9. Juli 2007 von Klartext

“Sind Verleger Idioten oder Ausbeuter?”

KLARTEXT-Redaktoren Max Jäggi und Marco Caluori über das Schweizer Medien-Magazin

KARL LÜÖND: Wird der KLARTEXT eigentlich ernst genommen?
MAX JÄGGI: Wir befürchten ja. Wir hören immer wieder, dass unsere Veröffentlichungen in den Verlagshäusern wie auch bei Radio und Fernsehen Nervosität auslösen. Wir meinen, dass dies etwas damit zu tun hat, dass wir ernst genommen werden.
LÜÖND: Schliessen sich denn die Leute in ihre Büros ein, wenn KLARTEXT erschienen ist?
JÄGGI: Jedenfalls werden unsere Veröffentlichungen zu Traktanden von Geschäftsleitungssitzungen erhoben.
LÜÖND: Wieviele Prozesse hat KLARTEXT eigentlich schon gehabt?
JÄGGI: Einen.
LÜÖND: Gewonnen oder verloren?
JÄGGI: Wir haben in einem Vergleich den kürzeren gezogen. Gegenpartei war Walter Brülisauer, damals Chefredaktor der “Solothurner Zeitung”. KLARTEXT hatte ihn – vor meiner Zeit als Redaktor – als “Chaoten” bezeichnet. Das war zu Beginn der achtziger Jahre, und damals war dieser Begriff halt sehr speziell besetzt.
MARCO CALUORI: Immer wieder höre ich: “Wir haben den KLARTEXT zwar abonniert, aber ich kriege ihn nie – irgendwo zwischen Posteingang und meinem Pult wird er behändigt.” Auch das ist ein Zeichen dafür, dass wir ernst genommen werden.
LÜÖND: Was hat KLARTEXT in den zehn Jahren seines Bestehens am Schweizer Medienwesen verändert?
JÄGGI: Ich glaube, das ist unser grösster Flop: Er hat nichts bewirkt.
CALUORI: Einverstanden.
LÜÖND: Das muss doch ziemlich frustrierend sein. Machen Sie am Ende etwas falsch?
JÄGGI: Vielleicht liegt es an dem, was uns oft vorgeworfen wird: wir seien stur. Aber der wahre Grund dafür, dass sich nichts ändert, ist natürlich ein anderer: dass es nicht in der Macht von KLARTEXT steht, Veränderungen herbeizuführen. Die Macht könnte höchstens darin bestehen, zu überzeugen …
LÜÖND: … Bewusstsein zu verändern. Ist das auch nicht passiert?
JÄGGI: Es mag vielleicht vereinzelt passiert sein, aber generell kaum.
LÜÖND: Kann das daran liegen, dass die Inhalte, für die KLARTEXT steht, vielleicht doch zuwenig überzeugend sind?
JÄGGI: Für jene, die Änderungen vollziehen sollten, für Verlagsdirektoren und Chefredaktoren, sind sie sicher zuwenig überzeugend.
CALUORI: Es gehört zur Rolle der Kassandra, dass man nicht auf sie hört. Ausserdem, meine ich, sind wir nicht dafür da, den Verlagsleuten und Journalisten konkrete Tips zu geben.
LÜÖND: Hat schon Schopenhauer gesagt: Der Wegweiser geht auch nicht den Weg, den er weist. Aber es gibt noch eine andere These. Wer KLARTEXT liest, hat immer wieder den Eindruck, in den Verlagen sei der Sachverstand sehr einseitig verteilt: Hier die Journalisten, die alles und meist alles besser wissen – dort die Verlagsmanager, die entweder doof sind oder verantwortungslos oder beides.
CALUORI: Sie sind weder doof noch verantwortungslos, sie sind nur weiter von dem Produkt entfernt, das sie verkaufen. Ich stelle immer wieder fest: Die Journalisten kennen ihr Produkt viel besser, sie wissen teilweise auch besser, wie man es verkaufen müsste.
LÜÖND: Entschuldigung, aber wenn ich den KLARTEXT lese – und das tue ich durchaus genussvoll – , habe ich den Eindruck: Jeder, der eine leitende Position einnimmt, ist für Sie bis zum Beweis des Gegenteils verdächtig, er sei entweder ein Idiot oder ein Ausbeuter oder beides. Wollen Sie diesen Eindruck erwecken?
JÄGGI: Verdächtig – diesen Begriff wür-de ich unterschreiben. Ich glaube – und das ist ja nicht eine Erfindung von KLARTEXT – , dass Macht korrumpiert. So ein Aufstieg, der – etwa bei Chefredaktoren – ja auch Scharnierfunktionen zwischen journalistischer und verlegerischer Arbeit mit sich bringt, bedeutet auch, verlegerische Intentionen vertreten zu müssen, auch wenn sie journalistischen Intentionen widersprechen. In der Tat besteht die Gefahr, dass diese Leute dann im Zweifel die journalistischen Positionen hintanstellen. Dies beobachten wir bei den Kollegen Chefredaktoren – Kolleginnen fallen da ja weniger in Betracht – immer wieder, und deshalb ist der Verdacht gerechtfertigt.
LÜÖND: Sind Sie denn tatsächlich der Meinung, dass man Journalismus losgelöst vom wirtschaftlichen Umfeld – in diesem Fall meist von der Privatwirtschaft – betreiben, dass man diesen Zwängen also aus dem Weg gehen kann?
CALUORI: Überhaupt nicht, wir haben ja schliesslich auch einen Verlag und müssen uns ebenfalls mit diesen Problemen herumschlagen. Natürlich brauchen wir die Unterstützung der Marketing-Seite, aber das Sagen sollten immer noch die haben, die das Produkt herstellen. Dass die Zwänge zur Arbeitsteilung um so grösser werden, je grösser der Betrieb ist, das ist klar. Aber Kompetenz und Entscheidung gehören auf die Seite der Produzenten.
LÜÖND: Also müssten eigentlich die Journalisten die Geschäfte in den Verlagen führen?
CALUORI: Ja. Oder sie müssten zumindest ein Einspracherecht haben.
LÜÖND: Und wenn sie dafür nicht qualifiziert sind?
CALUORI: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in einer Redaktion keine Leute gibt, die auch für die Aufgaben der Unternehmensführung qualifiziert wären.
LÜÖND: Etwas anderes: Kennen Sie eigentlich den Unterschied zwischen Umsatz, Cash-flow und Gewinn?
JÄGGI: Ich denke schon.
LÜÖND: Ich frage nur, weil Sie in der letzten Ausgabe geschrieben haben, “Ringier” habe “mehr als 20 Millionen auf dem Inseratenmarkt verloren”. Was soll der lesende Mensch mit dieser Information anfangen?
CALUORI: “Ringier” hatte 20 Millionen Einbusse an Umsatz im Anzeigengeschäft seiner Zeitschriften, die nur teilweise kompensiert werden konnten.
LÜÖND: Jetzt einmal konkret: Was würden Sie denn machen, um die aktuellen Probleme bei “Ringier” zu lösen? Ihre Geschichte hört sich ja an, als ob dieser Verlag am Rande des Abgrundes stünde.
