10. Juli 2007 von Klartext

Marc Furrer

Um sieben vor sieben weckt mich mein “Regional-Journal” und sagt mir, dass es heute morgen um sechs in Plaffeien schon elf Grad warm war. Ich war noch nie in Plaffeien und kenne niemanden dort, aber der Ort ist mir vertraut geworden, seit ich alle Tage wieder neu erfahre, dass es dort viel angenehmer ist als auf dem Jungfraujoch.
Mein Morgenritual orientiert sich an den Erfahrungen des Abends zuvor: “Duschdas” oder “Timotei”, “Nescafé Gold” oder “Merkur Gourmet”. Nur “Gillette” und “Hakle” halte ich die Treue, aus Praktikabilitätsgründen. So gegen acht steige ich dann in die Mailbox und transmittiere ins Amt. Im Winter, wenn’s geschneit hat, nehme ich den Fax.
Im Büro angekommen, widme ich mich immer zuerst dem Grundsätzlichen, nämlich der Frage, was Kommunikation überhaupt sei. Dazu habe ich eine Formel erarbeitet, die geeignet sein dürfte, unserem Amt mittelfristig die Legitimationsbasis zu sichern: Kommunikation, sage ich, ist das Problem, das sie zu lösen meint. Ich bin der Kommunikation gegenüber also durchaus kritisch eingestellt, auch wenn ich niemals so weit gehen würde wie Däpp, der gesagt hat, Kommunikation sei die Bewältigung der Menschlichkeit in der Information. Ich vertrete im Gegenteil dezidiert die Auffassung, dass Kommunikation sich weiterentwickelt und dass sie irgendwann den Sprung schaffen wird vom Problem zu dessen Lösung.
Wenn wir dem Wesen der Kommunikation auf die Spur kommen wollen, mag es hilfreich sein, sich auf den Ursprung des Wortes zurückzubesinnen. Das Wort Kommunikation stammt aus dem Altägyptischen (komm = ein, unikat = Seife) und bedeutet soviel wie Einseifung, wobei die rituelle Einseifung des Volkes durch den Pharao gemeint ist. Die Hieroglyphe, die den Begriff bezeichnet, das liegende Rechteck, wurde noch bis in die späten fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts als Seifenstück gedeutet. Erst die neuere Ägyptologie geht davon aus, dass es sich um einen Bildschirm handeln muss.
Wenn es uns gelingt, in und mit der Kommunikation die Erfahrungen der Vergangenheit mit den Erfordernissen der Zukunft zu verbinden, dann bin ich zuversichtlich. Kommunikation könnte gerade auch für unser kleines Land eine neue Wesentlichkeit begründen. Die moderne schweizerische Kommunikationsgesellschaft könnte sich hineinseifen in diesen beglückenden Zustand der intellektuellen und emotionalen Schwerelosigkeit. Dazu braucht es allerdings den festen politischen Willen. Wir vom Bundesamt werden unser Bestes tun.
Am Mittag hole ich hinter der Akte Trappe den Tauchsieder hervor und wärme mir Hörnli mit Speck von “Findus”. Dazu führe ich mir auf “DRS 1” das Wetter zu Gemüt. Da die Lage stabil ist, darf ich annehmen, dass in Plaffeien jetzt um die 18 Grad gemessen würden. Manchmal treffe ich mich auch mit Dölf zum Essen, und er kommuniziert mich flugs herunter auf den steinigen Acker der helvetischen Realpolitik, wo auch andere Höhenflüge bruchlanden. Wir reden über die Pendenzen und beschliessen, dass das Bundesamt pflichtgemäss und ohne Ansehen der Personen entscheiden wird. Ein Chaos wollen wir nicht, pflegt Dölf dann jeweils zu sagen. Dölf ist ein grossartiger Kommunikator. Er hat die Kommunikation total verinnerlicht.
