journalistin und kein Journalist aus dem Fernsehstudio im Zürcher Seebach-Quartier. Der Grund, dass sie trotzdem gesendet wurde: Den Beitrag hatte ein dreiköpfiges Redaktiosteam der Programmstelle Chur verfasst, und ausgestrahlt wurde er auf romanisch.
Auch für romanische TV-Sendungen bedeutete dieser freche Einstieg ein Novum: Am 11. November 1990 flimmerte die erste Ausgabe des Magazins “Muschkito” über den Bildschirm, einer Sendung, die mit ihrem ungewöhnlichen Konzept durch das Raster sämtlicher bisheriger Sendeformen der SRG fällt.
Die drei Mitglieder der verantwortlichen Redaktion – Beat Manetsch, Gieri Venzin und Claudia Knapp – schnürten für ihr Magazin ein Paket von Beiträgen, aus dem jede andere TV-Anstalt mindestens fünf eigenständige Sendungen realisiert hätte: In hohem Tempo werden Satire, klassische Reportagen, angriffige Portraits, Kurzinterviews mit Prominenten, Klatsch und Small-talk, Beiträge von Gastautoren und Musikvideos wild durcheinandergemischt.
Klar, dass bei einem solchen Wundertüten-Konzept auch mal ein Beitrag völlig daneben geht, die Idee besser als die Realisierung ist. Trotzdem ist “Muschkito” (Wortkombination aus Moskito und der gemeinen Bündner Stuben- und Stallfliege “muoscha”) derzeit die beste, weil frechste und innovativste TV-Sendung sämtlicher SRG-Programme. “Muschkito”, das sich an “ein städtisch orientiertes junges Romanen-Publikum auf dem Lande” richtet, ist weniger gesucht und gekünstelt als die vor zwei Jahren abgesetzte DRS-Sendung “Max”, aber dennoch so experimentierfreudig und schrill, dass der Erwartungshaltung des bisher an biedere Fernsehkost gewohnten romanischen Publikums ständig widersprochen wird. Und “Muschkito” präsentiert – auch das ist neu für romanische Medien – die Probleme der bedrohten Minderheit mit viel Selbstironie.
Dass das Magazin keine Eintagsfliege ist, bewiesen die Macher mit der zweiten Sendung im Februar dieses Jahres. Im Vergleich zur ersten Sendung vermochten die Redaktoren ihre Angriffigkeit gar noch zu steigern. In einem Beitrag über die Effizienz des Grossen Rats, des Bündner Parlaments, schreckten sie wiederum vor einem gewagten Filmschnitt nicht zurück: Nach einer Filmsequenz, in der die Kneipen gezeigt wurden, in denen die Bündner Parlamentarier nach den Sitzungen gerne die Nacht durchzechen – darunter ein Animierlokal im Churer Rotlicht-Bezirk – folgten Bilder von schnarchenden Grossräten im Plenarsaal. Aber auch bei der Bewertung der Arbeit der Bündner Volksvertreter nahm “Muschkito” kein Blatt vor den Mund: Fleissige Parlamentarierinnen und Parlamentarier erhielten das Prädikat “fitg bun” (sehr gut) und die Auszeichnung “vulp” (Fuchs) oder “furmicla” (Ameise) – ungenügende Ratsmitglieder wurden hingegen als “muntanella” (Murmeltier), “tschuetta” (Nachteule) oder “tais” (Schlafmütze) tituliert.
Kein Wunder, dass das Magazin nicht bei allen Romanen eitel Freude auslöst. Als deutschsprachige Sendung des “Schweizer Fernsehens” hätte “Muschkito” bereits eine Flut von Beschwerden an die “Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen” (UBI) ausgelöst. Auch Fidel Caviezel, Präsident des rätoromanischen SRG-Trägervereins “Cuminanza Rumantscha Radio e Televisiun” (CRR), hat nach bisher drei Sendungen “eigentlich eine Beschwerde erwartet”: “Dass dies nicht geschehen ist, liegt vermutlich daran, dass die Romanen nicht gerne schreiben.”
Einen Brief an die UBI können sich die konservativen Meckerer aber ohnehin sparen, viel erfolgreicher ist es, direkt bei Caviezel zu intervenieren. “Bei mir sind sehr viele Reklamationen eingetroffen”, erzählt der CRR-Präsident, dem “Muschkito” selbst ein Dorn im Auge ist.
