10. Juli 2007 von Klartext

Journalism of joy

Politischer Opportunismus und ein kurzsichtiges ökonomisches Verwertungsdenken führen in den US-amerikanischen Medien zur Unterdrückung wichtiger Themen – zugunsten billiger “junk food news”.

Die Freiheit der Meinungsäusserung und die Pressefreiheit, seit 1791 im “first amendment” zur amerikanischen Verfassung garantiert, sind in den Vereinigten Staaten heiliges Recht. Es tatsächlich auch in Anspruch zu nehmen, ist allerdings gar nicht so leicht. Nicht einmal wenn es darum geht, der Öffentlichkeit zu zeigen, was in Wirklichkeit mit den hehren Verfassungsgrundsätzen geschieht.
Dies hat Carl Jensen, Professor der Kommunikationswissenschaften an der “Sonoma State University” in Kalifornien, erfahren. 50 Verlagshäuser im Lande lehnten es wegen der “heiklen und kontroversen Natur des Themas” ab, ein von Jensen geplantes Jahrbuch über die Zensur in den US-Medien zu drucken. Dass es doch erschienen ist, grenzt an ein kleines Wunder.
Mit “Censored!”* liegt nun der erste in Buchform veröffentlichte Bericht über das von Jensen 1976 gegründete und seither geleitete “Project censored” vor. Es verfolgt systematisch, wie und warum die Medien in den USA regelmässig Themen von grosser Bedeutung vernachlässigen oder unterdrücken – und das Geschäft stattdessen mit “junk food news” machen. Der Begriff “Zensur” ist dabei relativ zu verstehen: Nicht um die direkte Verhinderung von Informationen durch staatliche Eingriffe geht es, sondern um die Unterschlagung von Informationen durch die Mainstream-Massenmedien aus Ignoranz oder Selbstzensur. Denn die “zensurierten” Berichte waren zuvor alle veröffentlicht worden, zumeist in kleinen Alternativblättern (“Extra!” in New York, “The Progressive” in Madison, Wisconsin, und andere) oder in Polit- oder Fachzeitschriften wie dem “Covert action information bulletin” in Washington D.C.
Aufgezogen ist das Projekt als alljährlicher Wettbewerb: Gesucht werden die “Top 25 censored news stories” des Jahres – Beiträge, die trotz ihrer Bedeutung in den nationalen Medien bloss geringe oder gar keine Aufmerksamkeit erhielten. Für die Auswahl aus den eingesandten Nominationen – für 1992 waren es über 700 – und die Rangierung der “Top ten censored stories” ist eine hochkarätige Jury zuständig. Sie ist ein kleines “Who is who” der linksliberalen US-Intellektuellenszene. So sitzen in ihr gegenwärtig unter anderem der Linguistikprofessor Noam Chomsky, die Journalistin und Buchautorin Susan Faludi (“Backlash”), der emeritierte Kommunikationswissenschaftler Herbert I. Schiller oder Donna Allen, die Gründerin und Herausgeberin des “Media report to women”.
Es ist ein für den gesellschaftlichen Zustand der USA fast altmodisch wirkender Wille zur Aufklärung, der diese Köpfe umtreibt. Als Vorbild zitieren sie keinen geringeren als Joseph Pulitzer: “Es gibt kein Verbrechen, keinen Winkelzug, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht im Geheimen gedeiht. Bringt diese Dinge an die Öffentlichkeit, beschreibt sie, greift sie an, macht sie lächerlich in der Presse, und die öffentliche Meinung wird sie früher oder später hinwegfegen… Transparenz ist nicht das einzige, was es dazu braucht, aber ohne sie wird jede andere Bemühung scheitern.”
Ein Blick zurück auf das Wahljahr 1992 zeigt, was aus dem Anspruch Pulitzers geworden ist. So suchten Jensen und seine Gruppe in den grossen Medien des Landes vergeblich nach Geschichten über George Bushs Verwicklungen in den “Iraqgate”-Skandal oder über den Tod irakischer Kleinkinder in der Folge des Golfkrieges. Ebenso mangelte es an kritischer Berichterstattung über die Ursachen der zunehmenden Obdachlosigkeit oder an einem Fazit der gescheiterten Deregulierungspolitik der Reagan-Bush-Ära. Man kann wirklich nicht behaupten, Bill Clinton habe seinen Wahlsieg der kritischen Haltung der Medien zur abgewählten Administration vor ihm zu verdanken.