Nach solchen Mittagspausen bin ich richtig motiviert, um mich am Nachmittag der Alltagsarbeit zuzuwenden. Wir können nämlich in unserem Amt nicht nur über Kommunikation philosophieren. Wir müssen Kommunikation ermöglichen, indem wir dafür das richtige Umfeld schaffen. Kommunikation gedeiht von selber, wenn der Humus vorhanden ist. Diesen Humus auszutragen ist unsere vornehme Aufgabe. Den Verfassungsartikel über Radio und Fernsehen haben wir bereits kompostiert. Jetzt sind wir daran, das Gesetz zu häckseln.
Am Abend lasse ich mich vorerst von Kachelmann oder noch lieber von der Frau Walch verwöhnen, bevor ich mich aus aktuellem beruflichem Anlass RTL zuwenden muss. Wenn ich, was eher selten ist, erst im Bett einschlafe, lasse ich zuvor den vergangenen Tag noch einmal Revue passieren. Meine Arbeit gefällt mir, auch wenn natürlich nicht immer Freude herrschen kann. Dennoch möchte ich irgendwann mal wieder etwas anderes machen. Etwas, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Mehr als alle Kommunikation schätze ich nämlich ein gutes Gespräch unter Freundinnen und Freunden bei einem guten Glas Roten. Zum Beispiel an einem milden Spätherbstnachmittag im “Goldenen Kreuz” in Plaffeien.
Text: Heinz Däpp

10. Juli 2007 von Klartext

“Man kann mit der Wahrheit lügen”

Der Publizist Hans Saner über Medien, Zeitgeist und die Macht der Symbole

Klartext: Herr Saner, sind Sie ein fleissiger Medienkonsument?
Saner: Nicht ein fleissiger, aber doch ein täglicher. Ich schaue jeden Tag in mindestens eine Zeitung hinein, ich sehe mir jeden Tag mindestens eine Nachrichtensendung am Fernsehen an oder höre Nachrichten am Radio.
Klartext: Welche Medien haben in Ihrem Alltag welchen Stellenwert?
Saner: Die Zeitung ist für mich das Grundmedium, in dem man sich am besten orientieren kann. An zweiter Stelle folgt bei mir das Radio, an dritter Stelle das Fernsehen.
Klartext: Und wie erleben Sie den Medienkonsum? Als Lust oder als Frust?
Saner: Ich lese zum Frühstück Zeitung. Und ich bin praktisch jeden Morgen enttäuscht. Darum habe ich auch keine Zeitungen abonniert, sondern hole sie mir allmorgendlich am Kiosk. So kann ich wenigstens auswählen.
Klartext: Wechseln Sie bei der Auswahl der Blätter oft ab?
Saner: Nicht sehr oft. Die Abwechslung richtet sich nach dem täglichen Interesse.
Klartext: Können Sie dies an Beispielen erläutern: Wann lesen Sie welche Zeitung?
Saner: Wenn zum Beispiel im internationalen Bereich etwas Relevantes vorgefallen ist, nehme ich gelegentlich die “Neue Zürcher Zeitung”, weil sie diesbezüglich die verlässlichsten Nachrichten und Kommentare bringt. Wenn innenpolitisch etwas Wichtiges geschehen ist, kaufe ich eher den “Tages-Anzeiger”. Und wenn gar nichts passiert ist, reicht mir auch die Lokalpresse.
Klartext: Haben Sie den Eindruck, beispielsweise über den Krieg in Bosnien oder über die Unruhen in Moskau ausreichend informiert worden zu sein?
Saner: Wie kann ich das entscheiden? Das Schlimme für den Konsumenten ist ja, dass er nicht weiss, ob er richtig informiert wird; dass er gar nicht anders kann, als den Medien zunächst einen gewissen Vertrauensvorschuss zu geben. Wenn dann das passiert, was zum Beispiel während des Golfkriegs passiert ist – dass, wie sich später herausstellte, die Medien insgesamt falsch informiert hatten, weil sie ihrerseits belogen worden waren -, dann fällt ein Schleier herunter.
Klartext: Sind Sie persönlich denn auch von der “Katastrophenmüdigkeit” befallen, von der Sie – im Zusammenhang mit der Berichterstattung in den Medien – schon wiederholt in Vorträgen gesprochen haben?
