10. Juli 2007 von Klartext

Völlig illusorisch

Die neuen Besitzer des maroden Westschweizer Pay-TV-Kanals “Télécinéromandie” wollen über Satellit und Kabel europaweit zu Höhenflügen ansetzen. Ein weiterer Flop ist vorprogrammiert.

Am Anfang war die Hoffnung, dann kam der Frust. Schliesslich wurde der Betrieb verhökert – Alltagsszenen aus dem bisher achtjährigen Leben von “Télécinéromandie” (TCR).
Die Westschweizer Pay-TV-Version schreibt seit ihrer Gründung, 1983, tiefrote Zahlen. Über 40 Millionen Franken Verluste hat der Fernsehzwerg bisher eingefahren, mehrmals wechselte er den Besitzer, und sieben Direktoren hat der serbelnde Sender bisher verschlissen.
Dabei versprachen die Gründerväter (die “Télévision de la Suisse Romande” sowie Filmverleiher und Industrielle), den Pay-TV-Anbieter aus der Westschweiz innert drei Jahren rentabel zu machen. Bis 1990 wollten sie die Abozahl auf 100’000 hochschrauben – mehr als 12’500 zahlende Kunden konnte TCR nie vorweisen. Heute sind es noch weniger. Und Ende Mai stand der Spielfilmkanal erneut vor dem Crash.
Gerade rechtzeitig, bevor sich “Télécinéromandie” endgültig aus der TV-Geschichte hätte verabschieden müssen, sprangen die Brüder Jean-François, Gilbert und Pierre-André Modoux aufs sinkende Schiff – die Sendeerlaubnis wäre nach einem dreimonatigen Programm-Unterbruch hinfällig geworden. Zehn Tage vor dem Termin erwarben die Modoux-Brüder vom Neuenburger Industriellen (“Ebel”-Uhren) und Mitinhaber der Zeitung “L’Impartial” Pierre-Alain Blum das gesamte Aktienpaket.
Der Preis ist Geheimsache. “Wir haben mit Pierre-Alain Blum vereinbart, keine Zahlen bekanntzugeben”, begründet der neue Fernsehdirektor Jean-François Modoux die Geheimniskrämerei. Viel dürfte es allerdings nicht mehr gewesen sein, was der Neuenburger Industrielle aus dem Verkauf der siechen TV-Station löste. Blum hat in den letzten Jahren rund fünf Millionen Franken in den Fernsehkanal investiert.
Um seine hochtrabenden Pläne zu verwirklichen, warb er dem Westschweizer Fernsehen sogar den erfolgreichsten Mitarbeiter ab: Christian Defaye, Chef des Filmmagazins “Special Cinéma”, sollte das Pay-TV zum “besten Spielfilmkanal Westeuropas” hochpuschen. Als erste Massnahme beschlossen Blum/Defaye, die monatlichen Abopreise von 68 auf 36 Franken zu reduzieren.
Dann, Anfang April, präsentierten sie gemeinsam und hoffnungsfroh das neue Programmangebot. Zwei Monate später stellte Blum den Betrieb ein, Mitte August sprang Defaye von Bord. Abonnentinnen und Abonnenten wurden von Blum via Telefonbeantworter informiert, die Übernahme durch die Brüder Modoux erfuhren sie Wochen später aus der Presse.
Die finanzielle Odyssee ihrer Vorgänger beeindruckt allerdings die neuen Eigner überhaupt nicht. Im Gegenteil: Direktor Jean-François Modoux markiert den scheinbar unverbrüchlichen Optimisten. “Freilich ist der Westschweizer Markt zu klein”, weiss er, “deswegen werden wir unsere Abonnentenstruktur ändern müssen.” Nämlich: “Wir werden unser Sendegebiet über Satellit auf die Deutschschweiz und Europa ausdehnen.” In eineinhalb Jahren will Modoux die Abozahl auf 20’000 verdoppeln. “Das Kundenpotential”, glaubt er, “ist vorhanden – mit andern Strukturen ist der Sender durchaus gewinnträchtig.”
Um die Satelliten-Pläne umzusetzen, ist allerdings eine neue Konzession erforderlich. “Sobald das Radio- und Fernsehgesetz am 1. April 1992 in Kraft tritt”, verkündet Jean-François Modoux, “werden wir ein Gesuch stellen.” Die künftige Konzession soll dem Sender neue werbliche Perspektiven eröffnen und grösseren Spielraum für ausländische Investoren schaffen.
Tatsächlich präsentieren sich die Bestimmungen des Radio- und Fernsehgesetzes in dieser Hinsicht sehr freundlich. Beispielsweise wurde die höchstzulässige Ausländerbeteiligung auf 49 Prozent angehoben. Finanzkräftige ausländische Partner für “Télécinéromandie” sind vorläufig allerdings weit und breit nicht auszumachen.
Die Brüder Modoux, obschon von geradezu naivem Zukunftsglauben geblendet, sind keine Branchenneulinge. Im freiburgischen Rossens produzieren sie seit Jahren Reportagen und Werbefilme und verfügen mit der “Audio-Film SA” über ein im Urteil von Branchenkennern effizientes Instrument. Die “Télécinéromandie” nutzte bereits seit Anfang März Infrastruktur und High-Tech-Ausrüstung dieser Filmproduktionsgesellschaft. Und die “Audio-Film SA” besorgte auch gleich die Administration.
