10. Juli 2007 von Klartext

“Die SRG ist eine unterernährte Anstalt”

ORF-Generalintendant Gerd Bacher über Fernsehen im Kleinstaat

KLARTEXT: Herr Bacher, als Chef einer nationalen Radio- und Fernsehanstalt müssen Sie ein Beobachter der internationalen Rundfunkszene sein. Was für Fernsehsendungen sind Ihnen da in letzter Zeit aufgefallen, von denen Sie sagen würden: Das sind vorbildliche Sendungen?
GERD BACHER: Ich glaube nicht, dass sich gegenwärtig etwas tut, was zum Stichwort “vorbildliche Fernsehsendungen” bemerkenswert wäre – wenn man von CNN absieht. Ich halte CNN allerdings für eine ganz eigene Angelegenheit, die in die Kategorie Fernseh-Vollprogramm überhaupt nicht passt – das ist eher eine Agen-tur des bewegten Laufbildes in Sachen In-formation und hat mit einer herkömmlichen Fernsehstation, die den Auftrag zur Vollversorgung hat, nichts zu tun.
KLARTEXT: Und wenn Sie an herkömmliche Fernsehstationen mit dem Auftrag zur Vollversorgung denken?
BACHER: Ich glaube, dass die Zeit der Vorbildprogramme längst hinter uns liegt – es ist 20, 30 Jahre her, dass die grossen Pioniertaten auf dem Programmsektor vollbracht wurden. Heute gibt es die ganz normale Weiterentwicklung eines Produktes beziehungsweise sehr oft auch die Zurückentwicklung eines Produktes.
KLARTEXT: Ihr Urteil gilt auch für die inzwischen entstandenen Kommerz-TV-Stationen?
BACHER: Natürlich. Sie müssten mir im ganzen kommerziellen Fernseh-Europa, mit Ausnahme des britischen “Channel 4” – und das ist de facto ja eine öffentlich-rechtliche Anstalt, die sich die Privaten als Alibi halten – , eine einzige kommerzielle Fernsehanstalt zeigen, die das Fernsehen weitergebracht hätte. Mir ist nichts bekannt. Ich sage das in voller Gelassenheit, weil ich mich, wie man weiss, auch im kommerziellen Fernsehen viel und gern herumgetrieben habe.
KLARTEXT: Ein trister Befund: Das Fernsehen ist erfunden, dazugekommen ist – ausser vielleicht dem Agentursender CNN – nichts.
BACHER: Ich sehe das nicht als tristen Befund. Ich weiss, offengestanden, mit Ihrer Frage nichts anzufangen, was mir an vorbildlichen Programmen aufgefallen wäre. Ich sitze nicht in Wien in einem Turm und schaue ringsum in die Welt hinein auf der Suche nach vorbildlichen Programmen.
KLARTEXT: Möglicherweise fragen wir deshalb so, weil wir – zumindest hier in der deutschen Schweiz – in kurzen Abständen erleben müssen, wie ständig Programmstrukturen umgebaut, Sendungen neu eingeführt, als Ei des Kolumbus gefeiert und alsogleich wieder aus dem Programm gekippt werden. Vielleicht sind wir dem Irrtum erlegen, dass Fernsehgewaltige, die ihre Erzeugnisse lautstark als Innovation preisen, tatsächlich auch Innovation meinen.
BACHER: Ich muss dazu einräumen, dass ich kein Experte für schweizerisches Fernsehen bin. Ich verfolge zwar, was sich in der Nachbarschaft abspielt. Aber ich bin selbstverständlich viel weniger im Bilde, als es Medienjournalisten wie Sie sind, die das schweizerische Fernsehen im Detail und mit Kontinuität und Akribie verfolgen. Das ist das eine. Das andere: Ich glaube, dass sich die SRG seit geraumer Zeit in erheblichen Turbulenzen befindet, weil die Öffentlichkeit unentwegt mehr von ihr verlangt, als sie billigerweise geben kann.
KLARTEXT: Wo liegen denn nach Meinung des ORF-Chefs die Gründe für die SRG-Turbulenzen?
BACHER: Diese Anstalt ist erstens unterernährt. Die Schweiz räumt ihrer grössten medialen nationalen Institution viel zu wenig materielle Basis ein. Die SRG kriegt zu niedrige Gebühren und zu wenig Werbung. Damit kann man kein besseres Programm machen. Und zweitens gibt man der SRG nicht jene unternehmerische Struktur, die eine Anstalt heutzutage als Minimum braucht. Ich halte den ORF nicht für optimal strukturiert, ich bin der Meinung, dass wir in Österreich ein schlechtes Rundfunkgesetz haben. Aber im Vergleich zur schwerfälligen Konstruktion der SRG, mit ihren Trägerschaften und Klein-Klein-Organismen, die alle dreinreden wollen, sind ja wir geradezu ein stromlinienförmiges Kommerzunternehmen.
KLARTEXT: Die Schweiz hat versucht, durch eine binnenpluralistische Struktur die Unabhängigkeit von Staat und Regierung zu organisieren. Und diese Unabhängigkeit vom Staat hat sie sich erkauft mit der Abhängigkeit von den sogenannten gesellschaftlich relevanten Gruppen, insbesondere von den Parteien.
BACHER: Diese prinzipielle Organisation der politisch und gesellschaftlich relevanten Gruppen und der Binnenpluralität kennen praktisch alle öffentlichen Anstalten Europas – die einen ein bisschen mehr, die andern ein bisschen weniger. Wodurch sich aber ZDF, ARD und ORF auf der einen Seite von der Organisation der SRG auf der andern Seite unterscheiden, ist dies: Wir haben einen viel hierarchischer durch das ganze Unternehmen verlaufenden Befehlsstrang.
KLARTEXT: Es wäre wohl in der Schweiz schwierig, über die sprachlichen Grenzen und Kulturkreise hinweg auf solch autoritäre Weise die absolute Letztverantwortung direkt wahrnehmen zu wollen.
BACHER: Zwischen der Letztverantwortung und ihrer direkten Wahrnehmung einerseits und einer so sehr delegierten Verantwortung wie in der Schweiz andererseits gibt es ja viele Mittelwege und mittlere Lösungen. Ich bin der Auffassung, dass die SRG zu wenig unternehmerisch und zu sehr politisch organisiert ist.
KLARTEXT: Wie meinen Sie das?
BACHER: In der Organisation der SRG wird viel mehr auf de-mokratiepolitische als auf funktionelle Lösungen Wert gelegt. Ich bin der Meinung, dass eine grosse Radio- und Fernsehanstalt in erster Linie ein Unternehmen ist, das nach seinen Funktionen zu organisieren, zu ordnen und zu führen ist – und nicht nach primär politischen Gesichtspunkten.
KLARTEXT: Das von Ihnen vertretene Modell hat einerseits etwas Faszinierendes. Auf der andern Seite hat es die Eigenschaft, sehr autoritär zu sein und ganz zentral von der jeweiligen Figur des Generalintendanten abzuhängen.