Aber auch Chasper Stupan, Leiter der Programmstelle Chur, weiss von Leuten zu berichten, “die sich wie verrückt aufführten und die sofortige Absetzung der Sendung forderten”.
Als in der dritten “Muschkito”-Sendung erneut ein Romanen-Tabu gebrochen wurde, entschloss sich der CRR-“Cussegl” (der erweiterte Vorstand des Trägerschaftsvereins), eine Attacke gegen die unbotmässige Sendung zu reiten. Grund: Die Redaktion hatte für die fünf romanischen Idiome verschiedenfarbige Kondome empfohlen und dazu gleich noch die Anzahl der Löcher angegeben, die in die Gummis zu stanzen sind, damit die romanische Bevölkerung “nicht ausstirbt”. Den Freunden der neugeschaffenen Schrift-sprache “Rumantsch Grischun” schlugen sie einen bunten Präservativ, den “condom interidiomatica”, zum Gebrauch vor.
Obwohl die Programmkontrolle gar nicht in den Aufgabenbereich des “Cussegl” gehört, verabschiedeten die 17 Mitglieder am 7. Juni dieses Jahres einstimmig eine Resolution gegen “Muschkito”. Solche Sendungen, so der Resolutionstext, würden es der CRR erschweren, die Interessen der romanischen Bevölkerung zu fördern. Der “Cussegl” sei deshalb nicht mehr bereit, solche Sendungen während der kurzen Sendezeit des romanischen Fernsehens zu tolerieren, und er werde künftig bei den SRG-Organen weder Sendezeit noch Geld für weitere “Muschkito”-Ausstrahlungen beantragen.
An der nächsten Sitzung der CRR-Programmkommission wurde in Anwesenheit von Fidel Caviezel heftig gegen “Muschkito” vom Leder gezogen. Allerdings hatte die Mehrheit der geschickt aufgeputschten Mitglieder die letzte Sendung noch gar nicht gesehen. In vorauseilendem Gehorsam übermittelte Chasper Stupan die harsche Kritik der ihm untergebenen Redaktion und forderte sie zum Masshalten auf.
Als am 21. August die nächsten Sitzung der Programmkommission stattfand, hatte sich die Stimmung aber gekehrt. Nachdem nun alle Mitglieder die Sendung gesehen hatten, fiel die Kritik nicht nur wesentlich schwächer aus, sondern dem anwesenden “Muschkito”-Team wurde gar der Rücken gestärkt. “Wir haben die drei Redaktiosmitglieder spüren lassen, dass sie von uns aus so weitermachen können”, fasst ein Mitglied der Kommission das Sitzungsergebnis zusammen.
Diesen Ausgang hätte “Cussegl”-Mitglied Remi Capeder, der an der Sitzung als Statthalter von Caviezel teilnahm, allerdings gerne verhindert. Er schlug vor, künftige “Muschkito”-Sendungen sollten doch vom CRR-Vorstand zuerst visioniert werden.
“Aber das liefe ja auf Zensur hinaus, so was wollen wir nicht”, widersprach Kommissionsmitglied Mario Jegher, obwohl auch er nicht mit allen “Muschkito”-Beiträgen einverstanden ist. Nein, so sei sein Vorschlag nicht zu verstehen, krebste darauf Capeder kleinlaut zurück und schwieg für den Rest der Sitzung.
Von der mehr als zwei Monate früher gefassten Resolution des “Cussegl” wussten die Mitglieder der Programmkommission allerdings nichts. “Ich habe Capeder also doch richtig verstanden”, empört sich Jegher, nachdem er von KLARTEXT über den Inhalt der Entschliessung orientiert worden ist. Er will den Vorfall an der nächsten Sitzung, Mitte November, nochmals aufs Tapet bringen: “Die klopfen wir jetzt aus dem Busch, solche Resolutionen sind nicht Sache des ,Cussegl’. Wenn die jetzt auch noch die Programmkontrolle übernehmen, kann unsere Kommission künftig daheim bleiben.”
Auch Adolf Hosang, ein anders Mitglied der CRR-Programmkommission, erfuhr erstmals von KLARTEXT von der Resolution: “Das geht doch nicht, das müssen wir dem ,Cussegl’ klipp und klar sagen, sonst lösen wir die Programmkommission auf.” Der Sekundarlehrer aus Curaglia versteht die Kritik an “Muschkito” ohnehin nicht: “Endlich bringt das romanische Fernsehen aktuelle Themen, die in der Schule Anlass zu wertvollen Diskussionen geben, und nun will man das abblocken. Aber eben: Wenn ein grosses Tier ins Horn stösst, macht das halt viel mehr Krach als 50 positive Meldungen von zufriedenen Zuschauern. In meiner Umgebung ist man von ,Muschkito’ jedenfalls begeistert.”
