16. November 2009 von Nick Lüthi

Buch: Dokument der Ratlosigkeit

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«Brisante Aussagen» und «provokantes Nachtreten» wollten «20 Minuten» und «Blick» im Buch von Ex-Tagesschau-Chef Heiner Hug entdeckt haben. Als Beleg dafür zitieren sie die nicht eben neue Erkenntnis des früheren Fernsehmannes, wonach das TV-Publikum zunehmend unter den AHV-BezügerInnen zu finden sei. Offenbar haben die ZeitungsjournalistInnen das Buch nur auf schlagzeilenträchtige Passagen hin quergelesen. Denn wer sich das schma­le Bändchen in voller Länge zu Gemüte führt, bleibt ratlos zurück; ähnlich ratlos, wie der Autor selbst. Mit «Fernsehen ohne Zuschauer» versucht Heiner Hug aufzuzeigen, wie die Flimmerkiste vor dem Internet kapituliert. Eine spannende These, doch was macht Hug damit? Langfädig und langweilig zitiert er vor allem aus den rund 15’000 Publikumszuschriften, die ihn während seiner Zeit am Leutschenbach erreichten. Als roter Faden und Beleg dafür, wie sich die ZuschauerInnen zunehmend vom Fernsehprogramm abwenden, eignen sich diese spontanen Wortmeldungen chronisch Empörter denkbar schlecht. Das weiss Hug eigentlich selbst, denn er schreibt, die E-Mails an die Redaktion seien «kein Spiegel der gesamten Gesellschaft». Als Folge seines fehlgerichteten Fokus bemüht sich Hug nach Kräften, seine ehemaligen KollegInnen gegen die unqualifizierten Anwürfe zu verteidigen, anstatt selbstkritisch zu fragen, ob es nicht auch am real existierenden TV-Journalismus liegen könnte, dass vor allem das jüngere Publikum die Glotze links liegen lässt. Verantwortlich für den Zuschauerschwund sind stets nur die anderen: das Internet im Allgemeinen und die sozialen Netzwerke wie Facebook im Speziellen, dann die Presse mit ihren Online-Angeboten und schliesslich auch noch die Schulen, die zu wenig Medienkompetenz vermitteln. So verpasst Hug seine Chance, konstruktiv in die Debatte um die Zukunft der audiovisuellen Medien einzugreifen.

Heiner Hug: «Fernsehen ohne Zuschauer – Die Kapitulation der Flimmerkiste vor dem Internet». Orell Füssli, 2009.

9. Juli 2007 von Klartext

Entsprechend trist

Die unfriedliche Koexistenz von “Tagesschau” und “10 vor 10” bringt TV-Chefredaktor Studer in die Klemme. Aber auch Studer-Verteidiger Schellenberg fühlt sich bedrängt – der Pro-grammdirektor wurde von der DRS-Trägerschaft desavouiert.

