10. Juli 2007 von Klartext

Ems statt Bonn

Christoph Blocher, SVP-Nationalrat und “Ems Chemie”-Besitzer, kommt sein Verleger-Engagement weiterhin teuer zu stehen: Seit er 1986 das serbelnde “Bündner Tagblatt” (BT) übernahm, darf er Jahr für Jahr die eingefahrenen Defizite aus der Gewinnschatulle seiner “Ems Chemie” begleichen. Diesmal waren es bei einem Umsatz von 6,1 Millionen 1’255’000 Franken, die er ins BT einschiessen musste. Auch die Überschuldung der BT-Bilanz von 548’000 Franken, entstanden aus einem Verlustvortrag aus dem Jahr 1987, hat die “Ems Chemie” zu decken versprochen. Während das “Bündner Tagblatt” in den letzten Jahren die Schweizer Medienszene mit einem Rekordzuwachs an Abonnenten überraschte, flachte die Kurve der Neu-Abonnenten 1990 auf 6,3 Prozent ab. Der Hauptgrund, dass das letztjährige Defizit höher ausfiel als dasjenige von 1989, liegt jedoch im miserablen Inserateaufkommen des BT. Anzeigenkunden inserieren lieber in der auflagestarken “Bündner Zeitung (41’633 Exemplare) als im vergleichsweise schwachbrüstigen BT (11’451 Exemplare). Auf ewig will Blocher seine Zeitung aber nicht subventionieren. Bei einer Auflage von 15’000 Exemplaren, so rechnet er sich aus, sei das BT selbsttragend. Im Gegensatz zu früher mag sich Blocher allerdings nicht mehr darauf festlegen, wann dies der Fall sein wird. Vorläufig ist er zufrieden, wenn das BT das diesjährige Auflageziel von 12’500 Exemplaren erreicht. Dieses Ziel zu realisieren, ist die Aufgabe des neuen BT-Chefredaktors Claudio Willi. Den 51jährigen Emser Willi holte sich “Ems”-Chef Blocher aus Bonn, von wo der Journalist in den letzten Jahren als emsiger Korrespondent für diverse Schweizer Zeitungen berichtet hatte.

Kalte Füsse
Wie erwartet, schloss die Schweizer Bildagentur “Keystone Press AG” das Geschäftsjahr 1990 mit roten Zahlen ab: Bei einem Umsatz von 5,9 Millionen Franken belief sich der Verlust letztes Jahr auf beachtliche 480’000 Franken. Noch im Oktober letzten Jahres versprach “Keystone”-Verwaltungsratspräsident Bruno Baer: “Ab 1992 wird ,Keystone’ eine ausgeglichene Rechnung präsentieren können.” Damals freute sich Baer noch über seinen Coup, durch einen geschickten Verhandlungsdeal die einzige Konkurrenz, den Schweizer Fotodienst der internationalen Agentur “Associated Press” (AP), ausgeschaltet zu haben (KLARTEXT 5/90). Inzwischen ist jedoch die britische Agentur “Reuter” in die Lücke gesprungen und wildert, dank einer Zusammenarbeit mit dem Zürcher Medienriesen “Ringier”, in “Keystones” vermeintlichem Monopolgarten. Zwar gibt sich Baer weiterhin zuversichtlich, doch Felix Westermann, “Keystone”-Mehrheitsaktionär, hat kalte Füsse bekommen: Angesichts des hohen Defizits und der akuten Finanzkrise seiner Wetzikoner “Westermann-Gruppe” – seine “Formular AG” musste kürzlich die Bilanz deponieren und Ende Mai den Betrieb einstellen – , entschloss er sich, das “Keystone”-Paket abzustossen. Käufer und neue Mehrheitsaktionäre sind Bruno Baer und Walter Grolimund, Delegierter des “Keystone”-Verwaltungsrates und Finanzchef der “Westermann-Gruppe”.