JÄGGI: Diesen Eindruck haben wir auch. Aber warum sollte es die Aufgabe von KLARTEXT sein, eine Lösung zu finden für die Probleme des grössten deutschschweizerischen Medienkonzerns? Das Problem liegt doch darin, dass dieser Verlag es nicht fertigbringt, seinen Produkten ein einigermassen konsistentes Profil zu geben. So kommt es, dass Leser und Anzeigenkunden verunsichert sind. Die Unzuverlässigkeit, die Unberechenbarkeit, ist doch wohl “Ringiers” grösstes Problem.
LÜÖND: KLARTEXT ist ja auch ein Verlagsunternehmen. Geht es ihm gut?
JÄGGI: Eigentlich erstaunlich gut, bedenkt man, dass dieses Verlagsunternehmen nicht professionell geführt ist.
LÜÖND: Kann man da Genaueres wissen? Auflage, Umsatz?
JÄGGI: Bescheiden, wie alles bei KLARTEXT: gut 3000 verkaufte Auflage, praktisch nur Abonnements. Die Erträge aus den Anzeigen sind im Verhältnis etwa umgekehrt wie diejenigen bei anderen Verlagsobjekten.
CALUORI: Wir haben etwa 1300 Abos zu 30 Franken, das sind die Vorzugs-Abos für die Mitglieder der SJU, der “Schweizerischen Journalistinnen- und Journalisten-Union”. Dazu kommen rund 500 Geschäfts-Abos zu 130 Franken. Der Rest sind um die 1200 Privat-Abos zu 65 Franken. Totaler Abo-Erlös gut 180’000. Dazu 50’000 Franken Anzeigenerlöse. Die Kosten liegen etwas tiefer – KLARTEXT macht also Profit, aber noch nicht sehr lang und nicht so üppig.
LÜÖND: Nehmen wir an, dem KLARTEXT würde es plötzlich schlecht gehen: Die Auflage sinkt, die Anzeigenerlöse gehen zurück. Ein Turn-around ist unvermeidlich. Was würden Sie machen?
CALUORI: Was wir heute schon – ohne Turn-around – machen: professionalisieren. Wir haben die Redaktion professionalisiert. Dieses Jahr haben wir die Verwaltung verbessert. Das nächste, was kommen muss, ist die Professionalisierung der Verlagsseite. Davon verspreche ich mir noch ein erhebliches Abo- und Anzeigenwachstum …
JÄGGI: … und ein Wachstum durch die Ausweitung der Thematik auf zusätzliche Medienbereiche!
LÜÖND: Würden Sie also nicht versuchen, Kosten einzusparen?
CALUORI: Möglicherweise schon …
JÄGGI: … allerdings wirtschaften wir ohnehin schon sehr sparsam. Man muss die Entstehungsgeschichte von KLARTEXT kennen: Anfänglich hat ausser den Layoutern niemand ein Honorar erhalten.
LÜÖND: Und heute? Beruht KLARTEXT nicht immer noch auf dem System der Selbstausbeutung?
JÄGGI: Nein. Wir geben aber zu: Wir sind zwar grosse Kämpfer für feste Tagesansätze und gegen Zeilengeld, doch die Honorar-Mindestansätze über-schreiten wir bloss punkto Zeilengeld …
LÜÖND: … höre ich richtig: Zeilengeld? Ja, gibt es das denn noch?
JÄGGI: Ich bin, wie gesagt, auch gegen Zeilengeld. Und wir werden früher oder später bestimmt in der Lage sein, faire Tagesansätze zu zahlen. Ande-rerseits weiss ich, dass unsere vorerst bescheidenen Honorare es durchaus mit denen grösserer Tageszeitungen aufnehmen können – obschon der tatsächliche Zeitaufwand damit bei weitem nicht abgegolten ist.
CALUORI: Nehmen wir meine “Ringier”-Geschichte in der letzten Ausgabe. Die hat mich 14 Arbeitstage gekostet.
LÜÖND: Das müsste gemäss den Forderungen der SJU ein Honorar von rund 5000 Franken ergeben.
CALUORI: Ich erhalte 1050 Franken.
LÜÖND: So ist es natürlich leicht, alternative Zeitungen herauszugeben. In dem Augenblick, da Sie die Arbeitskraft zu den gleichen Minimalansätzen einkaufen müssten, die Sie von anderen, das heisst von kapitalistischen Verlegern fordern, wären Sie pleite.
CALUORI: Dann gäbe es in der Tat keinen KLARTEXT mehr, ganz klar!
LÜÖND: Leben Sie da nicht in einem grossen Risiko: dass nämlich den Mitarbeitern eines Tages der idealistische Antrieb ausgeht und Sie dann ohne kompetente Mitarbeiter dastehen?
JÄGGI: Dieses Risiko besteht in der Tat. Aber es ist selbstverständlich unser Ziel, die gleichen Honorare zu zahlen, die wir von anderen fordern. Andererseits ist die Tatsache, dass die Leute zur Mitarbeit an KLARTEXT bereit sind, auch eine Bestätigung dafür, dass es noch andere als materielle Motivationen gibt.
CALUORI: KLARTEXT hatte finanziell nie eine langfristige Strategie, sondern stets die eiserne Regel: Wir können nur so viel ausgeben, wie wir einnehmen. So haben wir uns langsam konsolidieren können.
LÜÖND: Damit ist die Motivation für die Mitarbeit am KLARTEXT angesprochen. Ich behaupte: Häufig ist es Häme, Schadenfreude, auch die Absicht, jemandem “eine ine-z’gingge”. Oder liege ich da falsch?
JÄGGI: Es wäre vermessen und lächerlich, diesen Aspekt generell zu bestreiten; das merkt man ja bei der Lektüre. Aber solche Elemente – zumal sie in neun von zehn Fällen berechtigt sind – gestalten die Lektüre ja auch anregender und unterhaltsamer, als wenn das alles im Stil der NZZ dargestellt wäre.
LÜÖND: Nur geht es eben auf Kosten der Wahrhaftigkeit!
CALUORI: Das bestreite ich energisch. KLARTEXT recherchiert äusserst sorgfältig. Und abgesehen davon: Die besten Geschichten im KLARTEXT waren immer die emotionslosen; die haben dann freilich bei den Leserinnen und Lesern die meisten Emotionen geweckt.
LÜÖND: Ich habe persönlich keinen besonderen Anlass, mich zu beschweren. Aber als Leser habe ich manchmal den Eindruck, Ihre Geschichten seien mit Galle geschrieben.
JÄGGI: Wer von einer Geschichte betroffen ist, neigt natürlich dazu, selektiv wahrzunehmen. Kritische Äusserungen werden sehr isoliert betrachtet. Das generell kritische Setting unserer Geschichten verleitet zu der Auffassung, wie sie in dieser Frage zum Ausdruck kommt – selbst wenn der gedruckte Text viel differenzierter ist. Die “Ringier”-Geschichte in der letzten Ausgabe ist ein sehr gutes Beispiel für diesen Mechanismus der Wahrnehmung.
LÜÖND: Hat schon jemals ein KLARTEXT-Autor wegen seiner Beiträge Repressalien erlitten?
JÄGGI: Repressalien ist ein zu starkes Wort. Mir sind keine solchen Fälle bekannt. Ich bin überhaupt dagegen, dass man hierzulande ständig “Zensur” und “Repression” schreit – allein schon deshalb, weil es Länder gibt, in denen es Zensur und Repression wirklich gibt.
LÜÖND: Warum setzen Ihre Autoren dann nicht wenigstens ihren Namen unter ihre Beiträge?
JÄGGI: In jedem Heft gibt es sowohl namentlich gezeichnete Beiträge als auch Geschichten ohne Autorenzeile.
