23. März 2011 von Daniel Goldstein

«Industrieller Journalismus»

Wer ein Buch über die Schweizer Presselandschaft schreibt, nimmt Vergänglichkeit in Kauf. Das bekamen die Journalisten Richard Aschinger und Christian Campiche zu spüren, als sie letzten Spätherbst «News-Fabrikanten» und französisch «Info Popcorn» vorlegten. Sogleich war das Kapitel «Basler Zeitung» überholt: Ex-Flugpionier Moritz Suter hatte den Verlag übernommen.
Dass die deutsche Version des Buchs den Untertitel «Schweizer Medien zwischen Tamedia und Tettamanti» trägt, war nach dem Ausstieg des Letzteren besonders peinlich. Mit gleichem Untertitel liegt nun die zweite Auflage vor. Sie enthält ein kurzes Porträt Suters, samt der (unbeantworteten) Frage, was er mit dem Blatt erreichen will und kann – und vor allem, ob damit das Projekt einer national orientierten Zeitung vom Tisch sei, das beim Blocher-nahen Tettamanti vermutet wurde.
Den Autoren wäre ein derartiges Meinungsblatt zuwider, trotz seinem Kontrast zur rein kommerziellen Blattmacherei, die sie als Grundübel der Schweizer Presse sehen. Über die – mit Verlagsinterna gespickte – Momentaufnahme hinaus enthält das flott und zuweilen flüchtig geschriebene Buch ein beachtliches Kapitel über den Einfluss des Renditestrebens auf die journalistischen Inhalte: «Exklusiv statt relevant».
Demnach wird die «ernsthafte Berichterstattung an den Rand gedrängt», um «die Aufmerksamkeit des Publikums mit emotional aufgepfefferten Stories zu erregen». «Industrieller Journalismus», in wachsender Verstrickung mit PR (kommerziell und politisch), biete immer mehr das, was der «Rudeltrieb der Nutzer» vorgebe. Dieser werde mit süffigen Bildern, Namen, Konflikten «bewirtschaftet». Einige Ausnahmen würdigt das Buch, ohne sich dadurch vom trostlosen Gesamtbild abbringen zu lassen. Es tut damit all jenen Kolleginnen und Kollegen unrecht, die sich auch unter Kommerzdruck um Journalismus als Service public bemühen.

Richard Aschinger, Christian Campiche: «News-Fabrikanten». Europa Verlag Zürich 2010.

20. August 2010 von Nick Lüthi

Lehrbuch und Pflichtstoff

Am Äusseren kann es nicht liegen, dass man zu diesem Buch greift. Sein Umschlag verströmt den Charme eines Lehrbuchs – was das neue Werk von Karl Lüönd gewissermassen auch ist. Und ausser dem Vorwort und einem Autorenporträt steht nichts drin, was man von diesem Chronisten und intimen Kenner der Schweizer Medienindustrie nicht früher schon hätte lesen können. Doch das haben Kolumnensammlungen so an sich. Dennoch, oder gerade deshalb, gehört «Die Macht und die Ehrlichkeit» zur Pflichtlektüre für all jene, die begreifen wollen, weshalb die Medien da stehen, wo sie sich heute befinden. Eine ebenso einfache wie auch einleuchtende Erklärung liefert Lüönd gleich im Titel zum Vorwort: Die Krise sei Folge jahrzehntelang geduldeter Bequemlichkeit und Arroganz. Wie die nachfolgende Textsammlung aus den letzten zehn Jahren zeigt, entspringt diese Diagnose nicht etwa einem unter MedienkritikerInnen weitverbreiteten Defätismus, sondern den Einschätzungen eines nüchternen Beobachters, der die einzelnen Eindrücke zu einem erhellenden Gesamtbild zusammenzusetzen vermag.
Ihr Fett kriegen alle ab. Lüönd redet VerlegerInnen, JournalistInnen und den professionellen KommunikatorInnen ins Gewissen. Er tut dies bedächtig, aber dennoch mit Biss und mit dem ihm eigenen trockenen Humor. Es sind die Lebenslügen einer ganzen Branche, die Lüönd, u.a. Chefredaktor von «Jagd und Natur», zielsicher im Visier hat: Die VerlegerInnen, die meinen, mit weniger Personal bessere Qualität zu liefern, die JournalistInnen, die sich am wohlsten fühlen in der selbst geschaffenen Wirklichkeit und, anstatt solides Handwerk zu liefern, lieber Vorurteile hegen und pflegen. Ein Lehrbuch wäre kein Lehrbuch, wenn da einer nur die Leviten liest. Dass Lüönd befugt ist auszuteilen, beweist er mit brillanten Porträts und Reportagen, in denen er Schlüsselfiguren und -ereignisse der jüngeren Mediengeschichte (be)greifbar darstellt.

Karl Lüönd, «Die Macht und die Ehrlichkeit», Rüegger Verlag, Zürich/Chur 2010.

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