Fürstliche Welle
Statt “Radio DRS” oder Schweizer Lokalsender werden die Liechtensteiner schon bald regelmässig ein eigenes Programm hören dürfen. Nach harten Auseinandersetzungen in den letzten Jahren hat sich der Landtag, das Liechtensteinische Parlament, diesen Frühling auf eine künftige Medienpolitik geeinigt. So rasch als möglich will er “Radio Liechtenstein” verwirklicht sehen. Deshalb schlägt er der Regierung vor, eine auf vorerst zehn Jahre befristete Radiokonzession an eine rein privatwirtschaftlich organisierte Trägerschaft zu erteilen. Der Staat soll lediglich die Sendeanlagen zur Verfügung stellen. Die besten Voraussetzungen, die Konzession zu erhalten, hat die “Radio-TV-AG” des Liechtensteiner “Radio DRS”-Korrespondenten Walter Wohlwend, an deren Aktienkapital sich auch das Zürcher Medienunternehmen “Tages-Anzeiger AG” beteiligt hat. Die “Radio-TV-AG”, die letzten Sommer mit “Radio L” bereits einen Kurzversuch absolvierte, will sich “in allen denkbaren Formen” öffnen, um eine möglichst breite Abstützung zu erreichen.

Besser als
Wenn US-Werbern nichts mehr einfällt, so dürfen sie wenigsten behaupten, dass ihr Produkt besser als dasjenige der Konkurrenz sei. Diese Entfaltungsmöglichkeit soll nun auch ihren europäischen Kollegen zugestanden werden: Laut einem Vorschlag der zuständigen EG-Kommission soll künftig auch in den Staaten der Europäischen Gemeinschaft vergleichende Werbung erlaubt sein. Die Kommission erhofft sich davon eine Belebung der Konkurrenz und eine Verbesserung der Verbraucherinformation. Trotzdem werden die Werber auch in Zukunft nicht alle ihre Kreativitätsschübe ungehindert ausleben dürfen. Ihre Anzeigen und TV-Spots müssen zweckdienliche und objektiv vergleichbare Angaben enthalten. Zudem dürfen sich die Hersteller nicht gegenseitig verleumden oder Nutzen aus dem höheren Bekanntheitsgrad des Konkurrenten ziehen. Bremsend auf die Ideenflut der Werber dürfte sich auch folgende geplante Einschränkung auswirken: Sie müssen imstande sein, unverzüglich einen wissenschaftlichen Beweis für ihre Behauptung zu erbringen. Da sich die Kommission aber nicht dazu geäussert hat, ob im Rahmen der neuen Regelung Professor Brinkmann von der “Schwarzwaldklinik” die wissenschaftliche Kapazität abgesprochen werden muss, finden einige Werber diese Einschränkung nicht gar so schlimm.

Erfolgreiche Befrager
Meinungsfaule Redaktorinnen und Redaktoren, die lieber Umfragen publizieren, als selbst Stellung zu beziehen, können sich wenigstens zugute halten, wirtschaftsfördernd zu wirken: Dank der journalistischen Abstinenz konnte die “Swiss Interview”, die “Vereinigung Schweizer Markt- und Meinungsforschungsinstitute”, letztes Jahr mit einem Gesamtumsatz von 102,9 Millionen Franken erstmals die 100-Millionen-Grenze durchbrechen. Das sind 7,9 Prozent mehr als 1989. Branchenleader bleibt das “IHA Institut für Marktanalysen AG” in Hergiswil (NW) mit 39,5 Millionen Franken, gefolgt von der “Nielsen SA” im luzernischen Buchrain (13,1 Millionen Franken). Auch die Plätze drei und vier gehen an Innerschweizer Institute: Die “DemoScope-Gruppe” in Adligenswil (LU) rangiert mit 11,2 Millionen Franken Umsatz noch vor der Luzerner “Link-Gruppe” mit 8,1 Millionen Franken.