Die auffällige Verdrängung unbequemer Themen lässt sich aus schlichtem Opportunitätstdenken allein nicht erklären. Sie fallen noch aus einem anderen Grund aus dem Rennen: Die Medien sind in den USA – mehr noch als anderswo – auf eine rein reaktive Ereignisberichterstattung fixiert und vernachlässigen den prospektiven Hintergrundjournalismus. Was nicht als “News” im Sinne einer engen Definition daherkommt, gilt nicht als “Story”. Dies zeigt auch eine Gegenüberstellung der zehn erstplazierten “Censored”-Geschichten mit den zehn ersten preisgekrönten Stories der Nachrichtenagentur “Associated Press” (AP) für 1992. Auf Rang vier plazierte die AP etwa eine Reportage über die Entsendung amerikanischer Truppen nach Somalia.
Demgegenüber zeichnete die “Censored”-Jury – zufälligerweise auch mit dem vierten Rang – eine Recherche über den weltweiten Waffenexport der USA in Krisenregionen aus. Beiträge wie dieser, so argumentiert Jensen, schafften mit der Zeit das Bewusstsein für eine restriktive Waffenausfuhrpraxis, die Konflikten wie jenem in Somalia eine wesentliche Grundlage entziehen und damit spätere US-Interventionen überflüssig machen würde.
Hintergrund liefern alle 25 Stories, die “Censored” für 1992 ausgewählt hat: So geht es um geheime Fonds des Pentagon, den korrumpierenden Einfluss der Werbung auf die Printmedien, die volkswirtschaftlichen Kosten der reagonomischen Deregulierung oder das Scheitern des Anti-Drogen-Kriegs des Präsidenten.
Es sind aufwendig zu recherchierende Themen, denen sich die ausgezeichneten Autorinnen und Autoren angenommen haben. Russell Mokhiber lieferte beispielsweise in der kleinen Washingtoner Polit-Zeitschrift “Multinational Monitor” eine umfangreiche Recherche über die Umweltverbrechen grosser Industriefirmen. Als Anlass diente ihm die Behauptung des Kolumnisten Richard Cohen in der “Washington Post”, “junge schwarze Männer” seien für die meisten Verbrechen in der Hauptstadt Washington verantwortlich. Mokhiber nahm Cohen beim Wort und zeigte, welch unvergleichlich gravierendere Kriminalität in den Machenschaften von Gesellschaften wie “General Electric”, “Procter & Gamble”, “Du Pont” oder “Hoffmann-La Roche” steckt, die ihren Sitz in der gleichen Stadt haben. Kein einziges grösseres Medium der USA griff die ebenso fundierte wie brisante Story auf. Möglicherweise deshalb, weil, wie Mokhiber sagt, nicht einmal die grossen Zeitungen des Landes eine ständige Berichterstattung zum Thema “Corporate crime” eingerichtet haben. “Street crime”, ein Dauerbrenner in den amerikanischen Medien, ist dagegen billig zu haben und leicht in Szene zu setzen. Dass die leichtfertige Darstellung dieser Art von Kriminalität rassistische Vorurteile bestätigt, kümmert die Medien offensichtlich nicht.
Der Trend der Mainstream-Medien zur Oberflächlichkeit ist nicht Zufall. Er ist eine unmittelbare Folge der Deregulierungspolitik seit Reagan, die das Oligopol der grossen Medienkonzerne massiv verschärft und sie auf Kommerzkurs gebracht hat. Nichts könnte dies besser zeigen als die erstplazierte “Censored”-Story, die der frühere “Washington Post”-Redaktor und Buchautor Ben H. Bagdikian (“The media monopoly”) unter dem Titel “Journalism of joy” in San Franciscos Szene-Blatt “Mother Jones” veröffentlicht hatte.