BACHER: Das ist doch in jedem Unternehmen so. Von der Kunstdünger-Erzeugung über eine Fernsehanstalt bis zu einer Filmfirma lebt jedes Unternehmen ganz wesentlich – nicht allein, aber ganz wesentlich – von den Führungspersönlichkeiten. Es ist ausschlaggebend, wer oben sitzt.
KLARTEXT: Beim ORF sitzen Sie oben. Machen Sie denn in Österreich die Erfahrung nicht, dass das Publikum von seinem Fernsehen immer mehr erwartet?
BACHER: Selbstverständlich mache ich diese Erfahrung. Die Begehrlichkeit ist weltweit ein Kennzeichen unserer Gesellschaft. Die Konsumgesellschaft in der westlichen Industriewelt ist ein einziger Verein zum Austoben von Begehrlichkeit. Das macht sich überall bemerkbar, selbstverständlich auch bei einem sogenannten Public-Service-Unternehmen, wie es eine öffentliche Anstalt wie die SRG oder der ORF ist.
KLARTEXT: Und wie reagiert der ORF unter Gerd Bacher auf diese Begehrlich-keit?
BACHER: Indem er unentwegt versucht, die Unentbehrlichkeit dieser nationalen Institution nachzuweisen – mit unterschiedlichem Erfolg. Ich sage unseren Gremien, der Öffentlichkeit, unserem Publikum, dass wir von allen Medien die mit Abstand wichtigste nationale Einrichtung sind und dass wir für die Identität dieses Landes die wahrscheinlich überhaupt wichtigste sind.
KLARTEXT: Das heisst: Ihr Auftritt ist ein sehr selbstbewusster, ein offensiver.
BACHER: Ja. Wir machen Unternehmenspolitik, wir machen Medienpolitik, wir versuchen, strategisch, taktisch, operativ wirksam zu sein, und warten nicht darauf, was mit uns geschieht.
KLARTEXT: Andererseits sind Konflikte zwischen einer offensiven Unternehmens-politik – wie Sie sie vertreten – und der täglichen Programmarbeit unvermeidlich. Stichwort Programmplanung: Wie plant, in mittel- und längerfristigen Kategorien, der befehlsgewaltige ORF-Generalintendant das Programm?
BACHER: Nun, ich führe das Unter-nehmen – wenn man mich nicht gerade wieder hinausgeschmissen hat – jetzt im 17. Jahr. Begonnen habe ich damit 1967. Und ich habe vom ersten Tag an den ORF als ein Unternehmen begriffen. Ich habe mir eine unternehmerische Grundsatz-Planung erarbeitet – selbstverständlich nicht allein, sondern mit einer grossen Zahl dazu fähiger Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ich halte sehr viel von Brainstorming, Gruppenarbeit und Delegation an die Fähigen. Den Ruf als Mann der einsamen Entscheidungen – von dem ich weiss, dass ich ihn geniesse – kriegt man in Österreich dann, wenn man das, wovon man sagt, es tun zu wollen, auch wirklich tut.
KLARTEXT: Konkret, Herr Bacher: Wie planen Sie Programme?
BACHER: Ich versuche, dem Unternehmen Ziele vorzugeben, die in unterschiedlichen Stufen, wie in jedem andern Unternehmen, operativ ausgearbeitet und von mir abgerufen werden. Meine Me-thode ist es, überall mit 150 oder 200 Prozent loszugehen, um 50 bis 80 Prozent durchzubringen. Selbstverständlich auf der Grundvoraussetzung des ja sehr bindenden österreichischen Rundfunkgesetzes.
KLARTEXT: Ab dem 2. April dieses Jahres haben Sie den beiden ORF-Fernsehprogrammen “erhöhten Programmkomfort” verordnet: Spielfilme werden abends zu besserer Sendezeit ausgestrahlt, von der aktuellen Informations-sendung “Zeit im Bild” gibt es neu von neun Uhr vormittags bis zum Sendeschluss sieben fix program-mierte Ausgaben, und das Haupt-abendprogramm soll durch mehr Dokumentationen aus Politik, Wissenschaft und Kultur attraktiver werden. Wie kamen diese Änderungen zustande?
BACHER: Ich bin in dieses Haus zurückgekehrt und habe einige grosse Brainstormings veranstaltet mit meinem Vorstand – also mit meinen Direktoren. Da haben wir uns während vieler Stunden die Köpfe zerbrochen, wie wir das Fernseh- und das Radioprogramm weiterentwik-keln möchten. Als ich jetzt den ORF wieder übernahm, übernahm ich ja keine krisengeschüttelte Anstalt, sondern ich übernahm hohe Reichweiten, ein anständiges Budget, eine im wesentlichen durchaus arbeitsfähige und willige Mitarbeiterschaft. Aber ich bin ja gekommen, um es besser zu machen, als es bisher gemacht wurde. Ich bin also in diese Brainstormings mit klaren Vorstellungen gekommen.
KLARTEXT: Mit welchen Vorstellungen?
BACHER: Zum Beispiel: Wir müssen einige massive Publikumsklagen sanieren. Die massiven Publikumsklagen waren: Filme viel zu spät in der Nacht; auf zwei Kanälen nicht immer der zwingende Kontrast von breit und anspruchsvoll, was aber ja der Sinn von zwei Kanälen ist, wenn ich eine öffentlich-rechtliche Anstalt und nicht eine private Gelderzeugungsmaschine betreibe; und schliesslich eine dem früheren Standard des ORF nicht mehr entsprechende Informationsversorgung im Fernsehen über den ganzen Tag hinweg. Das waren also für unser Brainstorming die drei grundsätzlichen Vorgaben.
KLARTEXT: Und dann?
BACHER: Der Vorgang war der, dass ich mit meinen Vorgaben an meine Mit-Geschäftsführer, an die Intendanten, Chefredakteure herangetreten bin und gesagt habe: So, Herrschaften, wie machen wir das? Das wurde ein ausserordentlich gruppendynamischer Prozess unter Heranziehung der kompetenten Leute – und zwar nicht nur der hierarchisch kompetenten, sondern auch der professionell kompetenten, das ist nicht immer identisch. Wir haben ein paar Monate gebraucht, denn es war ausreichend schwierig, die richtigen Lösungen zu finden. Ab 2. April läuft das jetzt.
KLARTEXT: Und Generalintendant Bacher beschränkte sich dabei im wesent-lichen auf die Befehlsausgabe?
BACHER: Das sind Vorgänge in Arbeitsgruppen, die mir immer wieder zu berichten haben und in die ich mich selbst hineinsetze, wenn ich das Gefühl habe: Da geht nichts voran. Oder: Das bewegt sich völlig von meinen Urvorstellungen weg. Ich setze mich auch in jede Redaktionssitzung, die mich interessiert. Das ist natürlich etwas, was beispielsweise der SRG-Generaldirektor gar nicht tun kann.
KLARTEXT: Das alles setzt voraus, dass der ORF-Generalintendant als eine Art Alleinherrscher fungieren darf. Es bedeutet, dass Sie, einmal vom ORF-Kuratorium ge-wählt, keinen Ihrer Entscheide diesem Kuratorium vorlegen müssen – anders als es der SRG-Generaldirektor gegenüber der SRG-Trägerschaft halten muss.