Saner: Sicher. Aber ich wehre mich dagegen. Denn ich bin mir ziemlich früh bewusst geworden, dass die Art, wie über Katastrophen und Kriege berichtet wird, entweder depressiv oder gleichgültig macht. Ich sage: Dort, wo man etwas tun kann, soll man etwas tun – aktive Hilfe oder aktives Engagement ist die einzige Möglichkeit, mit diesem Problem zu Rande zu kommen und die Katastrophenmüdigkeit zu vertreiben.
Klartext: Was raten Sie Medienschaffenden, die in ihrer Berichterstattung gegen die Katastrophenmüdigkeit im Publikum anschreiben möchten?
Saner: Ich gebe keinesfalls den Rat, Informationen zu unterschlagen. Die Aufgabe der Medien ist ja die Information. Sie sollen aber die beim Publikum weit verbreitete depressive Haltung nicht noch fördern.
Klartext: Wie würden Sie insgesamt den durchschnittlichen Nutzwert der von Ihnen konsumierten Medien einschätzen, wenn Sie ihn am Anspruch auf aufklärerische Botschaften messen?
Saner: Ich bin tatsächlich der altmodischen Meinung, dass man Medien am Anspruch der Aufklärung messen sollte. Zur Aufklärung gehört erstens die Information. Da liegt das Problem darin, dass die Information in der Regel vorgefertigt ist und der Journalist kaum durchschauen kann, was daran schon gemogelt ist. Der zweite Aspekt der Aufklärung ist die Meinungsbildung. Und die ist eine Frage des Mutes, öffentlich das zu sagen, was man glaubt sagen zu müssen. Dieser Mut hat bei den Journalisten und Journalistinnen unglaublich abgenommen.
Klartext: Dennoch betonen Verleger und Chefredaktoren gern und oft die Bedeutung der Medien für die öffentliche Meinungsbildung und auch ihre Rolle als Animatoren zur Teilnahme an demokratischen Entscheidungsprozessen. Nichts als ein Mythos?
Saner: Nein, das ist nicht nur ein Mythos. Was bliebe uns, wenn wir die Medien nicht hätten? Umstritten ist allerdings die Qualität der Medienarbeit.
Klartext: Können Sie sich erklären, wie es “Blick” – im Verein mit wahlkampflustigen Parteipolitikern – vergangenen Sommer schaffen konnte, das vergleichsweise wenig bedeutende Thema “kriminelle Asylanten” zum Politikum Nummer eins hochzuschreiben? Und das in einer Zeit, da in diesem Land mindestens 170’000 Menschen arbeitslos sind.
Saner: Unter anderem, weil es so viele Arbeitslose gibt. Das heisst: Man hat ein Problem, die Arbeitslosigkeit, ausgeblendet und abgewälzt auf eine ganz kleine Gruppe. Die Botschaft lautet in etwa: Schaut, das sind die, die euch die Arbeit wegnehmen – und dabei sind sie erst noch kriminell. Es war wohl eine Kampagne der Ausländerfeindlichkeit insgesamt. Dass “Blick” das gemacht hat, halte ich für verzeihlicher, als dass es zuvor einige Politiker und Politikerinnen gemacht haben. Das waren nicht namenlose Hinterbänkler, womöglich aus der rechtsextremen Ecke, sondern es waren Leute aus wohlangesehenen und -eingesessenen Parteien. Und das ist eine grobe Verantwortungslosigkeit: Die haben versucht, aus einer wirklich trüben Suppe einen Vorteil herauszuholen. Dass “Blick” dann aufgesessen ist, halte ich für weniger schlimm.
Klartext: Zur Marketing-Strategie sogenannt moderner Medien gehört es, jede – auch die derbste oder seichteste – Darbietung damit zu rechtfertigen, dass sie vom Publikum eben gewünscht werde. Ist, mit Tucholsky zu fragen, das Publikum wirklich so dumm?
Saner: Nein. Ich denke vielmehr, dass manche Zeitungen auf Menschenverachtung beruhen. Das heisst: Sie stellen ihr Programm zusammen, indem sie das durchschnittliche Niveau des Angebots ausserordentlich tief ansetzen und so indirekt ihre Verachtung für ein Volk zum Ausdruck bringen – in der Meinung, dabei etwas zu gewinnen.