Gegenüber KLARTEXT versucht Fidel Caviezel indes die Bedeutung der Resolution herunterzuspielen. “Ich konnte nicht verhindern, dass sich die Mitglieder des Vorstandes auch zu Programmfragen äussern”, erklärt der CRR-Präsident, ohne dessen Einwilligung die konservative Romanen-Riege sonst keinen Finger zu rühren wagt. Caviezel weiter: “Die Resolution wird keine Folgen haben, das ist nur ein Protest.” Eine neue “Muschkito”-Ausgabe “im Stil der letzten Sendung” will Caviezel allerdings “nicht mehr dulden, sonst bricht die ganze Diskussion wieder los”.
Unter Druck stehen jedoch nicht nur die “Muschkito”-Leute, sondern auch Chasper Stupan, der als Programmstellenleiter die oberste Verantwortung trägt. Wie er sich auch entscheidet, er wird sich zwischen sämtliche Stühle setzen: Gibt er der CRR-Spitze nach, gilt er bei den Mitarbeitern einmal mehr als Duckmäuser; stellt er sich schützend vor sein Team, verärgert er CRR-Boss Caviezel, auf dessen Zustimmung er bei allen wesentlichen Änderungen im Bereich des romanischen Fernsehens und Radios angewiesen ist.
Kein Wunder also, dass sich Stupan gegenüber KLARTEXT windet, klar Position zu beziehen: “Noch nie hat eine unserer Sendungen die Bevölkerung so polarisiert. Trotzdem habe ich noch nie daran gedacht, ,Muschkito’ abzusetzen, intern müssen wir aber nochmals über die Bücher. Ich möchte nicht, dass die Redaktoren die nächste Sendung vom 3. November nun mit einer Schere im Kopf realisieren – die Kreativität muss erhalten bleiben – , aber sie sollen wissen, dass für sie auch keine Narrenfreiheit besteht.”

10. Juli 2007 von Klartext

Fuchs im Wolfspelz

Das “R” aus der SRG-Region DRS soll ver-schwinden. Die Romanen wollen im Radiobereich eine eigene Region gründen.

Fidel Caviezel, Präsident des rätoromanischen SRG-Trägervereins “Cuminanza Rumantscha Radio e Televisiun” (CRR), ist entschlossen, die Praxis in die Theorie umzusetzen.
Praktisch funktioniert das romanische Radio und Fernsehen dank einem SRG-Sonderstatut, das der CRR “in bezug auf die romanischen Sendungen die Stellung einer Region” zuspricht, seit 1979 schon wie ein eigenständiger Unternehmensbereich. Theoretisch sind die Romanen jedoch noch immer der “Region DRS” unterstellt und müssen bei Investitionen und Strukturänderungen von Radio-Direktor Andreas Blum oder TV-Chef Peter Schellenberg das formelle Okay einholen. Dies soll nun anders werden.
Anlässlich der geplanten SRG-Reorganisation (Motto: “Von der Anstalt zum Unternehmen”) hat Caviezel “die Gelegenheit beim Schopf gepackt” und seine CRR zuhanden der SRG-Delegiertenversammlung vom 22. November den Antrag stellen lassen, “in bezug auf das romanische Radio sei eine eigenständige Region mit einem Unternehmensbereich zu schaffen”. Beim Fernsehen hingegen wollen die Romanen wegen der hohen Kosten und der fehlenden Technik weiterhin unter den schützenden Schwingen der “Region DRS” ausharren.
Gegenüber KLARTEXT hat Caviezel keine Mühe, den Antrag zu rechtfertigen: “Aus staats- und sprachpolitischen Gründen mussten wir das machen. Wenn wir eine eigene Region werden, ist das für das Romanische psychologisch ein wichtiger Schritt, aber auch rechtlich stehen wir bes-ser da. Wir können dann in die verschiedenen SRG-Gremien direkt Einsitz nehmen und unsere Anliegen somit besser vertreten.” Durch die Loslösung wird zudem ein seit langem angestrebtes Ziel erreicht: Kein Unterländer dürfte den Romanen mehr in ihr Radioprogramm dreinreden.