BACHER: Der Generalintendant ist zwar Allein-Geschäftsführer, aber keinesfalls der Alleinherrscher des ORF. Ich bin der oberste Finanz- und Personalchef. Ich vertrete das Haus allein nach aussen, aber alle Programm- und Informationskompe-tenzen sind sorgfältig an Verantwortliche delegiert.
KLARTEXT: Wie steht’s denn bei der Besetzung von Chefposten? Ist das auch ausschliesslich Sache des Generalintendanten, oder hat das Kuratorium dazu etwas zu sagen?
BACHER: Die Direktoren – also der Fernsehdirektor, der Hörfunkdirektor, der Informationsdirektor, der kaufmännische Direktor, der technische Direktor und die neun Landesintendanten – werden vom Kuratorium bestellt, allerdings ausschliesslich auf meinen Vorschlag. Alles darunter – jeder Hauptabteilungsleiter, jeder Chefredakteur – wird bestellt ohne Mitwirkung des Kuratoriums. Also: In Grundsatz- und Strukturfragen hat das Kuratorium Entscheidungsrechte, in der operativen Führung sind wir selbständig.
KLARTEXT: Herr Bacher, uns erstaunt, dass der ORF seinen Zuschauerinnen und Zuschauern “erhöhten Programmkomfort” unter anderem mittels Dokumentationen aus Politik, Wissenschaft und Kultur im Hauptabendprogramm bieten will. Während andere Stationen diesbezüglich vermehrt auf Kurzfutter sezten, glauben Sie offenbar an die Attraktivität anspruchs-voller und vertiefender Programme auf diesem Sektor.
BACHER: Sie dürfen nicht vergessen: Der ORF verfügt – wahrscheinlich als einzige Anstalt im gesamten deutschsprachigen Raum – über zwei volle Fernsehprogramme zur Bedienung des Publikums. Daher können wir uns den Luxus erlauben, doppelt zu programmieren: auf dem einen Kanal breit zu fahren, auf dem andern anspruchsvoll. Das ist das eine. Das zweite: Meine Behauptung “Wir sind unersetzlich” kann ich natürlich nur aufrechterhalten, wenn ich entsprechende Qualität liefere. Wenn ich mich am Dümmsten orientiere, was öffentlich-rechtliche Anstalten tun können, nämlich am kommerziellen Fernsehen, dann wird das Publikum sagen: Wofür sollen wir Gebühren zahlen, wenn die genau die gleichen Filme wie “RTL plus” und “Sat 1” bringen, wenn die genauso Game-Shows im Hauptabend machen, wenn die nur Unterhaltung fahren und wenn qualifi-zierter Hintergrund und anspruchsvolle Kultur nur in den Nachtstunden stattfinden, da fünf Intellektuelle, die erst um vier Uhr früh schlafengehen, zuschauen können?
KLARTEXT: So spricht der zum öffentlich-rechtlichen ORF zurückgekehrte Privatfernseh-Promotor Bacher?
BACHER: Gerade weil ich mich auch auf dem privaten Markt so gut auskenne, bin ich der Auffassung: Die Marktstrategie der Öffentlich-Rechtlichen muss auch eine öffentlich-rechtliche sein! Wenn wir alles, was die Kommerziellen machen, noch kommerzieller machen wollen, dann führt das zu unserer Selbstabschaffung, weil es auf die Dauer keine Begründung unserer privilegierten Existenz mehr gibt. Unersetzlich kann man sich im wesentlichen nur mit den beiden Grossgebieten Information und Kultur machen. Alles andere machen die Kommerziellen genauso gut oder besser als wir.
KLARTEXT: In der Schweiz meint wohl ein Grossteil der Medienpolitiker nach wie vor, dass das schweizerische Fernsehen gesunden würde, wenn es von Privaten Konkurrenz erhielte – wenngleich die Politiker vielleicht nicht mehr unbedingt an die ökonomische Machbarkeit einer Privatkonkurrenz glauben.
BACHER: Ich glaube, dass es ein völliger Irrtum ist – und das ist auch ganz typisch für die nur wirtschaftlich determinierte Schweiz – , im Wettbewerb sein Heil finden zu wollen. Kleine Staaten wie die Schweiz oder Österreich werden, was ihre nationale Identität und ihren Informations- und Kulturexport anlangt, auf die Qualität ihrer Fernsehanstalt – und sie können sich nur eine leisten – unglaublich angewiesen sein. Das Konkurrenzprinzip hat im Fernsehen – das müssen wir uns als Medienleute einfach eingestehen – qualitativ überhaupt nichts gebracht.
KLARTEXT: Darüber dachten Sie auch schon anders.
BACHER: In der Tat. Wenn ich mir vorstelle, welche Vorträge ich vor 15 Jahren über das Wunder Satellitenfernsehen gehalten habe, was ich mir von der Erweiterung des Marktes durch Konkurrenz, Freiwerden der besten Kräfte, die jetzt noch nicht genutzt seien – was ich da alles in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland an Vorträgen verzapft habe: Viele dieser Hoffnungen sind unerfüllt. Das beste Fernsehen, das es auf der Welt gegeben hat, hat die BBC schon vor 20 oder 30 Jahren gemacht. Nichts Gleichwertiges, geschweige denn Besseres hat eine einzige kommerzielle Anstalt hervorgebracht. Das allein müsste schon nachdenklich ma-chen.
KLARTEXT: Der Unternehmer und Marktwirtschafter Bacher als Anwalt wider Marktwirtschaft im Bereich der elektronischen Medien?
BACHER: Ich weiss, dass ich in einem Bruch lebe, wenn ich auf der einen Seite ein überzeugter Kapitalist bin und auf der andern feststelle: Auf dem Sektor der elektronischen Medien hat die Konkurrenz überhaupt nichts gebracht. Das amerikanische Fernsehen gehört zu den schlechtesten der Welt! Na bitte: Wo soll denn das Wunder des Wettbewerbs in der Programmqualität liegen?
KLARTEXT: Warum, glauben Sie, bringt marktwirtschaftlicher Wettbewerb bei den elektronischen Medien nichts?
BACHER: Im Bereich der Kultur – und die Medien gehören doch mehr zum Kulturbereich als zum Wirtschaftsbereich – ist der Wettbewerb überhaupt keine Grössenordnung. Im Bereich der Kultur ist das Schöpferische die Qualität. Mir ist nicht bekannt, dass die Hoch-Zeiten der abendländischen Kultur – ob das die Renaissance-Bildhauer oder die Pariser Impressionisten sind – durch Wettbewerb zustandegekommen wären. Mit solchen Dingen muss die befremdliche Tatsache zu tun haben, dass bei den elektronischen Medien die Qualität sich durch Wettbewerb nicht verbessert hat. Nur eines hat die Kommerzialisierung der elektronischen Medien zustandegebracht: eine unge-heuerliche Kostenverteuerung. In jedem andern Wirtschaftssektor wirkt Konkurrenz preisdrückend, bei den elektronischen Medien wirkt sie preistreibend – ohne dass das Produkt besser würde!