Klartext: Die “Blick”-Verantwortlichen beispielsweise bestreiten energisch, das Volk zu verachten. Und sie berufen sich auf die “tägliche Abstimmung am Kiosk”, also darauf, dass keine andere Zeitung so zahlreich gekauft werde wie “Blick”.
Saner: Das ist eine falsche Rechnung. Denn es gibt einen “Blick” und sehr viele andere Zeitungen. Man kann den “Blick” nicht aufrechnen gegenüber der “Basler Zeitung” oder dem “Tages-Anzeiger”. Sondern man muss ihn aufrechnen gegen die Gesamtheit der sogenannt seriösen Presse, weil er eine Monopolstellung hat. So betrachtet, ist der Erfolg des “Blick” sehr relativiert.
Klartext: Wohl zu keiner Zeit war so viel von Kommunikation die Rede wie heute. Andererseits gehören Vereinzelung und Sprachlosigkeit zu den Hauptmerkmalen der derzeitigen Gesellschaft. Was ist hier falsch?
Saner: Falsch ist, dass Kommunikation in den Medien prinzipiell Einweg-Kommunikation ist. Die Menschen werden von einem “Sender” einseitig mit einer “Botschaft” bedient, sind also passive “Empfänger”, Schweigende. Sie haben keine Möglichkeit, zu antworten. Kommunikation in einem qualitativen Sinn ist aber das Gespräch, also immer wechselseitig.
Klartext: Neuerdings wird ja das “interaktive Fernsehen” angekündigt, das Zweiweg-Kommunikation erlauben soll. Eine Chance oder einfach die unendliche Möglichkeit, sämtliche kommerziellen Tätigkeiten über den Bildschirm abzuwickeln?
Saner: Ob es dank dieser Technologie möglich wird, dass die bisher schweigende Mehrheit sozusagen an der Herausbildung von Information mitbeteiligt wird, wage ich nicht vorauszusagen. Sollte es so herauskommen, dass wir – statt nur einseitig Nachrichten zu empfangen – ebenfalls nur einseitig Nachrichten ausgeben können, zum Beispiel an eine Bank, so würde ich das zwar vielleicht für einen Komfort halten, aber keinesfalls für einen Zugewinn an Kommunikation.
Klartext: Herr Saner, in Ihrem neuesten Buch* schreiben Sie, soeben sei das “Zeitalter der Symbolokratie” angebrochen. Als neue Machtträger machen Sie dabei “professionelle Kommunikatoren” à la Ronald Reagan aus. Professionelle Kommunikatoren sind aber auch die Medien. Wollen Sie damit sagen, wir lebten unter einer Herrschaft der Medien?
Saner: Natürlich üben die Medien Macht aus. Aber ich denke, die Medien sind ihrerseits einer Macht unterworfen, und zwar nicht unbedingt bloss der Macht der Wirtschaft oder der Hochfinanz. Sondern: Über die Medien herrschen bestimmte Symbole, und die Medien, als Symbolvermittler, verleihen diesen Symbolen eine Effizienz.
Klartext: Können Sie ein Beispiel eines solchen medienbeherrschenden Symbols nennen?
Saner: Gegenwärtig ist es etwa das Symbol “Deregulierung”: ein Wort, von dem die meisten Leute nicht genau wissen, was es bedeuten soll, das sich aber immer weiter herumspricht, weil es von den als Symbolvermittler fungierenden Medien unablässig verbreitet wird. Mit der Zeit entwickelt das Symbol ein – irrationales – Potential, mit dem die einen Hoffnung, die andern Angst verbinden: Das Symbol gewinnt Macht und verursacht diverse konkrete Aktivitäten, die
möglicherweise widersprüchlich sind, die aber beweisen sollen, dass das zum Machtträger avancierte Symbol auch wirklich ernst genommen wird.
Klartext: Welche konkrete Rolle spielen denn die Medien in der von Ihnen skizzierten Symbolokratie?