“Für uns war die bisherige Produktionsverantwortung problematisch, da sie ohnehin nicht wahrgenommen werden konnte”, weist Andreas Blum auf seine mangelnde Kompetenz hin. Wie wahr! Der Radiodirektor konnte wegen fehlender Romanischkenntnisse die Sendungen kaum beurteilen, aber auch sonst hatte Blum in romanischen Belangen nicht viel zu bestellen. Der CRR-Vorstand hat als Folge des Sonderstatuts nicht nur das Recht, den Programmstellenleiter, die Ressortchefs und Redaktionsleiter zu wählen und zu entlassen sowie ihre Pflichtenhefte festzulegen, sondern er darf auch bei der Einstellung der übrigen Belegschaft – sogar einer Telefonistin – Vorschläge machen, die der Radiodirektor “an erster Stelle” prüfen muss.
Dass den Romanen-Chefs dazu meist der nötige Sachverstand fehlt, ficht sie nicht an. Das musste Andreas Blum, der sich in der Vergangenheit in Personalfragen oft die Finger verbrannte, mehrmals feststellen. Stets beharrte die CRR auf ihrer Entscheidung und liess Blum mit seinen Einwänden ins Leere laufen.
Kein Wunder also, wenn der Radiodirektor heute voll hinter dem CRR-Antrag steht: “Ich finde diese Trennung vernünftig und habe diese Option seit Beginn unterstützt. Bei der SRG werde ich mich auch dafür einsetzen, dass die Romanen in der neuen Unternehmensstruktur nicht mehr an den Rand gedrängt werden.”
Hinter der Trennungsabsicht von “Radio DRS” stehen aber auch finanzielle Überlegungen. Zwar bewilligte der SRG-Zentralvorstand bisher die Gelder, die für die romanischen Programme ausgegeben werden konnten, doch die Romanen durften diese Mittel nicht selbst verwalten. Dies besorgte für sie die “Region DRS”. In der offiziellen Finanzrechnung der SRG fehlten deshalb stets die Beiträge, die die Programmstelle Chur erhielt. Doch nicht nur mehr Transparenz erhoffen sich die Romanen von der Eigenständigkeit. Ihnen geht es darum, von der SRG endlich mehr Mittel zu erhalten.
1991 erhalten die Romanen für die Fernseh- und Radioprogramme 8,68 Millionen Franken. Das sind bei einem Bevölke-rungsanteil von 0,8 Prozent nur 1,3 Prozent der Mittel, die die SRG an die drei Sprach-regionen verteilt (insgesamt 672 Millionen Franken). Schon 1990 wiesen die Redaktorinnen und Redaktoren der Programmstelle Chur in einem Pressecommuniqué empört darauf hin, dass sie gegenüber der französischen und italienischen Schweiz durch den interregionalen SRG-Finanzausgleich stark benachteiligt würden.
Für die sechseinhalb Stunden Radio, die die Romanen heute täglich ausstrahlen, bekommen sie (1991) 4’821’000 Franken (2,23 Prozent aller für Radioprogramme ausgegebenen SRG-Gelder). Chasper Stu-pan, Leiter der Programmstelle Chur, gibt zwar zu, dass “mit diesen Mitteln leicht ein Lokalradio im 24-Stunden-Betrieb finanziert werden könnte”, weist aber darauf hin, “dass wir aus Gründen der Spracherhaltung bei unseren Sendungen einen Wortanteil von 45 Prozent einhalten müssen und nicht, wie die Privat-Radios, vor allem Musik ausstrahlen können. Trotzdem bewegen wir uns mit Kosten von 33 Franken pro Sendeminute durchaus im Rahmen der übrigen DRS-Sendungen.”
Ein Programm-Ausbau liegt bei diesen knappen Mitteln allerdings nicht drin. Wegen der SRG Finanzkrise wurde letztes Jahr die schon beinahe bewilligte Erhöhung auf täglich zehn Stunden romanisches Radio wieder gestrichen. Die dazu benötigten Mittel von 1,6 Millionen Franken (Stand 1990) wollen die Romanen natürlich nach der Gründung der eigenen Region so schnell wie möglich eintreiben. “Allerdings werden wir bei unseren Forderungen immer die finanzielle Lage des Gesamtunternehmens SRG berücksichtigen und nichts Unvernünftiges verlangen”, bemüht sich Caviezel, keine Missstimmung gegen den CRR-Antrag aufkommen zu lassen.