LÜÖND: Warum denn nicht mit dem Namen zu seinem Beitrag stehen? Wir sind doch in einer Branche, die sich eher exponiert als Schoggihersteller oder Getreidehändler. Von allen verlangen Sie Offenheit und Transparenz. Aber in diesem Punkt verweigern Sie sie hartnäckig. Warum?
JÄGGI: Der eine Grund ist trotz allem der Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Entscheidend ist eben nicht, ob tatsächlich objektiv Repression erfolgen würde; entscheidend ist, was subjektiv und stimmungsmässig erlebt wird. Ich selber habe – auch als freier Mitarbeiter – nie solche Probleme gehabt. Der andere Grund: Sehr oft sind wir darauf angewiesen, Informationen aus ganz verschiede-nen Quellen zusammenzufügen, und da wäre die Zuschreibung der einzelnen Teilbeiträge schwierig und verwirrend, wenn wir eine Byline geben würden. Wir haben natürlich durchaus den Anspruch, Texte zu einem Thema, die von einer bestimmten Seite kommen, auch noch zu verändern.
LÜÖND: Höre ich richtig: Informationen inhaltlich verändern?
JÄGGI: Sie hören falsch. Ich meine, dass Teilinformationen ergänzungsbedürftig sind. Konkretes Beispiel: die Geschichte in der letzten Ausgabe über die Ausbaupläne der AZ-Presse. Ich erhalte einen Text, in dem diese Pläne geschildert werden und in dem der Verlagsleiter Ott aus Schaffhausen für seine Ideen und sein Engagement gelobt wird. Aber in dem Manuskript steht kein Wort davon, dass der gleiche Verlagsleiter im Umgang mit der Redaktion der “Winterthurer AZ” so unglücklich agierte, dass drei von vier Leuten das Blatt verlassen haben. Wenn ich das zuverlässig weiss, ist es doch mein Recht, den Text entsprechend zu ergänzen und der Geschichte damit einen teilweise neuen Trend zu geben. Am Schluss stünde über einer mittleren KLARTEXT-Geschichte eine endlose Autorenzeile, und die Leserinnen und Leser wüssten dennoch nicht, welche Teilinformationen von welchem Autor stammen.
LÜÖND: Finde ich eine schwache Begründung. Mit welchem Recht verlangen Sie von anderen Offenheit bis auf die Unterwäsche? Sie haben schon interne Vorgänge namhaft gemacht, auch solche, die die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen berührt haben – und Sie, ausgerechnet Sie bringen derart spiessige Argumente, wenn es um Sie selber geht.
CALUORI: Ob Sie’s spiessig finden oder nicht: Wir haben so und so viele Auto-rinnen und Autoren, auf die wir angewiesen sind. Zeichneten wir die Beiträge, so würden viele dieser Leute schlicht nicht mehr für uns arbeiten.
LÜÖND: Mit anderen Worten: Sie können es sich nicht leisten, Ihre Beiträge verbindlicher zu machen, indem Sie die Verantwortlichkeiten genau bezeichnen.
JÄGGI: Die Verantwortung ist klar bezeichnet. Lesen Sie das Impressum.
LÜÖND: Wie ungewöhnlich! Jeder Chefredaktor der Welt ist verantwortlich für das, was in seinem Blatt steht. Diese Verantwortung ist im Fall von KLARTEXT aber dann besonders wichtig, wenn es um Personen geht. Ich lese bei Ihnen eigentlich immer personalisierte Geschichten. Warum spitzt sich bei Ihnen alles auf Personen zu?
CALUORI: Natürlich sind immer Personen im Spiel, aber wir hatten in den letzten Jahren immer mehr Geschichten, in denen wir anhand von Personen strukturelle Probleme aufzeigten. Persönlich habe ich in manchen Fällen durchaus Verständnis für Massnahmen, die aus betriebswirtschaftlichen Gründen getroffen werden. Nur: Wir sind nicht die “Bilanz” oder “Politik und Wirtschaft” – wir sehen neben der betriebsökonomischen auch noch die inhaltliche Seite und die Seite der betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
LÜÖND: Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber ich meine etwas anderes: Ein Vorgesetzter trifft eine personelle Massnahme. Das ist meist für alle Betroffenen sehr unangenehm und heikel. KLARTEXT erfährt etwas und ruft an. Meist ist der Vorgesetzte weder berechtigt noch gewillt, über die wirklichen Beweggründe Auskunft zu geben, unter anderem, weil dem die Persönlichkeitsrechte des oder der Betroffenen entgegenstehen. Mit anderen Worten: Ihre Informanten sind entweder direkt betroffen oder schlecht beziehungsweise unvollständig informiert.
CALUORI: Oder der Vorgesetzte sagt uns eben “off the records”, was wirklich los ist.
LÜÖND: Und er kann Ihnen vertrauen?
CALUORI: Hundertprozentig. Dann wird er nicht zitiert.
LÜÖND: Jemand, der für die Informa-tion in einem grossen Verlagshaus verantwortlich ist, hat mir gesagt: Mit dem KLARTEXT kann man keine normale Arbeitsbeziehung aufbauen; seine Informanten sind immer Frustrierte oder Kanalratten.
JÄGGI: Welch’ verzweifelte Argumentation! Es ist ja nicht so, dass wir allein aufgrund solcher Informationen eine Geschichte veröffentlichen würden. Wir wollen immer von kompetenter Seite wissen, wie die Dinge wirklich liegen. Nur frage ich mich manchmal: Wer ist wirklich kompetent? Vor allem dann, wenn alle die Unwissenden spielen. Die Tatsache, dass allein schon ein Anruf von KLARTEXT in einer Chefetage manchmal sehr viel Nervosität auslöst, zeigt doch, dass die Informationen unmöglich nur von “Kanalratten” stammen können.
LÜÖND: Welche Fehler treffen Sie bei Schweizer Verlegern am häufigsten an?
JÄGGI: Zum Beispiel, dass sie bei der Entwicklung neuer Produkte verkehrt vorgehen. Dass sie nicht von Ideen und inhaltlichen Konzepten ausgehen und dann den Markt definieren, sondern dass sie zuerst nach Marktlücken suchen und dann Journalisten anstellen, die etwas drumherum erfinden sollen. Sorry, dass es nochmals “Ringier” trifft – aber dort kommt das immer wieder vor.
LÜÖND: Zum Beispiel bei “Cash”?
CALUORI: “Cash” ist eine eher untypische “Ringier”-Lancierung.
JÄGGI: “Basler Blick” und “Blick für die Frau” sind die typischeren Beispiele.
CALUORI: Es gibt andererseits ein Haus, das sich bemüht, nicht nach diesem Prinzip zu arbeiten. Zu dumm, dass gerade Sie dasitzen, Herr Lüönd, aber ich meine das Haus Curti.