Saner: Sie schaffen hie und da selber Symbole: Wenn beispielsweise der “Blick” Prominenz etablieren will, indem er den Lesern und Leserinnen lange genug einredet, diese oder jene Personen seien prominent, und wenn es ihm schliesslich gelingt, die Leute das glauben zu machen, dann hat der “Blick” personale Symbole geschaffen. Meist aber fungieren die Medien bloss als Symbolvermittler.
Klartext: Würden Sie Bundesrat Kaspar Villiger, der sich für die “Schweizer Illustrierte” auf den Rücksitz eines vom Journalisten gesteuerten Motorrads setzt und mit erhobenem Daumen in die Kamera grinst, als Symbolfigur bezeichnen, die der Symbolvermittler – in diesem Fall die Zeitschrift – effizient in die Massen trägt?
Saner: Ob Villiger selber zu einem Symbol geworden ist, weiss ich nicht. Aber er ist ein gutes Studienobjekt, weil man an ihm sehen kann, wie jemand, der ziemlich unten war, plötzlich ziemlich oben ist. Und ich denke, das haben professionelle Medienleute zustandegebracht. Es ist ihnen geglückt, ich weiss nicht wie, den Namen Villiger mit neuen Inhalten zu verbinden – ein netter Mensch wie du und ich – und diese Botschaft zu verbreiten. Ich würde darin einen Machtfaktor eines geschickten PR-Mannes sehen. Das heisst aber alles noch nicht, dass Villiger ein Symbol geworden ist. Dazu bräuchte es wohl mehr.
Klartext: Zur Symbolvermittlung kommt in den Medien die Inszenierung von Wirklichkeit. Das Fernsehen, aber auch mehr und mehr Printmedien neigen dazu, sowohl Sachverhalte zu inszenieren als auch Prominenz in Situationen vorzuführen, in die sie sich einzig wegen der vorteilhaften Verbreitung via Medien begibt. Gehört Inszenierung notwendigerweise zur Symbolvermittlung?
Saner: Vielleicht – weil es bei der Symbolvermittlung ja um die Effizienz geht. Wenn Medien Wirklichkeit inszenieren, bedeutet das allerdings, dass sie mit Wahrheit so umgehen, dass im Endeffekt eine Unwahrheit in Kauf genommen wird. Man kann mit der Wahrheit lügen: indem man Wahrheit so inszeniert oder anordnet, dass der Gesamteindruck, der dadurch entsteht, eine Botschaft verbreitet, die nicht der Wirklichkeit entspricht.
Klartext: Wie verhält sich denn Ihrer Meinung nach das Medien-Publikum angesichts solcher – inszenierter – Symbolvermittlung?
Saner: Ein grosser Teil des Medienangebots wird heute nicht intentional konsumiert. Die Vorstellung, dass die meisten Leute vor dem Fernseher sitzen und gespannt auf den Bildschirm gucken, ist also falsch. Es ist vielmehr so, dass sehr viele Leute diverse Dinge erledigen, während der Kasten läuft. Sie öffnen damit ihre Aufnahmeorgane gewissermassen kritiklos, so dass die vermittelten Botschaften zensurlos in ihnen versinken …
Klartext: … was man gemeinhin Berieselung durch sogenannte Begleitprogramme nennt …
Saner: … und dieses nicht intentionale Aufnehmen von Botschaften halte ich für viel gefährlicher, als wenn man sich auf das Dargebotene konzentriert – denn so geht einem hie und da auf, welchen Blödsinn man soeben konsumiert hat.
Klartext: Die Medien haben aber doch ein Interesse, dass zumindest ein Teil ihrer Botschaften intentional aufgenommen wird …
Saner: … also putschen sie ihre Darbietungen immer mehr auf und inszenieren munter drauflos – in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit der Konsumierenden zu wecken. Dabei liegt für die herrschenden Symbole und die Symbolvermittler die grosse Chance gerade darin, dass das Publikum weghört und wegschaut, mithin die absichtsvoll verbreiteten Botschaften kritik- und arglos aufnimmt.
