10. Juli 2007 von Klartext

Monsieur Ça-paye

Der Direktor von “Radio Suisse Romande La Première” nimmt es mit der Benennung seines Senders peinlich genau. Auf fehlbare Sprecher wartet Strafe.

Das erste Programm des Westschweizer Radios, “Radio Suisse Romande La Première”, gibt sich manchmal modisch, oft geschwätzig, und gelegentlich setzt es auch auf “alte Werte”.
Zu letzteren zählt zweifellos die fast allwöchentliche Ausstrahlung der Sendung “Tartine” von Lova Golovtchiner. Im kommenden Januar werden seit dem ersten “Butterbrot” zwanzig Jahre vergangen sein.
Die humorvollen, spritzigen und frechen Betrachtungen des Radiomitarbeiters Golovtchiner – seines Zeichens Mitbegründer des Theaters “Boulimie” in Lausanne – sind für viele Hörerinnen und Hörer in der Romandie nicht aus dem Programm wegzudenken.
Das ändert freilich nichts daran, dass die “Tartine” vor allem von jenen, die gelegentlich aufs Korn genommen werden, eher toleriert als goutiert wird. Und das “Butterbrot”, das Golovtchiner an jenem Freitagmorgen im September servierte, liess Radiodirektor Gérald Sapey gar zur Peitsche greifen.
Denn in dieser “Tartine” erfrechte sich der hinter seinem dicken Schnauz schmunzelnde Lova, einen “Dienstbefehl” seines Direktors ins Lächerliche zu ziehen. Originalton: “In Bern amputiert man die Armee, der Stumpf schlägt in Lausanne wieder aus.”
Mit seinem “Dienstbefehl” hatte Gérald Sapey – der seine Kaderleute “Etat-Major” (Generalstab) zu nennen pflegt – alle Programmschaffenden ermahnt, auf Sendung gebe es künftig nur noch eine einzige korrekte Benennung der Station, nämlich “Radio Suisse Romande La Première”: “Wie bereits mindestens zwei dienstliche Mitteilungen, in welchen diese Direktive gegenüber den Mitarbeitern bekanntgegeben und begründet wurde, festgehalten haben, werden Abweichungen von dieser Regel als professionelle Fehler betrachtet und als solche geahndet.”
Hörbar zerknirscht gab Golovtchiner in seiner “Tartine” zu, dass er nicht zu entschuldigen und zudem ein Wiederholungstäter sei. Schon mindestens dreimal – am 5. September 1990, am 20. Oktober 1990 und am 14. Januar 1991 – habe er gegen die Dienstvorschrift verstossen.
Dabei will Golovtchiner eingesehen haben, dass man nicht einfach so “leichtsinnig daherreden” darf, “weil das den Hörer einfach aus dem Konzept wirft und man ihn zwei Tage später auf ,Radio Zagreb’ wiederfindet. Wenn Lässigkeit, Phantasie und Freiheit unsere Wellenlänge beschlagnahmen, sind wir nicht mehr bei uns – wir wären in der Sowjetunion, bevor uns auch nur ein Hörer hingeschickt hätte.”
Einsicht sei der beste Weg zur Besserung? Lova jedenfalls mimte am Mikrophon boshaft den Einsichtigen: “Ich verstehe die Notwendigkeit, präzis, strikt und rigoros zu sein. Wir sind ,Radio Suisse Romande La Première’, nichts anderes … eine einmalige, verriegelte, in die Bronze der Ewigkeit gegossene Sache.” Golovtchiner will das um so besser verstehen, als er selbst darunter gelitten habe, wie sein Name verdreht wurde. “Da beginnen die Leute, den Namen zu verhunzen – das kennt keine Grenzen mehr”, frotzelte er weiter, “unser geliebter Direktor wird zu Monsieur Sapin, Ça-paye, Ça-plaît, und unser Superdirektor* zu Monsieur Dema’tines, Demorsine, De-Tartine. Stellen Sie sich das vor!”
“Selbstverständlich” hütete sich der “Tartine”-Autor, anderen Moderatorinnen und Moderatoren Fehler vorzuwerfen: “Kein Dienstbefehl fordert zur Denunziation auf.”
Aber kürzlich, berichtete er, habe er doch tatsächlich am eigenen Sender gehört, wie ein Stadtpräsident am Mikrophon sagte, er bedanke sich “bei ,Radio Lausanne'”. Mit besorgter Stimme folgerte Golovtchiner: “Das macht drei Jahre direktoriale Anstrengungen zunichte. Man wird gezwungen sein, allen Gemeinde- und Stadtpräsidenten der Schweiz einen Dienstbefehl mit Strafandrohung zu verschicken, damit sie sich künftig korrekt bei ,Radio Suisse Romande La Première’ bedanken – und nicht bei ,Radio Lausanne’, ,Espace 1′, ,Fréquence Sapey’ oder ,diesen Herren vom Radio’.” Und: “Man kann sich die Arbeit eines auch nur einigermassen gewissenhaften Radiodirektors nicht vorstellen. Er muss sich um alles kümmern. Zum Glück hat sich der unsrige, Monsieur Ça-plaît, nicht um die 700-Jahr-Feier gekümmert – er hätte sich verpflichtet gefühlt, sechs Millionen Bürgerinnen und Bürgern in Erinnerung zu rufen, dass es künftig nur noch einen Begriff gibt, um uns zu kennzeichnen: die Schweiz. Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschrift werden ab sofort als Meinungsdelikte und dissidente Handlungen betrachtet.”
Chef Gérald Sapey fand die derart dick bestrichene “Tartine” gar nicht lustig und tobte. Dabei nahm er nicht nur den boshaften Lova Golovtchiner ins Visier, sondern auch den Produzenten der Sendung, Claude Blanc, der solcherlei einfach hatte durchgehen lassen.
Beiden gab’s der Direktor erneut schriftlich: Es darf nicht wieder vorkommen. Und damit’s tatsächlich nicht mehr vorkommt, muss Lova Golovtchiner – nach fast 20 Jahren als Humorist vom Dienst – ab sofort und noch bis Ende 1991 seine “Tartine”-Texte vor der Sen-dung zur Begutachtung vor-legen.
In einem Nachsatz zu seiner schriftlichen Schelte präzisierte Sapey zudem, diese Affäre dürfe keinesfalls aus den Mauern von “Radio Suisse Romande La Première” getragen werden.
Und so sitzt Lova Golovtchiner – im Gegensatz zu KLARTEXT – vorläufig aufs Maul.

* Gemeint ist der Westschweizer Radio- und Fernsehdirektor Jean Jacques Demartines.

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