LÜÖND: Zum Glück gibt’s das Tonband, sonst hätte ich Hemmungen, dies niederzuschreiben. Andere Frage: Welche Fehler trefft Ihr bei Chefredaktoren am häufigsten an?
JÄGGI: Dass sie ihre journalistische Ader zu verlieren drohen und zu häufig verlegerische Argumentationen übernehmen. Selbstverständlich: Ohne das Kaufmännische geht nichts. Aber meiner vielleicht altmodischen Meinung nach hat der Chefredaktor ganz klar seinen Platz an der Seite der Redaktion. Er müsste also in einem natürlichen Antagonismus zur kommerziellen Seite stehen.
LÜÖND: Der Chefredaktor als natürlicher Feind des Verlegers?
JÄGGI: “Feind” ist zu hart. Sagen wir: Gegenspieler. Wenn beide Seiten ihre Rolle konsequent spielen, wirkt sich dies auch kaufmännisch günstig aus.
CALUORI: Medien funktionieren eben nicht nach den gleichen Prinzipien wie Spinnereimaschinen oder Markenartikel.
LÜÖND: Genauer: Sie funktionieren auf mehreren Ebenen. Medien müssen Marketing für Leser und für Inserenten betrei-ben, und die Ziele dieser beiden Strategien sind in der Regel widersprüchlich. Also das liebe, alte Katzenfutter-Prinzip: Der, der es fressen soll, ist nicht identisch mit dem, der es bezahlt. Das weiss doch jeder, der sich mit diesem Gewerbe einlässt.
JÄGGI: Schon! Aber ich verstehe nicht, weshalb wegen der Zufälligkeit, dass Werbebotschaften auf der gleichen Schiene transportiert werden wie redaktionelle Inhalte, ein so neurotisches Verhältnis entstehen muss; warum diese beiden Seiten nicht mit mehr Gelassenheit nebeneinander existieren können. Zum Glück gibt es immer mehr aufgeklärte Werber, die diese Doppelstrategie begreifen und akzeptieren.
LÜÖND: Wenn wir schon bei den Fehlern sind: Welche Fehler macht eigentlich KLARTEXT am häufigsten? Oder gibt es die Dimension von Selbstkritik bei Ihnen nicht?
JÄGGI: Warum soll es die nicht geben?
CALUORI: Ein Fehler, über den wir uns selbst am meisten ärgern, wenn er passiert: Wir haben die Fakten korrekt recherchiert, aber wir interpretieren sie falsch.
JÄGGI: Im Zusammenhang mit dem Pay-TV “Teleclub” haben wir zum Beispiel frühzeitig über Verhandlungen zwischen “Ringier” und dem deutschen Filmhändler Leo Kirch berichtet, aber aus diesem richtigen Wissen die verstiegene These lanciert, dass sich auf dem Umweg über “Teleclub” ein zweites Schweizer Fernsehen etablieren könnte.
CALUORI: Oder meine seinerzeitige Aussage, “Cash” würde ein Wirtschafts-“Blick” werden: Die würde ich heute so nicht wiederholen.
LÜÖND: Manche wichtigen Bereiche der Medienwelt blendet KLARTEXT weitgehend aus, zum Beispiel die Werbung, die PR-Industrie oder die Vereinnahmung des Informationswesens durch firmen- und behördeninterne Informationsbe-amte. Im letzten KLARTEXT hätte doch die grosse Hirzel/”Trimedia”-Geschichte stehen müssen. Es stand keine Zeile zu diesem Top-Thema drin. Fehlen Euch dort die Kanalratten?
CALUORI: Sie haben recht. Das ist ein klarer Mangel bei KLARTEXT. Uns fehlen für solche Themen aber keineswegs die Informanten, sondern die sachverständigen Journalisten. Es ist ein ganz wichtiges Ziel von KLARTEXT für die nächsten zehn Jahre, gerade in von Ihnen angesprochenen Bereichen besser und kompetenter zu werden und auch mehr Leserinnen und Leser zu gewinnen.
LÜÖND: Eine gigantische Fehleinschätzung von KLARTEXT war die aggressive Ablehnung der Privatradios, denen Sie überhaupt keine Chance gaben. Die Entwicklung hat Sie – von “Radio Matterhorn” bis “Radio Z” und “Radio 24” – dementiert.
JÄGGI: Die unsägliche inhaltliche Konzeptlosigkeit der allermeisten Lokalradios hat meine Einschätzung keineswegs dementiert, sondern durchaus bestätigt: ein absoluter Null-Inhalt, verbunden mit dem – meinetwegen legitimen – Traum von Profit. Von einigen Ausnahmen wie “Radio 24” abgesehen, haben doch die mehr als 30 Lokalradios journalistisch nichts gebracht.
LÜÖND: So etwas kann ein Branchen-Magazin doch nicht im Ernst behaupten. Die Ergebnisse der SRG-Hörerforschung jedenfalls sprechen eine andere Sprache, nicht nur in der Region Zürich, auch zum Beispiel in Schaffhausen.
JÄGGI: Sie mögen es als arrogant bezeichnen, aber ich halte die Lokalradios dennoch für überflüssig. Dass sie den SRG-Sendern Hörer wegnehmen, kennzeichnet ein Problem der SRG, nicht die Qualitäten der Lokalradios. Sie beeinflussen die SRG genau auf dem Nerv, auf dem sich die SRG, die sich von der Anstalt zum Unternehmen mausern will, nicht beeinflussen lassen dürfte: auf dem Sektor radiophonischer Belanglosigkeit.
CALUORI: Da bin ich nun nicht deiner Ansicht, Max. Ich habe damals auch solche Lokalradio-Geschichten geschrieben. Heute sehe ich das Problem nicht mehr so eng wie damals. Ich stelle fest: Die Lokalradios haben wirklich etwas in Bewegung gebracht. Ein Sender wie “Radio Gonzen” – ich würde ihn nie hören, weil ich Ländlermusik nicht mag – macht genau das, was die Leute in der Region Sargans von ihm erwarten, Programme mit lokalen Akteuren und Musikgruppen. Die Lokalradios haben doch teilweise sehr gute Formen und Gefässe entwickelt. Schade finde ich, dass “Radio DRS” nicht die guten, sondern meiner Meinung nach eher die schwachen Formen kopiert hat.
LÜÖND: Es gibt einen zuverlässigen Gradmesser für Erfolg im Medienwesen: Verbreitung, Auflage, Einschaltquoten. Hat das Publikum immer recht?
CALUORI: Sicher nicht.
JÄGGI: Nein. Keineswegs. Ich glaube nicht an den Spruch: “Esst Scheisse, zehn Millionen Fliegen können nicht irren.”
LÜÖND: Was sind denn die wirklichen Kategorien für Erfolg in der Medienbranche?
CALUORI: Wenn man es nicht von den Medienbesitzern aus betrachtet, ist für mich der Erfolg dann da, wenn es gelingt, den Lesern, Hörern oder Zuschauern etwas von der Welt zu erklären – nicht doktrinär, sondern eingängig. Wenn die Leute das Gefühl haben, etwas verstanden zu haben. Und wenn alles in einer Form stattfindet, die eine Aktion auslöst, zum Beispiel das Nachdenken.
JÄGGI: Und wenn das Ganze auch noch lustbetont daherkommt.
LÜÖND: Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Rollentausch