KLARTEXT: Immerhin können sich die Befürworter eines dualen Mediensystems – also einer Medienordnung mit öffentlich-rechtlichen und privaten Veranstaltern – auf das Beispiel England berufen, wo die Akzeptanz der öffentlich-rechtlichen BBC dank der Existenz des privaten “Channel 4” noch gesteigert wurde.
BACHER: Das britische Beispiel nenne ich auch immer wieder. Für mich ist das die besteingerichtete Fernseh-Gesellschaft der Welt – mit der hervorragenden BBC und dem ausgezeichneten “Channel 4”. Aber: Der “Channel 4” ist faktisch, in seiner Programmpraxis, nichts anderes als eine öffentlich-rechtliche Anstalt, die sich die Privaten halten. Wieso gibt’s auf dem Kontinent nichts Vergleichbares? Wie hat sich das erste französische Programm weiter-entwickelt, seit es nicht mehr staatlich ist? Inwiefern ist Berlusconi besser als die RAI? Woraus besteht “RTL plus”? Woraus besteht “Sat 1”? Was macht “Pro 7”? Was macht “Tele 5”? Im wesentlichen 90 Prozent des Tages mit Film, Serien, Show füllen!
KLARTEXT: Und das wäre in einem kleinen Land wie der Schweiz oder Österreich noch dramatischer?
BACHER: Sie werden sich wundern, was in diesem Land – und im Kultur-Export dieses Landes – los ist, wenn die SRG noch schwächer sein wird, als sie es jetzt schon ist; wenn Sie private Fernsehgesellschaften in der Schweiz haben, die alle zum tausendstenmal die gleichen Filme abspielen, die man überall sehen kann. Wo bleibt da schweizerische Identität? Wo bleibt schweizerischer Film? Sie müssen sich doch bewusst sein, dass so etwas wie die SRG oder der ORF das Kleinste ist, was in der internationalen Bewusstseinsindustrie überhaupt noch zur Kenntnis genommen wird und überhaupt noch mitreden kann. Wenn Ihre rein kommerziell ausgerichteten Medienpolitiker, die dafür verantwortlich sind, dass die Schweiz seit Jahrzehn-ten ein unterernährtes Fernsehsystem hat, einmal draufkommen, dass Kultur etwas anderes ist als nur Bilanz zu ziehen, dann ist es zu spät.
KLARTEXT: Sie sind also der Meinung, dass das Schweizer Fernsehen definitiv provinziell wird, sobald auch in unserem Land kommerzielle Konkurrenz auftritt?
BACHER: In der Gefahr der Verprovinzialisierung leben Sendeanstalten kleiner Länder überhaupt, das steht ausser Frage. Und gegen diese Verprovinzialisierung müssen wir uns unentwegt wehren. Denn Provinzialismus ist ja bekanntlich keine geographische Grössenordnung, sondern ein geistiger Zustand. Ich bin nicht für die Abschaffung der Kommerzsender. Aber ich stelle fest, dass das, was wir uns alle erhofft haben – dass uns der kommerzielle Sprung auch kreativ weiterhelfen wird – , nicht stattgefunden hat.
KLARTEXT: SRG-Kritiker verlangen auch deshalb Konkurrenz, weil sie finden, die nationale Rundfunkanstalt dürfe nicht zu mächtig sein.
BACHER: Ich glaube, darüber brauchen diese Kritiker viel weniger nachzudenken als über die endliche Kräftigung der SRG. Sie müssen keine Sorge haben, dass dieser Patient zu stark wird, sie müssen die Sorge haben, dass ihnen dieser Patient verendet. Und zudem: Die SRG steht doch in ständiger Konkurrenz: mit ARD, ZDF, ORF, den französischen Sendern, mit RAI, Berlusconi – wieviel Konkurrenz soll denn dieser kleinen nationalen Anstalt noch verschafft werden? Die SRG hat mehr Konkurrenz, als sie braucht, damit entsprechendes Leistungstraining garantiert ist. Aber anders, nämlich unternehmerisch, organisiert müsste die SRG schon sein.

Der Gesprächspartner

Gerd Bacher, 65, ist Generalintendant des ORF (“Österreichischer Rundfunk-Fernsehen”) – und zwar bereits zum drittenmal. Erstmals übernahm der gelernte Journalist die oberste Führung der öffentlich-rechtlichen österreichischen Radio- und Fernsehanstalt im Jahr 1967. In dieser “Ära Bacher I” machte er aus dem vordem extrem parteiengegängelten ORF ein unabhängiges und modernes Rundfunkunternehmen, das als erstes in Europa eine auf Service-Information spezialisierte dritte Radiokette (“Ö 3”) lancierte. 1974 flog Bacher – weil er sich mit dem damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky überworfen hatte – aus dem Amt. Vier Jahre später freilich war er bereits wieder ORF-Generalintendant. In der “Ära Bacher II” profilierte er sich als Anhänger einer streng zentralistisch organisierten und autoritären Führungsstruktur – bis er 1986 wieder an einem sozialistischen Kanzler, an Fred Sinowatz, scheiterte und den Spitzenjob er-neut verlor. Im Oktober 1990 schliesslich trat er den mit Machtfülle ausgestatteten Posten zum drittenmal an. Zwischen den Tätigkeiten als oberster ORF-Boss war Bacher abwechselnd Chefredakteur der Wiener Tageszeitung “Kurier”, Privatfernseh-Promotor und Wahlhelfer für Helmut Kohl.

10. Juli 2007 von Klartext

“Ich bin nicht die Fünfte Kolonne”

Eva-Maria Zbinden, die nationale SRG-Beauftragte für Frauenfragen, über sich und ihren Job

KLARTEXT: Frau Zbinden, seit dem 1. Oktober – also seit einem halben Jahr – sind Sie “Nationale Beauftragte für Frauenfragen” der SRG. Die SRG-Frauen scheinen Sie aber noch nicht zu kennen. Woran liegt das?
EVA-MARIA ZBINDEN: Diese Kritik stammt vor allem von den engagierten Frauen in Zürich. Und sie hat sicher damit zu tun, dass meine Wahl relativ still und lei-se über die Bühne ging. Damals schwappten die Wellen in der SRG wegen des Stellenabbaus sehr hoch, in dieser Diskussion ist meine Wahl ein bisschen untergegangen. Vorrangig ging es nun darum, die Frauendelegierten in den Regionen zu ernennen, also nicht mich selbst in den Vordergrund zu spielen.
KLARTEXT: Die sind ja inzwischen ernannt: eine 20-Prozent-Frau für Radio und Fernsehen im Tessin, je eine fürs DRS-Radio und fürs DRS-Fernsehen in Zürich, eine für Radio und Fernsehen in der West-schweiz.
ZBINDEN: Ja, aber es dauerte viel länger, als wir dachten, bis diese Frauen gefunden waren. Ich meinerseits muss nun Grundlagenmaterial zum Thema Frauenförderung liefern, koordinieren und darauf achten, dass in den verschiedenen Regionen ungefähr die gleiche Politik gemacht wird.
