8. Dezember 2010 von Ursin Tomaschett

“Blick am Abend” zieht nach

Landauf, landab unterziehen sich Zeitungen einer Verjüngungskur. Selbst die jüngsten der Branche brauchen offenbar ein Facelifting. Seit Montag erscheint der “Blick am Abend”, die am drittmeisten gelesene Zeitung der Schweiz, in einem leicht angepassten Gewand. Und folgt mit seinen Änderungen einem allgemeinen Trend: Es gibt mehr Weissraum im Blatt. Mit der wichtigsten Neuerung wird der Leserschaft mehr Luft zum Atmen gewährt. Konkret wurde das omnipräsente Brombeerviolett reduziert, was bemerkenswerte und eindeutig positive Auswirkungen auf die Gesamterscheinung hat.

Wenngleich sich das Gratisblatt aus dem Hause Ringier inhaltlich nicht neu erfunden hat, so wurden doch auch diesbezüglich Änderungen vorgenommen: Einige Seiten mehr Schweiz, Ausland, Wirtschaft und People auf Kosten des Magazin-Teils. Mit – jetzt kommts – längeren Artikeln (!). Man darf gespannt sein.

Ebenfalls neu: An prominenter Stelle auf den Seiten 2 und 3 eine Zeitachse, auf der die wichtigsten Ereignisse des Tages bis Redaktionsschluss mit exakter Zeitangabe aufgeführt sind. Dazu: Katja Walders Pendlerkolumne neu auf zweitletzter Seite, der “Schnügel des Tages” muss sich seinen Platz mit den “Singles des Tages” sowie dem “Schatzkästli” teilen (Peace, Love and Harmony komprimiert), Sudoku und Gastrokritik sind anscheinend rausgeschmissen worden. Dafür wird unter “Wohnen” ab sofort jede Woche ein “spezielles Stück” verschenkt, “das wir auf dem Flohmarkt, im Brockenhaus oder im Internet für Sie aufgestöbert haben”. Dazu nur soviel: Werden sämtliche Stücke so begehrenswert, wie die zum Auftakt angepriesene “Südsee-Dame” sein, dann muss sich die “Blick am Abend”-Redaktion schon bald mit Platzproblemen herumschlagen – angesichts all der Gegenstände, die niemand haben will. Doch das ist bekanntlich Geschmackssache.

Den überwiegend positiven Gesamteindruck der Neugestaltung wurde in der ersten Ausgabe im neuen Kleid in einem Punkt getrübt. Bei den “Bildern des Tages” hat die Redaktion die Pointe mit der Ähnlichkeit der Wintermäntel von Blocher und Kim-Jong Il aus der Satiresendung Giacobbo/Müller als eigene Beobachtung ausgegeben. Das zeugt nicht von eben journalistischer Fairness.

12. November 2010 von Stefan Etter

Im «Blick»-Verhör

Die Medien sehen sich als vierte Gewalt, und damit als Kontrollinstanz der drei anderen Gewalten im Staat. Bisweilen gefallen sie sich aber auch in anderen Rollen. So auch der Blick, der jüngst als selbsternannter Strafermittler auftrat. In einem Interview mit einem jungen Mann, der sich nach Veröffentlichung von Überwachungskamerabilder einer Prügelei freiwillig der Polizei gemeldet hatte, quetschte der Blick den mutmasslichen Täter in bester Polizeimanier aus.

Die Fragen erinnern mehr an ein Verhör als an ein journalistisches Gespräch: „Was haben Sie überhaupt letzten Samstagmorgen um 4.30 Uhr in dieser Unterführung gesucht?“, „Hatten Sie zuvor getrunken?“, „Warum haben Sie sich erst zwei Tage später gestellt?“, „Musste nicht einmal die Polizei ans Wasserfest nach Aarburg ausrücken, weil Sie sich prügelten?“

Der Blickjournalist mimt den Hilfssheriff und nimmt die Ermittlungen in die eigene Hand. Doch woher hat der Blick die Personalien des mutmasslichen Täters und die Kenntnis über vorangehende Fälle, in die er ebenso verwickelt sein soll? Arbeitet der Blick als verlängerter Arm der Polizei und erhält von ihr deshalb vertrauliche Informationen? Dem ist nicht so, wie Andreas Mock, Leiter des Mediendienstes der Kantonspolizei Solothurn, versichert: „Wir wissen nicht, woher der Blick diese Informationen hat. Von der Polizei hat er jedenfalls keine Daten zu Personalien erhalten.“

Trotz der eigenwilligen Interviewtechnik des Blick, bleibt der Informationsgehalt des Interviews letztlich dünn. Der mutmassliche Täter relativiert seine Anschuldigungen damit, dass er sich nur habe verteidigen wollen. Doch ob es sich tatsächlich so abgespielt hat, wissen weder der Blick noch die Leserschaft. Das Ergebnis des Interviews: einseitige und nicht überprüfbare Aussagen eines Protagonisten, die primär der Unterhaltung und der Effekthascherei dienen.

Positiv ist zumindest, dass das Interview Veröffentlichung von Überwachungskamerabilder wieder thematisiert. Der Befragte beklagt sich nämlich über die Publizierung der Aufnahmen, die ihn unrechtmässig in ein schlechtes Licht rücken würden. Aber anscheinend mag er das Rampenlicht der Medien trotzdem, hätte er sich doch sonst nicht für ein Blick-Interview mit Foto bereiterklärt.

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