Bagdikian blickt zurück auf die achtziger Jahre, als der neue Präsident Ronald Reagan die grosse Zeit der Medienkonzentration in den USA einläutete. Während 1982 beispielsweise 50 Medienkonzerne mehr als die Hälfte des Marktes kontrollierten, sind es 1993 noch deren 23. Ein Meilenstein in dieser Entwicklung war es, als die nationale Medienaufsichtsbehörde FCC die Übernahme der drei grossen TV-“Networks” bewilligte: ABC ging an den Zeitungskonzern “Capital cities”, der sich damit eine landesweit starke Position als Multimedia-Anbieter sicherte, NBC kam in die Hände des Rüstungs- und AKW-Konzerns “General Electrics”, und CBS wanderte ins Portefeuille des Immobilien-Riesen Laurence Tisch. Die “Overtakes” wären laut Bagdikian unter der FCC vor Reagan nie bewilligt worden. Auf seinen Lohn musste dieser nicht lange warten, sangen doch die “Networks” fortan das Loblied der Reagan-Administration und ihrer ökonomischen Zweckbehauptung vom “Trickle-down-effect” – Motto: Wenn es den Reichen besser geht, geht’s bald auch allen andern besser.
Die Medienpolitik der Reagan-Bush-Ära förderte ganz allgemein das “Big business”: So entlastete die FCC den privaten Rundfunk von Auflagen im Sinne des öffentlichen Dienstes, so erschwerte sie den Zugang zur Rundfunk-Konzession für Bürgerinnen- und Bürgergruppen, so erhöhte sie die zulässige Zahl von Rundfunkstationen in der Hand einer einzelnen Firma. Die grossen Zeitungsketten profitierten von der Lockerung der Anti-Trust-Gesetzgebung und übernahmen städtische Monopolzeitungen, wie sie in mittlerweile 98 Prozent der amerikanischen Agglomerationen erscheinen.
Eine besondere Wirkung entfaltete die gewerkschaftsfeindliche Politik der republikanischen US-Regierungen. Mächtige Zeitungs- und Medienimperien – so die grösste Zeitungskette “Ganett” und die zweitgrösste “Knight Ridder” – entwickelten Testverfahren für die Anstellung ihrer Journalistinnen und Journalisten, mit dem Zweck, autoritätskritische oder potentiell gewerkschaftlich denkende Kandidatinnen und Kandidaten auszusieben. Erwünscht war auf den Redaktionen, wer sich ohne Murren der Einsetzung einer “kommerziellen Chefredaktion” unterzog oder – was häufig vorkam – sich dankbar mit Aktien des eigenen oder fremder Unternehmen bestechen liess.
Angesichts dieser Korruption wird es verständlich, wieso die US-Medien laut Bagdikian zum Beispiel kaum oder gar nicht vor dem drohenden Debakel der “Savings- & Loan”-Kassen warnten, ja selbst den völligen Crash dieser Institute nur als Nebengeräusch wiedergaben.
“Junk food news” füllten statt dessen die Kanäle der Sender und die Seiten der Blätter. Es ist ein Vorzug der “Censored”-Studie, dass sie auch diese Füllerthemen jährlich verfolgt und beschreibt. Zu den “Top ten junk food news stories” für 1992 zählt sie den Sorgerechtsstreit zwischen Woody Allen und Mia Farrow oder die neue Briefmarkenserie zu Elvis Presley. Sensationalisieren, personalisieren, simplifizieren heisst das Rezept, das man in Europa ebenso kennt wie die fünf beliebtesten Muster für “junk food news”: “Name-brand-news” (Madonna, Diana, Fergie), “Yo-yo-news” (das Auf und Ab der Börse, der Verbrechensstatistik, des Goldpreises), “Crazed news” (die verrückteste Diät, das hirnrissigste Videospiel, der wahnsinnigste Amokläufer), “Play-it-again-news” (der Überfall des Tages, der neuste Hausbrand, die letzte Drogenrazzia) sowie “Seasonal news” (Buschbrände am Pazifik, Hurrikane im Süden, Tornados im Mittleren Westen).
Stoffe wie diese lassen sich problemlos sofort vermarkten: Kurzsichtiges Verwertungsdenken ersetzt in diesen Fällen das journalistische Interesse und das publizistische Verantwortungsbewusstsein. Dies ist in einer kapitalistischen Gesellschaft wie den USA wohl die Hauptursache für die reale Zensur, auch wenn “Censored” vor einer monokausalen Erklärung warnt: Die Medienfeindlichkeit aller US-amerikanischen Regierungen seit Nixon sei notorisch, und immer drohe ein Prozessrisiko wegen der angeblichen Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit von Firmen. So haben denn die Medienschaffenden die Wahl, sich entweder vor der politischen Macht zu beugen oder sich von den wirtschaftlichen Interessen erpressen zu lassen.