55 “Gespräche im KLARTEXT” – einschliesslich das Streitgespräch ab Seite 7 dieses Sonderhefts – sind seit November 1980 gedruckt worden. An 45 dieser Meetings mit Persönlichkeiten aus der Medienszene hat KLARTEXT-Redaktor Max Jäggi, 46, unangenehme Fragen gestellt und für eine freiheitliche Medienpolitik argumentiert; Kollege Marco Caluori, 31, Redaktionsvertreter in Zürich, war 13mal dabei. Nach zehn Jahren dreht KLARTEXT den Spiess um: Diesmal stehen die KLARTEXT-Macher Red’ und Antwort. Dafür, dass auch aus diesem “Gespräch mit KLARTEXT” kein Gefälligkeitsinterview geworden ist, bürgt der Konterpart: Karl Lüönd, Chefredaktor der “Züri Woche” und Verlagssprecher der “Curti Medien AG”, ist ein notorischer KLARTEXT-Kritiker.

9. Juli 2007 von Klartext

“Das Rennen geht weiter”

“Schreiben Sie uns, was Sie an KLARTEXT freut oder ärgert und welchen Stellenwert Sie ihm als Medienpublikation zukommen lassen”, forderte KLARTEXT eine handverlesene Schar von siebzig prominenten Leserinnen und Lesern auf. KLARTEXT druckt die bis Redaktionsschluss eingegangenen Kritiken und Lobesbriefe in alphabetischer Reihenfolge ab.

c5b06d324a26afa5f8103a1a1e0f69d8Gemütlichkeit vorbei
KLARTEXT ist das beste, weil einzige Schweizer Medien-Magazin. Seine Lektüre macht Spass – wenn man nicht selber betroffen ist.
Wird man zur Zielscheibe des KLARTEXT, ist es mit der Gemütlichkeit schnell vorbei. Das hat damit zu tun, dass in diesem Magazin in aller Regel nur die halbe Wahrheit und damit auch halbe Lügen verbreitet werden. Diese Mischung aus Facts, Gerüchten und Spekulationen macht den zweifelhaften Erfolg von KLARTEXT aus.
Was KLARTEXT aber über alle Zweifel hinaus auszeichnet, ist das Bemühen, die Medienszene transparenter zu machen. Manchmal gelingt es sogar.
René Bortolani, Zürich
Assistent des Delegierten
der “Tages-Anzeiger AG”

Wertvolle Impulse
In einer Zeit des Umbruchs, der Veränderung und der Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens werden auch die Medien und die Medienlandschaft von Bewegungen nicht verschont. In einer solchen Zeit ist es besonders wichtig, ja unerlässlich, auch in der Schweiz eine Zeitschrift zur Verfügung zu haben, welche die Entwicklungen im Bereich der Medien, der Information und des Journalismus verfolgt und analysiert, wertet und kommentiert, Moden und Tendenzen aufzeigt, das Ganze mit der ständigen Sorge um die Funktion und die Freiheit der journalistischen Tätigkeit.
KLARTEXT erfüllt diese Aufgaben nun seit zehn Jahren. Für die Informationsdienste des Bundes ist KLARTEXT eine wichtige Informationsquelle. Dieses Magazin gibt uns gleichzeitig wertvolle Impulse, um unsere eigene Tätigkeit im Dienste einer offenen Information der Öffentlichkeit zu überprüfen und anzupassen. Mein Wunsch ist, dass KLARTEXT im zweiten Jahrzehnt seiner Tätigkeit vermehrt auch Probleme und Sorgen der Medien in der welschen und italienischen Schweiz kontinuierlich verfolgt und bei allen Überlegungen auch Bürgerinnen und Bürger, die es schliesslich zu informieren gilt, nicht ganz vergisst.
Achille Casanova, Bern
Vizekanzler

Nase für die Story
Wenn Medienschaffende für Medienschaffende über Medien und Medienschaffende schreiben, so muss das noch nicht unbedingt im Klartext sein. Wenn besagtes aber in kritischer Enthüllung (linke Hand am linken Griff) dessen geschieht, was Medienschaffende interessiert oder wenigstens mit hämischer (Schaden-)Freude über Medien und Medienschaffende lesen – ausgenommen die Enthüllung betreffe sie selbst – , so muss es sich klar um KLAR-TEXT handeln. Ein Journalist hat nicht geliebt, sondern gelesen sein zu wollen … quod est demonstrandum. Und das erst noch in Beweisführung am lebenden Objekt, sprich Journalist. Ein Beweis, dass KLARTEXT weiss, was – übrigens auch, Kompliment, in Sachen “Handwerk” wie Recherche und “Nase” für die Story – Journalismus ist!
Martin Edlin, Schaffhausen
Medienredaktor “Telex”

Klopfsauger
Eine erfrischende Postille von verzweifelter Tapferkeit: Die Dementis sind ebenso spannend wie die Enthüllungen. Und irgendwo dazwischen wird wohl die Wahrheit liegen. Der Blick durch die Schlüssellöcher der Redaktionsstuben ist für Nichtbetroffene allemal interessanter als die offiziellen Verlautbarungen der Verlagshäuser, auch wenn sie meist mit einigen Löffeln Salz zu geniessen sind. Mit Klatsch und Tratsch in die Pfanne gehauen zu werden tut gerade jenen gut, die sich selber oft für das Mass aller Dinge halten: uns allen also, die wir am helvetisch-publizistischen Spannteppich mitknüpfen. Ein Klopfsauger im Klartext.
Heinrich von Grünigen, Zürich
Programmleiter “DRS 1”

Lieblingszeitung
Im TV-Quiz “Persona” habe ich letztes Jahr KLARTEXT als meine Lieblingszeitung bezeichnet. Das war weder Scherz noch Ironie, sondern (beinahe) die Wahrheit. Ich brauche nicht unbedingt eine Zeitung, die mich in meinen Ansichten bestätigt. Nötiger habe ich – wie eigentlich jedermann – ein Blatt, das sie in Frage stellt. KLARTEXT tut dies mit gut geschriebenen Texten auf eine boshaft unterhaltsame Weise. Zudem erfahre ich bei der Lektüre eine Vielfalt von Fakten, die mir sonst zum grössten Teil nicht zur Kenntnis kämen. Schade, dass diese “facts” nicht immer wirkliche Tatsachen sind. Schade – und eigentlich unverzeihlich, dass die Artikel fast ausnahmslos anonym sind.
Hans Gmür, Egg
Autor