“Wenn Sie schreiben, Gysling arbeite gegen Studer”, weissagte eine TV-Redaktorin gegenüber KLARTEXT, “dann werden Sie bestimmt wieder einen Leserbrief erhalten, worin Gysling alles heftig dementiert – obwohl es stimmt.”
Es wäre in der Tat nicht das erste derartige Dementi von Erich Gysling. Doch diesmal wird der “Rundschau”-Leiter und frühere Chefredaktor des “Schweizer Fernsehens” möglicherweise auf die öffentliche Loyalitätsbezeugung zugunsten seines Nachfolgers Peter Studer verzichten – aus Furcht, von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Autor einer Lachnummer verspottet zu werden.
Denn inzwischen beschränkt Gysling den Ausdruck seiner geringen Wertschätzung dem amtierenden Chefredaktor gegenüber nicht mehr auf vertrauliche Gespräche mit Kadermitgliedern. Längst weiss ein Grossteil der Fernsehschaffenden im Zürcher Studio Leutschenbach, was der Berufsmann Gysling vom Berufsmann Studer hält: nichts. Und das Urteil wird von den meisten Macherinnen und Machern geteilt.
Aus verständlichen Gründen. Denn was Peter Studer nach einem ganzen Jahr als “designierter” und einem halben Jahr als tatsächlicher Chefredaktor dem ohnehin von der akuten SRG-Finanzkrise gebeutelten Deutschschweizer Fernsehen beschert hat, lässt Fernsehprofis erschaudern – sowohl punkto programmliche und organisatorische Neuschöpfungen als auch bezüglich Arbeitsklima.
Für das Spätabendmagazin “10 vor 10”, das seit vergangenem August werktags die “Tagesschau”-Spätausgabe ersetzt, richtete der des Mediums nicht mächtige Hierarch einen heillosen Struktur-Salat an: mit zahlreichen Chefposten und einer wenig sinnvollen, dafür überdimensionierten Sitzungs- und Protokoll-Bürokratie. Eine funktionierende Koordination zwischen “10 vor 10” und “Tagesschau” brachte der Chefredaktor bislang nicht zustande, pein-liche Doppelspurigkeiten sind fast die Regel. Und die rund zwei Dutzend Korrespondentinnen und Korrespondenten, die für die von Studer befehligten Informa-tionssendungen arbeiten, vermissen eine konzeptionelle Führung aus der Zentrale.
Entsprechend trist erleben die betroffenen Journalistinnen und Journalisten die Stimmung, die der überforderte Chefredaktor verbreitet. “Studer ist der grösste Motivationsvernichter, den ich je kennenlernte”, meint ein “Tagesschau”-Redaktor. Und auch bei “10 vor 10” – wo die erste Begeisterung über die angebliche “Innovativkraft” der neuen Sendung verflogen ist – tönt’s unterdessen resigniert: “Studer bringt’s nicht”, so ein “10 vor 10”-Mann, “weder menschlich noch journalistisch.”
Menschlich klappt’s, gerade zwischen “Tagesschau” und “10 vor 10”, allerdings auch auf tieferen Stufen nicht sonderlich. “10 vor 10”-Chef Jürg Wildberger und sein Vize Ueli Haldimann etwa nerven die Kolleginnen und Kollegen von der “Tagesschau” mit “Arroganz und Besserwisse-rei”. “Tagesschau”-Auslandchefin Annett Gosztonyi umgekehrt beschimpfte im “SonntagsBlick” einen “10 vor 10”-Redaktor als unfähig.
“Einerseits resultiert dieses schlechte Klima bestimmt aus individuellen Unverträglichkeiten”, glaubt eine in einer andern Sendung beschäftigte Journalistin, “andererseits hat es aber ganz eindeutig damit zu tun, dass die ,Tagesschau’-Leute ständig überlastet sind, während ,10 vor 10′ unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen produziert – und dafür ist Studer verantwortlich.”
Mit der Misere bewahrheitet sich, was Kritiker der Einführung eines Spätabendmagazins schon vor dessen Start befürchteten: “10 vor 10” ist eine Fehlkonstruktion – zu kostenintensiv für Schweizer Verhältnisse; zu schmalbrüstig, um einen Vergleich mit ausländischen Sendungen à la ARD-“Tagesthemen” aushalten zu können; von einem nicht ausreichend sachkundigen Chefredaktor verantwortet.
Dennoch konnte sich Programmdirektor Peter Schellenberg bisher nicht dazu durchringen, die Konsequenzen aus solcher Erkenntnis zu ziehen und die Fehlgeburt “10 vor 10” mit der “Tagesschau” zu fusionieren. Im Januar hat Schellenberg einen Zusammenschluss sogar ausdrücklich abgelehnt. Stattdessen befahl er den beiden Redaktionen “engere Zusammenarbeit” und versprach ihnen einen minimen Personalausbau.
“Eine Fusion wäre zwar das Vernünftigste gewesen”, kommentiert ein Redaktor den jüngsten Entscheid von Studer-Freund Schellenberg, “aber eine Fusion wäre natürlich nur mit einem neuen Chefredaktor möglich.” Davon aber will der Di-rektor vorläufig nichts wissen.
Dennoch muss sich Schellenberg jetzt mit dem “Problem Studer” auseinandersetzen. Der Reihe nach nämlich melden sich beim Programmdirektor direkt betroffene Kaderleute, die ihrem Ärger über die Fehlleistungen des Chefredaktors Luft machen. Den Anfang machte der sonst zu-rückhaltende “Tagesschau”-Leiter Hans-peter Stalder mit einer ausführlichen Anti-Studer-Philippika.
Womöglich fühlt sich Fernsehdirektor Schellenberg trotz allem gezwungen, solche Beschwerden gegen seinen Protégé Studer ernstzunehmen. Und sei’s nur, um sich dereinst vor dem vorgesetzten “Regionalvorstand DRS” nicht selbst einer Fehl-einschätzung zeihen zu müssen. Denn das hat Schellenberg eben erst erlebt: Als er am 8. Februar dem Trägerschafts-Gremium beantragte, das Wirtschafts-Hintergrundmagazin “Netto” auf Anfang 1992 aus dem Programm zu kippen, sagten die Vorständler klipp und klar nein.
Die Desavouierung durch den “Regio-nalvorstand” hat Schellenberg arg verunsichert. Und was ihn – im Hinblick auf die wohl unvermeidliche hausinterne Studer-Debatte – besonders wurmen muss: Die DRS-Vorstandsmitglieder, politisch von links bis rechts, votierten unter anderem deshalb für eine Beibehaltung der Sendung “Netto”, weil sie die Absicht von Chefredaktor Studer, Wirtschaftsinformationen vermehrt in Sendungen wie “Tagesschau”, “10 vor 10”, oder “Rundschau” einzubauen, als “nicht ausreichende Alternative” betrachteten.
“Diesen Seitenhieb auf Studer”, glaubt eine Fernsehredaktorin, “hat Schellenberg sehr wohl registriert.”

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