KLARTEXT: Nochmals: Die SRG-Frauen wissen nicht, was Sie vorhaben. Und sie hätten erwartet, dass Sie sich vorstellen – nicht, dass sie die nationale Frauenbeauftragte erst einladen müssen.
ZBINDEN: Wir haben informiert – überall in den Studios wurde ein Porträt von mir ausgehängt.
KLARTEXT: Wer ist “wir”?
ZBINDEN: Das ist die SRG-Generaldirektion.
KLARTEXT: Also haben nicht Sie sich vorgestellt?
ZBINDEN: Doch, ich musste dieses Porträt ja zusammenstellen. Und ich habe dafür gesorgt, dass wir über den normalen Rahmen – Foto und Bezeichnung der Funktion – hinausgingen: Diese Bekanntmachung enthielt meine Biographie, und es wurden nochmals die SRG-Thesen zur Frauenförderung in zwei, drei Sätzen zusammengefasst.
KLARTEXT: Dennoch verwundert es in den Studios, dass von Ihnen aus offenbar kein Bedürfnis da ist, die Frauen in der SRG und ihre Anliegen persönlich kennenzulernen.
ZBINDEN: Der Kontakt findet ja statt und hat auf meine Initiative auch bald nach meinem Amtsantritt stattgefunden. Ich bin aber dauernd unterwegs – allerdings nicht nur in Zürich. Und ich musste Prioritäten setzen. Denn ich habe für diese Arbeit nur eine 50-Prozent-Stelle, und daneben betreue ich hier in Bern auch noch die Frauen der Generaldirektion und von “Schweizer Radio International”.
KLARTEXT: Wie spielen sich denn Ihre Kontakte in den Regionen konkret ab?
ZBINDEN: Auf zwei Ebenen: zu den Frauen einerseits und – was sehr wichtig ist – zu den Personalleitern andererseits. Einfach hingehen, ein bisschen plaudern – das liegt nicht drin, wenn man so wenig Kapazitäten hat wie wir alle, die mit Frauenförderung beauftragt sind. Da muss man schon relativ systematisch arbeiten: möglichst viele Informationen über die Situation der Frauen in der SRG zusammentragen, die man nachher konkret diskutieren kann.
KLARTEXT: Material zur Situation der SRG-Frauen ist reichlich vorhanden. Es gibt ein Papier der “Paritätischen Frauenkommission”, die Gewerkschaftsfrauen des SSM, des “Schweizer Syndikats Medienschaffender”, haben Grundlagen erarbeitet.
ZBINDEN: Das weiss ich alles. Von “reichlich” kann jedoch keine Rede sein.
KLARTEXT: Was müssen Sie denn noch erarbeiten?
ZBINDEN: Die SRG ist nicht ein homogenes Gebilde. Die Situation der Frauen im Tessin ist eine andere als diejenige der Frauen in Zürich oder Genf. Die Frauen sind auch ganz, ganz unterschiedlich motiviert und engagiert zum Mitmachen. Die Frauen von der Generaldirektion sind anders als die von “Schweizer Radio International”. Das heisst: Ich muss sehen, wo sich ein gemeinsamer Nenner findet und wo sich die Regionen unterscheiden.
KLARTEXT: Dazu liegt bereits eine Menge Material vor.
ZBINDEN: Es trifft zu, dass im Bericht der Frauenkommission durchaus Zahlen vorliegen. Aber das sind sehr generelle Zahlen. Ich dagegen will genau wissen, wo es regionale Unterschiede gibt – und es gibt ganz massive regionale Unterschiede. Aus diesem Material müsste man später ein entsprechendes Aktionsprogramm erarbeiten.
KLARTEXT: Es ist doch – Beispiel regionale Unterschiede – längst bekannt, dass etwa das Selbstbewusstsein der Frauen bei “Radio DRS” weiter entwickelt ist als in andern SRG-Häusern.
ZBINDEN: Das stimmt. Mit der regionalen Frauenbeauftragten Doris Stöckli und mit der Unterstützung von seiten der DRS-Radiodirektion konnte schon ein ganzer Schritt vorwärts gemacht werden. Das ist sozusagen die Vorhut alles dessen, was jetzt aufgebaut werden muss. Im Tessin und in der Westschweiz gibt es vorerst nichts Vergleichbares. Was die Frauen, die von mir sofort Aktionen und Antworten erwarten, enttäuscht, ist wohl dies: Ich muss die Gesamt-SRG im Blick haben. Und dazu muss ich erst über detaillierte Statistiken zu den einzelnen Regionen und Funktionen verfügen. Das alles ist nicht per Knopfdruck aus dem Computer erhältlich, sondern erfordert mühevolle Kleinarbeit.
KLARTEXT: Trotzdem vermissen die Frauen die direkte Kontaktaufnahme von Ihrer Seite.
ZBINDEN: Die Zürcher Frauen sind mir da zuvorgekommen, indem sie sich ihrerseits bei mir meldeten. Die Gründe habe ich erläutert. Zudem: Ich musste ja zuerst ein Pflichtenheft haben, um zu wissen, was ich wirklich unternehmen kann. Über die Möglichkeiten wollte ich informieren, nicht über Wünsche. Nur, für die Erarbeitung der Pflichtenhefte – sowohl für meine nationale Stelle als auch für die regionalen Frauenbeauftragten – musste ich mich zuerst stark hinter den Kulissen einsetzen.
KLARTEXT: Sind jetzt diese Pflichtenhefte, nachdem Sie immerhin ein halbes Jahr im Amt sind, endlich erarbeitet?
ZBINDEN: Das halbe Jahr ist faktisch eine Zeitspanne von knapp drei Monaten – Ferien und Feiertage nicht eingerechnet. Sie wissen ja, ich arbeite nur 50 Prozent als Frauenbeauftragte. Am Pflichtenheft sind nur noch redaktionelle Veränderungen vorzunehmen. Die Pflichtenhefte wurden in den einzelnen Regionen von den Per-sonalleitern mit den Abteilungsleitern und Redaktoren durchdiskutiert – deshalb war das ein relativ langwieriges Prozedere.
KLARTEXT: Ihr Pflichtenheft ist offenbar von Männern erstellt worden.
ZBINDEN: Ja.
KLARTEXT: Stört Sie das nicht?
ZBINDEN: Nein. Ich habe das Pflichtenheft einfach als Grundlage erhalten und nachher daran gearbeitet, und zwar auch gemeinsam mit Frauen. Information ist beispielsweise ein Bereich, der nicht abgedeckt war. Es mag Sie erstaunen – da Sie mich vorhin deswegen in Frage stellten – , aber ich halte sehr viel von Information. Wir müssen informieren über das, was wir machen – damit alle wissen, was tatsächlich läuft, was wir unternehmen wollen, was wir unternehmen können, wo allenfalls die Probleme liegen. Wichtig ist auch, dass wir in der Kommission für Arbeitsplatzbewertung mitmachen können; das war ja eine Forderung der Frauenkommission. Das sind so Dinge, bei denen ich versucht habe, den – relativ engen – Spielraum ein bisschen zu erweitern.