Kollegenschelter
Klar, an KLARTEXT kommt man als Journalist nicht vorbei.
Unklar ist bloss, warum. Will ich meinen Gwunder auf den neusten Klatsch aus der Journaille befriedigen? Oder mich schadenfreudig an der Häme schadlos halten, die querbeet durch fast alle KLARTEXT-Texte geht? Oder möchte ich gar seriöse Informationen aus der Branche?
Eigentlich schon das letzte, wobei ich die Funktion des KLARTEXT als “Jou-Bli” nicht wegreden will.
Also Branchen-Info, Insider-News, Trends, Hintergründe. Oft erfüllt KLARTEXT diesen Anspruch ausgezeichnet. Zu oft aber nicht, wenn man den Massstab nimmt, den KLARTEXT selbst als fleissiger Kollegenschelter und Lehrmeister der Journalisten-Nation anlegt.
Alles klar? Dann ab an die Recherche. Für noch klarere KLARTEXT-Texte.
René E. Gygax, Thun
Chefredaktor “Thuner Tagblatt”

Währschaftes Handwerk
Klar, KLARTEXT gehört zu meiner Pflichtlektüre, will ich über die Medienbranche informiert sein. Und wenn es keine Pflicht wäre, würde ich KLARTEXT trotzdem lesen. Es ist herrlich, aus jedem Beitrag den Wunsch herauszulesen, eine möglichst objektive Klarheit zu schaffen und gleichzeitig der subjektiven Kritik genügend Platz einzuräumen.
Schreiben, das beweist mir KLARTEXT, ist ein währschaftes Handwerk; der Schreiberling – ein Handwerker, der mit der Wahrheit, der Unwahrheit und der Wahrscheinlichkeit kämpft und dabei ein bisschen Zynismus, ein wenig Ironie und gar etwas Hoffnung miteinfliessen lässt. So macht mir lesen fast so viel Spass wie fernsehen.
André Hofer, Bern
Direktor “AG für das Werbefernsehen”

Lästiger Begleiter
Wer wie unsereins im KLARTEXT in der Regel Federn lassen und mit Qualifikationen wie Techno-, Büro- und Filzokrat vorlieb nehmen muss, nimmt dankbar zur Kenntnis, dass er vom Schweizer Medien-Magazin zur “handverlesenen Schar von prominenten Lesern” gezählt wird. Dies sowie der Umstand, dass KLARTEXT zehn Jahre ein treuer und zugegeben manchmal lästiger Begleiter helvetischer Medienpolitik ist, motivieren mich zu einem beherzten Griff in die Tasten.
Was mich an KLARTEXT freut: Die meistens interessanten und aufschlussreichen “Gespräche im KLARTEXT”, der unterhaltsame Branchenklatsch sowie die kreativen und witzigen Wortspiele auf dem Titelblatt.
Was mich am meisten nervt: Das Prinzip der selektiven Wahrnehmung; was eine vorgefasste Meinung nicht stützt, fällt vielfach durch den ideologischen Raster. Der Anspruch “kritisch und unabhängig” wird nur zum Teil erfüllt. Für die nächsten Jahre wünsche ich mir deshalb einen KLARTEXT, der seinen analytischen Scharf- und Durchblick vermehrt dem ganzen medienpolitischen Spektrum zugute kommen lässt.
Rainer Keller, Bern
Chef “Radio- und Fernsehdienst” EVED

Anonyme Einheitssprache
KLARTEXT betreibt anonymen Journalismus in einer anonymen Einheitssprache. Damit zeigt KLARTEXT, dass es gerade in unserem Beruf auf Persönlichkeit und Eigensinn nicht ankommt. Das Medium bestimmt den Charakter derjenigen, die es abfüllen. Schadeschade.
Stefan Keller, Zürich
Redaktor “WochenZeitung” WoZ

Flagge verwurstelt
Wenn der KLARTEXT fragt, welchen Stellenwert man ihm als Medienpublikation zukommen lassen möchte, kommt schon ein kleiner Teil des denkbaren Jammers zum Vorschein: armseliger Umgang mit der Sprache. Früher sagte man “Bedeutung”, heute heisst das “Stellenwert”; es tönt so viel geschniegelter. Dass der bundesdeutsche “Spiegel” eine neue journalistische Sprache geschaffen hat, hat schon Enzensberger vor vielen Jahren sorgsam, wenn auch spöttisch notiert. Dass dahinter auch ein gewisses Gehabe steckt, das bei weniger talentierten Journalisten in händchenreibende Mini-Provokation ausartet, nimmt man gelassen zur Kenntnis, wenn man dem Autor vertraut. Aber unwillig wird man, wenn er sich, wie beim “Spiegel”, in die redaktionelle Anonymität und in einen kollektiven Jargon flüchtet.
Aber dennoch: Lesen wir uns da durch. Die Beleuchtung ist manchmal zu grell, die Kamera versteht sich parteiisch, das Arrangement ist häufig zu ideologisch, die medienpolitische Flagge verwurstelt, weil sie nur noch an ihrem letzten Haken hängt. Man muss einmal die alten Nummern nachlesen, um herauszufinden, wie unbarmherzig auch die schweizerische Realität des KLARTEXT heiligste Kühe vom Eis gebracht hat: Was über die Lokalradios, die Privaten, das Kommerzielle Fernsehen, die Regionalzeitungen und die Werbewelt zu lesen war, ist politisch voreingenommener als sachlich zutreffend. Aber immerhin: Da sind Leute gewissen Themen auf der Spur, die man anderweitig so konsequent nicht verfolgt sieht. Somit stellt sich für mich als Leser immer die Frage, wieviel Nebengeräusche ich im einzelnen Fall subtrahieren kann.
Markus Kutter, Basel
Publizist

In die Seele
Gibt es in anderen Branchen zu KLARTEXT vergleichbare Publikationen? Kommunikations- und Werbezeitschriften zum Beispiel werden zur höheren Weihe von Kommunikatoren und Werbern verfasst. Kritik hält sich in Grenzen, wie fast überall, wo sich eine Branche selbst beschreibt und eben aus derselben heraus ihre Anzeigen zum guten Eigenleben akquiriert. Die Redaktions- und Verlagsbranche liest von sich in ihrem Branchenmagazin kaum Verklärtes und Genüssliches, meist aber viel Schadenfreudiges. Und weil solche Freude stets und immer tiefe Befriedigung bei den Nichtbetroffenen auslöst, ist KLARTEXT nicht mehr wegzudenken. Wer dem Menschen in die Seele schaut und diese erkennt, wird zur unabdingbaren Notwendigkeit.
Hanspeter Lebrument, Chur
Direktor “Gasser AG”