Klartext: Sie schreiben, die Entstehung der Symbolokratie falle zeitlich zusammen mit dem Zusammenbruch des sogenannt real existierenden Sozialismus. Ein Zufall?
Saner: Nein. Denn die zusammengebrochenen Regime waren ja die letzten starken Strukturokratien, die es vielleicht mit sich gebracht haben, dass der sogenannte Liberalismus als Gegengewicht auch eine Form der Strukturokratie war. Und da nun dieser Antagonismus weggefallen ist, kann man plötzlich sagen: Jetzt reden wir nur noch über Sachprobleme. Man ist sich aber kaum bewusst, dass man meist nur über die Symbole dieser Sachprobleme spricht – und dass diese Symbole zu eigentlichen Machtträgern werden.
Klartext: Es fällt seit der Wende in Ost- und Mitteleuropa auch auf, dass – quasi als Nebenprodukt – in westeuropäischen Medien kritisches und perspektivisches Denken zunehmend diffamiert oder lächerlich gemacht wird. Heisst das, dass jetzt Machen und Vertrauen statt Fragen und Wissen angesagt sind?
Saner: Ja. Ich denke, man hat sich einerseits auf das Pragmatische zurückgezogen – wozu wir in der Schweiz ohnehin immer ausgesprochen neigten -, und man konzentriert sich andererseits auf das Individuelle. Die Frage, die sich junge Menschen heute stellen, lautet wohl: Wie werde ich glücklich? Wir haben eher gefragt: Was ist gerecht?
Klartext: Also eine Absage an gesellschaftliche und politische Utopien und statt dessen die auch von vielen Medien propagierte Vorstellung vom privaten Glück?
Saner: Das utopische Denken wünschte sich etwas ganz anderes als das, was hier und jetzt ist. Heute dagegen scheinen wieder Begriffe wie Heimat oder Geborgenheit in der eigenen Ethnie zu zählen. Man spricht davon, die Grenzen lieber zu schliessen als zu öffnen. Der Trend zur Abkapselung in kleinen Räumen des Glücks ist wieder da. Das widerspricht natürlich dem Gedanken, dass das, was man soziales Glück nennen könnte – und man hat dabei an Gerechtigkeit gedacht -, letztlich doch weltweit sein müsste.
Klartext: Also werden, folgerichtig, derlei utopische Gedanken auch kaum mehr medial gespiegelt.
Saner: Selbstverständlich nicht. Wo gibt es in der Schweiz heute einen wirklich sozialkritischen Denker oder eine sozialkritische Denkerin, die zugelassen wären in der Presse? Bis vor wenigen Jahren hat es für solche Leute in diversen Blättern zumindest die Institution der Kolumne gegeben – eine Narrenecke. Inzwischen wurde auch das abgeschafft. Dafür ist jetzt ein Unisono-Trend zum Pragmatismus zu beobachten, verbunden mit einem ganz merklich starken Rechtsrutsch. Und plötzlich sind auch die Journalisten da, die diesen Trend portieren und kolportieren.
Klartext: Herr Saner, tragen die Medien Schuld an der zunehmenden Tendenz zum funktionalen Analphabetismus? Immerhin ergeben die regelmässig durchgeführten “Rekrutenprüfungen”, dass nicht einmal mehr jeder fünfte junge Schweizer in der Lage ist, den Inhalt eines leicht abstrakten Zeitungsartikels zu erfassen.
Saner: Ich glaube, dass nicht die Presse die zunehmende Unfähigkeit zu lesen verursacht hat. Sie liegt eher am Fernsehen. Denn das Fernsehen hat einen ganz andern Typus der Nachrichtenübermittlung etabliert, bei dem das Lesen schlicht nicht mehr nötig ist. Dadurch verstärkt sich der funktionale Analphabetismus, und zwar, wie wir sehen, überall – das ist kein helvetisches Problem.
Klartext: Der Medienkritiker Vilém Flusser schrieb, das “Zeitalter des Ohrs” – das Abstraktionsvermögen erfordert – sei im Begriff, vom “Zeitalter des Auges” abgelöst zu werden. Damit werde allmählich die Fähigkeit zu einem Geschichtsbewusstsein und zum Reflektieren überhaupt verlorengehen. Teilen Sie diese Auffassung?