KLARTEXT: Mit “wir” meinen Sie diesmal “wir Frauen”?
ZBINDEN: Ja, die Frauenbeauftragten. Wir haben keine grossen Kompetenzen, können keinen Einfluss nehmen auf die Auswahl des Personals. Das bleibt nach wie vor Sache der Hierarchie. Also müssen wir den Weg wählen über die Information und die Sensibilisierung der Kader.
KLARTEXT: Es ist uns geläufig, dass die SRG ein hierarchisches Unternehmen ist. Also müssten die Frauenbeauftragten innerhalb der Hierarchie doch so angesiedelt sein, dass sie konkrete Kompetenzen hätten. Wären Sie entsprechend eingestuft, könnten Sie Frauenanliegen auch durchsetzen. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Mit welcher Hierarchiestufe und Tätigkeit bei der SRG ist denn der Job einer Frauenbeauftragten zu vergleichen?
ZBINDEN: Nach dem ursprünglichen Konzept sollten die Frauenbeauftragten in den Personaldiensten integriert sein – so wie das bei der “Radio DRS”-Beauftragten Doris Stöckli in Zürich ist: 20 Prozent ihrer Tätigkeit im Personaldienst gilt der Frauenförderung. Anderswo liess sich das nicht realisieren. Die Stelle der nationalen Frauenbeauftragten war völlig normal ausgeschrieben, und ich habe mich völlig normal darum beworben.
KLARTEXT: Die Stelle war intern ausgeschrieben?
ZBINDEN: Jawohl. Im Grunde hätte jede SRG-Frau, die sich für die Thematik interessiert und die regelmässig die Stellenausschreibungen liest, sich bewerben können. Ich weiss nicht, wie viele Bewerbungen insgesamt eingereicht worden sind.
KLARTEXT: Wir hörten von sechs Bewerberinnen – aber auch davon, dass die Stelle sehr unscheinbar ausgeschrieben und die gesuchte Frauenbeauftragte als “Sachbearbeiterin” deklariert wurde.
ZBINDEN: Die Stelle war auf den üblichen Formularen, die an allen Anschlagbrettern in der SRG aufgehängt werden, ausgeschrieben.
KLARTEXT: Möglicherweise haben sich deswegen nur wenige Frauen gemeldet, weil die Stelle nicht mit den nötigen Kompetenzen ausgestattet ist und darum schnell den Verdacht von der Alibifrau aufkommen lässt.
ZBINDEN: Das bekomme ich nicht zum erstenmal zu hören. Der Vorwurf stammt vor allem von SSM-Seite. Ich meinerseits habe da natürlich eine etwas andere Haltung. Frauenbeauftragte in andern Unternehmen leben übrigens im gleichen Spannungsfeld zwischen Erwartung und Möglichkeit.
KLARTEXT: Wir sind gespannt auf Ihre Haltung.
ZBINDEN: Zunächst: Die SRG hat nie im Sinn gehabt, die Frauenbeauftragten irgendwo hierarchisch einzustufen. Es besteht auch eine gewisse Skepsis der ganzen Sache gegenüber. Mit der Schaffung dieser Stellen wurde jetzt etwas unternommen, was ja fast zwingend ist angesichts der Gleichstellungsbemühungen in der Verfassung oder bei der dazugehörigen Gesetzgebung, die ja EG-kompatibel sein muss. Zudem läuft diesbezüglich in der Wirtschaft einiges, beispielsweise bei den Banken. Da ist natürlich innerhalb der SRG – die im Vergleich mit andern europäischen Sendeanstalten weder progressiv noch rückständig ist – der Druck gewachsen.
KLARTEXT: Uns interessiert vor allem Ihr persönliches Selbstverständnis als Frauenbeauftragte.
ZBINDEN: Es gibt zwei Ansatzpunkte, als Frauenbeauftragte zu fungieren. Entweder sage ich: ohne Entscheidungskompetenzen kein Engagement! Oder ich sage: Es ist wenig, aber es ist ein erster Schritt, und jetzt sehen wir zu, wie wir etwas erreichen können in diesem Bewusstseinsbildungsprozess, der in der SRG noch stattfinden muss. Ich bevorzuge ganz klar den zweiten Ansatz. Ich werde jedes Jahr Bericht erstatten, und die SRG wird sich entscheiden müssen, weitere Schritte zu tun.
KLARTEXT: Und wenn die SRG die nötigen Schritte nicht tut?
ZBINDEN: Dann würde sich die Frage nach der Alibifrau stellen.
KLARTEXT: Wie müsste Ihre Stelle ausgestattet sein, damit sie für Sie ein Traum-job wäre?
ZBINDEN: Ich habe keine beruflichen Träume mehr, weil mich Beruf und Politik realistisch gemacht haben.
KLARTEXT: Das hört sich für eine Frauenbeauftragte recht resigniert an.
ZBINDEN: Nein, nein, das hört sich realistisch an. Ich werde andererseits auch nicht diejenige sein, die bei Widerständen enttäuscht aufgibt. Wer zuviele Träume hat, stösst an und gibt sehr schnell auf.
KLARTEXT: Sie sind keine Frau, die gern anstösst?
ZBINDEN: Doch. Und ich werde auch anstossen – aber nicht aufgeben.
KLARTEXT: Haben Sie im letzten halben Jahr schon einschlägige Erfahrungen gemacht?
ZBINDEN: Ja. Wenn man um ein Pflichtenheft ringt, ist es, glaube ich, logisch, dass man auf Meinungen trifft, die weniger weit gehen wollen, als man selber es sich wünscht. Angestossen bin ich zum Beispiel bei der Frage: Wie weit darf die Beratung der Frauen gehen? Ich meine, dass diese Beratungstätigkeit, die ja auch in den SRG-Grundsätzen stipuliert ist, einen hohen Stellenwert hat. Auch hier ist die Diskussion darüber im Gang, was es heisst, wenn Frauenbeauftragte die SRG-Frauen beraten.
KLARTEXT: Es heisst wohl, dass die Frauenbeauftragten für die ratsuchenden Frauen Partei ergreifen …
ZBINDEN: … und das berührt bereits die Personalpolitik, für die die Personal-leiter hierarchisch zuständig sind.
KLARTEXT: Frau Zbinden, Sie haben als Frauenbeauftragte keine Kompetenzen und müssen nach allen Seiten Rücksichten nehmen. Sind Sie denn wenigstens bereit, sich auch mal mit unüblichen Mitteln für die Sache der Frauen einzusetzen? Was fällt Ihnen, beispielsweise, zum Frauen-streik vom 14. Juni ein?
ZBINDEN: Ich bin von Frauen wegen der rechtlichen Situation angefragt worden und habe das abgeklärt. Es ist ganz klar: Die Radio- und Fernsehprogramme müssen normal laufen. Jede Beeinträchtigung der Programme wäre eine Konzessionsverletzung, die geahndet werden kann. Wir müssten also eine Bewilligung der Konzessionsbehörde haben, wenn wir am 14. Juni etwas machen wollten.
KLARTEXT: Und was unternehmen Sie konkret?