Weniger spannend
Ich habe noch nie einen KLARTEXT weggelegt, ohne mindestens den Klatsch zu lesen. Hingegen finde ich die langen Interviews immer weniger spannend, besonders das letzte (Anmerkung der Schreiberin: das mit Tiziana Mona).
Tiziana Mona, Grüningen
SSM-Präsidentin

Immer unartig
Der KLARTEXT hält, was er in seinem Titel verspricht, indem er eindeutige und überspitzte Formulierungen bevorzugt. Diese provozierende Verbreitung von “Irrtümern und Weisheiten” wirkt belebend und anregend, auch wenn man nicht mit allem einverstanden ist. Ein Interview-Partner geht beim KLARTEXT stets ein Risiko ein, da die Redaktion in ihren Stellungnahmen überaus keck, bisweilen sogar frech, reagiert. Der KLARTEXT versucht immer wieder, nach dem Wort von Robert Walser zu handeln: “Man ist immer unartig, wenn man die Wahrheit sagt.”
Ernst Mühlemann, Ermatingen
Nationalrat FDP

Versalzene Suppe
Es freut mich, dass es KLARTEXT gibt und dass das betont kritische Schweizer Medien-Magazin sein zehnjähriges Jubiläum feiern kann. Ich gratuliere hierzu herzlich.
Kritik gehört zu einer demokratischen Gesellschaft wie das Salz zur Suppe. Kritik ist nötig als Ansporn und als Kontrolle zugleich.
Es ärgert mich, wenn KLARTEXT-Journalisten zuweilen die klassische Unschuldsvermutung in ihren Kommentaren auf den Kopf stellen. Denn der Journalist, der bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgeht, auch Repräsentanten von Institutionen und Behörden handelten aus achtenswerten Gründen, wird nach dem im KLARTEXT phasenweise vorherrschenden Berufsverständnis als “affirmativer Journalist” verschrien. Das gibt zuweilen versalzene Suppen, und die löffelt man/frau bekanntlich ungerne.
Fritz Mühlemann, Bern
Generalsekretär EVED

Im Bild
Ich erachte KLARTEXT als professionell aufgemachtes Magazin mit gut recherchierten Artikeln, die fast lesen “muss”, wer über die Medienwelt im Bild sein will. Bei allem journalistischen Tiefgang kommt erfreulicherweise auch der Unterhal-tungsaspekt nicht zu kurz. Durch die Lektüre von KLARTEXT gewinnt man den Eindruck, man wisse auch, was sich hinter den Kulissen der Medienszene Schweiz tut.
Eine formale Kritik habe ich allerdings anzubringen: Statt einem seitenlangen Interview mit einem einzigen Medienexponenten pro KLARTEXT-Ausgabe würde ich lieber mehrere, kürzere Interviews sehen, die auch ein breiteres Interessenspektrum abdecken könnten.
Robert Neun, Bern
Pressechef PTT

Analyse und Urteil
Fairness und Sachkompetenz sind für mich die Eckpfeiler journalistischer Leistung. Daran ändern weder neue Formen der Kommunikationskultur noch unvermeidliche rechtliche Strukturierungen der Medientätigkeit das Geringste. Analyse und Urteil weiter zu entwickeln, wird zu den wichtigsten KLARTEXT-Aufgaben der kommenden Jahre. Ich gratuliere herzlich zum Jubiläum und wünsche dem Schweizer Medien-Magazin alles Gute.
Adolf Ogi, Bern
Bundesrat

Ungeteilter Respekt
Anfangs der achtziger Jahre bat mich der KLARTEXT in Bern um ein Interview. Es ging um die damalige “Unabhängige Beschwerdekommission für Radio und Fernsehen”, Vorläuferin der heutigen Instanz (UBI), die Willi Ritschard ins Leben gerufen hatte und die ich zu dieser Zeit präsidierte. Selbstverständlich war ich bereit, mich einer kritischen Presse zu stellen. Ich erlebte zwei Journalisten, die sich präzise auf das Streitgespräch vorbereitet hatten. Sie konfrontierten mich genau mit den wesentlichen Fragen, und ich suchte sie so redlich wie möglich zu beantworten. Anschliessend war für mich der Fall abgeschlossen, weil ich nie ein Manuskript vor seiner Drucklegung habe kontrollieren wollen. Doch die beiden Kollegen bestanden darauf, mir den Text zu unterbreiten. Er entsprach uneingeschränkt meinen Aussagen, war also untadelig, und das Medienmagazin unternahm auch nicht den geringsten Versuch, mich mit einem Vorspruch oder einem Nachwort zu diffamieren. Die Journalisten hatten wissen wollen, ob Ritschard und ich eine heimliche Zensur im Schilde führten, und ich verteidigte unsere Absicht, die Rolle von Vermittlern zu spielen.
Das war meine erste Erfahrung mit KLARTEXT, eine restlos ungetrübte, und was immer ich später im direkten Kontakt mit ihm erlebte, hatte die gleiche Qualität. Geführt wurden beiderseits offene Gespräche, und kein einziges Mal ist mir widerfahren, dass ich schief interpretiert wurde. Was mich persönlich angeht, verdient der KLARTEXT nichts anderes als meinen ungeteilten Respekt. Er ist, was er verheisst.
Oskar Reck, Basel
Publizist

Zwangslektüre
Kritisch verfasst, kritisch zu lesen – aber lesen muss man KLARTEXT in der Branche!
Antonio Riva, Bern
Generaldirektor SRG

Aktuelle Zielsetzung
Im Editorial der ersten KLARTEXT-Ausgabe steht unter anderem: “KLARTEXT ist als offenes Forum medienpolitischer Auseinandersetzung gedacht – offen für alle, die mit der SJU darin einig sind, dass Medienfreiheit mehr bedeuten muss als die Freiheit, mit Medien Geld zu verdienen.” In der Zwischenzeit sind zehn Jahre verflossen: Die Medien samt den Medienschaffenden sind zur Handelsware geworden. KLARTEXT ist heute notwendiger denn je.
KLARTEXT wurde auch gegründet, um Repressionen gegen linke und liberale Medienschaffende anzuprangern und die Demontierung der Meinungsäusserungsfreiheit zu bekämpfen. Diese Zielsetzung ist leider ebenso aktuell wie vor zehn Jahren. Ein Vergleich des Inhalts der ersten KLARTEXT-Ausgabe und derjenigen vom Oktober 1990 beweist es: 1980 berichtete KLARTEXT über die politisch motivierte Entlassung von Journalisten bei der “Thurgauer Zeitung”. In der Oktober-Nummer dieses Jahres befasst sich das Editorial mit der Konzessionsbeschwerde gegen die “Radio DRS”-Sendung über die “Villiger-Firmengeschichte”. Für beide Aktionen gegen die Pressefreiheit und damit gegen die freie Meinungsäusserung zeichnet die gleiche Person verantwortlich: der Subversivenjäger und Rechtsausleger Ernst Cincera, inzwischen Nationalrat geworden. In einem Land, wo politische Repression wahlfähig ist, muss Klartext gesprochen werden.
Walter Renschler, Zürich
Präsident des