Ganz schwindlig
Der deutsche Privatsender “RTL plus” erwirtschaftete im letzten Jahr einen Gewinn von 40 Millionen Mark. Bis die bisher aufgelaufenen Verluste des Busen-Senders von 260 Millionen Mark allerdings abgetragen sind, dürften noch einige Jahre vergehen, denn laut “RTL plus”-Programmdirektor Helmut Thoma werden die Gewinne in den nächsten Jahren “nicht gewaltig höher steigen”, obwohl der Sender für 1991 mit steigenden Brutto-Erlösen aus der TV-Werbung von 1,3 Milliarden Mark rechnet (1990: 911 Millionen Mark). 1989 wurden 37’000 Werbespots gebucht, 1990 50’000, und dieses Jahr sollen es gar 66’000 TV-Spots werden. Grund für die dennoch zurückhaltenden Gewinnaussichten: “RTL plus” will in den kommenden Jahren seine Anstrengungen darauf konzentrieren, die Wettbewerbsposition zu verbesseren. Dies soll vor allem durch eine Erhöhung der Eigenproduktionen geschehen. Helmut Thoma: “Die Zukunft liegt im Eigenprogramm.” Deshalb will er den Etat für den Ankauf fremder Programmteile von 520 Millionen Mark (1990) auf 375 Millionen Mark kürzen und die Ausgaben für Eigenproduktionen von 160 auf 230 Millionen Mark aufstocken. Peter Schellenberg, dem Programmdirektor des “Schweizer Fernsehens DRS”, muss angesichts der Höhe dieser Zahlen ganz schwindlig werden – der gesamte Betriebsaufwand seines Senders betrug laut Rechnung 1989 ganze 179,1 Millionen Franken.

10. Juli 2007 von Klartext

Geschichte der Geschichten

Der Klappentext der neusten Publikation aus der Reihe “Schriften zur Medienpraxis” des “Medienausbildungszentrums” Luzern verspricht viel: “Zum erstenmal präsentiert damit ein journalistisches Lehr- und Übungsbuch des deutschen Sprachraumes authentische Beispiele für die einzelnen Etappen von Presseartikeln.”
Die etwas über hundertseitige Broschüre im A4-Format* ist ansprechend aufgemacht: Die Artikel der Autorinnen und Autoren sind, zusammen mit wichtigem “Beiwerk” wie Erstversionen von Manuskripten, Gliederungsskizzen oder Handnotizen, als Faksimile abgebildet. Der Vielfalt des persönlichen Stils versuchte Herausgeber Eckart Klaus Roloff mit einem Fragenkatalog zu begegnen. Trotzdem gelingt nur etwa der Hälfte der Autorinnen und Autoren eine überzeugende Rekonstruktion der Entstehungs-Geschichte ihrer Artikel.
Interessant sind dabei natürlich “Primeurs” und “Enthüllungs”-Stories, die die Aktualität des Tages überlebt haben. Dazu gehört die Berichterstattung von Herbert Cerutti über das “Rätsel des plötzlichen Säuglingstods” in der NZZ. 1984 hatte Professor Peter Zink, der damalige Direktor des Gerichtsmedizinischen Instituts der Uni Bern, profilierungssüchtig in einem wissenschaftlichen Schnellschuss behauptet, die Lösung des Rätsels um den schnellen Säuglingstod (SIDS) gefunden zu haben – und damit den totalen Flop plaziert, dem nicht nur der “Blick”, sondern auch die “Berner Zeitung” voll aufsass. Cerutti beschreibt, wie aus seinem anfänglichen Misstrauen gegen die vermeintliche Weltsensation mittels Kurz-Recherche – der Artikel musste innerhalb von vier Stunden geschrieben sein – ein kritischer und distanzierter Bericht wurde. Ebenso spannend liest sich die Geschichte des Berner Journalisten Walter Däpp zu seiner vielbeachteten Artikel-Serie über den Frischzellen-Therapie-Schwindel und das Berner Ärzte-Jetset 1987 im “Bund”. Mit zusätzlichen Faksimiles (“freundlicher” Brief eines Geschäftsführers, Leserbriefe, Nachdrucke in “Annabelle” und “Stern”) dokumentiert Däpp auch das Feedback auf seine Texte.
Angesichts des happigen Preises darf man sich über die sehr grosszügige Gestaltung des Buches ärgern: Nach zwei von sieben Seiten Computerdruck-Faksimiles hat man begriffen, dass Computer ganz praktisch sind. Auch die neun (!) “Stern”-Faksimileseiten bekommt man am Kiosk billiger. Und zwei Seiten mit Essens-, Abschleppdienst- und Taxiquittungen belegen zwar Jürg Toblers Recherchedrang für einen Ferienartikel über Südfrankreich – aber eben auch zwei Buchseiten.
Hier hätte der Herausgeber Hand anlegen sollen.

* Eckart Klaus Roloff (Hrsg.): “Journalisten-Werkstatt”. Verlag Sauerländer, Aarau 1990, 112 Seiten, Fr. 48.-.

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