Saner: Nein. Ich halte Flusser nicht für so klug, wie er von vielen Presseleuten gehalten wird. Vom Ohr zum Auge: Das ist doch nicht der Trend. Der Trend geht vielmehr hin zur Kombination von Ohr und Auge, also hin zum audiovisuellen Zeitalter. Just durch diese Kombination werden die Bilder, die sich räumlich an das Auge gerichtet haben, fliessend: indem sie sich zeitlich nach dem Ohr richten.
Klartext: Können Sie das erläutern?
Saner: Die Zeit mit ihrem fliessenden Charakter herrscht über allem und gibt auch die Bilder, die früher noch am Auge haften blieben, durch die Geschwindigkeit des Verfliessens dem Vergessen preis. Damit wird das kontemplative, betrachtende Element, das immer durch das Auge gekommen ist, weggerafft. Anders gesagt: Im audiovisuellen Zeitalter wird das Auge der Herrschaft des Ohrs, und ich meine damit: der Zeit und der Geschwindigkeit, unterworfen. Die Folge: Es bleibt nichts haften, man wird zu einem Vergessenden.
Klartext: Und beim Lesen?
Saner: Lesen hat etwas damit zu tun, dass man nicht vergisst. Zum Lesen braucht man ein kontemplatives Gedächtnis. Um einen etwas komplexeren Text oder eine längere Geschichte lesen zu können, darf man ja den Anfang nicht vergessen haben, wenn man endlich an den Schluss kommt. Lesen ist zudem nicht nur weniger passiv als audiovisueller Konsum. Lesen ist auch ein kreativer Akt: indem man selber Vorstellungen zum Gelesenen entwickeln muss – diese Fähigkeit geht beim Audiovisuellen allmählich verloren.
Klartext: Werden wir denn bald ein Volk von Analphabeten sein, die bestenfalls den Sinn eines Piktogramms begreifen, das auf eine öffentliche Toilette hinweist?
Saner: Nun, einen gewissen Ausgleich zum Verlust der Fähigkeit, zu lesen und Vorstellungen zum Gelesenen zu entwickeln, kann meiner Meinung nach einzig das persönliche Gespräch bieten, das letzten Endes nach einem ähnlichen Muster abläuft wie das Lesen. Wenn aber beides abhanden kommt, sowohl das Lesen als auch das Gespräch, dann wird es heikel. Dann bleibt nur noch das fliessende Bild, das immer bloss das bereits Vorgestellte präsentiert. Und dann geht wohl eine ganz zentrale Funktion der Kultur verloren.
Klartext: Haben Sie Hoffnung, dass es nicht soweit kommt?
Saner: Für mich hängt das erstens von der Gesprächskultur ab, also von der eigentlichen zwischenmenschlichen Kommunikation. Zweitens aber hängt es vom stillen Prozess des Lesens und von der Bereitschaft zum Kontemplativen ab. Wenn all das verloren geht, werden die Menschen die Scheinwelt des audiovisuellen Verfliessens für die wirkliche Welt halten. Das Ende einer solchen Entwicklung ist der anthropologische Schwachsinn.

* Hans Saner, “Macht und Ohnmacht der Symbole”. Lenos Verlag, Basel 1993, 283 Seiten, Fr. 38.-.

Das Gespräch führte Max Jäggi.

Der Gesprächspartner

Dr. phil. Hans Saner, Jahrgang 1934, lebt als freischaffender Publizist in Basel. Er studierte Philosophie, Psychologie und Germanistik an den Universitäten Lausanne und Basel. In Basel war Saner von 1962 bis 1969 persönlicher Assistent von Karl Jaspers, dessen Nachlass er herausgegeben hat. Er publiziert regelmässig sowohl philosophische Fachbücher als auch kritische Texte zur politischen und gesellschaftlichen Situation in der Schweiz und beschäftigt sich immer wieder mit der Rolle der Massenmedien.

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Ausgabe: 5 | 2018

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