ZBINDEN: Ich habe die Frauen in den Regionen angefragt, ob etwas geplant sei für den 14. Juni. Es ist zum Teil noch überhaupt nichts geplant, wobei Zürich wiederum aktiver ist als alle andern. Wir Frauendelegierte werden in Kürze an einer Sitzung unser Konzept festlegen und Prioritäten setzen. Und wir müssen abklären, ob das ein Streik ist, an dem viele interessiert sind. In meiner Funktion kann ich natürlich nicht zum Streik aufrufen. Aber ich kann mich dafür einsetzen, dass die SRG – wozu sie unter Umständen bereit ist – Frauen die Möglichkeit gibt, einen Tag frei zu nehmen, um beispielsweise Happenings durchzuführen.
KLARTEXT: Es ist doch nicht das Wesen eines Streiks, vorher die Vorgesetzten um einen freien Tag zu bitten.
ZBINDEN: Soweit ich informiert bin, handelt es sich nicht um einen klassischen Streik, sondern um eine Protest-Kundgebung. Im übrigen haben wir offensichtlich ganz verschiedene Ansichten zum Job einer Frauenbeauftragten.
KLARTEXT: Glauben Sie denn, dass eine Frauenbeauftragte, die sich nach allen Seiten absichert und glaubt, sie müsse sämtliche Gremien konsultieren, bevor sie auch nur einen Vorschlag macht, für die Frauen in der SRG etwas Konkretes erreichen kann?
ZBINDEN: Sehen Sie: Ich versuche, mit den 21 SRG-Thesen zur Frauenförderung zu arbeiten und sie mit Inhalt zu füllen. Und: Ich verstehe mich nicht als Fünfte Kolonne bei der SRG, sonst hätte ich mich nicht hier engagiert, sondern in der Gewerkschaft.
KLARTEXT: Fünfte Kolonne? Mit diesem arg belasteten Begriff diffamieren Sie sämtliche Gewerkschaftsfrauen als erklärte Feindinnen des Unternehmens SRG.
ZBINDEN: Ich will sagen: Ich verstehe mich nicht als Gewerkschaftsvertreterin. Ganz abgesehen davon, müssen wir uns klar sein: Ich muss – und sonst passiert in diesem Betrieb gar nichts – die Männer mitziehen in der Frage der Frauenförderung, muss dazu beitragen, dass das Verständnis der Männer für diese Probleme auf breitester Ebene entwickelt wird. Denn sonst werden die Frauen mit all ihren Aktionen auf so starken Widerstand stossen, dass sie eines Tages ins Abseits manövriert werden, den Handlungsspielraum, den sie heute haben, verlieren und aufgeben. Das will und muss ich verhindern.
KLARTEXT: Sie reden so, wie es in den letzten fünfzig Jahren vor allem Männer getan haben. Es ist doch eine Erfahrung der Frauenbewegung, dass nur radikale Forderungen Fortschritte brachten. Warum wollen Sie das nicht tun und argumentieren stattdessen damit, die Männer sensibilisieren zu wollen?
ZBINDEN: Gegen solche Unterstellungen muss ich mich verwahren. Radikale Forderungen müssen in der täglichen, konsequenten Kleinarbeit umgesetzt werden. Wir müssen doch zuerst einmal wissen, wie die Situation der Frau in der SRG tatsächlich ist – dann kommt man um eine Diskussion nicht mehr herum. Wir müssen aufzeigen, dass und warum in bestimmten Funktionen die Männer übervertreten, die Frauen untervertreten sind. Und um da argumentieren zu können, müssen wir Zahlen und Fakten haben.
KLARTEXT: Aber die haben Sie ja.
ZBINDEN: Nein, die habe ich eben nicht – das habe ich doch bereits gesagt! Zudem: Wenn ich auf der Beratungsebene dazu beitragen kann, dass Frauen ihre Ansprü-che wirkungsvoll einbringen und allenfalls ihre Situation verbessern können, dann wird das zwar geschätzt, aber es ist natürlich nicht spektakulär. Wenn man von mir jetzt schnelle spektakuläre Aktionen erwartet, so kann und will ich die nicht bringen. Denn ich will vertiefter arbeiten.
KLARTEXT: Lässt sich aus den von Ihnen bisher erarbeiteten Materialien über die Situation der Frauen in der SRG ein Trend oder gar Unerwartetes herauslesen?
ZBINDEN: Der Trend ist derselbe, der schon im Bericht der Frauenkommission angetönt ist: In allen Regionen ist es, mit Schattierungen, ähnlich – die Frauen sind hierarchisch und lohnklassenmässig in der untern Hälfte des Spektrums. Das ist eine Grobanalyse. Was ich jetzt untersuche, ist die Tatsache, dass bei der SRG sehr viele Frauen Verträge als freie Mitarbeiterinnen haben, statt vorteilhafter gemäss GAV, also gemäss Gesamtarbeitsvertrag, angestellt zu sein. Die Frage ist: warum?
KLARTEXT: Und? Warum?
ZBINDEN: Das kann mehrere Gründe haben. Frauen lassen sich zum Teil bloss im freien Honorarverhältnis anstellen, weil sie noch in der Familienphase sind. Oder die SRG ist gegenüber Frauen zurückhaltend in der Vergabe von GAV-Stellen.
KLARTEXT: Das liegt wohl daran, dass Frauen eher als Männer teilzeitarbeiten wollen, die SRG aber der überkommenen Vorstellung anhängt, dass eine GAV-Stelle im Zweifel nur für ein volles Pensum in Frage kommt.
ZBINDEN: Dazu möchte ich nicht abschliessend Stellung nehmen. Es ist bei der SRG nicht generell so, dass Teilzeitbeschäftigte keine GAV-Stellen erhalten. Es geht vielmehr um die Frage, wie der zuständige Abteilungsleiter GAV-Stellen und Honorarverträge verteilt. Und …
KLARTEXT: … vielleicht sollte im Pflichtenheft einer Frauenbeauftragten stehen, dass sie für mehr Abteilungsleiterinnen sorgt …
ZBINDEN: … da spielt das Problem der Stellenausschreibungen mit: Nach welchen Kriterien wird wer von wem ausgewählt? Das ist in der SRG nicht einheitlich geregelt. Ein weiteres – allerdings nicht SRG-spezifisches – Problem ist die Laufbahnentwicklung der Frauen: Es gilt, Laufbahnmodelle zu konzipieren, die auch eine Familienphase enthalten. Solche Modelle sind in Entwicklung, Forscherinnen arbeiten daran.
KLARTEXT: Solche Forschung ist gewiss von grossem Nutzen. Aber mit Verlaub: Heisst für Sie Frauenförderung, dass erst nobelpreisverdächtige Forschungsar-beiten vorliegen müssen, bevor die Frauen Forderungen stellen dürfen?
ZBINDEN: Sie meinen, bevor ich eine Forderung stelle?
KLARTEXT: Sie oder andere Frauen.