Das macht die Pay-TV-Station TCR aber noch keineswegs lebensfähig. Überleben soll der Sender denn auch dank neuem Zielpublikum. Bisher sei die Gruppe der 15- bis 25jährigen bei der Programmgestaltung “wenig berücksichtigt” worden, das werde sich “jetzt ändern”, verspricht Jean-François Modoux.
Helfen soll ihm dabei der neue Programmchef René Blanchoud. Der werkte – wenig erfolgreich – bereits vor Christian Defaye bei “Télécinéromandie”. Doch solche Details kümmern die Brüder Modoux nicht.
Den Abonnenten und Abonnentinnen jedenfalls wird vorläufig nichts Neues vorgesetzt. Das Angebot: 70 Prozent Spielfilme und verstaubte US-Serien sowie Dokumentarstreifen; dazu unverschlüsselte Spiele und Unterhaltungssendungen, die von Sponsoren berappt werden.
Kurz: Jean-François Modoux und sein Programmchef fahren just mit demselben Unterhaltungsquatsch auf, mit dem bereits eine ganze Anzahl von TV-Stationen allabendlich zur besten Sendezeit ihr Stammpublikum malträtiert. Als Belohnung für stramme Abonnenten winken dreimal wöchentlich Liebesgrüsse aus der Lederhose.
Mit solch einem Programm, darin sind Experten sich einig, ist der Durchbruch kaum zu schaffen. “Wenn die Pay-TV-Anbieter gute Filme ausstrahlen, haben sie durchaus eine Chance – vor allem, wenn im nächsten Jahr im SRG-Fernsehen Unterbrecherwerbung zugelassen wird”, meint etwa Medienfachmann Matthias Loretan, “hingegen bezweifle ich sehr, dass so kleine Stationen mithalten können, denn grosse Pay-TV-Anbieter wie ,Canal Plus’ schliessen mit Filmverleihern Prioritätsverträge ab.”
Konkret heisst das: Erfolgreiche Kinofilme werden noch vor der Videovermarktung und vor der Fernsehnutzung über die Spielfilmkanäle grosser Abo-Sender ausgestrahlt. Und in diesem Millionenpoker kann “Télécinéromandie” mit mickrigen 10’000 Abonnenten nicht mitmischen.
Als “völlig illusorisch” stuft der Zürcher Medienspezialist die Absicht des Westschweizer Filmkanals ein, das Sendegebiet auf die Deutschschweiz auszudehnen: “In der Deutschschweiz sehen sich heute nicht einmal fünf Prozent des Publikums Sendungen des Westschweizer Fernsehens an, das Bedürfnis nach fremdsprachigen Spielfilmen ist schlicht nicht vorhanden.”
Abgesehen davon: In der Deutschschweiz ist das Pay-TV-Pendant “Teleclub” mit rund 80’000 Abonnenten fest verankert und hat sich mit dem grössten deutschen Filmhändler Leo Kirch schon frühzeitig einen potenten Partner geangelt. Ähnliche Absichten hegte der Westschweizer Filmkanal 1988: “Télécinéromandie” wollte mit dem profitablen französischen Pay-TV “Canal Plus” (acht Millionen Abonnenten) zusammenspannen.
Doch das Gesuch wurde vom “Eidgenössischen Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement” abgelehnt. Zu Recht: “Die Mitgift, welche das helvetische Mauerblümchen für die Heirat ins französische Fürstenhaus hätte einbringen sollen, wäre das öffentliche Gut beschränkter Frequenzen gewesen.” (Loretan)
Auch die transnationale Kommerzialisierung des Westschweizer Pay-TV-Senders via Kabel und Satellit scheint fast aussichtslos. In Frankreich beherrscht “Canal Plus” souverän das Terrain – der frankophone Fernsehmarkt ist ausserdem übersättigt. Deutschland ist ebenfalls besetzt. Und auch das jugendliche Publikum im Alter zwischen 15 und 25 Jahren ist mit Musiksendern à la “M6” ausreichend angepeilt. Mini-Kanälen wie der welschen “Télécinéromandie”, schätzen Branchenkenner, dürfte früher oder später der Schnauf ausgehen – definitiv.
Zu diesem Schluss ist die “Télévision de la Suisse Romande” schon längst gekommen. Als ehemaliges Gründungsmitglied distanzierte sich das Westschweizer Fernsehen frühzeitig wieder von dem Projekt. TV-Direktor Guillaume Chenevière heute: “Die Projekte der neuen ,Télécinéromandie’-Besitzer mögen ambitiös sein; ich bin aber nach wie vor überzeugt, dass dieser Sender aufgrund des sehr kleinen Einzugsgebiets nicht rentabel zu machen ist – das war seinerzeit auch der Grund für unsern Rückzieher.”

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