“Schweizerischen Gewerkschaftsbunds”

Gut informiert
Oft habe ich mich gefreut, ein paarmal geärgert – sogar sehr stark – , aber immer war ich nach dem Lesen eines: breit und gut über die Schweizer Medienszene informiert. KLARTEXT schafft aber noch mehr: Das Magazin leuchtet aus, was verborgen bleiben sollte, breitet aus, was künftig Medienpolitik sein könnte, sein wird.
Die KLARTEXT-Gespräche sind hervorragend geführt, die Interviewten erhalten Gelegenheit, sich darzustellen, wie sie sind: brillant oder überfordert.
Eines fehlt mir aber: Die Auseinandersetzung, der Diskurs über die Schweizer Medienpolitik, geführt von denen, die es angeht, von den Journalistinnen und Journalisten, den Verlegerinnen und Verlegern, den Politikerinnen und Politikern.
Aber vielleicht geht auch dieser Geburtstagswunsch in Erfüllung.
Anton Schaller, Zürich
stv. Chefredaktor “Schweizer Fernsehen”

Starke Analyse
KLARTEXT ist ein “aufmüpfiges” Medien-Magazin, stark in der Analyse, meist polemisch und stets unbequem, aber allemal informativ. Man sieht sich ab und zu veranlasst, seine Hefte zu überprüfen.
Stilmässig war das Magazin anfänglich allzusehr dem “Spiegel” verpflichtet: zu seinem Vorteil pflegt es jetzt eine konstruktivere Note. Nicht Ideologie, sondern Sachkunde ist gefragt.
Leo Schürmann, Olten
alt Generaldirektor SRG

Lauter Schlitzohren
Zunächst das Positive: Indem das Medien-Magazin unermüdlich das Geschehen in der Schweiz verfolgt, vermittelt es – was die Sache und auch Personen betrifft – viel Wissenswertes. Als Fachmann bin ich daher auf diese Informationen angewiesen; niemand anders würde sie mir sonst liefern. Was ich dagegen nicht schätze: Die Informationen stimmen oft nicht (ganz), weil sie entweder zu einseitig erhoben wurden oder einen früheren, bereits überwundenen Stand repräsentieren. Ich habe mir daher angewöhnt, die KLARTEXT-News mit Vorsicht zur Kenntnis zu nehmen. Eigentlich ärgerlich finde ich den Stil. Bei der Lektüre kommt der Eindruck auf, die Schweizer Medienszene bestehe aus lauter Dummköpfen und Schlitzohren – die Autoren von KLARTEXT natürlich ausgenommen.
Viktor Schlumpf, Zürich
Chefredaktor “Tages-Anzeiger”

Formale Entfernung
Ist das wirklich zehn Jahre her? Damals verhöhnten mich, es ist mir unvergesslich, Michael Haller und Jürg Bürgi, der eine wie immer gut, der andere wie immer schlecht gelaunt, weil ich noch nicht Leser, weil ich noch Nichtleser von KLARTEXT war. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, woher in einer journalistischen Wüste das Wasser kommen sollte für diese erfrischende Oase, in der sich keiner ein Welt- noch Quartierblatt vor den Mund nehmen muss. KLARTEXT hat mindestens eines ge-leistet.KLARTEXT hat problematisiert, was zu vielen selbstverständlich schien. Er hat mindestens für sich selber und leider immer noch zu wenig für andere die in diesem Lande festgeschriebenen journalistischen “So nicht” und “Dieses nicht” weggeräumt. Die heilsame Wirkung auf den Rest der Medienwelt in diesem Lande ist mir noch zu gering. Im KLARTEXT lesend fühle ich nur umso schmerzlicher die sprachliche und formale Entfernung zum Tagesjournalismus. Auch hier ist, denke ich, immer noch ein Programm.
Reinhardt Stumm, Basel
Redaktor “Basler Zeitung”

Linker Aberglaube
Ihr fragt einige Kollegen nach dem “Stellenwert” von KLARTEXT.
Von “Stellenwert” ist so viel die Rede, dass ich vollends nicht mehr weiss, was das sein könnte. Beachtung? Keine Frage! Bedeutung? Steht in Aussicht.
Der Weg dahin könnte verkürzt werden, wenn sich im zweiten Jahrzehnt der Blick der Rechercheure noch etwas erweiterte. Fixierungen hindern und mindern Bedeutung.
Selbst die Medienwelt ist nicht einzig und allein ein Herrschaftsproblem – und vielleicht wären selbst in einem Chefredaktor ein paar Spuren von Unterscheidungsfähigkeit und Skrupel aufspürbar …
Nicht jede Denunziation ist ein Zeugnis von Unabhängigkeit und aufklärerischem Geist. Es gibt leider auch linken Aberglauben.
Nun gut, sollen die KLARTEXT-Kollegen Geist und Macht für geborene Feinde halten – Bedeutung gewinnt ihre Arbeit immer dann, wenn sie ethisch und handwerklich vorbildlich ist.
Für ein Medien-Magazin ist Professionalität ja kein abwegiger Anspruch.
Jürg Tobler, St. Gallen
Chefredaktor “St. Galler Tagblatt”

Jederzeit kämpfen
Das Stichwort KLARTEXT löst bei mir folgende Assoziationen aus:
● mit Rückgrat, aber voreingenommen;
● vertritt klare Position, ist aber unbelehrbar, besserwisserisch und überheblich;
● gut recherchiert, dank skrupelloser Schnüffeltätigkeit;
● eindeutig in der Aussage, aber intolerant;
● frisch und angriffig, aber mit wenig Debattierkultur: der (politische) Gegner muss fertiggemacht werden;
● unkäuflich, aber der Zweck heiligt offensichtlich die Mittel.
Ich bin selten mit KLARTEXT einverstanden. Trotzdem ist KLARTEXT eine wichtige Publikation, für deren Existenzberechtigung ich jederzeit kämpfen würde.
Jost Wirz, Zürich
Verwaltungsratspräsident der
“Wirz Werbeberatung AG”

Seismograph
Unter den Organen der Medien- und Werbefachpresse hat für mich der KLARTEXT einen besonderen Stellenwert, weil er anders als fast alle anderen sich schwergewichtig mit der redaktionellen Funktion der Medien befasst. In der täglichen Hektik des Werbe- und Medienmarktes erinnert mich der KLARTEXT immer wieder an das übergeordnete Ziel unserer Anstrengungen im Inserateverkauf: Nämlich der Schweizer Presse eine gesunde finanzielle Basis für die Erfüllung ihrer primär redaktionellen Aufgabe zu erhalten. Schon manches Mal bewährte sich der KLARTEXT als Seismograph für Erschütterungen in der Presselandschaft, welche die kulturell und politisch unabdingbare Pressefreiheit und Pressevielfalt gefährden. Und wenn er mich dabei gelegentlich ärgerte, erwies sich auch die Verärgerung im nachhinein als konstruktiv.
Jean-Jacques Zaugg, Lausanne
Generaldirektor “Publicitas AG”

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EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
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