* Carl Jensen: “Censored! The news that didn’t make the news – and why. The 1993 project censored yearbook”. Shelburne Press, Chapel Hill 1993. 248 Seiten, US-$ 12.95 (circa Fr. 20.-).

10. Juli 2007 von Klartext

Der Abschied vom Fragen

Urs Marti über das irrationalistische Medien-Weltbild des Hans Magnus Enzensberger

Einige Wochen ist es her, der Aufstand des russischen Parlaments neigte sich dem Ende zu. Am Radio wurde über die Situation in Moskau berichtet. Es werde geschossen, so versicherte ein Korrespondent. Und als käme irgend jemand auf die Idee, an seiner Aussage zu zweifeln, liess er das Publikum am akustischen Erlebnis teilnehmen. Über den Zweck einer solchen Übertragung lässt sich nur rätseln. Auffallen muss freilich der Kontrast zwischen diesem lächerlichen Bemühen um Authentizität und dem fast völligen Verzicht auf Hintergrund-Informationen. Warum wurde geschossen? Weil sich ein paar alkoholisierte Raufbolde und ewiggestrige Ideologen immer noch dem Lauf der Geschichte in den Weg zu stellen suchten? So mutmasste der Sprecher einer populären Nachrichtensendung am “Schweizer Fernsehen DRS”. Die katastrophale Desintegration der russischen Gesellschaft und ihre Ursachen in einer ausser Kontrolle geratenen wirtschaftlichen “Deregulierung” waren praktisch kein Thema.
Das Bedürfnis nach Aufklärung von komplexen Zusammenhängen kommt bei solchen Nachrichtensendungen notwendig zu kurz. Doch selbst Medienschaffenden, die ihren Informationsauftrag ernst nehmen, fällt es sichtlich immer schwerer, die Auseinandersetzungen auf der Welt anders denn als irrationale Ausbrüche von Gewalt darzustellen. Der in allen Weltregionen fortschreitende Zerfall sozialer Ordnung, die wachsende Bereitschaft, Konflikte gewaltsam zu lösen, die Brutalisierung des Alltags – all dies ruft bei ihnen oft nur noch Ratlosigkeit hervor.
Daraus einen Ausweg zu suchen, erübrige sich, hat nun ein namhafter deutscher Intellektueller verkündet. Angesichts solcher Phänomene gäbe es gar nichts mehr zu verstehen: “Was dem Bürgerkrieg der Gegenwart eine neue, unheimliche Qualität verleiht, ist die Tatsache, dass er ohne jeden Einsatz geführt wird, dass es buchstäblich um nichts geht”, lesen wir in Hans Magnus Enzensbergers neustem Essay*.
Enzensbergers Botschaft ist knapp und entmutigend: Es herrscht – und zwar weltweit, in jedem einzelnen Land, auch im reichen Westeuropa – Bürgerkrieg. Dafür kann man nicht mehr den Imperialismus und den Kapitalismus zur Verantwortung ziehen. Heute hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass sich Kriege wirtschaftlich nicht lohnen. Die Bürgerkriege der Gegenwart entstehen spontan, es handelt sich um endogene Prozesse. Geführt werden sie von einem bewaffneten Mob, von “marodierenden Banden”, die, auch wenn sie sich als Volksbewegungen zu legitimieren suchen, nicht mehr durch gemeinsame Ziele, durch ein Programm, eine Idee zusammengehalten werden, sondern nur noch durch die Aussicht auf Raub, Mord und Plünderung – immer laut Enzensberger.
Der neue Bürgerkrieg tobt nicht nur in fernen Weltregionen, längst hat er in den grossen Städten Einzug gehalten. Er prägt den Alltag von Johannesburg und Rio, aber auch von Paris und Berlin, wo er zwar erst im “molekularen” Zustand existiert, aber jederzeit wie in Los Angeles eskalieren kann. “Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, es herrsche Frieden, nur weil wir immer noch unsere Brötchen holen können, ohne von Heckenschützen abgeknallt zu werden”, ruft uns Enzensberger warnend zu. Die Akteure des metropolitanen Krieges sind nicht nur Terroristen und Neonazis, Geheimdienste, Mafiabanden und Drogengangs, sondern auch unaufällige Bürger, “die sich über Nacht in … Amokläufer und Serienkiller verwandeln”. Was verbindet denn aber den Amokläufer mit dem nationalistischen Bandenführer, den Skinhead mit dem Drogendealer? Im autistischen Charakter der Täter, in ihrer Unfähigkeit, zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung zu unterscheiden sowie im Fehlen ideologischer Überzeugungen sieht Enzensberger den gemeinsamen Nenner.