ZBINDEN: Ich möchte mich hier nicht auf Theorie beschränken …
KLARTEXT: … zumal es bereits reichlich davon gibt …
ZBINDEN: … aber aus der Theorie, aus Zahlen und Fakten, lässt sich später viel Konkretes entwickeln. Ich habe da durchaus meine Vorstellungen, aber ich kann nicht über die Köpfe der regionalen Frauendelegierten hinweg entscheiden und agieren. Das will ich nicht.
KLARTEXT: Frau Zbinden, in der SRG wird immer wieder die Autonomie der einzelnen Regionen betont. Sie als nationale Frauenbeauftragte müssen in den Regionen Daten beschaffen, um sie später wieder den Regionen zuzuleiten. Ist da Ihr Job nicht überflüssig? Wäre es nicht sinnvoller, sich auf die regionalen Frauenbeauftragten zu beschränken und gleichzeitig deren kärgliche Stellen auszubauen?
ZBINDEN: Es gibt Zahlenmaterial, das für die gesamte SRG gilt. Dieses Material können die regionalen Delegierten nicht erarbeiten. Hier sehe ich meine Funktion: Ich liefere Grundlagenmaterial als Argumentations- und Ideenhilfe in den Regionen. Denken Sie an den Ausbildungsbereich, wo die Region DRS mit Spezialkursen für Frauen sehr weit ist – in den andern Regionen gibt es nichts Vergleichbares. Oder die Frage der Kaderausbildung: Wo und wie lassen sich die Kader sensibilisieren für die Frauenthematik? Aus diesen Gründen, meine ich, braucht es sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene Frauenbeauftragte. Ob dies tatsächlich richtig ist, wird sich zeigen.
KLARTEXT: Beim WDR in Köln ist die Quotenregelung eingeführt worden: Bewerben sich Frauen und Männer mit gleichen Qualifikationen um eine Stelle, wird eine Frau angestellt. In den SRG-Thesen zur Frauenförderung ist die Quotenrege-lung kein Thema. Dennoch müsste sich doch eine Frauenbeauftragte dafür stark machen.
ZBINDEN: Wenn Sie die 21 Thesen der SRG zur Frauenförderung gelesen hät- ten …
KLARTEXT: … die haben wir durchaus gelesen …
ZBINDEN: … dann wüssten Sie, dass die SRG willens ist, für Funktionen, in denen Frauen untervertreten sind, eine Frau einem Mann vorzuziehen. Dieser Wille und dieser Grundsatz sind vorhanden.
KLARTEXT: Wissen Sie denn, wieviele Männer und Frauen sich im Schnitt auf eine offene SRG-Stelle melden?
ZBINDEN: Das kann ich für die Generaldirektion und für “Schweizer Radio International” erfahren, aber natürlich nicht für Zürich zum Beispiel. Dort ist es die regionale Delegierte, die mit dem Personalleiter zusammen einen Modus finden muss, um an diese Informationen heranzukommen. Ich aber kann aufzeigen, in welchen Sparten die Frauen total untervertreten sind, kann Massnahmen empfehlen.
KLARTEXT: Die Quotenregelung wäre eine konkrete Massnahme.
ZBINDEN: Für die Quotenregelung setze ich mich politisch ein – im bernischen Grossen Rat haben wir kürzlich die Frage einer 40-Prozent-Quote debattiert. Hier bei der SRG halte ich mich an die 21 Thesen zur Frauenförderung. Mit diesem Papier muss ich arbeiten, und darin ist die Quotenregelung klar ausgeschlossen. Nun könnte ich mich auf den Standpunkt stellen, die Quotenregelung sei dennoch unverzichtbar. Ich könnte versuchen, in dieser Sache vorstellig zu werden – ich muss Ihnen nicht sagen, was ich erleben würde.
KLARTEXT: Ebenso überflüssig zu betonen, dass dies niemals Ihr Standpunkt sein wird.
ZBINDEN: Ich gehe in der Tat den andern Weg: Ich muss überhaupt nicht über Quoten diskutieren; ich zeige einfach auf, wie es um die Frauen bestellt ist in der SRG. Weshalb gibt es nach wie vor typische Frauenfunktionen wie Sekretärin-nen, Script, Telefonistinnen? Das alles kann ich aufzeigen. Und ich kann ständig Impulse geben nach dem Motto “Steter Tropfen höhlt den Stein”.
KLARTEXT: Es ist doch mittlerweile bekannt, in welchen Funktionen Frauen in Betrieben hauptsächlich arbeiten …
ZBINDEN: … aber nicht bei der SRG! Im übrigen habe ich deutlich gesagt, weshalb. Bei den Gründen gilt es anzusetzen.
KLARTEXT: Sie selbst nannten die Laufbahnentwicklung ein “nicht SRG-spezifisches Problem”. So wird’s wohl sein: Wie in den meisten Unternehmen müssen sich auch in der SRG die Frauen eher mit untergeordneten Funktionen bescheiden, wäh-rend die Männer die leitenden Posten bekleiden. Was hilft es denn, diesen Sach-verhalt ständig zu deklamieren? Wären konkrete Massnahmen – wie etwa die Quotenregelung – nicht wirksamer?
ZBINDEN: Ich schliesse nicht aus, dass man eines Tages auch bei der SRG über die Quotenregelung diskutieren kann. Heute kann man noch nicht. Und ich mag auch nicht darüber diskutieren, weil ich den Spielraum, den ich habe, nicht gefährden will. Ich bin nicht der Typ, der lautstark auf die Barrikade steigt.
KLARTEXT: Sondern?
ZBINDEN: Ich bin der Meinung, dass man einer Frau, die eine Laufbahn anstrebt, die Möglichkeiten dazu in die Hand geben muss. Und dazu gehört auch, dass man bei den – heute meist männlichen – Vorgesetzten das nötige Verständnis dafür anstrebt.
KLARTEXT: Also bloss eine Art Lobby-ing bei den Hierarchen für die Anliegen der Frauen.
ZBINDEN: Lobbying, im Sinn umfassender Information, ist das eine. Das andere ist die ganz konkrete Hilfestellung. Eine Frau möchte zum Beispiel einen bestimmten Ausbildungskurs belegen; der Chef sieht das nicht ein, weil er findet, der Kurs habe mit der Funktion der Frau nichts zu tun. In solchen Fällen geben die Frauen meist klein bei. Genau hier setzt die Un-terstützung durch die Frauenbeauftragte ein, hier kann ich ganz konkret helfen, dass sich eine Frau aus ihrer Situation her-ausentwickeln kann. Das ist aber alles mühevolle Kleinarbeit.
KLARTEXT: Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
ZBINDEN: Das ist eine schwierige Frage, weil das Wort sehr unterschiedlich interpretiert wird. Als Feministin wird ja oft eine Frau bezeichnet, die für Frauen gegen Männer kämpft. Wenn es so gemeint ist, bin ich keine Feministin. Wenn Feministin aber heisst, sich für Frauen einzusetzen, um ihre Situation – vor allem ihre berufliche Situation – zu verbessern, dann bin ich Feministin. Denn die Frauen – und das trifft für den Beruf genauso zu wie für die Politik – sind ganz klar untervertreten. Und es ist schade für diese Gesellschaft, dass sie untervertreten sind.

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Ausgabe: 5 | 2018

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