Auch Radiodirektor Blum findet die derzeitige Zuteilung der SRG-Mittel an die Romanen “vor allem im Vergleich zur italienischen Schweiz extrem ungerecht” und verspricht, sich für einen besseren Verteilschlüssel einzusetzen. Laut SRG-Finanzchef François Landgraf “wird die SRG bis 1993 so weit gesundet sein, dass für die Romanen dann mehr Geld drinliegt”. Sorgen bereitet dem obersten Kassenwart der SRG allerdings “die Gefahr, dass die zusätzlichen Mittel in die Verwaltung der neuen Region und nicht ins Programm fliessen könnten”.
Keine Bedenken hegt diesbezüglich Chasper Stupan: “Die Eigenständigkeit wird nicht zu einem administrativen Wasserkopf führen, der grösste Teil der neuen Aufgaben lässt sich ohnehin kostengünstig per Computer lösen.” Zudem, so Stupan in Übereinstimmung mit seinem obersten Kontrolleur Caviezel, wolle man auch künftig eng mit der “Region DRS” zusammenarbeiten und wo immer möglich von deren Infrastruktur profitieren, “so dass wir gar keinen so grossen Apparat wie die Westschweizer oder Tessiner aufbauen müssen”. Auch Blum hat keine Angst vor der künftigen Romanen-Verwaltung: “Mit ihren Plänen ist die CRR ab-solut auf dem Boden der Realitäten geblieben. Die einzige Gefahr, die ich sehe: Die Realisierung einer eigenen Region könnte auch ein Schritt ins kulturpolitische Getto, in einen Romanen-Nationalpark sein.”
Müssig, von den Romanen, die um das Überleben ihrer Sprache fürchten müssen, darauf eine Antwort zu erwarten. Viel lieber freuen sie sich auf ihre baldige Selbständigkeit. Sollten die 144 SRG-Delegierten am 22. November dem CRR-Antrag zustimmen, so wird die “Regiun Radio Rumantsch” bereits ab 1992 Wirklichkeit.
Über die grösste Gefahr, die Romanen-Sendungen in einem selbständigen Betriebsbereich jedoch dräut, mag derzeit niemand sprechen. Der überalterte Vorstand der CRR gilt als Sammelbecken der konservativen Kräfte Romanisch-Bündens. In der Vergangenheit bewies das Gremium, das von Präsident Caviezel mit straffer Hand geführt wird, vor allem bei Personalentscheiden immer wieder, dass es zwar die technischen Neuerungen des 20. Jahrhunderts zu schätzen weiss, Pluralismus und liberale Geisteshaltung seine Sache jedoch nicht sind. Vor angriffigem oder keckem Journalismus, der bei der Bevölkerung die Ehrfurcht vor der Obrigkeit untergraben könnte, versucht der Vorstand, die Romanen nach Möglichkeit zu bewahren. Jüngstes Beispiel ist der Knebelungsversuch gegenüber der TV-Sendung “Muschkito” (siehe Bericht auf dieser Seite). Vor einer Unternehmensleitung der “Regiun Radio Rumantsch” unter der Führung der bisherigen CRR-Spitze und ohne den mässigenden Einfluss der heutigen DRS-Radiodirektion graut deshalb der Mehrheit der romanischen Journalistinnen und Journalisten.
Fidel Caviezel, der während Jahrzehnten quasi als sechster Regierungsrat die Bündner Standeskanzlei dirigierte und seine Kräfte seit der Pensionierung voll der CRR zur Verfügung stellt, gilt als gewiefter Tatktiker und schlauer Verhandlungspartner, der sämtliche juristischen Kniffe kennt. Im künftigen SRG-Zentralrat würde er sicher viel für die Romanen heraussholen, in der Heimat gilt er bei den Programmschaffenden des SRG-Studios Chur jedoch als Fuchs im Wolfspelz.
Sogar Stupan, der es nie wagen würde CRR-Boss Caviezel offen zu kritisieren, gibt insgeheim zu, dass die CRR-Gremien “wohl nicht repräsentativ für alle Romanen zusammengesetzt sind”. Aber: “Vielleicht wählt der Bundesrat, der gemäss der geplanten SRG-Reform in den zwanzigköpfigen Regionalrat und den Regionalratsausschuss mit fünf Mitgliedern ja Leute seines Vertrauens schicken darf, etwas jüngere Romanenvertreter.”

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