Die schwerwiegende Behauptung wird nicht weiter begründet; wie die durch die Medien vermittelte Wahrnehmung reisst sie die Ereignisse aus ihrem Zusammenhang und lässt sie nur noch in ihrer gewaltsamen Sinnlosigkeit erscheinen. So wird selbst der Schuss, der – in Ton oder Bild – gesendet wird, zur Information, zu einer Information freilich, mit der wir wenig anzufangen wissen.
Von der wirtschaftlich ruinösen serbischen Politik bis hin zum alltäglichen Vandalismus, der auch sinnvolle Einrichtungen nicht verschont – Enzensberger nimmt in allen Fällen Nihilismus, Anzeichen von Selbsthass, Sehnsucht nach Selbstverstümmelung wahr. Es gibt im neuen Bürgerkrieg keine Sieger, überall stossen Verlierer auf Verlierer; ihnen allen gilt das eigene Leben sowenig wie das der anderen.
Bei der Lektüre kommen zuweilen Zweifel hinsichtlich der Neutralität des Autors auf. Wenn er zu den marodierenden Banden die MPLA zählt, so wäre immerhin daran zu erinnern, dass die von dieser Organisation gestellte Regierung Angolas demokratisch legitimiert ist und dass die Gegenseite im Bürgerkrieg, die “Unita”, mit tatkräftiger westlicher Unterstützung ideologisch aufgebaut, ihr Chef zum antikommunistischen Helden erkürt worden ist. Das Ende des Kalten Krieges macht aus dem Konflikt in Angola noch keinen endogenen Prozess. Die Empfehlung, die Angolaner müssten selbst über ihren Weg entscheiden, wirkt angesichts der heutigen Situation nur noch zynisch.
Absurd ist in Enzensbergers Sicht überdies die Behauptung, die deutsche Aussenpolitik sei an den Ereignissen in Jugoslawien nicht ganz unschuldig. Ausserhalb Deutschlands – und des Vatikans – denkt man darüber doch etwas anders. Und schliesslich ist es auch einem deutschen Intellektuellen zuzumuten, ab und zu eine französische oder amerikanische Zeitung zu lesen.
Enzensberger weiss durchaus, dass der kapitalistische Weltmarkt weltweit Jahr für Jahr weniger Gewinner und mehr Verlierer hervorbringt. Eine Alternative dazu zeichnet sich in seiner Vision jedoch nicht ab. In einer Welt, in der das Chaos herrscht, kommt die Ignoranz endlich zu ihrem Recht. Die Menge der Nachrichten über unverständliche Schiessereien – so Enzensberger – widersetzt sich jeder sinnvollen Verarbeitung. Zwar hat der Westen die Menschenrechte proklamiert, und es ist daher folgerichtig, wenn von ihm verlangt wird, helfend und rettend einzugreifen. Doch dem westlichen Medien-Publikum sind die täglichen Botschaften über Elend und Grausamkeit schlicht nicht mehr zuzumuten; Enzensberger erteilt ihm die Absolution, da die moralischen Forderungen, mit denen es konfrontiert wird, in keinem Verhältnis zu seinen Handlungsmöglichkeiten stehen. Selbst Regierungen und internationale Organisationen sind überfordert.
Fazit des Essays ist denn auch nichts Geringeres als die Absage an den Universalismus der Menschenrechte. Im Namen der notwendig begrenzten Verantwortung der Menschen propagiert Enzensberger die Sorge um das Nächste und die Nächsten. Hoyerswerda und Rostock, Mölln und Solingen – dafür haben die Deutschen zu haften. Sie daran zu erinnern, ist gewiss nicht überflüssig. Doch von Handlungsmöglichkeiten spricht der Autor jetzt überraschend leichtfertig, nachdem er über Seiten hinweg das Bild eines Welt-Bürgerkriegs entworfen hat, der überall von den gleichen irrationalen Gesetzen regiert wird und dem politisch offenbar nichts entgegenzuhalten ist.
Es sei an der Zeit, “sich von moralischen Allmachtsphantasien zu verabschieden”, glaubt Enzensberger. Wer heute intellektuelle Perspektiven als Allmachtsphantasien denunziert, braucht sich um den Beifall nicht zu sorgen. Doch welche Phantasien ermächtigen einen deutschen Intellektuellen, den Westen insgesamt so grosszügig und ohne nähere Angabe von Gründen, einzig aufgrund vager – und von überforderten Medien vermittelter – Impressionen, aus der Verantwortung zu entlassen?

*Hans Magnus Enzensberger: “Aussichten auf den Bürgerkrieg”. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993, 97 Seiten, Fr. 20.80.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr